Dai Zhen
Philosoph und Philologe · 1724–1777 · Xiuning (heute Anhui), Peking
Kernidee in Kürze
Dai Zhen widerspricht dem Bild, das Ordnungsprinzip (li) sei etwas Abstraktes, das neben dem Stoff (qi) besteht und das der Mensch in einem geklärten Geist erkennt. Für ihn stecken li und dao in den konkreten Dingen und im Alltag, zum Beispiel im Essen und Trinken.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Sind Wünsche und Gefühle ein Hindernis für das Gute, oder gehören sie dazu?
- Position
- Dai hält Wünsche und Gefühle für einen Teil dessen, was gut ist. Das Ordnungsprinzip steckt in den konkreten Dingen und im Alltag und wird durch genaue Untersuchung erkannt.
- Einwand
- Ob Dai Zhu Xi richtig versteht, ist unter Fachleuten umstritten. Zudem lassen sich viele philosophische Fragen nicht allein mit Sprachwissenschaft entscheiden.
- Verbindung
- Dai kritisiert Zhu Xi und Wang Yangming und legt den Mengzi aus. Er nimmt Konfuzius und Mengzi als Maßstab; nach Einschätzung der Forschung übernimmt er zugleich manches aus Xunzis Bild der Selbstbildung.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Dai Zhen war
Chinesischer Gelehrter der Qing-Zeit, der die Neokonfuzianer der Song- und Ming-Zeit, vor allem Zhu Xi, scharf kritisierte und menschliche Wünsche und Gefühle als Teil des Guten ansah.
Im Netz der Landkarte steht Dai Zhen in der Qing-Zeit als Kritiker des Neokonfuzianismus von Zhu Xi und Wang Yangming. Er verbindet philosophische Fragen mit der genauen Textarbeit der Gelehrten seiner Zeit.
Kernidee genauer
Weil li im Alltag liegt, sind für ihn Wünsche und Gefühle kein Hindernis für das Gute, sondern ein Maßstab, an dem man gutes Handeln erkennt. Wissen über das Gute gewinnt man seiner Ansicht nach durch genaue Untersuchung und durch das Studium der alten Klassiker.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Dai wuchs in armen Verhältnissen auf, und sein Lehrer konnte ihm die Bedeutung der Begriffe in den Klassikern nicht erklären. Dai lieh sich daraufhin die Kommentare zu den Dreizehn Klassikern. Mit siebzehn Jahren fand er nach eigener Darstellung seine lebenslange Methode: den Weg der Weisen über die genaue Bedeutung der Wörter in den alten Texten zu erschließen.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1 Life and Writings
Bekannt für
Bekannt ist Dai für seine Kritik, die Neokonfuzianer hätten Wünsche zu Unrecht als Hindernis der Moral behandelt, und für sein Hauptwerk „Mengzi ziyi shuzheng“. Ein Alltagsbeispiel: Du willst Dein Team nicht dazu bringen, Wünsche nach Sicherheit und Anerkennung zu unterdrücken, sondern sie als Teil dessen zu sehen, was ein gutes Miteinander ausmacht.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das Ordnungsprinzip steckt in den Dingen
Dai bestreitet, dass das Ordnungsprinzip (li) ein von Stoff (qi) getrenntes, unstoffliches Gebilde ist, das sich mit dem Stoff verbindet. Er versteht li als die übliche Ordnung und Regelmäßigkeit, nach der Dinge aufgebaut sind und sich verhalten. Ein Landtier etwa lebt nach dieser Ordnung an Land, weil es dort überleben kann. Ob Zhu Xi tatsächlich so dualistisch dachte, wie Dai es darstellt, ist unter Fachleuten umstritten.
Wünsche und Gefühle als Maßstab
Dai versteht den Weg des Menschen zumindest teilweise als Erfüllung von Gefühlen (qing) und körperlichen Grundwünschen (yu). Zu diesen Grundwünschen zählt er das Verlangen nach Klängen, Farben, Gerüchen und Geschmäckern sowie den Wunsch zu leben und die Furcht vor dem Tod. Er hält es für einen Fehler, Wünsche nur als Hindernis für Erkenntnis und Moral anzusehen. Die Erfüllung der Grundwünsche gehört für ihn zum richtigen li. Zhu Xi würde zwar auch erlauben, etwa Hunger und Durst zu stillen, aber nur, wenn das zu moralischen Normen passt, die anderweitig begründet sind. Für Dai dagegen bestimmen Wünsche und Gefühle den Inhalt der Normen mit.
Die Klassiker tragen den Weg
Dai geht davon aus, dass man den Weg (dao) der alten Weisen nur über die Sechs Klassiker, Konfuzius und Mengzi erreicht. Jede Auffassung vom dao müsse sich an ihnen prüfen lassen. Dafür muss man seiner Ansicht nach jedes Wort der Klassiker genau verstehen, was Sprach- und Sachkenntnis verlangt. Wer den Weg allein im eigenen Herz-Geist sucht, muss erst zeigen, dass er dasselbe findet wie die Klassiker.
