Landkarte der Philosophie

Claude Lévi-Strauss

1908–2009 · Brüssel, später Paris

Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
Kants Fragen
Was ist der Mensch? · Was kann ich wissen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Französischer Ethnologe, der Saussures Sprachmodell auf Verwandtschaft und Mythen überträgt und so den Strukturalismus zur Leitwissenschaft der Humanwissenschaften macht.

Lévi-Strauss ist die Brücke von Saussures Linguistik in die Kulturwissenschaft und damit der erste große Strukturalist des Moduls. Barthes, Lacan und Althusser arbeiten in dem Klima, das er mit schuf; sein Streit mit Sartre markiert den Übergang vom Existenzialismus zum Strukturalismus.

Kernidee

Kulturen funktionieren wie Sprachen: Ihre Elemente bekommen Bedeutung durch Beziehungen zueinander und nicht für sich allein. Heiratsregeln, Mythen und Klassifikationen lassen sich deshalb als Systeme von Gegensätzen lesen. Das Denken indigener Gesellschaften ist dabei nicht primitiver, sondern ein anderer, ebenso geordneter Zugang zur Welt.

Bekannt für

Man kennt ihn als Begründer der strukturalen Anthropologie und als Autor von Traurige Tropen, einem Reisebericht, der zugleich Programmschrift ist. Seine These, dass indigene Denkweisen genauso vernünftig sind wie westliche, veränderte das Bild von sogenannten primitiven Gesellschaften.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Verwandtschaft als Tausch

Heiratsregeln erzeugen soziale Bündnisse, weil Gruppen untereinander Partner austauschen. Lévi-Strauss versteht Verwandtschaft deshalb als Allianz zwischen Gruppen und nicht nur als Abstammung. Ähnlich entstehen in Unternehmen Bündnisse zwischen Abteilungen weniger durch Hierarchie als durch den regelmäßigen Austausch von Menschen und Gefälligkeiten.

Mythen als Strukturen

Mythen bestehen aus kleinsten Bausteinen, den Mythemen, die in Gegensatzpaaren wie Natur und Kultur angeordnet sind. Verschiedene Mythen sind dann Umformungen derselben Struktur, auch wenn die Geschichten ganz anders klingen. In Firmen erzählen Gründungsgeschichten ebenfalls oft dasselbe Gegensatzpaar, etwa Garage gegen Konzern, nur in wechselnden Bildern.

Wildes Denken und Bricolage

Er stellt den Bastler, den Bricoleur, der mit vorhandenem Material arbeitet, dem Ingenieur gegenüber, der für sein Ziel neues Material plant. Beide Denkweisen sind für ihn gleichwertig und nutzen dieselben Strukturen. Im Alltag einer Führungskraft ist das der Unterschied zwischen dem Team, das mit dem vorhandenen Werkzeug eine Lösung baut, und dem Projekt, das erst eine neue Plattform beschafft.

Begriffe

Strukturale Anthropologie
Verwandtschaft als Tausch
binäre Oppositionen
Mythem
wildes Denken
Bricolage
Strukturalismus
: die Annahme, dass Bedeutung aus dem Beziehungsgeflecht der Elemente entsteht und nicht aus den Elementen selbst

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Marcel Mauss: auf ihn geht laut de.wikipedia Lévi-Strauss' Blick auf Tauschprozesse zurück; später übernahm er an der École pratique des hautes études den Lehrstuhl, den zuvor Mauss innehatte
  • Roman Jakobson: die Begegnung im New Yorker Exil prägte laut en.wikipedia seine theoretische Ausrichtung

Freunde

  • Roman Jakobson: beide gehörten im New Yorker Exil zu den Gründungsmitgliedern der École Libre des Hautes Études

Gegner

  • Jean-Paul Sartre: strukturelle Bedingtheit gegen existenzialistische Freiheit
  • Edmund Leach: bezweifelt die Tiefe seiner Feldforschung
  • Pierre Bourdieu: kritisiert die Gewichtung der Kreuzcousinenheirat

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Ferdinand de SaussureDeutung

    Laut englischer Wikipedia wollte er die strukturale Linguistik Saussures auf die Anthropologie anwenden.

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Suche nach universalen Denkformen des Geistes, die Kulturen übergreifen

  • Grundlage für Jacques LacanDeutung

    SEP nennt Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949) als Einfluss, de.wikipedia die strukturale Anthropologie insgesamt.

