Diogenes von Apollonia
Blütezeit um 460–430 v. Chr. · Apollonia am Schwarzen Meer, zeitweise Athen
- Strömung
- Vorsokratiker
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Naturphilosoph und wohl Arzt, der die Luft als Urstoff und zugleich als Verstand deutet und damit Ionier (Naturphilosophen aus Kleinasien, die alles auf einen einzigen Urstoff zurückführen) und Pluralisten (Denker wie Empedokles und Anaxagoras, die mehrere Grundstoffe annehmen) verbindet.
Er verbindet den einen Urstoff der Milesier, vor allem von Anaximenes, mit dem Geist des Anaxagoras und gilt als Schlusspunkt der Vorsokratiker. Auf diese Weise vereint er die Vielfalt des Empedokles und Anaxagoras mit der Einheit der Eleaten und Heraklits.
Kernidee
Diogenes sagt: Alles, was es gibt, ist umgewandelte Luft, und diese Luft denkt. Sie ordnet das Ganze mit Maß, in Jahreszeiten, Tag und Nacht, und bei Lebewesen ist sie als Atem Seele und Verstand zugleich. Aus Luft entsteht alles durch Verdichten und Verdünnen.
Bekannt für
Man kennt ihn dafür, dass er der Luft Verstand zuschrieb und sie für göttlich hielt. In Athen wurde er so unbeliebt, dass er in Lebensgefahr geraten sein soll, und Aristophanes parodiert seine Ideen in den Wolken (einer Komödie von 423 v. Chr., die Naturlehren verspottet und sie dem Sokrates in den Mund legt).
Theorien mit Alltagsbeispiel
Alles ist umgewandelte Luft
Diogenes schreibt, wären Erde, Wasser, Luft und Feuer wirklich verschieden, könnten sie sich nicht mischen, einander helfen oder schaden und nichts könnte wachsen. Also müssen sie ein und derselbe Stoff sein, der sich nur durch Verdichten und Verdünnen verwandelt (Fragment 2). Er wählt dafür die Luft, wie Anaximenes vor ihm. Das Bild passt zu Organisationen: Abteilungen wirken verschieden, doch sie bestehen aus denselben Menschen, Zielen und Ressourcen.
Die Luft ist Verstand
Ohne Verstand, so Diogenes, könnte der Urstoff nicht so geteilt sein, dass es Maße für Winter und Sommer, Tag und Nacht, Regen und Wind gibt (Fragment 3). Darum ist die Luft nicht blind, sondern ordnet das Ganze auf die bestmögliche Weise. Wenn ein Prozess im Unternehmen verlässlich läuft, steckt dahinter meist jemand, der ihn durchdacht hat, auch wenn niemand ihn mehr sieht.
Atem, Seele und Blutgefäße
Menschen und Tiere leben von der Luft, die sie einatmen, und diese Luft ist für sie Seele und Verstand zugleich; fällt sie weg, sterben sie und der Verstand schwindet (Fragment 7). Dazu passt, dass Diogenes als Anatom der Blutgefäße bekannt ist und wohl Arzt war. Wer unter Druck nicht mehr durchatmet, denkt auch nicht klar, und eine Führungskraft tut gut daran, in schwierigen Verhandlungen bewusst Pausen einzubauen.