Das Natürliche und das Gebotene
Zu Dais Lehren gehört, dass das, was dem Menschen von Natur aus entspricht (ziran), und das, was geboten ist (biran), nicht zwei getrennte Dinge sind. Wer das Natürliche genau und fehlerfrei durchdenkt, erkennt daran das Gebotene. Wer es einfach laufen lässt, verliert es dagegen.
Begriffe
- li (Ordnungsprinzip
- bei Dai: die Ordnung und Regelmäßigkeit konkreter Dinge)
- dao (Weg)
- qi (Stoff
- Lebensenergie)
- yu (körperliche Grundwünsche)
- qing (Gefühle)
- kaozhengxue (Lernen auf Grundlage von Belegen)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Dai Zhen kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Wang Yangming (Wang Shouren)Prüfstand: belegt
Dai richtet seine Kritik an den Neokonfuzianern der Song- und Ming-Zeit auch gegen Wang und die Lu-Wang-Schule. Seine drei Hauptvorwürfe: Sie verleiteten dazu, subjektive Meinungen für unfehlbares moralisches Wissen zu halten, lasen buddhistisch geprägte Begriffe in die alten Klassiker hinein und übersahen den ethischen Wert gewöhnlicher körperlicher Wünsche.
Zhu XiPrüfstand: belegt
Dai wirft Zhu Xi vor, das Wesen von dao und li falsch zu verstehen und deshalb Wünsche und Gefühle zu Unrecht als Hindernis der Moral zu behandeln. Ob Dai Zhu Xi damit richtig wiedergibt, ist unter Fachleuten umstritten.
Übernimmt Gedanken von
Dai Zhen übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
KonfuziusPrüfstand: belegt
Dai hält Konfuzius und Mengzi neben den Sechs Klassikern für den Maßstab, an dem sich jede Auffassung vom Weg messen lassen muss, und wirft früheren Denkern vor, ihm nicht zu entsprechen.
Xunzi (Xun Kuang)Prüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Dai sieht sich selbst auf der Seite Mengzis, dessen Bild der menschlichen Natur er für überzeugender hält, und verwirft Xunzis Ausgangspunkt, so wie er ihn liest: Wer gut werden wolle, müsse ganz ohne Anlage zum Guten beginnen. Zugleich übernimmt er nach Einschätzung der Forschung viel von Xunzis Bild der Selbstbildung: Die natürlichen Neigungen müssen umgeformt werden, und der Herz-Geist regiert die Wünsche wie ein Herrscher, der erlaubt oder verbietet, beschrieben mit fast denselben Worten wie bei Xunzi. Der Forscher Kwong-loi Shun meint sogar, Dais Verteidigung Mengzis verdanke Xunzi mehr als Mengzi.
Untersucht
Dai Zhen untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Mengzi (Menzius, Meng Ke)Prüfstand: belegt
Dais philosophisches Hauptwerk ist eine belegende Auslegung der Begriffe im Mengzi. Er legt Mengzi als Grundlage neben den Sechs Klassikern und Konfuzius aus und findet dort die philosophisch plausibelste Deutung des Weges.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Dai wuchs in einer armen Familie in Xiuning in der heutigen Provinz Anhui auf und konnte keine berühmten Lehrer bezahlen. Sein Lehrer an einer Privatschule konnte seine Fragen zur Bedeutung der Begriffe in den Klassikern nicht beantworten und gab ihm Wörterbücher. Dai lieh sich daraufhin die Kommentare zu den Dreizehn Klassikern von einem Freund. Nach seiner eigenen Darstellung fasste er mit siebzehn den Plan, den Weg der alten Weisen zu verstehen.[1]
Zeitgeschehen belegt
Zu Dais Zeit galt Philosophie als zu spekulativ, weil man die Übertreibungen der Song- und Ming-Denker kritisch sah. Geschätzt wurden Forschungen auf der Grundlage von Belegen (kaozhengxue), also etwa Sprachwissenschaft, Geographie, Astronomie und Mathematik. Auf die Kritik, sein Frühwerk „Yuan Shan“ sei leeres Gerede, reagierte Dai, indem er es mit Zitaten aus den Klassikern ausbaute. Die schlechte Aufnahme enttäuschte ihn, und er veröffentlichte das Buch auch nach der Fertigstellung 1766 nicht.[1]
Biografie belegt
Dai bestand 1762 die Prüfung auf Provinzebene, fiel aber von 1763 bis 1775 fünfmal bei der Prüfung in der Hauptstadt durch. Wegen seines Rufs als führender Gelehrter der Belegforschung und seiner Freundschaften mit angesehenen Gelehrten im Staatsdienst wurde er Herausgeber im 1772 gegründeten Büro der Vier Speicher (Sikuguan), das eine umfassende Bibliothek aller wertvollen Schriften zusammenstellen sollte. Seine Arbeit dort brachte ihm 1775 vom Kaiser einen Titel ein, der von den Prüfungsergebnissen unabhängig war.[1]
Biografie belegt
