W. E. B. Du Bois
1868–1963 · Atlanta
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Soziologe, Historiker und Bürgerrechtler, der als Schüler von William James die Frage nach Folgen und Erfahrung auf Rassismus und soziale Probleme in den USA anwendet.
Er studierte bei William James in Harvard und gilt in der Forschung (nach SEP) teils als Pragmatist, teils als Hegelianer. Er verbindet die pragmatische Frage nach Wirkungen mit einer Erfahrung von Ausschluss, die James, Dewey und Addams so nicht teilten.
Kernidee
Du Bois versteht ein soziales Problem als Scheitern einer Gruppe, ihre Ideale unter den gegebenen Lebensbedingungen zu verwirklichen. Darum will er solche Probleme zuerst genau erforschen (Statistik, Geschichte, Befragung) und dann gezielt verändern. Zugleich beschreibt er, wie sich diese Lage von innen anfühlt: als Doppelbewusstsein, also das Gefühl, sich ständig mit den Augen anderer zu sehen.
Bekannt für
Man kennt Du Bois als Mitbegründer der NAACP (Bürgerrechtsorganisation), als Herausgeber der Zeitschrift The Crisis und als Autor von The Souls of Black Folk (1903), einem Buch über Selbstbild und politische Lage schwarzer Amerikaner. Er war 1895 der erste Schwarze mit einem Harvard-Doktortitel, später Professor in Atlanta.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Soziale Probleme als Anpassungsversagen
Du Bois definiert 1898 ein soziales Problem als das Scheitern einer organisierten Gruppe, ihre Ideale zu verwirklichen, weil sie eine gewünschte Handlungslinie nicht an die gegebenen Lebensbedingungen anpassen kann. Das Denken ist hier an Handeln und Bedingungen gebunden, nicht an Prinzipien allein. Wenn ein Team seine Ziele ständig verfehlt, fragst du nach den Bedingungen und nicht zuerst nach der Schuld Einzelner.
Soziologie als Wissenschaft für Reformen
Nach SEP unterscheidet er das unmittelbare Ziel der Wissenschaft (Wissen) von ihren mittelbaren Zwecken, bei ihm vor allem der Reform der Gesellschaft. Wissen über soziale Regelmäßigkeiten hilft, wirksame Pläne zu machen, Wissen über Zufall hilft, Risiken abzusichern. Ein Unternehmen, das erst Daten über Fluktuation und Gründe der Kündigung sammelt und dann Maßnahmen wählt, arbeitet nach demselben Muster.
Doppelbewusstsein
Mit diesem Begriff beschreibt Du Bois, wie schwarze Menschen sich durch die Augen eines vorurteilsvollen Umfelds sehen. Das Problem ist also auch eine innere, gelebte Erfahrung und nicht nur eine Zahl in einer Statistik. Wer in einem Team ständig daran gemessen wird, wie andere ihn einordnen, trägt eine solche Doppelrolle, die in keiner Leistungskennzahl auftaucht.
Begriffe
- Doppelbewusstsein
- : das Erleben, sich selbst durch die Augen eines vorurteilsvollen Umfelds zu sehen und den eigenen Wert daran zu messen
- Rassenproblem
- : das zentrale Thema seines Werks: die Lage schwarzer Amerikaner, die er als Bündel sozialer Probleme wissenschaftlich untersucht
- soziales Problem
- : das Scheitern einer organisierten Gruppe, ihre Ideale unter den gegebenen Lebensbedingungen zu verwirklichen (Definition von 1898)
- Soziologie als Reformwissenschaft
- : Soziologie erforscht zuerst genau, wie Gesellschaft funktioniert, damit Wissen zu wirksamen Reformen führt
- Talented Tenth
- : Du Bois' Idee einer gebildeten schwarzen Elite, die die Masse anleiten soll; später sprach er von einer „neuen Idee“ dazu
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- William James: Du Bois belegte 1889/90 in Harvard Philosophiekurse bei ihm
- Gustav von Schmoller: Du Bois arbeitete in Berlin eng mit ihm (jüngere Historische Schule)
Gegner
- Booker T. Washington: Du Bois lehnte dessen Atlanta-Kompromiss (Hinnahme von Segregation gegen Bildung und wirtschaftliche Chancen) ab
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von William JamesDeutung
Du Bois belegte 1889/90 Philosophiekurse bei James, und er schreibt später, er sei auf seinen James zurückgefallen (SEP).
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Georg Wilhelm Friedrich HegelDeutung
Ein Teil der Forschung liest besonders Souls im Licht von Hegels Phänomenologie des Geistes (SEP); das ist eine Deutung, Taylor hält Hegel und Pragmatismus für vereinbar.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Max WeberDeutung
Du Bois lernte Weber in Berlin kennen, Weber war beeindruckt und traf ihn 1904 in den USA wieder (Wikipedia); Du Bois schreibt zugleich rückblickend, er sei auf Royce und James zurückgefallen und habe Schmoller und Weber hinter sich gelassen (SEP, Zitat aus 1944).
