Wang Yangming (Wang Shouren)
Philosoph · 1472–1529 · Yuyao (heute Zhejiang), Guizhou, Jiangxi
Kernidee in Kürze
Wang hält die Lehre seiner Zeit für falsch, man müsse das Ordnungsprinzip (li) in den Dingen der Welt und in den Klassikern suchen. Für ihn liegt es ganz im eigenen Herz-Geist (xin), und jeder Mensch besitzt ein angeborenes Wissen vom Guten, das liangzhi heißt.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Müssen wir das Gute erst mühsam erforschen und lernen, oder tragen wir es schon in uns?
- Position
- Wang hält das Gute für angeboren. Der eigene Geist enthält das Ordnungsprinzip vollständig, und wer wirklich weiß, was richtig ist, handelt auch danach.
- Einwand
- Kritiker fragen, ob das nicht Willkür fördert, weil jeder sein eigenes Gefühl für unfehlbar halten kann. Außerdem zeigen manche Menschen kein Mitgefühl, obwohl es nach Wang jeder besitzen soll.
- Verbindung
- Wang kritisiert Zhu Xi und beruft sich auf Mengzi. Mou Zongsan hielt ihn später für den besseren Kenner des Konfuzianismus als Zhu Xi.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Wang Yangming war
Chinesischer Beamter, General und neokonfuzianischer Philosoph der Ming-Zeit, der lehrte, dass Wissen und Handeln eine Einheit bilden und dass jeder Mensch das Gute von Natur aus in sich trägt.
Im Netz der Landkarte steht Wang Yangming im Neokonfuzianismus der Ming-Zeit als Gegenpol zu Zhu Xi, dessen Lehre damals die Grundlage der staatlichen Prüfungen war. Mit Lu Xiangshan gilt er als Gründer der Lu-Wang-Schule, die man auch Schule des Herz-Geistes nennt. Im 20. Jahrhundert beruft sich Mou Zongsan auf ihn.
Kernidee genauer
Das Wissen wird also nicht erst gelernt und dann angewendet, sondern im Handeln wirksam. Ob sich diese Sicht gegen Einwände hält, bleibt umstritten, etwa gegen den Einwand, dass Menschen ihr eigenes Meinen für unfehlbares moralisches Wissen halten könnten.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Wang versuchte als junger Mann zusammen mit einem Freund, nach dem, was die beiden für Zhu Xis Methode hielten, das Ordnungsprinzip des Bambus zu ergründen, und wurde nach sieben Tagen krank. Ob sie Zhu Xi dabei richtig verstanden, ist fraglich. Die Erfahrung, dass sich das Ordnungsprinzip so nicht in äußeren Dingen finden ließ, hinterließ aber einen tiefen Eindruck und beeinflusste den weiteren Weg seiner Philosophie.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1 Life
Bekannt für
Bekannt ist Wang für die Lehre von der Einheit von Wissen und Handeln und für die Geschichte vom Bambus: Als junger Mann versuchte er mit einem Freund, das Ordnungsprinzip des Bambus vor dem Pavillon zu ergründen, und wurde nach sieben Tagen krank. Ein Alltagsbeispiel: Du weißt längst, dass Du ein schwieriges Gespräch führen solltest. Nach Wang weißt Du es erst dann wirklich, wenn Du es führst.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der Herz-Geist ist das Ordnungsprinzip
Wang sagt: Der Herz-Geist (xin) ist das Ordnungsprinzip (li). Es gibt also nichts außerhalb des eigenen Geistes, das man erst erforschen müsste, um zu wissen, was richtig ist. Wang betont dabei, dass er sich damit nicht aus der Welt zurückzieht, denn die Dinge sind für ihn das, worauf sich der Geist richtet.
Einheit von Wissen und Handeln
Er hält es für unmöglich, etwas Moralisches wirklich zu wissen und trotzdem nicht danach zu handeln. Wer dennoch nicht handelt, hat nach seiner Ansicht nur die Worte gelernt und weiß es noch nicht. Westliche Philosophen würden das als Bestreitung der Willensschwäche beschreiben. Das ist die Auslegung der Forschung und nicht Wangs eigene Wortwahl.
Angeborenes Wissen (liangzhi)
Mit Mengzi nennt Wang das angeborene moralische Wissen liangzhi. Jeder Mensch besitzt es, und man kann es nie verlieren, sondern nur aus dem Blick verlieren, wenn eigensüchtige Wünsche es verdecken. Es besteht weniger aus Faktenwissen als aus der Fähigkeit, in einer Lage richtig zu antworten. Zeitgenossen wie Luo Qinshun wandten ein, Wangs Gleichsetzung von Geist und Ordnungsprinzip öffne Willkür und Subjektivismus die Tür.
