Landkarte der Philosophie

Voltaire (François-Marie Arouet)

1694–1778 · Paris

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der berühmteste Schriftsteller der französischen Aufklärung, der Newton und Locke in Frankreich bekannt machte und die Philosophie zur öffentlichen Kampagne gegen Willkür und Aberglauben umbaute.

Er holte die englische Linie Bacon, Locke und Newton nach Frankreich und stritt gemeinsam mit Émilie du Châtelet gegen den Cartesianismus. Mit Montesquieu, Diderot und der Encyclopédie (dem großen Lexikon der Aufklärung, das zeitweise verboten wurde) verbindet ihn das Programm, Vernunft gegen Kirche und Willkür zu wenden; sein Einsatz im Fall Calas (der Hinrichtung des Protestanten Jean Calas nach einem Fehlurteil) steht am Anfang der Debatte um Strafreform, die Beccaria weiterführt.

Kernidee

Voltaire hat kein System gebaut, sondern eine Haltung vorgelebt: Alles darf kritisch geprüft werden, auch das, was heilig heißt. Er hielt Erfahrung und Naturwissenschaft für verlässlicher als große Metaphysik und nutzte seinen Ruhm, um Opfern von Justizwillkür und religiöser Verfolgung zu helfen.

Bekannt für

Man kennt Voltaire als Spötter und Kirchenkritiker, vor allem durch den Roman Candide, der den Satz von der besten aller möglichen Welten (Leibniz' Gedanke, unsere Welt sei trotz allen Übels die bestmögliche) lächerlich macht. Ebenso bekannt ist sein Einsatz für den hingerichteten Protestanten Jean Calas, dessen Rehabilitierung er erreichte.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Englische Erfahrungsphilosophie gegen französische Systeme

In England lernte Voltaire Locke, Newton und die parlamentarische Freiheit kennen und stellte in den Lettres philosophiques Bacon, Locke und Newton als eine gemeinsame Linie der Erfahrung gegen Descartes und Malebranche. In den Éléments de la philosophie de Newton erklärte er Newtons Physik für Laien und wollte Physik von Metaphysik trennen: Sie solle nur messbare Wirkungen beschreiben. Wer im Team eine Prognose braucht, tut gut daran, erst die gemessenen Zahlen zu lesen und erst danach die große Erklärung zu bauen.

Toleranz und Kampf gegen Fanatismus

Im Fall Calas schaltete sich Voltaire 1762 ein und schrieb danach das Traité sur la tolérance (1763), in dem er religiöse Verfolgung als Unrecht und als Unvernunft beschreibt. Er erreichte die nachträgliche Rehabilitierung von Calas und später die Revision des Urteils gegen den Protestanten Sirven. Im Alltag einer Führungskraft heißt das: Wer eine Minderheit im Team nur wegen ihres Glaubens oder ihrer Art ausgrenzt, urteilt nach Vorurteil und nicht nach Leistung.

Skepsis gegen den Optimismus

Nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 griff Voltaire in seinem Gedicht und in Candide die Lehre an, alles Bestehende sei gut und sinnvoll, wie sie bei dem Dichter Alexander Pope („Was ist, ist richtig“) und im Gefolge von Leibniz vertreten wurde. Er empfiehlt am Ende von Candide keine neue Weltformel, sondern praktische Arbeit: den eigenen Garten bestellen. Wenn ein Projekt scheitert, hilft kein Satz wie alles hat seinen Sinn, sondern die Frage, was als Nächstes konkret zu tun ist.

Begriffe

Philosophe
: im französischen Sinn ein Autor, der Dichtung, Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaft verbindet und mit öffentlichen Schriften wirkt, ohne ein System zu bauen
Toleranz
: religiöse Duldung und die Verurteilung von Fanatismus, für die Voltaire nach dem Justizmord an Jean Calas öffentlich eintrat
Deismus
: ein toleranter, undogmatischer Glaube an eine höchste Intelligenz, auf die Voltaire aus der Ordnung des Kosmos schloss
Newtonianismus
: Voltaires Eintreten für Newtons Physik, die er in den Éléments de la philosophie de Newton allgemeinverständlich darstellte
Skepsis
Écrasez l'infâme
: sein Schlussruf vieler Briefe, der meist als Kampfansage an die Kirche, nach anderer Lesart an den Aberglauben verstanden wird

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Locke und Newton: Voltaire las ihre Werke in England und trug ihre Ansätze nach Frankreich
  • Pierre Bayle und Montaigne: Vorbilder seiner Skepsis laut Stanford Encyclopedia of Philosophy

Schüler

  • Die Philosophes um Diderot und d'Alembert: Voltaire schrieb Artikel für die Encyclopédie und verteidigte sie öffentlich

Freunde

  • Émilie du Châtelet: Lebensgefährtin und Partnerin der Newton-Kampagne in Cirey
  • Lord Bolingbroke: führte ihn in England in die Londoner Kreise ein

Gegner

  • Katholische Kirche und Jesuiten: Zensur, Verbote, Intoleranz
  • Leibniz-Schule und Pope: Optimismus
  • Jean-Jacques Rousseau: Naturverklärung, wird im Candide verspottet
  • Maupertuis: Streit am Berliner Hof

Verbindungen im Netz

10 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Isaac NewtonDeutung

    Voltaire erklärte Newtons Physik in den Éléments de la philosophie de Newton (1738) für das französische Publikum.

