Landkarte der Philosophie

Damaris Masham

1658–1708 · Cambridge, Oates (Essex)

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Eine der frühesten englischen Philosophinnen: Freundin und Gastgeberin Lockes, die dessen Erfahrungslehre mit einer vernunftbasierten Ethik und der Forderung nach Bildung für Frauen verbindet.

Masham steht im Netz neben Locke, dessen Erkenntnislehre sie früh verteidigt und in Ethik und Religion weiterführt. Sie streitet mit Leibniz und kennt über Oates (das Landgut in Essex, auf dem sie und Locke lebten) auch Newton.

Kernidee

Masham hält die Liebe zu Gott für etwas, das wir aus der Beobachtung der Welt vernünftig ableiten, und nicht für eine eingepflanzte Idee. Religion und Moral gehören für sie zusammen, und beide brauchen Vernunft und Freiheit. Wer Kinder moralisch erziehen soll, braucht selbst Bildung: Das macht sie zu einem frühen Argument für die Bildung von Frauen.

Bekannt für

Masham ist bekannt als enge Freundin Lockes, in deren Haus in Oates er seine letzten Lebensjahre verbrachte und starb. Neuere Forschung sieht in ihr zugleich eine eigenständige Philosophin, deren zwei anonym erschienene Bücher zeitweise Locke zugeschrieben wurden.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Gottesliebe aus Vernunft statt eingepflanzter Idee

In ihrem Discourse widerspricht Masham dem Locke-Kritiker John Norris (einem englischen Philosophen, der Nächstenliebe für zweitrangig hielt und Weltabgewandtheit empfahl), der Gott als einzige wahre Ursache von Lust und damit als einziges Ziel der Liebe sah. Sie hält dagegen, dass wir Gott lieben, weil wir die Welt beobachten und vernünftig schließen, dass wir dem Schöpfer etwas schulden, und dass Verachtung der Geschöpfe die Grundlage der Moral zerstört. Wer im Betrieb nur das Ziel lobt und die Menschen auf dem Weg dorthin gering schätzt, untergräbt auf Dauer das Vertrauen im Team.

Vernünftige Religion und Tugend durch Freiheit

In den Occasional Thoughts verteidigt sie ein vernünftiges Christentum gegen den Deismus (Religion allein aus Vernunft, ohne Offenbarung) auf der einen und den Aberglauben auf der anderen Seite. Sie argumentiert, dass Tugend nur in bürgerlicher und religiöser Freiheit wachsen kann und dass man sie durch Einsicht lernt und nicht durch bloße Vorschriften. Das gilt auch für Werte im Unternehmen: Eine Regel, die niemand begreift, wird nur befolgt, solange jemand zusieht.

Bildung für Frauen als Bedingung für Moral

Masham kritisiert die beschränkte und verzerrte Bildung von Mädchen. Sie schließt daraus, dass eine Mutter ihren Kindern keine sinnvolle moralische Erziehung geben kann, wenn ihr selbst Bildung verweigert wird. Wer in einem Betrieb wichtige Aufgaben vergibt, aber Weiterbildung nur einem Teil der Leute anbietet, schwächt am Ende die eigene Entscheidungsqualität.

Begriffe

Liebe zu Gott
: entsteht für Masham aus der vernünftigen Beobachtung der Welt und ist untrennbar mit der Nächstenliebe verbunden
vernünftige Religion
: ein Glaube, der mit der Vernunft eine Einheit bildet und Offenbarungen kritisch prüft, statt blindem Eifer oder bloßem Vernunftglauben zu folgen
Tugend und Freiheit
: Religion ist eine Quelle der Tugend, und moralisches Handeln setzt Handlungsfreiheit voraus, weshalb Menschen für falsche Entscheidungen verantwortlich sind
Bildung von Frauen
: Weil Mütter die moralische Erziehung leisten, ist gute Bildung für Mädchen und Frauen für Masham eine Voraussetzung sittlichen Urteilens
Toleranz
: Masham befürwortet religiöse Duldung, solange die öffentliche Ordnung nicht gefährdet ist