Das Große Lernen neu gelesen
Zhu Xi las „ge wu“ im Großen Lernen als Dinge erforschen, Wang als Dinge richtigstellen, also sowohl die eigenen Gedanken als auch ihre Gegenstände. Für Zhu geht es dabei vor allem um Wissen, für Wang um Beweggründe und Handeln. Die Stufen im Text sind für Wang kein Rezept in zeitlicher Reihenfolge, sondern Seiten einer einzigen Übung.
Mit Himmel, Erde und allen Dingen ein Körper
Wang meint, der Geist des Menschen bilde mit Himmel, Erde und allen Wesen einen Körper (yi ti). Als Beleg nennt er Gefühle, die nach seiner Ansicht jeder zumindest manchmal hat: Schrecken und Mitgefühl beim Anblick eines Kindes, das in einen Brunnen zu fallen droht, Mitleid mit leidenden Tieren, Bedauern über ausgerissene Pflanzen und sogar über zerbrochene Ziegel und Steine. Dagegen lässt sich einwenden, dass manche Menschen nie Mitgefühl zeigen und dass keineswegs sicher ist, ob alle Menschen auch nur gelegentlich Bedauern über Steine empfinden. Außerdem lassen sich die Gefühle gegenüber Menschen, Tieren und Pflanzen auch ohne Wangs Lehre erklären, etwa aus der Evolution.
Begriffe
- xin (Herz-Geist)
- li (Ordnungsprinzip)
- liangzhi (angeborenes Wissen vom Guten)
- zhixing heyi (Einheit von Wissen und Handeln)
- ge wu (die Dinge richtigstellen)
- yi ti (mit allem eins sein)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 5 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Wang Yangming kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Zhu XiPrüfstand: belegt
Wang bestreitet Zhu Xis Auslegung des Großen Lernens und seine Methode, das Ordnungsprinzip durch Erforschen der Dinge und Studium der Klassiker zu finden. Er hält sie für ethisch irreführend, weil sie nach seiner Sicht Menschen hervorbringt, die nur studieren statt zu handeln.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Wang Yangming. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Dai ZhenPrüfstand: belegt
Dai richtet seine Kritik an den Neokonfuzianern der Song- und Ming-Zeit auch gegen Wang und die Lu-Wang-Schule. Seine drei Hauptvorwürfe: Sie verleiteten dazu, subjektive Meinungen für unfehlbares moralisches Wissen zu halten, lasen buddhistisch geprägte Begriffe in die alten Klassiker hinein und übersahen den ethischen Wert gewöhnlicher körperlicher Wünsche.
Übernimmt Gedanken von
Wang Yangming übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Cheng HaoPrüfstand: belegt
Wang Yangming übernahm und erweiterte Cheng Haos Verständnis von ren (Menschlichkeit) als Einheit mit allen Dingen, die einen Körper bilden; ein Schüler fragte ihn ausdrücklich nach diesem Satz von „Meister Cheng“. Daneben wurde Cheng Haos Lehre über mehrere Schülergenerationen und Lu Jiuyuan an die Schule des Herzens weitergegeben, deren Höhepunkt Wang Yangming ist.
Mengzi (Menzius, Meng Ke)Prüfstand: belegt
Wang Yangming erklärt das „reine Wissen“ (liangzhi, angeborenes Wissen vom Guten) ausdrücklich mit Mengzis Gedanken, dass alle Menschen ein Herz für Billigung und Missbilligung haben, das ohne Nachdenken weiß. Seine Lehre von der Einheit von Wissen und Handeln vertrat er als Deutung von Mengzis Ansicht.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Wang Yangming weiter, meist über Texte.
