Landkarte der Philosophie

Ralph Cudworth

1617–1688 · Cambridge

Strömung
Rationalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Führender Cambridge-Platoniker und Theologe, der Descartes ernst nahm, aber die Natur nicht auf bloße Mechanik reduzieren wollte, und der Hobbes' Materialismus am gründlichsten bekämpfte.

Er schätzt Descartes' Trennung von Körper und Geist, kritisiert aber dessen rein mechanische Naturerklärung und dessen Gottesbeweis. Mit Henry More teilt er die Cambridge-Schule, mit Hobbes liefert er sich den schärfsten Streit, und seine Tochter Damaris Masham war mit Locke befreundet.

Kernidee

Cudworth glaubt, dass der Geist älter ist als die Welt und dass Moral nicht vom Willen eines Herrschers abhängt, sondern ewig gilt. Erkenntnis ist für ihn keine bloße Aufnahme von außen, sondern eine Tätigkeit des Geistes von innen. Zwischen Gott und der Natur setzt er eine unbewusst wirkende, ordnende Kraft, die er plastische Natur nennt.

Bekannt für

Cudworth ist der Hauptvertreter der Cambridge-Platoniker und schrieb mit dem True Intellectual System ein fast 900 Seiten starkes Werk gegen den Atheismus. Seine Lehre von der plastischen Natur wurde noch im 18. Jahrhundert zwischen Bayle und Le Clerc diskutiert.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Der Geist geht der Welt voraus

Für Cudworth ist der Geist Gottes das Urbild, nach dem die sinnliche Welt gebaut wurde. Das Geistige steht in der Rangordnung vor dem Körperlichen, wie eine Vorlage vor ihrer Kopie. Das ist wie bei einem Projekt: Der Plan steht im Kopf, bevor der erste Handgriff getan ist.

Plastische Natur

Cudworth hält die rein mechanische Physik für unzureichend, um Leben, Ordnung und Zusammenhalt der Natur zu erklären. Darum nimmt er eine untergeordnete, unbewusst wirkende Kraft an, die Gottes Ziele in der Natur ausführt und dabei Fehler machen kann. In einem Unternehmen wäre das die gut eingespielte Routine, die Dinge am Laufen hält, ohne dass die Geschäftsführung jeden Handgriff anordnen muss.

Ewige Moral und aktives Erkennen

Gut und gerecht sind nach Cudworth nicht, weil jemand es befiehlt, sondern von Natur aus und unveränderlich. Erkennen ist dabei keine passive Aufnahme, sondern eine Leistung des Geistes, der Ideen von innen entfaltet. Ein Team, das nur Anweisungen abarbeitet, hat deshalb weniger Einsicht als eines, das die Gründe versteht.

Begriffe

Cambridge-Platonismus
Plastische Natur
angeborene Ideen
Selbstbestimmung
Bewusstsein
ewige und unveränderliche Moral

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Schüler

  • Damaris Masham: seine Tochter, die später selbst Philosophin wurde

Freunde

  • Henry More: Mitstreiter der Cambridge-Platoniker, mit ähnlicher Lehre von einer vermittelnden Naturkraft

Gegner

  • Thomas Hobbes: Cudworth greift dessen Materialismus und die Gleichsetzung von Moral und Konvention an
  • Descartes: Kritik an mechanischer Naturerklärung, Gottesbeweis und der Gleichsetzung von Denken und Bewusstsein
  • Spinoza: wird im True Intellectual System als Atheist (Hylozoist) behandelt

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf René DescartesDeutung

    Cudworth übernimmt Descartes' Körperbegriff und Wahrnehmungstheorie, kritisiert aber Gottesbeweis und mechanische Naturerklärung (SEP).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Thomas HobbesDeutung

    Cudworths Kritik gilt als die ausführlichste philosophische Antwort auf Hobbes' Materialismus und Moralkonventionalismus (SEP).

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Damaris MashamDeutung

    Damaris Masham ist seine Tochter und wurde selbst Philosophin (SEP).