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Ralph Cudworth: ihr Vater, Cambridge-Platoniker, prägte ihre Ethik, lehrte sie aber weder Latein noch Griechisch
  • John Locke: ermutigte ihr Philosophieren, ihre Selbstbildung folgte seinem Erziehungsbuch

Freunde

  • John Locke: enge Freundschaft, zunächst auch Liebesbriefe unter den Decknamen Philoclea und Philander (SEP)
  • Edward Clarke: gemeinsamer Freund, über den sie Locke wohl kennenlernte

Gegner

  • John Norris: Masham kritisiert seine Auffassung, Gott sei einziges Objekt der Liebe
  • Mary Astell: antwortete 1705 auf Mashams Discourse, das Verhältnis wird in der Forschung als Streit oder Verbündetsein diskutiert
  • Leibniz: Streit um vorherbestimmte Harmonie, Substanz und Willensfreiheit

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf John LockeDeutung

    Masham war eine der frühesten Verfechterinnen von Lockes Philosophie, ihre Schriften zeigen deutliche Anklänge an ihn (SEP).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Gottfried Wilhelm LeibnizDeutung

    Im Briefwechsel 1704 bis 1706 (nach SEP; Project Vox: ab Ende 1703) widerspricht Masham Leibniz bei vorherbestimmter Harmonie, Substanz und Willensfreiheit (SEP).

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Gottfried Wilhelm LeibnizDeutung

    Im Briefwechsel 1704 bis 1706 (nach SEP; Project Vox: ab Ende 1703) widerspricht Masham Leibniz bei vorherbestimmter Harmonie, Substanz und Willensfreiheit (SEP).

  • persönlich verbunden mit Isaac NewtonDeutung

    Newton besuchte im Februar 1691 Locke und Masham in Oates (Project Vox).

  • persönlich verbunden mit John LockeDeutung

    Locke und Damaris Masham verband eine enge Freundschaft bis zu seinem Tod, er lebte in ihrem Haus in Oates (IEP, SEP).

  • persönlich verbunden mit Ralph CudworthDeutung

    Damaris Masham ist seine Tochter und wurde selbst Philosophin (SEP).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Ihr Vater unterrichtete sie nicht in Latein und Griechisch, und die Heirat 1685 mit einem Witwer mit neun Kindern verbesserte ihre Möglichkeiten zum Philosophieren kaum. Ihre Schriften erschienen anonym und mit Lockes Ermutigung.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Locke wohnte seit Dezember 1690 in Oates für ein Pfund pro Woche in ihrem Haus, verwaltete ihre Finanzen und kümmerte sich um die Erziehung ihres Sohnes. Das spricht für ein enges Gegenseitigkeitsverhältnis, das ihre Nähe zu Lockes Denken mitgeprägt haben kann.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Ihr Discourse entstand im Streit um Malebranches Philosophie und Lockes Essay: Norris hatte 1690 gegen Locke geschrieben, was nach SEP mit ihrer Gegnerschaft zu ihm zusammenhängen kann. Ihre Werke wurden in der Folge teils Locke zugeschrieben.[1]

Kritik

Mary Astell antwortete 1705 mit einer Gegenschrift auf Mashams Discourse. Locke selbst tat ihre Verteidigung einer höheren Erkenntnisform, wie sie die Cambridge-Platoniker (eine Gruppe englischer Denker, zu der Mashams Vater Ralph Cudworth gehörte) lehrten, als Schwärmerei (Enthusiasm, also religiösen Eifer ohne vernünftige Prüfung) ab. In der Forschung ist umstritten, wie eigenständig sie gegenüber Locke dachte, weil ihre Texte deutliche Anklänge an ihn haben.

Wirkung heute

Masham gilt als Beispiel dafür, wie Frauen die Philosophie der Frühaufklärung mitgestaltet haben, auch wenn sie anonym schrieben. Ihr Argument, dass Bildung für alle Voraussetzung moralischer Urteilskraft ist, trägt in jeder Debatte um Zugang und Weiterbildung.