  • baut auf Jean-Jacques Rousseauungeprüft

    Rousseau gilt in der Fachliteratur als wichtiger Bezugspunkt, in den abgerufenen Quellen aber nicht bestätigt

  • baut auf Karl Marxungeprüft

    Marx wird neben Durkheim, Kant und Hegel unter seinen Einflüssen genannt

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Paul SartreDeutung

    Das Wilde Denken stellt strukturelle Bedingtheit gegen Sartres existenzialistische Freiheit (Wikipedia en).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Als Sohn französisch-jüdischer Eltern wurde er 1940 unter den Rassengesetzen des Vichy-Regimes entlassen und gelangte über Martinique nach New York. Das Exil brachte ihn mit Jakobson und der Linguistik zusammen, die sein Denken prägte.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Er wirkte an den Machtzentren des französischen Wissenschaftsbetriebs: Professor an der École pratique des hautes études, ab 1959 Lehrstuhl am Collège de France, 1973 Académie française. Seine Stellung im Establishment half dem Strukturalismus zum Durchbruch.[1]

  • Biografie belegt

    Seine einzige ethnografische Feldforschung fand in Brasilien statt, unter anderem bei den Nambikwara. Kritiker sehen darin eine schmale empirische Basis für seine weitreichenden Theorien.[1]

Kritik

Edmund Leach bezweifelt die Tiefe der Feldforschung, und Stanley Diamond wirft ihm vor, die Mythenanalyse vom Ergebnis her zu konstruieren. Bourdieu kritisiert die Gewichtung der Kreuzcousinenheirat, und mehrere Autoren bezweifeln, dass binäre Gegensätze die Grundlage jeder Kategorisierung sind.

Wirkung heute

Die Idee, dass Bedeutung aus Beziehungen in einem System entsteht, bleibt ein Grundwerkzeug der Kulturwissenschaft. Der Gedanke der Bricolage wird auch außerhalb der Ethnologie genutzt, wenn von Improvisation mit vorhandenen Mitteln die Rede ist.

Brücke zu Führung und Coaching

Wenn ein Team immer wieder in denselben Konflikt gerät, lohnt es, nach dem Gegensatzpaar zu suchen, das darunter liegt, etwa Tempo gegen Sorgfalt oder Freiheit gegen Kontrolle. Frag das Team: Welche zwei Pole bestimmen unsere Geschichten über uns selbst? Oft zeigt sich, dass verschiedene Streitthemen nur Umformungen desselben Spannungsfelds sind.

Lebensstationen

  1. 1908Geburt in Brüssel
  2. 1935Gastprofessur für Soziologie in São Paulo (Beginn je nach Quelle 1934 oder 1935), Forschungsreisen in Brasilien bis 1939
  3. 1940Entlassung unter den Vichy-Rassengesetzen, Flucht über Martinique nach New York
  4. 1949Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft
  5. 1959Lehrstuhl für Sozialanthropologie am Collège de France (bis 1982)
  6. 2009Tod in Paris mit 100 Jahren

Werke

  • Traurige Tropen (1955)
  • Das wilde Denken (1962)

Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949, dt. 1981); Traurige Tropen (1955); Strukturale Anthropologie I (1958, dt. 1967); Das wilde Denken (1962, dt. 1968); Mythologica I bis IV (1964 bis 1971)

Anekdote überliefert

Beim Wechsel an die New School in New York kürzte er auf Wunsch der Fakultät seinen Namen zu L.-Strauss, weil Lévi-Strauss nach Jeans klinge und Studierende lachen könnten.[3]

Lesetipps

Einstieg
Traurige Tropen, übersetzt von Eva Moldenhauer, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978: Reisebericht und Programmschrift, lesbarer Zugang zu seinem Denken.
Vertiefung
Edmund Leach: Claude Lévi-Strauss zur Einführung, übersetzt von Lutz-W. Wolff, Junius, Hamburg (3. Auflage 2006)

Noch nicht sicher belegt

  • Keine SEP-Quelle verfügbar. Britannica-Abruf lieferte nur Lebensdaten und Rolle. Rousseau-Edge nicht in den abgerufenen Quellen belegt. Deutsche Werktitel und start_read nicht in den abgerufenen Quellen geprüft. Zitat bewusst leer.
  • Gastprofessur São Paulo: en nennt Aufenthalt 1935 bis 1939, de Gastprofessur 1934 bis 1937 und Expeditionen 1935 bis 1939. Entlassung 1940: de sagt aus der Armee, en aus einem Lycée in Montpellier. Mauss war nicht sein Lehrer im engen Sinn; belegt sind nur die Anknüpfung an die Tauschtheorie und die Übernahme des früheren Mauss-Lehrstuhls an der EPHE (ohne Jahr). Kritik: Leach und Diamond nur in en.wikipedia, Bourdieu (Kreuzcousinenheirat, Nordafrika) und die allgemeine Kritik an binären Gegensätzen nur in de.wikipedia. Anekdote zum Namen nur in de.wikipedia, Status überliefert. Kontext Abhängigkeit ist Deutung. Lesetipp Leach: Erstauflage nicht ermittelt, belegt ist die 3. Auflage 2006. Britannica nicht abgerufen; beide Quellen sind Wikipedia. Kein Zitat. Kanten zu Barthes, Lacan, Althusser nicht belegt und weggelassen.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Lévi-Strauss

  1. [1]Wikipedia (en), Claude Lévi-Strauss · Wikipedia
  2. [2]Britannica: Claude Levi Strauss · Britannica
  3. [3]Wikipedia (de), Claude Lévi-Strauss · Wikipedia

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