Landkarte der Philosophie

Maurice Merleau-Ponty

1908–1961 · Paris

Strömung
Phänomenologie und Existenzialismus
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Phänomenologe unter den Pariser Existenzialisten, der den Leib zum Ausgangspunkt macht und früh mit Sartre über Politik brach.

Er übernimmt Husserls Phänomenologie, will sie aber vom intellektualistischen Zug (der die Wahrnehmung als Leistung des Verstandes ansieht) befreien. Er gründete mit Sartre und Beauvoir 1945 Les Temps Modernes (eine Zeitschrift) und brach 1955 mit Sartre.

Kernidee

Merleau-Ponty geht nicht vom denkenden Ich aus, sondern vom Leib: Du nimmst die Welt wahr, weil du einen Körper hast, der handelt und sich orientiert. Der Leib ist für ihn ein Ich-kann und kein bloßes Objekt. So verbindet er Husserls Phänomenologie mit der Frage nach dem Menschen in der Welt.

Bekannt für

Man kennt Merleau-Ponty für die Phänomenologie der Wahrnehmung von 1945, in der der Leib im Zentrum steht. Außerdem für den Bruch mit Sartre nach der Abenteuer der Dialektik 1955.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Der Leib als Ich-kann

Für Merleau-Ponty ist der Leib kein Ding, sondern das, wodurch du in der Welt handelst. Ein vorbewusstes Leibschema ermöglicht dir Bewegung und Orientierung im Raum. Ein Beispiel: Wer eine Besprechung leitet, spürt an der Haltung der Gruppe, ob die Stimmung kippt, noch bevor jemand etwas sagt.

Wahrnehmung vor dem Denken

Wahrnehmung ist nach ihm kein Rechenvorgang des Verstandes, sondern ein Zur-Welt-sein des Leibes. Er kritisiert Empirismus und Intellektualismus gleichermaßen als einseitig, weil beide von einzelnen Sinnesreizen ausgehen und die Wahrnehmung nicht als ursprünglich bedeutungsvoll verstehen. Im Alltag heißt das: Dein Bauchgefühl bei einer Personalentscheidung ist keine Störung, sondern Teil deiner Urteilsfähigkeit.

Politik zwischen den Lagern

In Humanismus und Terror von 1947 plädierte er für einen abwartenden Marxismus (der die Entwicklung erst einmal beobachtet, statt sich festzulegen), der sich vom Sowjetkommunismus wie von den liberalen Demokratien distanzierte. Später wandte er sich vom revolutionären Marxismus ab und sprach von einer neuen Linken. Als Führungskraft kennst du das Muster, wenn du dich zwischen zwei Lagern im eigenen Haus positionieren musst.

Begriffe

Leib
: der gelebte, von innen erfahrene Körper, weder bloßes Ding noch reines Bewusstsein, sondern der Ort, an dem wir in der Welt handeln
Leibschema
: ein vorbewusstes System von Bewegungen und räumlichen Beziehungen, das uns Bewegung und Orientierung ermöglicht
Zur-Welt-sein
: die ursprüngliche Ausrichtung des Leibes auf seine Lage und Umgebung, noch bevor wir die Welt als Gegenstand denken
Wahrnehmung
: für Merleau-Ponty die Grundschicht aller Erfahrung, bedeutungsvoll und mehrdeutig, kein Rechenvorgang des Verstandes
Fleisch
: im Spätwerk das gemeinsame Element von fühlendem Leib und fühlbaren Dingen, weder Materie noch Geist

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Edmund Husserl: Merleau-Ponty besuchte 1929 Husserls Pariser Vorlesungen und sah 1939 Manuskripte im Husserl-Archiv in Löwen

Freunde

  • Simone de Beauvoir: Freundin aus Studienzeiten
  • Jean-Paul Sartre: Kommilitone an der École Normale Supérieure und Mitstreiter in der Résistance, später Bruch

Gegner

  • Jean-Paul Sartre: politische Differenzen, Bruch 1955

Verbindungen im Netz

7 Verbindungen, davon 6 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Michel Foucaultungeprüft

    Merleau-Ponty war Foucaults Lehrer an der ENS, dessen Vorlesungen er besuchte (SEP, Wikipedia de).

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Edmund Husserlungeprüft

    Er übernahm die Phänomenologie als Rahmen und wollte sie reformieren, nicht aufgeben.

  • Grundlage für Frantz Fanonungeprüft

    Merleau-Ponty wird in der Stanford-Enzyklopädie und der deutschen Wikipedia als Einfluss genannt, der eine phänomenologische Lektüre Fanons stützt.

  • Grundlage für Luce IrigarayDeutung

    Elemental Passions antwortet auf Merleau-Pontys Aufsatz zur Verflechtung (Chiasmus).