Vor seinem unerwarteten Tod 1777 vollendete Dai sein philosophisches Hauptwerk, die belegende Auslegung der Begriffe im Mengzi. Er überarbeitete es über ein Jahrzehnt, vielleicht schon ab 1765, und schrieb den ersten Entwurf 1772, als er Krankheit vortäuschte, um Urlaub zu bekommen. Er starb teils an den Folgen von Überarbeitung und ärztlicher Fehlbehandlung.[1]
Rezeption belegt
Zu Lebzeiten wurden Dais Beiträge zu anderen Fächern anerkannt, seine Philosophie fand dagegen wenig Beachtung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts belebten Denker wie Zhang Taiyan, Liang Qichao und Hu Shi das Interesse. Seitdem gilt Dai als der wichtigste ethische, psychologische und metaphysische Denker der mittleren Qing-Zeit.[1]
Kritik
Unter Fachleuten ist umstritten, ob Dai Zhu Xi mit dessen Unterscheidung von li und qi richtig wiedergibt. Dai erklärt sich auch nicht eindeutig zum Monisten, also zum Vertreter der Lehre, dass alles aus einem einzigen Stoff besteht. Gegen seine Methode lässt sich einwenden, dass Sprachwissenschaft allein nicht jede Auslegungsfrage entscheidet, denn auch bei klarer Wortbedeutung bleiben mehrere Auslegungen möglich. Dai würde das wohl zugestehen; er muss nur verlangen, dass jede philosophische Auslegung zu einer plausiblen sprachlichen Auslegung passt.
Wirkung heute
Im frühen 20. Jahrhundert wurde Dai wiederentdeckt, und seitdem gilt er als führender Denker der mittleren Qing-Zeit. Ein Grund für das neue Interesse war, dass seine Betonung genauer, belegbarer Untersuchung dem wissenschaftlichen Vorgehen ähnelt, das man mit westlicher Philosophie verband. Reformer wie Liang Qichao schätzten außerdem seinen Vorwurf, die herrschende Lehre habe Machtmissbrauch gedeckt, weil sie die Gefühle und Wünsche der Schwachen nicht zählen ließ. 1924 feierte man in Peking den 200. Geburtstag, 1936 erschien eine Gesamtausgabe seiner Schriften.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn in Deinem Team jemand Sicherheit, Anerkennung oder ein faires Gehalt will, kannst Du mit Dai fragen, ob dieser Wunsch ein Hindernis ist oder Teil dessen, was für alle gut sein soll. Dai verlangt außerdem, dass man solche Fragen mit Belegen prüft und nicht allein auf das eigene Gefühl vertraut. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Dais über Führung.
Lebensstationen
- 1724Geburt in Xiuning in der heutigen Provinz Anhui
- 1739Mit siebzehn Jahren (nach chinesischer Zählung) fasst er nach eigener Darstellung den Plan, den Weg der alten Weisen zu verstehen
- 1753Beginn der Arbeit an „Yuan Shan“ (fertiggestellt 1766, damals nicht veröffentlicht)
- 1762Bestehen der Provinzprüfung
- 1772Erster Entwurf des Hauptwerks „Mengzi ziyi shuzheng“
- 1773Berufung als Herausgeber in das 1772 gegründete Büro der Vier Speicher am Kaiserhof (das Jahr der Berufung nennt nur eine Quelle)
- 1775Titel vom Kaiser unabhängig von der Prüfung
- 1777Tod in Peking
Werke
Yuan Shan (Über den Ursprung des Guten); Mengzi ziyi shuzheng (Belegende Auslegung der Bedeutung der Begriffe im Mengzi)
Lesetipps
- Einstieg
- Ann-ping Chin und Mansfield Freeman, Tai Chen on Mencius: Explorations in Words and Meanings (Yale University Press, 1990), mit einer Übersetzung von Dais Hauptwerk
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Dai Zhen“
Noch nicht sicher belegt
- Die Quellen nennen Dais Alter beim Tod unterschiedlich, 55 oder 53 Jahre. Auch die Prüfungen werden verschieden berichtet: Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt fünf Misserfolge bis 1775 und einen Titel ohne Prüfung, Britannica nennt für 1775 den sechsten Misserfolg und den Titel jinshi. Wann genau Dai im Büro der Vier Speicher anfing, ist offen; das Büro wurde 1772 gegründet, Britannica nennt für Dais Berufung 1773. Wie viel Dai Xunzi verdankt, ist eine Einschätzung der Forschung, denn Dai selbst sah sich als Anhänger Mengzis. Das Erscheinungsjahr des Hauptwerks ist als 1777 angegeben, obwohl Dai schon vorher am Text arbeitete und mehrere Fassungen kursierten. Eine deutsche Übersetzung der Werke konnte nicht belegt werden.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 4: China. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Dai Zhen
- [1]Dai Zhen, Abschnitt 1 Life and Writings · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Mencius, Abschnitt 1 The Mencius of History · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [4]Dai Zhen · Britannica
- [5]Britannica
- [6]Dai Zhen · Wikipedia