Pierre Bourdieu
Soziologe · 1930–2002 · Paris
- Kapitel
- Strukturalismus und Poststrukturalismus (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- StrukturalismusDeutung[1]
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Welche Selbstverständlichkeiten in deinem Umfeld hast du nie hinterfragt, weil sie immer schon so waren?
- Position
- Bourdieu antwortet, dass gesellschaftliche Ordnung durch verinnerlichte Muster und Selbstverständlichkeiten weitergegeben wird, die den Beteiligten natürlich erscheinen. Menschen in einem Feld glauben an dessen Regeln und stützen sie damit, oft ohne Absicht. Wer diese stillschweigenden Annahmen sichtbar macht, kann sie prüfen.
- Einwand
- Wikipedia en sieht eine Spannung zwischen Bourdieus Forderung nach einer streng wissenschaftlichen Soziologie und seiner späteren Rolle als politischer Intellektueller. Offen bleibt auch, wie viel Spielraum der Habitus dem Einzelnen lässt; Bourdieu selbst sagt, er sei nicht deterministisch.
- Verbindung
- Bourdieu führt den Strukturalismus von Lévi-Strauss weiter und kritisiert ihn zugleich. Mit Foucault und Althusser teilt er die Frage, wie Macht in Wissen und Selbstverständlichkeiten wirkt.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Französischer Soziologe, der mit Begriffen wie Habitus, Feld und symbolische Gewalt untersuchte, wie gesellschaftliche Ordnung durch Gewohnheiten, Geschmack und stillschweigende Selbstverständlichkeiten stabil bleibt.
Bourdieu knüpft an den Strukturalismus von Lévi-Strauss an, rückt aber den handelnden Menschen und den Körper in den Mittelpunkt. In diesem Kapitel steht er neben Foucault und Althusser als Denker, der zeigt, wie Macht in Sprache, Kategorien und Selbstverständlichkeiten wirkt.
Kernidee
Bourdieu fragt, wie gesellschaftliche Unterschiede dauerhaft bleiben, auch ohne dass jemand sie bewusst durchsetzt. Menschen tragen durch Herkunft und Erfahrung einen Habitus in sich, das heißt verinnerlichte Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, und bewegen sich in Feldern, in denen bestimmte Formen von Kapital zählen. Weil die Ordnung des Feldes den Beteiligten als selbstverständlich erscheint, stützen sie sie oft, ohne es zu merken.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Bourdieu wurde 1955 in den Algerienkrieg geschickt und blieb danach als Dozent in Algier. Dort forschte er zur Kultur der Kabylei und schrieb sein erstes Buch „Sociologie de l'Algérie“ (1958). Aus dieser Forschung entstand später sein „Entwurf einer Theorie der Praxis“.[1][2]
Fundstelle: Abschnitt Life and career; Abschnitt Leben
Bekannt für
Bourdieu ist vor allem durch „Die feinen Unterschiede“ (1979) bekannt, in dem er zeigt, dass Urteile über Geschmack zugleich Urteile über den eigenen Platz in der Gesellschaft sind. Seine Begriffe Habitus, kulturelles Kapital und symbolische Gewalt werden heute weit über die Soziologie hinaus benutzt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Habitus und Feld
Der Habitus ist nach Bourdieu ein Bündel verinnerlichter Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, das wir durch Herkunft und Erfahrung erwerben. Ein Feld ist ein Bereich wie Politik, Literatur oder Wissenschaft mit eigenen Regeln, in dem Menschen um Positionen kämpfen. Habitus und Feld passen oft zueinander, doch der Habitus legt das Verhalten nach Bourdieu nicht fest. Übertragen auf heute: Wer in einer Firma sofort weiß, wie man in Besprechungen auftritt, hat oft einen Habitus, der zur Firmenkultur passt, während neue Kolleginnen und Kollegen aus anderen Milieus erst lernen müssen, was „man hier macht“.
Formen von Kapital
Bourdieu erweitert den Begriff des Kapitals über das Geld hinaus um soziales Kapital (Beziehungen), kulturelles Kapital (Bildung, Wissen, Geschmack) und symbolisches Kapital (Ansehen, Ehre). Jeder Mensch hat in einem mehrdimensionalen sozialen Raum eine Position, die von der Menge und Art dieser Kapitalformen abhängt. Nach Bourdieu können Beziehungen und Bildung Ungleichheit hervorbringen und weitergeben. Übertragen auf heute: Wer Zugang zu den richtigen Netzwerken hat, bekommt oft Aufgaben und Sichtbarkeit, ohne dass es je jemand so entschieden hätte.
