Albert Camus
1913–1960 · Algier, Paris, Mondovi (Algerien), später Paris
- Strömung
- Phänomenologie und Existenzialismus
- Kants Fragen
- Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Kommt in diesen Denkwegen vor
Schriftsteller und Denker des Absurden, der das Etikett Existenzialist stets zurückwies und sich 1952 von Sartre trennte.
Camus wird oft mit Sartre zusammengestellt, wehrte sich aber gegen die Einordnung und warf den Existenzphilosophen vor, am Ende doch auf etwas Transzendentes zu setzen. Nietzsche und die griechische Antike standen ihm näher als Kierkegaard, Jaspers oder Heidegger.
Kernidee
Camus sagt: Die Welt schweigt auf unsere Frage nach dem Sinn, und genau daraus entsteht das Absurde. Er verlangt weder Selbsttötung noch einen Sprung in einen Glauben, sondern dass du das Absurde annimmst und trotzdem weiterlebst und handelst. Die Revolte gegen Unrecht schafft für ihn Solidarität: Ich empöre mich, also sind wir.
Bekannt für
Man kennt Camus für Der Fremde und den Essay Der Mythos des Sisyphos, in dem er die Selbsttötung als zentrale philosophische Frage stellt. 1957 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das Absurde
Das Absurde entsteht aus dem Widerspruch zwischen dem Wunsch des Menschen nach Sinn und der Sinnlosigkeit der Welt. Camus verwirft Flucht durch Selbsttötung und den Sprung in einen vorgegebenen Sinn. Im Büro kennst du das als Moment, in dem ein Projekt trotz perfekter Planung scheitert und du trotzdem am Montag weitermachst.
Revolte statt Revolution
In Der Mensch in der Revolte unterscheidet er zwischen der Revolte gegen die menschliche Lage und der historischen Revolte, die die Welt ändern will. Revolutionen, die auf einer absoluten Wahrheit beruhen, können zu unterdrückerischen Regimen führen. Als Führungskraft heißt das: Wer sein Konzept zur einzigen Wahrheit erklärt, nimmt dem Team die Möglichkeit zum Widerspruch.
Sisyphos als glücklicher Mensch
Sisyphos rollt den Stein immer wieder hinauf und gilt Camus als Sinnbild des Menschen, der das Absurde annimmt. Der absurde Mensch kann laut dem Essay glücklich sein. Wer jede Woche dieselbe Berichtsschleife erledigt, kann in der Haltung des Weitermachens eine Würde finden, die über das Ergebnis hinausgeht.
Begriffe
- Das Absurde
- : bei Camus der Zusammenstoß zwischen deinem Verlangen nach Sinn und Klarheit und einer Welt, die darauf schweigt. Das Absurde entsteht erst dort, wo Mensch und Welt aufeinandertreffen.
- Revolte
- : bei Camus die Haltung, das Absurde bewusst auszuhalten: Du lebst weiter, ohne dich in den Selbstmord oder in die Hoffnung auf einen höheren Sinn zu flüchten. In „Der Mensch in der Revolte“ (1951) zeigt er, dass aus dieser Auflehnung auch Werte und Solidarität mit anderen entstehen.
- Sisyphos
- : eine Gestalt der griechischen Sage: Zur Strafe muss Sisyphos ewig einen Felsen einen Berg hinaufrollen, der jedes Mal wieder hinunterrollt. Camus macht ihn in „Der Mythos des Sisyphos“ (1942) zum Bild des Menschen, der seine aussichtslose Mühe bewusst annimmt und sie so zu seiner eigenen Sache macht. Man müsse sich Sisyphos, schreibt er am Ende, als glücklichen Menschen vorstellen.
- Solidarität
- Maß
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
7 Verbindungen im Netz, davon 6 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Jean-Paul Sartreungeprüft
Zeitweise befreundet, später zerstritten, wird oft mit ihm verglichen, obwohl Camus den Existentialismus für sich ablehnte
Kritisiert
Camus kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Jean-Paul Sartreungeprüft
Bruch 1952 nach Der Mensch in der Revolte und Jeansons Rezension in Les Temps Modernes.