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit John DeweyDeutung
Neuere Forschung (Sullivan 2006, Macmullen 2009) verbindet seine Moralpsychologie mit Deweys Gewohnheitsbegriff, um Weißsein zu analysieren (SEP).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Du Bois erhielt 1894 keine weitere Förderung des Slater Fund (einer Stiftung, die sein Studium in Berlin bezahlt hatte) und konnte die Aufenthaltspflicht für den Berliner Doktortitel nicht erfüllen; den Harvard-Doktor bekam er 1895. Seine Fragestellung entsteht in einem Umfeld, in dem Schwarzen Bildung und Karrierewege systematisch erschwert waren.[1]
Zeitgeschehen belegt
Im Kalten Krieg wurde er 1951 als angeblich nicht registrierter ausländischer Agent angeklagt und freigesprochen; die Regierung zog seinen Pass für acht Jahre ein. Seine späte Nähe zum Kommunismus und seine Skepsis gegenüber dem Kapitalismus stehen im Zusammenhang mit dieser Verfolgung und mit seiner Enttäuschung über die NAACP, die ihn im Prozess kaum unterstützte.[2]
Biografie Deutung
Die SEP verweist darauf, dass Appiah Du Bois' Denken vom deutschen Milieu des späten 19. Jahrhunderts geprägt sieht (Berlin, der Nationalökonom Gustav von Schmoller, bei dem er studierte), während Curry den Einfluss schwarzer Autoren betont. Wie stark welche Prägung war, ist in der Forschung umstritten.[1]
Kritik
Seine Idee der Talented Tenth, einer gebildeten schwarzen Elite, die die Masse anleiten soll, gilt als elitär; Du Bois selbst überdachte sie später und sprach von einer neuen Idee der Talented Tenth (SEP). Wikipedia hält fest, dass er Eugenik (den Versuch, die Erbanlagen einer Bevölkerung gezielt zu beeinflussen) in ihrem Grundsatz teilte, auch wenn er ihre rassistische Variante als unwissenschaftlich ablehnte.
Wirkung heute
Sein Zugang, soziale Probleme zuerst empirisch zu untersuchen und dann gezielt zu verändern, prägt Soziologie und Sozialpolitik bis heute. Der Begriff Doppelbewusstsein wird in Philosophie und Sozialwissenschaft breit diskutiert (SEP).
Brücke zu Führung und Coaching
Zahlen zeigen dir, wo ein Problem liegt, aber nicht, wie es sich für die Betroffenen anfühlt. Frage in deinem Team: Wer wird bei uns durch die Brille anderer gesehen, und welche Rolle muss er deshalb dauernd spielen? Sammle dazu erst Daten (Fluktuation, Beförderungen) und führe dann Gespräche, bevor du Maßnahmen wählst.
Zitate
„Das Gefühl, sich immer mit den Augen anderer zu sehen und die eigene Seele am Maßband einer Welt zu messen, die in belustigter Verachtung und Mitleid zuschaut.“
Lebensstationen
- 1868Geboren in Great Barrington, Massachusetts
- 1889Philosophiekurse bei William James in Harvard (1889/90)
- 1895Doktortitel in Geschichte in Harvard, als erster Schwarzer
- 1903The Souls of Black Folk erscheint
- 1910Leiter für Forschung und Veröffentlichungen der NAACP, Herausgeber von The Crisis
- 1951Anklage als angeblicher ausländischer Agent, Freispruch
- 1963Stirbt in Accra, Ghana
Werke
The Philadelphia Negro (1899)
The Souls of Black Folk (1903)
Darkwater (1920)
Black Reconstruction in America (1935)
Dusk of Dawn (1940)
Anekdote überliefert
Als Student in Berlin lernte Du Bois Max Weber kennen; Weber war von ihm sehr beeindruckt und führte ihn später als Gegenbeispiel gegen Rassisten an, die die Unterlegenheit Schwarzer behaupteten. 1904 trafen sich die beiden bei Webers Reise durch die USA wieder, kurz vor dem Erscheinen der Protestantischen Ethik.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- W. E. B. Du Bois: The Souls of Black Folk (1903), Ausgabe Oxford University Press 2007 (in der SEP-Bibliografie geführt), als Einstieg in Doppelbewusstsein und Du Bois' Stil; eine deutsche Ausgabe konnte nicht mit Verlag und Jahr belegt werden.
- Vertiefung
- Robert Gooding-Williams: In the Shadow of Du Bois. Afro-Modern Political Thought in America (Harvard University Press, 2009), in der SEP-Bibliografie geführt
Noch nicht sicher belegt
- Die deutsche Ausgabe von Souls konnte nicht mit Verlag und Jahr belegt werden; der Deutschlandfunk-Bericht wurde beim Prüfen nicht abgerufen und ist als Quelle entfernt, ebenso das dort berichtete Weber-Lob ('brillant'). Zitat als eigene Übersetzung des im SEP-Eintrag zitierten englischen Satzes. 'Erster Schwarzer mit Harvard-Doktortitel' nach SEP-Zeittafel und Wikipedia. Die Kante zu Hegel ist eine Deutung der Forschung (SEP); die Kante zu Dewey beruht auf neuerer Forschung (Sullivan 2006, Macmullen 2009) und nicht auf persönlichem Austausch.
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Du Bois
- [1]SEP: W.E.B. Du Bois (Zeittafel) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia: W. E. B. Du Bois · Wikipedia
- [3]Wikipedia (de): W. E. B. Du Bois · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [4]Wikipedia (de): Eugenik · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20