Brücke zu Führung und Coaching

Masham fragt, wer in einem System die Bildung bekommt, die gute Entscheidungen erst ermöglicht. Schau in deinem Team nach: Wer hat Zugang zu Wissen, Weiterbildung und Entscheidungen, und wer nicht? Frag dich, ob Werte bei euch verstanden oder nur befolgt werden, denn Tugend lernt man laut Masham durch Einsicht und nicht durch Vorschriften.

Zitate

„Eine unvernünftige Religion kann vernünftigerweise nie als von Gott kommend gedacht werden.“

Occasional Thoughts in Reference to a Vertuous or Christian Life, 1705, S. 36, zitiert nach SEP; Original: 'an Irrational Religion can never Rationally be conceived to come from God' (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 1658Geboren in Cambridge als Tochter des Philosophen Ralph Cudworth
  2. 1681Begegnung mit John Locke, danach Briefwechsel ab 1682
  3. 1685Heirat mit Sir Francis Masham, Oates in Essex
  4. 1690Locke zieht dauerhaft in ihr Haus in Oates
  5. 1696Anonyme Veröffentlichung des Discourse Concerning the Love of God
  6. 1705Anonyme Veröffentlichung der Occasional Thoughts
  7. 1708Gestorben während eines Kuraufenthalts in Bath, begraben in Bath Abbey

Werke

A Discourse Concerning the Love of God (1696, anonym)

Occasional Thoughts in Reference to a Vertuous or Christian Life (1705, anonym)

Briefwechsel mit Locke (ab 1682) und Leibniz (1703/04–1706)

Anekdote belegt

John Norris widmete Masham 1690 seine Reflections upon the Conduct of Human Life und schrieb in der Widmung irrtümlich, sie sei erblindet. Sie war zugleich Widmungsträgerin dieses Buchs und Kritikerin seiner Philosophie.[2]

Lesetipps

Einstieg
Damaris Masham, Occasional Thoughts in Reference to a Vertuous or Christian Life (1705), enthalten in The Philosophical Works of Damaris, Lady Masham, mit Einleitung von James G. Buickerood, Thoemmes Press 2004: ihr Text über Vernunft, Freiheit und Frauenbildung (englisch, eine deutsche Ausgabe wurde nicht gefunden).
Vertiefung
Jacqueline Broad, Women Philosophers of the Seventeenth Century (2002), Kapitel 5 (englisch)

Noch nicht sicher belegt

  • Prüfung: Geburtsjahr: SEP und Widmaier nennen 18. Januar 1658 (julianisch), Project Vox 1659 (gregorianisch); hier 1658 wie auf ihrem Grabstein. Sterbeort: Sie starb in Bath und liegt in Bath Abbey (Project Vox, Aeon), die frühere Angabe Oates war falsch und ist korrigiert. Beginn des Leibniz-Briefwechsels: SEP nennt 1704, Project Vox Ende 1703. Das Verhältnis zu Mary Astell wird in der Forschung als offen diskutiert (SEP-Bibliographie: 'Adversaries or Allies?'). Der Todestag 20. April 1708 stammt aus Project Vox und dem Titel von Widmaiers Aufsatz (SEP-Bibliographie). Eine deutsche Ausgabe wurde nicht gefunden. Das Zitat ist eigene Übertragung, der Originalwortlaut ist über SEP belegt. Edward Clarke als Vermittler gibt SEP nur als 'probably' an. Die Alltagsbeispiele in Theorien und Coaching sind eigene Beispiele, keine Quellenaussagen.

Herkunft der Daten: Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Masham

  1. [1]Lady Damaris Masham (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Masham (Project Vox) · Webseite
  3. [3]rep.routledge.com/articles/biographical/masham-damaris-1658-1708/v-1 · Webseite
  4. [4]aeon.co/essays/out-of-john-lockes-shadow-damaris-masham-and-her-philosophy · Webseite
  5. [5]Wikipedia (de): Damaris Masham · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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