Symbolische Gewalt und Doxa
Symbolische Gewalt heißt bei Bourdieu, dass Beherrschten Kategorien des Denkens und Wahrnehmens auferlegt werden, sodass sie die bestehende Ordnung für gerecht halten. Doxa nennt er die tief verankerten, unbewussten Überzeugungen, die in einem Feld als selbstverständlich gelten und die Ordnung stützen. Wer sie bemerkt, kann sie hinterfragen. Übertragen auf heute: Wenn in einem Team niemand mehr fragt, warum Entscheidungen immer in der Runde der Führung fallen, kann eine solche Selbstverständlichkeit wirken.
Begriffe
- Habitus
- Feld
- Kapital
- symbolische Gewalt
- Doxa (unausgesprochene Selbstverständlichkeiten eines Feldes)
- Praxis
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 5 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Louis AlthusserPrüfstand: belegt
Bourdieu studierte an der École normale supérieure Philosophie; Althusser leitete dort als Studienleiter (agrégé répétiteur) die Vorbereitung der Studierenden und arbeitete nach der Stanford Encyclopedia unter anderem mit Bourdieu. Ein Einfluss wird damit nicht behauptet.
Kritisiert
Bourdieu kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Claude Lévi-StraussPrüfstand: belegt
Bourdieu kritisierte die Gewichtung der Kreuzcousinenheirat (der Heirat eines Mannes mit der Tochter seines Mutterbruders) in Lévi-Strauss' Verwandtschaftstheorie, weil er in Nordafrika diesen Heiratsfall empirisch nur als einen unter vielen fand.
Jean-Paul SartrePrüfstand: belegt
Bourdieu lehnte die Rolle des „totalen Intellektuellen“ ab, die Sartre verkörperte, und nannte dessen politisches Eingreifen unverantwortlich und opportunistisch.
Baut auf
Bourdieu übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Maurice Merleau-PontyPrüfstand: belegt
Merleau-Ponty und über ihn die Phänomenologie Husserls spielten nach der englischen Wikipedia eine wesentliche Rolle für Bourdieus Blick auf Körper, Handeln und praktische Dispositionen, die im Habitus zusammenlaufen.
Max WeberPrüfstand: belegt
Von Weber übernahm Bourdieu die Betonung der Vorherrschaft symbolischer Systeme im sozialen Leben und die Idee gesellschaftlicher Ordnungen, die er von einer Religionssoziologie zu einer Theorie der Felder umbaute.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Bourdieu wurde 1955 zum Militärdienst eingezogen und im Algerienkrieg eingesetzt. Von 1958 bis 1960 forschte er in der Kabylei im Norden Algeriens zur Kultur der Berber. Sein Buch „Entwurf einer Theorie der Praxis“ (1972) beruht zu großen Teilen auf diesen Feldforschungen.[2]
Biografie Deutung
Bourdieu stammte aus einer bescheidenen Familie: Der Vater war Landwirt und später Postangestellter. Nach seinen Biografen wollte er als Soldat bei Menschen aus seinem eigenen Milieu bleiben. Ob diese Herkunft seine Theorie der Reproduktion sozialer Unterschiede prägte, sagen die abgerufenen Quellen nicht ausdrücklich.[2]
Abhängigkeit belegt
Bourdieu war Assistent an der Sorbonne, lehrte ab 1964 an der École des hautes études en sciences sociales und hatte ab 1981 einen Lehrstuhl am Collège de France, einer der höchsten Positionen im französischen Universitätssystem. Nach der deutschen Wikipedia blieb er dem Gebaren dieser Institution gegenüber innerlich distanziert, wie seine Antrittsvorlesung und das Buch „Homo academicus“ zeigen.[2]
Kritik
Wikipedia en sieht einen scheinbaren Widerspruch zwischen Bourdieus frühen Schriften, die Soziologie als strenge Wissenschaft von politischem Aktivismus fernhalten wollten, und seiner späteren Rolle als öffentlicher Intellektueller. Offen bleibt zudem, wie viel Spielraum der Habitus dem Einzelnen lässt; Bourdieu selbst betont, er sei nicht deterministisch. Kritische Sammelbände wie „Pierre Bourdieu: Critical Perspectives“ (1993) und „Bourdieu: A Critical Reader“ (Shusterman 1999) sind in Wikipedia en verzeichnet, ihr Inhalt ist hier nicht geprüft.