Søren Kierkegaardbelegt
Er warf Kierkegaard, Jaspers und Heidegger vor, sich am Ende auf etwas Transzendentes zu stützen.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Camus. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Jean-Paul Sartreungeprüft
Öffentlicher Bruch 1951 bis 1952, laut SEP belegt
Baut auf
Camus übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Friedrich Nietzscheungeprüft
Camus nannte Nietzsche neben der griechischen Antike als Wurzel seines Denkens.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Friedrich Nietzscheungeprüft
Sartre verband Camus laut SEP in seiner Rezension mit Pascal, Rousseau und Nietzsche
Søren Kierkegaardungeprüft
Fachliteratur stellt Camus' Absurdismus häufig neben Kierkegaards Sprung des Glaubens, hier nicht eigens belegt
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Camus gab ab 1943/44 die Untergrundzeitung Combat heraus und nutzte ein Pseudonym und falsche Papiere. Die Besatzung und der Widerstand prägten Die Pest, die als Allegorie auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus gilt.[1]
Zeitgeschehen belegt
Im Algerienkrieg lehnte er die Gewalt der FLN ab und verurteilte die französische Kolonialbrutalität, seine Vermittlungsversuche 1956 scheiterten. Bei der Nobelpreisrede sagte er, er ziehe seine Mutter der Gerechtigkeit durch Bomben vor, was Kritiker als reaktionär und kolonialistisch bezeichneten.[3]
Biografie Deutung
Camus wuchs in Algerien auf und wurde aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, weil er den Kolonialismus anprangerte. SEP merkt an, dass Der Rebell den Kolonialismus kaum thematisiere, was auf die Prägung durch die algerische Herkunft hinweisen kann.[1]
Kritik
Edward Said wirft ihm vor, die arabische Bevölkerung in kolonialer Weise darzustellen oder auszulöschen. In Der Mensch in der Revolte blende er den Kolonialismus weitgehend aus, so die SEP. Die politische Linke hielt seine Haltung zum Algerienkrieg für unzureichend.
Wirkung heute
Der Gedanke, das Absurde auszuhalten statt zu verdrängen, trägt in Krisen- und Sinnfragen am Arbeitsplatz. Auch seine Warnung vor Heilslehren, die im Namen einer absoluten Wahrheit Gewalt rechtfertigen, ist aktuell.
Brücke zu Führung und Coaching
Wenn dein Team nach einem Rückschlag fragt, welchen Sinn das alles noch hat, lohnt Camus' Haltung: Du musst keinen Sinn vortäuschen und kannst trotzdem weitermachen. Frage dein Team: Was würden wir tun, wenn wir wüssten, dass dieses Projekt nie gelobt wird? So verschiebt sich der Blick von der Anerkennung zur Würde der Arbeit.
Zitate
„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.“
„There is only one really serious philosophical question, and that is suicide.“
Lebensstationen
- 1913Geboren in Mondovi, Algerien
- 1942Der Fremde und Der Mythos des Sisyphos
- 1944Chefredakteur von Combat nach der Befreiung
- 1951Der Mensch in der Revolte erscheint
- 1957Nobelpreis für Literatur
- 1960Tod bei einem Autounfall
Werke
- Der Fremde (1942)
- Der Mythos des Sisyphos (1942)
Der Mythos des Sisyphos (1942)
Der Fremde (1942)
Die Pest (1947)
Die Gerechten (1949)
Der Mensch in der Revolte (1951)
Der Fall (1956)
Das Exil und das Reich (1957)
Der erste Mensch (postum 1994)
Anekdote belegt
Camus starb am 4. Januar 1960 als Beifahrer bei einem Autounfall nahe Villeblevin, als der Wagen seines Freundes Michel Gallimard von der Straße abkam. Ein Hinterreifen war geplatzt.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos (1942), der Essay über das Absurde
- Vertiefung
- Oliver Gloag: Albert Camus. A Very Short Introduction (Oxford University Press, Jahr nicht geprüft), englisch
Noch nicht sicher belegt
- Als Auslöser des Bruchs mit Sartre nennen die Quellen die Rezension von Francis Jeanson in Les Temps Modernes (1952). Ein Brief von Camus und Sartres Antwort sind nicht belegt.
- Camus' Aussage, er sei kein Existentialist, stammt aus einem Interview von 1945 (nach der deutschen Wikipedia); der genaue Wortlaut ist nicht belegt.
- Das Datum der Nobelrede (1957 oder 1958) ist in der deutschen Wikipedia widersprüchlich.
- Der Satz über die Mutter ist nur auf Englisch belegt.
- Das Erscheinungsjahr des Bandes von Gloag ist nicht ermittelt.
- Das Zitat ist der erste Satz des Essays in der Übersetzung von Vincent von Wroblewsky (Rowohlt 2000). Der Wortlaut stammt aus der Leseprobe des Verlags, die Seitenzahl 15 aus dem Inhaltsverzeichnis und wurde am Druckexemplar nicht geprüft.
- Die Verbindung zu Kierkegaard ist fachüblich, in den genutzten Quellen aber nicht eigens belegt.
Wege durchs Netz
Camus: Die Welt antwortet nicht auf unsere Frage nach Sinn, und wir leben trotzdem und lehnen uns auf.
Herkunft der Daten: Grundbestand der Landkarte, Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Camus
- [1]Albert Camus · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Albert Camus · Wikipedia
- [3]Albert Camus · Wikipedia