  • baut auf John LockeDeutung

    Er lobte Locke im Dictionnaire philosophique als den ersten, der im Labyrinth der Willensfreiheit einen Faden fand.

  • Grundlage für Nicolas de CondorcetDeutung

    Die SEP nennt ihn einen Jünger Voltaires, den er über d'Alembert kennenlernte und dessen Biografie er 1789 schrieb.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Gottfried Wilhelm LeibnizDeutung

    Candide führt den Leibniz'schen Optimismus von der besten aller möglichen Welten ad absurdum.

  • wird kritisiert von Gotthold Ephraim LessingDeutung

    Nach Britannica hatte Lessing sich mit Voltaire überworfen, der am Hof Friedrichs des Großen lebte, und sein Gesuch um die Bibliothekarsstelle in Berlin wurde abgelehnt; zudem wandte er sich gegen Tragödien nach dem Vorbild Corneilles und Voltaires.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Adam FergusonDeutung

    Ferguson traf Voltaire Mitte der 1770er Jahre, und Voltaire lobte den Essay.

  • persönlich verbunden mit Adam SmithDeutung

    In Genf traf Smith Voltaire, vor dem er laut Britannica tiefe Achtung hatte.

  • persönlich verbunden mit Charles-Louis de Secondat, Baron de MontesquieuDeutung

    Voltaire lobte Montesquieu 1777 im Commentaire sur l'Esprit des lois für die Verwerfung der Sklaverei; beide schrieben für die Encyclopédie.

  • persönlich verbunden mit Denis DiderotDeutung

    Voltaire schrieb Diderot nach der Lettre sur les aveugles, später entstand ein distanzierteres Verhältnis, beide kämpften für die Encyclopédie.

  • persönlich verbunden mit Émilie du ChâteletDeutung

    Seit 1733 Lebensgefährten und wissenschaftliche Partner in Cirey; Voltaire erkannte ihren Anteil an seinen Éléments de la philosophie de Newton an.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Voltaire wurde durch eine Lotterie-Spekulation (er kaufte mit einem Partner die Lose einer Pariser Lotterie auf, weil sich der zuständige Minister bei den Gewinnen verrechnet hatte) und weitere Geschäfte sehr reich und erkannte, dass finanzielle Unabhängigkeit für einen kritischen Autor wichtig ist. Er legte zeitweise Geld in Reedereien an, die auch Sklavenhandel betrieben, und investierte in die Compagnie des Indes Orientales (eine französische Kolonialgesellschaft, die zeitweise das Monopol im Sklavenhandel hielt); seine Haltung zur Sklaverei ist in der Forschung umstritten.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Voltaire stand zeitweise im Dienst des Hofes: Er hatte königliche Pensionen und Hofämter in Versailles, ging 1750 als Kammerherr (Hofbeamter) an den Hof Friedrichs II. von Preußen und brach dort mit dem König. Seine Kritik an Kirche und Willkür fiel auch deshalb so scharf aus, weil er mehrfach selbst Haft in der Bastille und Exil erlebte.[2]

  • Biografie belegt

    Voltaire äußerte sich in mehreren Schriften, darunter im Dictionnaire philosophique (seinem handlichen Lexikon von 1764, das Bibel und katholische Theologie kritisiert), abwertend über Juden; auf eine Erwiderung von Isaac de Pinto räumte er ein, vielfach grausam und ungerecht gewesen zu sein, änderte aber laut Poliakov nichts. Seine Aussagen wurden später antisemitisch benutzt, etwa 1942 im besetzten Frankreich durch Henri Labroue.[2]

Kritik

Voltaire gilt nicht als systematischer Denker; die Stanford Encyclopedia sieht sein Erbe eher in seiner Art zu philosophieren als in einzelnen Lehren. Seine Äußerungen über Juden und über Schwarze werden seit langem kritisiert, etwa von Léon Poliakov und Jacob Katz, und die Forschung streitet darüber, wie weit er die Sklaverei verurteilte.

Wirkung heute

Das öffentliche Eintreten von Intellektuellen für Verfolgte und für Meinungs- und Religionsfreiheit geht auf ihn als Vorbild zurück. Auch sein Grundsatz, auf Erfahrung statt auf Spekulation zu bauen, trägt in Wissenschaft und Praxis weiter.

