Pierre Bayle
Philosoph · 1647–1706 · Carla-le-Comte (heute Carla-Bayle, Südfrankreich), Genf, Sedan, Rotterdam (Niederlande)
Kernidee in Kürze
Bayle verteidigt das Recht jedes Menschen, nach sorgfältiger Prüfung das zu glauben und danach zu handeln, was ihm wahr erscheint, auch wenn es sich als Irrtum herausstellt. Daraus entwickelt er in seinem „Philosophischen Kommentar“ den Gedanken, dass Gott keinen Zwang in Glaubensfragen gewollt haben kann, weil Verfolgung vor einer vernünftigen Prüfung nicht als gerecht erscheint.
- Kapitel
- Empirismus und Aufklärung (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Darf man Menschen zu einem Glauben zwingen, den man selbst für wahr hält?
- Position
- Bayle antwortet, dass jeder dem folgen muss, was ihm nach sorgfältiger Prüfung wahr erscheint, auch wenn er irrt. Zwang in Glaubensfragen hält vor der Prüfung durch die Vernunft nicht stand.
- Einwand
- Gegen Bayle steht das Problem des aufrichtigen Verfolgers: Wenn auch er nur seinem Gewissen folgt, müsste Bayles eigene Lehre ihm die Verfolgung erlauben. Zudem ist unklar, ob Bayle seine Aussagen zum Übel ernst als Glaubensverteidigung oder als Angriff auf den Glauben meinte.
- Verbindung
- Bayle wirkte auf Voltaire und Hume und gab Leibniz den Anlass zur „Theodizee“. In Rotterdam lernte er Shaftesbury kennen.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Bayle war
Französischer Philosoph, Historiker und Journalist im Exil, der den Zwang in Glaubensfragen mit Gründen des Gewissens bekämpfte und mit seinem „Historischen und kritischen Wörterbuch“ eine Fundgrube für die Aufklärung schuf.
Bayle wurde als Sohn eines reformierten Pfarrers in Südfrankreich geboren, wechselte kurz zum katholischen Glauben, kehrte zurück und floh vor der Verfolgung. Ab 1681 lebte er in Rotterdam, wo er bis zu seinem Tod schrieb. Er gilt als eine Hauptquelle der Aufklärung des 18. Jahrhunderts.
Kernidee genauer
Im „Historischen und kritischen Wörterbuch“ führt er außerdem vor, dass die Vernunft das Problem des Übels, also die Frage, warum ein guter und allmächtiger Gott Leid zulässt, nicht lösen kann. Wie er das selbst gemeint hat, ist bis heute umstritten.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Die Auflösung der Akademie von Sedan 1681 und die Verfolgung der französischen Protestanten, bei der sein Bruder im Gefängnis starb, bilden den Hintergrund von Bayles Schriften für Gewissensfreiheit und Toleranz.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1
Bekannt für
Man kennt Bayle für das „Historische und kritische Wörterbuch“, dessen Fußnoten mehr Gewicht haben als die kurzen Artikel darüber, und für sein Eintreten für Gewissensfreiheit und Toleranz. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einem Konflikt jemandem ehrlich zugestehst, dass er nach bestem Gewissen handelt, nimmst Du die Schärfe aus dem Streit, ohne Deine eigene Sicht aufzugeben.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Gewissensfreiheit
Das gilt auch, wenn die Überzeugung falsch ist. Er erklärt das mit dem Bild eines Dieners, der ein Haus bewacht und nur Besucher mit einem Ausweis einlassen darf: Hält er eine gefälschte Urkunde nach gründlicher Prüfung für echt, muss er trotzdem danach handeln.
Toleranz
Im „Philosophischen Kommentar“ prüft Bayle das Bibelwort „Nötige sie hereinzukommen“, das man zur Rechtfertigung von Zwangsbekehrungen heranzog. Er fragt, ob Verfolgung vor der Vernunft als gerecht bestehen kann, und kommt zu dem Schluss, dass Gott keinen Zwang gewollt hat. Ein Einwand bleibt bis heute offen: Was gilt, wenn ein aufrichtiger Verfolger nach Prüfung zur Überzeugung kommt, Zwang sei Gottes Wille?
Das Problem des Übels
Bayle meint, dass keine bekannte Antwort erklärt, wie das Übel in eine Welt unter einem unendlich guten und mächtigen Gott kommt, ohne Gott zum Urheber zu machen. Er ordnet das als Geheimnis des Glaubens ein, vor dem die Vernunft versagt. Ob er damit den Glauben stützen oder untergraben wollte, ist Teil des Streits um seine Absicht.
Evidenz als Wahrheitskriterium
Wie Descartes hält Bayle es für falsch, ohne Evidenz, also einsichtige Klarheit, zuzustimmen. Anders als Descartes meint er, dass Evidenz in Graden auftritt und die Wahrheit nicht sicher verbürgt, sie ist nur ein verlässliches, aber bloß wahrscheinliches Kriterium.
Begriffe
- Gewissensfreiheit
- religiöse Toleranz
- Problem des Übels
- Wahrheitskriterium
- irrendes Gewissen
- Gesellschaft von Atheisten
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Anthony Ashley Cooper, 3. Earl of ShaftesburyPrüfstand: belegt
Bayle und Shaftesbury lernten sich während Shaftesburys Aufenthalt in Rotterdam 1698 bis 1699 im Haus von Benjamin Furly kennen. Sie wurden Freunde und schrieben einander bis zu Bayles Tod Briefe.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Bayle weiter, meist über Texte.