Mou ZongsanPrüfstand: belegt
Mou und die anderen Neuen Konfuzianer stehen auf der Seite von Wang Yangming: Das Gute muss man im eigenen Inneren finden, nicht in den Erscheinungen. Mou ordnet Wangs Schule allerdings nicht an die höchste Stelle, sondern sieht in einer dritten Linie um Hu Hong und Liu Zongzhou die eigentliche Mitte der Tradition.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Wang wurde 1472 in der heutigen Provinz Zhejiang als Sohn eines erfolgreichen Beamten geboren. Er lernte die Vier Bücher der konfuzianischen Tradition, also Gespräche des Konfuzius, Großes Lernen, Mitte und Mengzi, zusammen mit den Kommentaren Zhu Xis. Diese galten auch als Stoff für die staatlichen Prüfungen, den Weg zu Amt und Ansehen.[1]
Anekdote belegt
Wang berichtet, er habe mit seinem Freund Qian versucht, nach Zhu Xis Methode das Ordnungsprinzip der Dinge zu ergründen, und sich dafür den Bambus vor dem Pavillon vorgenommen. Qian wurde nach drei Tagen krank, Wang selbst nach sieben. Ob die beiden Zhu Xis Methode richtig angewendet haben, ist fraglich, denn Zhu Xi empfahl vor allem das Studium der klassischen Texte. Das Erlebnis prägte aber Wangs spätere Philosophie.[1]
Zeitgeschehen belegt
Wang bestand 1499 die höchste Beamtenprüfung und stieg rasch in der Verwaltung auf. 1506 schrieb er eine Protestschrift an den Kaiser gegen einen Eunuchen, der am Hof unrechtmäßig Einfluss hatte. Der Eunuch ließ ihn öffentlich schlagen und in einen unbedeutenden Posten im heutigen Guizhou verbannen. Dort erlebte er 1508 nach den Quellen eine tiefe philosophische Einsicht: Den Maßstab für das Gute muss man im eigenen Geist suchen und nicht draußen in den Dingen.[1]
Biografie belegt
Nach der Rückkehr aus der Verbannung erhielt Wang hohe zivile und militärische Ämter. Als Gouverneur von Jiangxi hatte er 1519 einen Aufstand des Prinzen von Ning niederzuschlagen. Seine Gespräche und Briefe sammelten Schüler nach und nach im Chuanxilu, das eine der wichtigsten Quellen seiner Philosophie ist. Dass diese Gespräche mitten in seinem Berufsleben stattfanden, passt zu seiner Lehre von der Einheit von Wissen und Handeln.[1]
Biografie belegt
1527 zog Wang gegen einen weiteren Aufstand. In der Nacht davor wurde seine Schrift „Fragen zum Großen Lernen“ aufgezeichnet, die neuen Schülern als Einführung in seine Philosophie dienen sollte. Wang schlug den Aufstand nieder, starb aber 1529. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Dieser Geist ist leuchtend und hell. Was bleibt noch zu sagen?“[1]
Kritik
Dai Zhen warf Neokonfuzianern wie Wang später vor, sie verleiteten dazu, subjektive Meinungen für unfehlbares moralisches Wissen zu halten, läsen buddhistisch geprägte Begriffe in die alten Klassiker hinein und übersähen den ethischen Wert gewöhnlicher körperlicher Wünsche.
Wirkung heute
Wangs Einwand gegen Zhu Xi, dessen Weg bringe Gelehrte hervor, die über Ethik reden, statt ethisch zu handeln, kann man heute für sehr aktuell halten, zumal Ethikunterricht nach empirischen Befunden wenig am Verhalten ändert. In Japan heißt seine Lehre Ōyōmeigaku; ihr folgten Gelehrte wie Nakae Tōju, und sie inspirierte einige Anführer der Meiji-Restauration von 1868. Im 20. Jahrhundert teilen viele Neue Konfuzianer die Ansicht Mou Zongsans, Wang habe den Konfuzianismus tiefer und rechtgläubiger verstanden als Zhu Xi.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Dein Team nach einem Workshop alle Werte kennt, aber niemand danach handelt, kannst Du mit Wang fragen, ob das Wissen wirklich vorhanden ist. Frag nach der kleinen, sofort möglichen Handlung: Was tust Du morgen früh anders? Das ist eine Übertragung und keine Aussage Wangs über Führung.
Lebensstationen
- 1472Geburt in der heutigen Provinz Zhejiang
- 1499Bestehen der höchsten Beamtenprüfung
- 1506Protest gegen einen Eunuchen am Hof, Auspeitschung und Verbannung nach Guizhou (die Quellen datieren Verbannung und Protest zwischen 1506 und 1507)
- 1508Philosophische Einsicht in Guizhou: Das Ordnungsprinzip liegt im eigenen Geist
- 1519Niederschlagung des Aufstands des Prinzen von Ning als Gouverneur von Jiangxi
- 1527Aufzeichnung der „Fragen zum Großen Lernen“ vor einem weiteren Feldzug
- 1529Tod nach dem Feldzug
Werke
Chuanxilu (Aufzeichnungen zur Übung und Praxis, englisch „Instructions for Practical Living“); Daxue wen (Fragen zum Großen Lernen)
Lesetipps
- Einstieg
- Wang Yangming, Instructions for Practical Living and Other Neo-Confucian Writings, übersetzt von Wing-tsit Chan (Columbia University Press, 1963)
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Wang Yangming“
Noch nicht sicher belegt
- Die Quellen datieren Wangs Protest und Verbannung unterschiedlich: Die Stanford Encyclopedia of Philosophy und Wikipedia nennen 1506, die Internet Encyclopedia of Philosophy gibt die Verbannung mit 1507 bis 1510 an. Das Entstehungsjahr der ersten Ausgabe des Chuanxilu und eine deutsche Übersetzung konnten nicht belegt werden. Wang Gen gilt als bekannter Vertreter von Wangs Schule; ob er selbst bei Wang lernte, wurde nicht eigens belegt.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 4: China. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Wang Yangming
- [1]Wang Yangming, Abschnitt 1 Life · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wang Yangming · Britannica
- [4]Wang Yangming · Wikipedia
- [5]Qian Dehong · Wikipedia
- [6]brill.com/display/title/72565 · Webseite