  • persönlich verbunden mit Henry MoreDeutung

    Zwischen plastischer Natur und Mores Naturgeist bestehen laut SEP starke Verwandtschaften.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Cudworths Laufbahn fiel in den Englischen Bürgerkrieg. Er galt als dem Regime des Interregnums verbunden, behielt aber nach der Wiederherstellung der Monarchie 1660 seine Stellen in Cambridge.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Er war Pfarrer und Universitätsmann, Regius-Professor für Hebräisch und Master von Clare Hall und Christ's College. Sein Denken ist stark vom Ziel geprägt, Philosophie und Religion miteinander zu vereinbaren.[2]

  • Biografie Deutung

    Britannica beschreibt ihn als puritanisch aufgewachsen, mit zunehmender Abwendung vom Puritanismus in der Politik; seine Predigt vor dem Unterhaus 1647 gilt als Appell zu Frieden und Versöhnung. Dass diese Herkunft sein Eintreten für Vernunft und Toleranz prägte, ist eine Deutung.[3]

Kritik

Cudworths umfangreiche Gelehrsamkeit gilt heute eher als Hindernis, und die Idee einer zeitlosen Weisheit aller Zeiten wirkt auf moderne Leser fremd. Auch die plastische Natur blieb umstritten, etwa im Streit zwischen Bayle und Le Clerc. Als reiner Rationalist ist er nach der Forschung von Passmore nicht mehr zu verstehen.

Wirkung heute

Seine Ideen zu Selbstbestimmung, Bewusstsein und unbewussten Abläufen werden von der Forschung wieder entdeckt. Dass Moral nicht bloß aus einem Befehl besteht, ist bis heute ein Standardargument gegen reine Befehlsethik.

Brücke zu Führung und Coaching

Cudworth stellt die Frage, ob eine Regel gilt, weil jemand sie anordnet, oder weil sie sinnvoll ist. Prüfe in deinem Team eine Regel, die du bisher nur mit Autorität begründest: Kannst du ihren Grund so erklären, dass das Team ihn selbst einsieht? Wer das schafft, braucht weniger Kontrolle.

Lebensstationen

  1. 1639Wird Fellow am Emmanuel College in Cambridge
  2. 1645Master von Clare Hall und Regius-Professor für Hebräisch
  3. 1647Predigt vor dem Unterhaus mit der Botschaft von Frieden und Versöhnung
  4. 1654Master des Christ's College, das er bis zu seinem Tod leitet
  5. 1678Erscheint The True Intellectual System of the Universe
  6. 1688Stirbt in Cambridge

Werke

The True Intellectual System of the Universe (1678); A Treatise Concerning Eternal and Immutable Morality (postum 1731); A Treatise of Freewill (postum 1838)

Anekdote belegt

Cudworths Tochter Damaris, spätere Lady Masham, überließ Leibniz ein Exemplar des True Intellectual System. Nach der Stanford Encyclopedia kannte Leibniz das Werk auch in der französischen Auszugsfassung von Jean Le Clerc.[1]

Lesetipps

Einstieg
Ralph Cudworth: A Treatise Concerning Eternal and Immutable Morality with A Treatise of Freewill, hrsg. von Sarah Hutton, Cambridge University Press 1996 (englisch, der kompakteste Zugang zu seinem Denken)
Vertiefung
John A. Passmore: Ralph Cudworth. An Interpretation (1951)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr: der SEP-Eintrag zu Cudworth nennt 1618, der SEP-Eintrag zu Henry More, Wikipedia und Britannica (mit ODNB) 1617; hier 1617, weil die SEP selbst uneinheitlich ist. Zitat bewusst weggelassen (nur englische Originalstelle ohne deutsche Übersetzung abgerufen). Die Sätze zum Alltagsbeispiel Architekt und Routine sind eigene Veranschaulichungen, keine Quellenaussagen. Die Aussage 'fast 900 Seiten' stammt aus der SEP. Deutschsprachige Ausgabe nicht ermittelt. Prüfer: Die Freundschaft mit Henry More belegt der SEP-Eintrag zu More ('close friend and colleague'), der SEP-Eintrag zu Cudworth spricht nur von starken Verwandtschaften zwischen plastischer Natur und Naturgeist; SEP More ergänzt. Die SEP schreibt das Wort 'Cartesianism' sowohl Cudworth (Eintrag Cudworth) als auch More (Eintrag More) zu.

Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Cudworth

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Ralph Cudworth · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia: Ralph Cudworth · Wikipedia
  3. [3]Britannica: Ralph Cudworth · Britannica
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Henry More · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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