David HumePrüfstand: belegt
Hume empfahl 1737 einem Freund, zum Verständnis seiner Schriften auch die metaphysischen Artikel in Bayles Wörterbuch zu lesen, etwa die über Zenon und Spinoza. Die Forschung sieht darin einen deutlichen Einfluss.
Gottfried Wilhelm LeibnizPrüfstand: belegt
Bayle gab Leibniz den Anlass, die „Theodizee“ zu schreiben. Leibniz wollte ihn dort vor allem widerlegen.
Voltaire (François-Marie Arouet)Prüfstand: belegt
Bayles späte Schriften zum Übel waren Anregung und Argumentquelle für Voltaires Erzählung „Candide“ (1759).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Bayle wurde 1647 in Le Carla in Südfrankreich als Sohn eines reformierten Pfarrers geboren. Seine Familie war arm, deshalb begann seine Schulbildung erst mit ungefähr zwanzig Jahren. Er las schon früh gern Plutarch und Montaigne.[1]
Biografie belegt
In Toulouse wechselte Bayle zum katholischen Glauben und kehrte wenige Tage nach dem Abschluss seiner Studien zum reformierten Glauben zurück. Damit galt er in Frankreich als „Rückfälliger“ und musste nach Genf fliehen.[1]
Zeitgeschehen belegt
1681 löste Ludwig XIV. die protestantische Akademie in Sedan auf, an der Bayle Professor war, und Bayle ging nach Rotterdam. 1685 wurde sein älterer Bruder Jacob wegen einer Schrift Pierres verhaftet, weil die Behörden ihn selbst nicht fassen konnten, und starb im Gefängnis. Im selben Jahr hob der König das Edikt von Nantes auf, das den französischen Protestanten begrenzte Religionsfreiheit gesichert hatte. Viele Forscher sehen in Bayles Schriften vor und nach diesem Jahr einen Wechsel in Ton und Schwerpunkt.[1]
Biografie belegt
1693 verlor Bayle nach Anschuldigungen seines früheren Förderers Jurieu seinen Lehrstuhl. Danach widmete er sich seinem „Historischen und kritischen Wörterbuch“ (erste Ausgabe 1697). Er starb im Dezember 1706 in Rotterdam, während er an seiner Antwort auf Jean Le Clerc schrieb, den „Dialogen von Maximus und Themistius“.[1]
Kritik
Wie Bayle gemeint ist, bleibt umstritten. Die Forschung spricht vom „Rätsel Bayle“: Er wurde als Atheist, Skeptiker, gläubiger Calvinist und Vertreter der Vernunft gelesen. Zudem steht gegen seine Toleranzlehre das Problem des aufrichtigen Verfolgers, der nach Gewissensprüfung Zwang für Gottes Willen hält.
Wirkung heute
Das Wörterbuch gehörte im 18. Jahrhundert zu den meistverkauften Büchern, und der Philosophiehistoriker Ernst Cassirer nannte es das „Arsenal der Aufklärung“. Bayles Gedanken zu Gewissen und Toleranz werden bis heute diskutiert.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn im Team zwei Menschen gegensätzliche Überzeugungen haben, kannst Du mit Bayle fragen, ob beide nach bestem Wissen und Gewissen handeln, und erst danach über die Sache streiten. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Bayles über Führung.
Lebensstationen
- 1647Geburt in Le Carla (heute Carla-Bayle), Südfrankreich
- 1675Professor der Philosophie an der protestantischen Akademie in Sedan
- 1681Flucht nach Rotterdam nach der Auflösung der Akademie von Sedan
- 1682„Pensées diverses sur la comète“ erscheinen
- 1686„Commentaire philosophique“ über Toleranz erscheint (bis 1688)
- 1693Verlust des Lehrstuhls in Rotterdam
- 1697Erste Ausgabe des „Dictionnaire historique et critique“
- 1706Tod in Rotterdam
Werke
Pensées diverses sur la comète (1682); Commentaire philosophique (1686–1688); Dictionnaire historique et critique (1697)
Lesetipps
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Pierre Bayle“
Noch nicht sicher belegt
- Wie Bayle seine Schriften gemeint hat, ist unter Fachleuten umstritten: Er wurde als Atheist, Skeptiker, gläubiger Calvinist und Vertreter der Vernunft gelesen. Ob die Jahre nach 1685 einen Glaubensverlust bedeuten, ist ebenfalls offen.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 10: europäische und jüdische Moderne. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Bayle
- [1]Pierre Bayle, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Pierre Bayle · Wikipedia
- [3]Pierre Bayle · Britannica
- [4]encyclopedia.com/people/philosophy-and-religion/philosophy-biographies/pierre-bayle · Webseite
- [5]ispf-lab.cnr.it/en/article/2015_404_Abstract · Webseite
- [6]Internet Encyclopedia of Philosophy
- [7]ora.ox.ac.uk/objects/uuid:3ea4a4e8-283f-4ba0-aae7-c10ffd7f4422/files/rzp38wd48d · Webseite