Brücke zu Führung und Coaching

Voltaire zeigt, wie Haltung im Alltag aussieht: Wer Verantwortung trägt, muss Fehlurteile und Ungerechtigkeit im eigenen Umfeld benennen und nicht bequem hinnehmen. Frage dich vor einer Entscheidung: Beruht das, was wir über diese Person oder diesen Plan glauben, auf geprüften Fakten oder nur auf Gerede und Gewohnheit? Und der Schlusssatz aus Candide hilft bei Überforderung: Welchen kleinen Garten, also welchen konkreten Bereich, kann mein Team diese Woche wirklich bestellen?

Zitate

„Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden.“

Épître à l'auteur du livre des Trois Imposteurs (verfasst März 1769, Erstdruck 1769; Wikipedia de/en nennen 1770); Original: „Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer“ (Übersetzung nach Wikipedia, Übersetzer unbekannt)

Lebensstationen

  1. 1694Geburt in Paris als François-Marie Arouet
  2. 1726Nach Streit mit dem Chevalier de Rohan Bastille, dann Exil in England bis Ende 1728
  3. 1734Lettres philosophiques erscheinen in Paris; Flucht nach Cirey zu Émilie du Châtelet
  4. 1750Kammerherr am Hof Friedrichs II. in Potsdam; Bruch und Festsetzung in Frankfurt 1753
  5. 1762Einsatz im Fall Calas, Traité sur la tolérance 1763; seit 1758/1759 lebt er auf den Gütern Ferney und Tourney bei Genf, Candide erscheint 1759
  6. 1778Triumphale Rückkehr nach Paris, Tod am 30. Mai

Werke

Lettres philosophiques (1733/1734)

Éléments de la philosophie de Newton (1738)

Zadig (1747)

Essai sur les mœurs (1756)

Poème sur le désastre de Lisbonne (1756)

Candide (1759)

Traité sur la tolérance (1763)

Dictionnaire philosophique (1764)

Anekdote belegt

1753 ließ Friedrich II. Voltaire bei seiner Abreise aus Preußen in Frankfurt festsetzen, sein Gepäck durchsuchen und ihn im Hotel Goldener Löwe acht Stunden lang verhören. Der Grund war ein Gedichtband des Königs, den Voltaire zurückgeben sollte.[2]

Lesetipps

Einstieg
Voltaire: Über Toleranz. Aus Anlass des Todes von Jean Calas, übersetzt von Ulrich Bossier (Reclam Universal-Bibliothek, 2020), weil dort sein berühmtestes Plädoyer gegen religiöse Verfolgung gut lesbar ist.
Vertiefung
Roger Pearson: Voltaire Almighty. A Life in Pursuit of Freedom (2005)

Noch nicht sicher belegt

  • Zitat: Originalwortlaut und Zuschreibung sind über die Voltaire-Sammlung der Russischen Nationalbibliothek (nlr.ru), die Voltaire Society of America und Wikipedia (en) belegt; das Jahr ist uneinheitlich (Brief vom 12. März 1769 nennt die Abfassung, nlr.ru den Erstdruck 1769, Wikipedia de/en 1770, VSA 1768), die deutsche Wiedergabe stammt aus Wikipedia (de) ohne Übersetzerangabe. Erscheinungsjahr des Traité sur la tolérance (1763) nach Wikipedia (de) und Reclam; die SEP-Editionsliste nennt für die englische Ausgabe 1762. Zadig 1747 nach Wikipedia (de); die SEP-Editionsliste nennt 1757 (englische Ausgabe). Tod am 30. Mai 1778 laut Wikipedia (de). Ende des englischen Exils: Wikipedia (de) Ende 1728, SEP 1726 bis 1729. Die Angaben zu Pierre Bayle und Montaigne als Vorbildern stammen aus der SEP. Pearson, Voltaire Almighty (2005, Bloomsbury) ist durch die SEP-Bibliografie belegt, ein Verlagseintrag wurde nicht separat abgerufen. Die Rolle als Lehrer der Philosophes bei Diderot und d'Alembert ist aus der SEP abgeleitet (Artikel ab Band 5, 1755, Verteidigung der Encyclopédie), nicht als Lehrer-Schüler-Verhältnis belegt. Das Lob für Locke als dem ersten, der einen Faden im Labyrinth fand, datiert die SEP auf das Dictionnaire philosophique von 1752; Wikipedia (de) nennt 1764 als Erscheinungsjahr des Dictionnaire.

Herkunft der Daten: Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Voltaire

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: voltaire · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Voltaire · Wikipedia
  3. [3]reclam.de/produktdetail/ueber-toleranz-9783150140185 · Webseite

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