  • Grundlage für Simone de Beauvoirungeprüft

    Merleau-Ponty gehörte zur Redaktion der Temps Modernes, seine Phänomenologie prägte Das andere Geschlecht.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Paul Sartreungeprüft

    Rückzug aus Les Temps Modernes 1952/53, scharfe Kritik in Die Abenteuer der Dialektik 1955.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Simone de Beauvoirungeprüft

    Merleau-Ponty gehörte zur Redaktion der Temps Modernes, seine Phänomenologie prägte Das andere Geschlecht.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Merleau-Ponty arbeitete mit Sartre in der Résistance (dem französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung) zusammen. Politische Differenzen wegen des Koreakriegs führten laut SEP 1952/53 zum Rückzug aus der Redaktion von Les Temps Modernes.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    1952 wurde er auf den Lehrstuhl für Philosophie am Collège de France gewählt, mit 44 Jahren der jüngste Amtsinhaber. Die Stellung gab ihm Unabhängigkeit vom Streit der Zeitschrift.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Humanismus und Terror (1947) entstand im beginnenden Kalten Krieg, als er den Marxismus abwartend verteidigte. Später rückte er davon ab.[1]

Kritik

Luce Irigaray wirft ihm vor, seine Fleisch-Ontologie (die Lehre vom „Fleisch“ als gemeinsamem Element, in dem sich Leib und Welt treffen) stütze sich auf weibliche und mütterliche Metaphern und blende die sexuelle Differenz aus. Jacques Derrida kritisiert, seine Auffassung von Berührung stelle Unmittelbarkeit über Bruch und Distanz. Sein Werk blieb lange im Schatten Sartres.

Wirkung heute

Sein Gedanke vom Leib als Zugang zur Welt wirkt in Kognitionswissenschaft, Psychotherapie und Körperarbeit nach. Die Idee, dass Wahrnehmung immer schon verkörpert ist, trägt in der heutigen Debatte um Embodiment.

Brücke zu Führung und Coaching

In Gesprächen mit Führungskräften lohnt es sich, nach dem Körper zu fragen: Wo spürst du diese Entscheidung? Merleau-Pontys Blick hilft, Anspannung, Haltung und Stimmung als Information zu nehmen. Welche körperliche Reaktion in der letzten Teamrunde hast du bisher übergangen?

Zitate

„Das Fleisch ist nicht Materie, es ist nicht Geist, nicht Substanz.“

Das Sichtbare und das Unsichtbare, 2. Auflage 1994, S. 183 (Wortlaut und Seite nach de.wikipedia.org; dieselbe Seite nennt eine Hochschulschrift der Universität Duisburg-Essen)

Lebensstationen

  1. 1929Besuch von Husserls Vorlesungen in Paris
  2. 1945Phänomenologie der Wahrnehmung, Gründung von Les Temps Modernes
  3. 1949Professur an der Sorbonne
  4. 1952Berufung ans Collège de France
  5. 1955Die Abenteuer der Dialektik, Bruch mit Sartre
  6. 1961Tod in Paris

Werke

Die Struktur des Verhaltens (1942)

Phänomenologie der Wahrnehmung (1945)

Humanismus und Terror (1947)

Sinn und Nicht-Sinn (1948)

Die Abenteuer der Dialektik (1955)

Zeichen (1960)

Das Auge und der Geist (1961)

Das Sichtbare und das Unsichtbare (posthum 1964)

Anekdote überliefert

Als Merleau-Ponty am 3. Mai 1961 in Paris an einem Herzinfarkt starb, lag laut SEP Descartes' Optik aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch.[1]

Lesetipps

Einstieg
Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung (1945), das Hauptwerk
Vertiefung
Christian Bermes: Maurice Merleau-Ponty zur Einführung (Junius, 1998)

Noch nicht sicher belegt

  • Bruch mit Sartre: SEP nennt Rückzug 1952/53 (Koreakrieg) und Bruch durch das Buch 1955, dewiki nennt 1955 ohne Grund. Der Heidegger-Einfluss ist in SEP nur knapp. Kriegsdienst und Résistance nur aus SEP-Zusammenfassung. Das Zitat im Feld zitat: Wortlaut und Seite 183 (2. Auflage 1994) nach Wikipedia de, dieselbe Seitenzahl nennt eine Hochschulschrift der Universität Duisburg-Essen; am Buch nicht geprüft.

Wege durchs Netz

  • Zurück zu den Sachen

    Merleau-Ponty: Wir nehmen die Welt mit dem Leib wahr, der handelt und sich orientiert.

Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Merleau-Ponty

  1. [1]SEP · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Maurice Merleau-Ponty · Wikipedia
  3. [3]biblio.at/literatur/rezensionen/expert.html · Webseite

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