Anthony Ashley Cooper, 3. Earl of Shaftesbury
Philosoph · 1671–1713 · London (England), Rotterdam (Niederlande), Neapel (Italien)
Kernidee in Kürze
Shaftesbury meint, dass ein Mensch gut ist, wenn seine Antriebe auf das Wohl des Ganzen zielen, dem er angehört. Menschen können über ihre eigenen Gefühle nachdenken und sie billigen oder missbilligen, und diese Fähigkeit nennt er moralischen Sinn.
- Kapitel
- Empirismus und Aufklärung (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Warum sollten wir moralisch handeln, wenn Gott uns nicht belohnt und bestraft?
- Position
- Shaftesbury antwortet, dass Tugend auf einem natürlichen Sinn für Gut und Böse beruht und in sich selbst zum Glück gehört. Belohnung und Strafe nach dem Tod sind dafür nicht nötig.
- Einwand
- Ob Shaftesbury damit eine selbstlose Tugend oder doch eine Form von Eigennutz meint, ist in der Forschung umstritten. Spätere Kritiker wie Berkeley, Mandeville und Astell hielten ihm vor, er verkenne die menschliche Natur.
- Verbindung
- Shaftesbury war Zögling Lockes, widersprach ihm aber und Hobbes. Hutcheson und Hume führten seine Gefühlslehre weiter.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Shaftesbury war
Englischer Adliger und Moralphilosoph, der in einem Sammelwerk die Moral auf ein natürliches Gefühl für Gut und Böse gründete und Schönheit als Einheit und Harmonie beschrieb.
Shaftesbury wuchs im Haushalt seines Großvaters auf, des ersten Earl, der John Locke mit seiner Erziehung beauftragte. Er war Politiker der Whigs, aber wegen Krankheit nur kurz im Amt. Sein Hauptwerk „Characteristicks of Men, Manners, Opinions, Times“ erschien 1711 in drei Bänden und sammelt mehrere Schriften.
Kernidee genauer
Er hält das Gefühl für Gut und Böse für natürlich, verlangt aber Bildung und Übung, um es zu verfeinern. Damit widerspricht er Hobbes, der menschliche Beweggründe auf Eigennutz zurückführt, und Locke, der angeborene Ideen ablehnt.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Shaftesburys Großvater übergab seine frühe Erziehung an Locke. Spätere Forscher sehen darin einen wichtigen Einfluss, obwohl Shaftesbury ihm philosophisch widersprach.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1.1
Bekannt für
Man kennt Shaftesbury für den moralischen Sinn als Vorläufer der Gefühlsethik von Hutcheson und Hume und für seine Idee, dass Tugend und Schönheit eng zusammenhängen. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du merkst, dass Du Dich über Deinen eigenen Neid ärgerst, benutzt Du nach Shaftesbury Deinen moralischen Sinn.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Tugend als Streben nach dem Wohl aller
Nach Shaftesbury ist Tugend die Förderung des Wohls der gesamten Menschheit. Ein Wesen ist gut, wenn seine Antriebe unmittelbar auf das Wohl des Ganzen zielen, zu dem es gehört. Wer nur gezwungen oder als Mittel zu anderen Zielen das Gute fördert, ist selbst nicht gut.
Der moralische Sinn
Menschen können sich ihrer eigenen Antriebe bewusst sein und Gefühle ihnen gegenüber entwickeln, zum Beispiel Zustimmung oder Abneigung. Er meint, dass Tiere sie nicht haben und deshalb nicht tugendhaft sein können.
Schönheit als Einheit
Schönheit besteht für Shaftesbury in der Einheit eines Entwurfs, also in Harmonie, Ordnung und Ausgewogenheit. Das gilt für Kunstwerke, Natur und auch für den Charakter eines Menschen. Er möchte ein Realist der Moral sein: Moralische Maßstäbe bestehen unabhängig vom Geist.
Gegen Hobbes und gegen Locke
Gegen Hobbes hält Shaftesbury die Gesellschaft für natürlich und das Menschenbild des Eigennutzes für falsch. Gegen Locke meint er, dass die Ablehnung angeborener Ideen die Moral auf bloße Sitte und Erziehung zurückführt. Weil das Wort „angeboren“ umstritten ist, spricht er lieber von „eingepflanzten“ Ideen und von Vorbegriffen der Moral, die nicht aus der Erfahrung stammen.
Toleranz
Glaube und Tugend lassen sich nach Shaftesbury nicht erzwingen, denn wahre Frömmigkeit ist ein innerer Zustand der Liebe. Er ist trotzdem nicht gegen eine staatliche Kirche, weil die Menschen eine öffentliche Leitung in der Religion brauchen.
Begriffe
- Moralischer Sinn
- Tugend als Streben nach dem Wohl aller
- Schönheit als Einheit und Harmonie
- Toleranz
- Stoizismus
- Locke-Kritik
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer
Persönliches Lehrverhältnis: hat Shaftesbury unterrichtet.
John LockePrüfstand: belegt
Shaftesburys Großvater übertrug Locke die Aufsicht über die Erziehung seines Enkels; den Unterricht nach Lockes Grundsätzen gab Elizabeth Birch. Locke war ein wichtiger Einfluss auf Shaftesburys Denken.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Pierre BaylePrüfstand: belegt
Bayle und Shaftesbury lernten sich während Shaftesburys Aufenthalt in Rotterdam 1698 bis 1699 im Haus von Benjamin Furly kennen. Sie wurden Freunde und schrieben einander bis zu Bayles Tod Briefe.