Wirkung heute
Bourdieus Begriffe werden heute in Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Organisationsforschung benutzt, etwa wenn es um ungleiche Chancen in Schule und Beruf geht. Seine Frage, wie Selbstverständlichkeiten Ordnungen stützen, hilft auch, Zugangshürden in Teams und Firmen zu erkennen.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Als Führungskraft kannst du dich fragen, welche ungeschriebenen Regeln in deinem Team gelten und wem sie nützen. Achte bei Einstellungen und Beförderungen darauf, ob Auftreten, Sprache und Beziehungen mehr zählen als die Leistung. Das ist eine Analogie zu Bourdieus Feldern, keine Anwendung seiner Studien auf Firmen.
Lebensstationen
- 1930Geburt in Denguin, Südfrankreich
- 1951Beginn des Philosophiestudiums an der École normale supérieure in Paris
- 1958Feldforschung in der Kabylei (bis 1960); erstes Buch „Sociologie de l'Algérie“
- 1979„La Distinction“ (Die feinen Unterschiede) erscheint
- 1981Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France
- 2002Tod in Paris (23. Januar)
Werke
Esquisse d'une théorie de la pratique (1972; deutsch Entwurf einer Theorie der Praxis, 1976); La Distinction (1979; deutsch Die feinen Unterschiede, 1982); Le sens pratique (1980; deutsch Sozialer Sinn, 1987); La misère du monde (1993; deutsch Das Elend der Welt, 1997)
Lesetipps
- Einstieg
- Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, übersetzt von Bernd Schwibs und Achim Russer, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982; sein Hauptwerk zu Geschmack und Klasse.
- Vertiefung
- Eva Barlösius, Pierre Bourdieu, 2. Auflage, Campus, Frankfurt am Main 2006 (als Einführung in Wikipedia de genannt, nicht gelesen)
Noch nicht sicher belegt
- Zu Bourdieu gibt es keinen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Die Darstellung stützt sich auf die englische und die deutsche Wikipedia und auf den Eintrag der Stanford Encyclopedia of Philosophy zu Althusser.
- Die Lebensdaten 1930 bis 2002 sind mit dem Todesdatum 23. Januar 2002 in der deutschen Wikipedia belegt.
- Das Geburtsdatum (1. August 1930) steht nicht im Text, nur das Geburtsjahr.
- Der Ort Denguin steht in beiden Fassungen.
- Das Wort „Lehrer“ für Canguilhem, Aron und Bachelard folgt der deutschen Wikipedia (Dissertation bei Canguilhem, Assistent bei Aron, Vorlesungen bei Bachelard und Canguilhem).
- Bei Aron ist die Assistenz 1960 bis 1961 belegt, nicht dass Aron ihn einstellte.
- Dass Bourdieus Theorie auf Organisationen angewendet wurde, steht in der Fachliteratur (Vaughan 2008 in Theory and Society, DiMaggio 1983 zum organisationalen Feld).
- Diese Texte wurden nicht gelesen.
- Der Lesetipp zur Sekundärliteratur wurde nur als Eintrag in der deutschen Wikipedia gesehen.
- Der Zusatz in der Brücke zu Führung und Coaching ist eine Analogie.
- Kritik und Einwand stützen sich auf den scheinbaren Widerspruch, den die englische Wikipedia im Abschnitt „As a public intellectual“ nennt.
- Die Herausgeberangabe des Sammelbands von 1993 fehlt, weil sie nicht gegengeprüft ist.
- Die französische Erstausgabe von „La misère du monde“ (1993) steht nur in der englischen Wikipedia.
- Die deutsche Wikipedia führt eine Ausgabe von 2007 und die deutsche Ausgabe UVK, Konstanz 1997.
Herkunft der Daten: Bourdieu (Zuordnung Strukturalismus und Poststrukturalismus). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Bourdieu
- [1]Pierre Bourdieu (Wikipedia en)
- [2]Pierre Bourdieu (Wikipedia de)
- [3]Claude Lévi-Strauss · Wikipedia
- [4]Louis Althusser · Stanford Encyclopedia of Philosophy