Kritisiert
Shaftesbury kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
John LockePrüfstand: belegt
Shaftesbury widerspricht Lockes Ablehnung angeborener Ideen, weil sie nach seiner Sicht die Moral zur bloßen Sitte macht. Die beiden blieben bis zu Lockes Tod befreundet.
Thomas HobbesPrüfstand: belegt
Shaftesbury bestreitet das Bild des selbstsüchtigen Menschen im Naturzustand und hält die Gesellschaft für natürlich. Er greift auch Hobbes' Vertragslehre an.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Shaftesbury weiter, meist über Texte.
David HumePrüfstand: belegt
Shaftesburys Gefühlslehre beeinflusste Hume. In einer Fußnote äußert sich Hume abschätzig über Shaftesburys Gedanken zur Identität, eine neuere Untersuchung sieht aber auch dort einen positiven Einfluss.
Francis HutchesonPrüfstand: belegt
Shaftesburys Lehre vom moralischen Sinn ist ein deutlicher Einfluss auf Hutcheson, der sein ethisches System weiter ausarbeitete. Sein Tugendbegriff gilt als Vorläufer von Hutchesons Gedanken über das größte Glück der größten Zahl.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Shaftesbury lebte von 1671 bis 1713. Sein Großvater, der erste Earl, übernahm seine Erziehung und beauftragte John Locke damit. Später widersprach er vielem in Lockes Philosophie, blieb aber bis zu Lockes Tod mit ihm befreundet.[1]
Zeitgeschehen belegt
Shaftesbury saß für die Whigs im Unterhaus (1695 bis 1698) und nach dem Tod seines Vaters 1699 im Oberhaus. Wegen schlechter Gesundheit endete seine politische Laufbahn mit ungefähr dreißig Jahren.[1]
Biografie belegt
In den Niederlanden lernte Shaftesbury Ende der 1690er Jahre über Benjamin Furly, einen Bekannten Lockes, unter anderem Pierre Bayle, Jean Le Clerc und Philipp van Limborch kennen.[2]
Biografie belegt
Die meisten seiner berühmten Schriften entstanden zwischen 1705 und 1710. 1711 gab er sie mit Anmerkungen als „Characteristicks“ heraus und überarbeitete sie bis zu seinem Tod 1713. Die Fassung mit seinen letzten Änderungen erschien 1714.[1]
Biografie belegt
Wegen seiner Gesundheit ging Shaftesbury im Sommer 1711 nach Italien, ließ sich in Neapel nieder und starb dort im Februar 1713. Er wurde in England in Dorset begraben.[2]
Kritik
Ob Shaftesbury ein Stoiker war, ist umstritten: Manche halten ihn durch und durch dafür, andere sehen in seinem Denken zu viel Neues, und Berkeley meinte, sein Unglaube führe ihn dazu, den Stoizismus grundlegend falsch zu verstehen. Offen ist auch, ob er Egoist ist: Er will zeigen, dass Tugend im eigenen Interesse liegt, greift aber zugleich Lehren an, die alles Handeln auf Eigennutz zurückführen. Der Forscher William Spellman meint zudem, Shaftesbury habe Locke gründlich missverstanden.
Wirkung heute
Sein Tugendbegriff gilt außerdem als Vorläufer von Hutchesons Gedanken, die beste Handlung sei die, die das größte Glück der größten Zahl bewirkt.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du vor einer Entscheidung stehst, kannst Du mit Shaftesbury Dein Gefühl dazu selbst prüfen, indem Du fragst, ob Du es billigst, wenn Du ehrlich darüber nachdenkst. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Shaftesburys über Führung.
Lebensstationen
- 1671Geburt in London (Exeter House)
- 1698Aufenthalt in den Niederlanden, Bekanntschaft mit Bayle
- 1699Unautorisierte Erstfassung der „Inquiry concerning Virtue“, Erbe des Titels nach dem Tod des Vaters
- 1711„Characteristicks“ erscheint in drei Bänden; Abreise nach Italien
- 1713Tod bei Neapel (15. Februar)
Werke
Inquiry concerning Virtue, or Merit (1699 unautorisiert, überarbeitet 1711); The Moralists (1709); Characteristicks of Men, Manners, Opinions, Times (1711)
Lesetipps
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Lord Shaftesbury“
Noch nicht sicher belegt
- Ob Shaftesbury ein Stoiker war und ob seine Ethik letztlich auf Eigennutz beruht, ist unter Fachleuten umstritten.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 10: europäische und jüdische Moderne. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Shaftesbury
- [1]Lord Shaftesbury, Abschnitt 1.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Anthony Ashley-Cooper, 3rd Earl of Shaftesbury, Abschnitt Life · Wikipedia
- [3]encyclopedia.com/people/philosophy-and-religion/philosophy-biographies/pierre-bayle · Webseite
- [4]ispf-lab.cnr.it/en/article/2015_404_Abstract · Webseite
- [5]Internet Encyclopedia of Philosophy
- [6]Anthony Ashley Cooper 3rd Earl of Shaftesbury · Britannica
- [7]ora.ox.ac.uk/objects/uuid:3ea4a4e8-283f-4ba0-aae7-c10ffd7f4422/files/rzp38wd48d · Webseite