Begriffe
- Luft
- : bei ihm der eine Urstoff, aus dem alles besteht; die Luft ist unvergänglich, lebendig und bewegt, und alle Dinge sind nur unterschiedlich verdichtete Luft
- Verdichtung und Verdünnung
- : der Vorgang, durch den sich der eine Urstoff verwandelt; das Dichte sammelt sich im Zentrum und bildet die Erde, das Leichte bildet oben die Sonne
- Intelligenz (Noesis)
- : denkendes Erkennen; bei ihm ist die Luft selbst Verstand, der die Welt nach Maß und Zweck ordnet, etwa Tag und Nacht oder Sommer und Winter
- Stoffeinheit
- : der Gedanke, dass alle Dinge Abwandlungen eines einzigen Stoffs sind; Unterschiede zwischen Erde, Wasser, Feuer und Luft sind bei ihm nur graduell
- Atem
- : Lebewesen leben durch das Einatmen von Luft, und diese Luft ist ihre Seele und ihr Verstand; hört das Atmen auf, vergehen sie
- unendlich viele Welten
- : er nimmt unzählige Welten an, weil die Luft unbegrenzt viele Formen annehmen kann und jede Welt nur eine vorübergehende Gestalt des einen Stoffs ist
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Anaximenes von Milet: Diogenes Laertios nennt ihn als Lehrer, was die IEP wegen Zeit und Ort für wahrscheinlich verwechselt hält
- Anaxagoras: Zeitgenosse, dessen Geistbegriff er aufnimmt
Gegner
- Die Athener: hielten ihn nach der IEP für einen Atheisten, sodass er in Lebensgefahr schwebte
- Die Naturforscher seiner Zeit: gegen sie, die er 'Sophisten' nannte, habe er nach Simplikios geschrieben
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Anaxagoras von KlazomenaiDeutung
Diogenes von Apollonia greift Elemente seiner Philosophie auf und lässt die Luft als Geist alles lenken (SEP).
baut auf Anaximenes von MiletDeutung
Diogenes macht die Luft zur Grundlage seiner monistischen Theorie (IEP).
baut auf Heraklit von EphesosDeutung
Die IEP sagt, er habe den ionischen Monismus von Anaximenes und Heraklit mit dem Pluralismus des Empedokles und Anaxagoras verbunden.
Grundlage für SokratesDeutung
In Aristophanes' Wolken vertritt Sokrates Ansichten, die auf Diogenes von Apollonia zurückgehen (IEP, de.wikipedia).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen Deutung
In Athen galt er als Atheist und war deswegen zeitweise in Lebensgefahr (IEP, de.wikipedia, Britannica). Dass dies dieselbe Stimmung war, die auch Anaxagoras (der um 430 v. Chr. wegen Gottlosigkeit angeklagt wurde, weil er die Sonne für einen glühenden Stein hielt) traf, ist eine Deutung: Wer die Götter durch Naturkräfte ersetzte, riskierte dort offenbar viel.[1]
Biografie Deutung
Die IEP hält es für wahrscheinlich, dass er Arzt war, und dazu passt, dass seine Lehre Atem, Leben und Denken verbindet. Ob sein Beruf sein Denken so prägte, ist eine Deutung.[1]
Abhängigkeit belegt
Von seinem Werk haben wir nur Fragmente, die meisten aus Simplikios' Kommentaren zu Aristoteles, der im 6. Jahrhundert n. Chr. schrieb und in seinen Kommentaren viele ältere Texte wörtlich anführt. Wie viele Bücher er schrieb, ist umstritten, und auch seine Lebensdaten sind unbekannt.[1]
Kritik
In den abgerufenen Quellen stehen kaum ausdrückliche Einwände gegen seine Lehre. Bekannt ist, dass man ihn in Athen als Atheisten verdächtigte und dass Aristophanes seine Ideen parodierte. Die IEP bemerkt außerdem, dass er in der Forschung bisher nur knapp behandelt wurde.
Wirkung heute
Er zeigt eindrücklich, wie man in der Antike versuchte, Einheit und Vielfalt in einem Gedanken zu verbinden: ein Stoff, viele Erscheinungsformen. Und seine Verbindung von Atem und Denken erinnert an heutige Fragen nach dem Zusammenhang von Körper und Geist.
Brücke zu Führung und Coaching
Diogenes legt nahe, dass ein Team trotz aller Unterschiede aus demselben Stoff besteht und dass Ordnung Verstand braucht. Frage deine Abteilungsleiter, was alle Bereiche trotz verschiedener Aufgaben verbindet. Und wenn ein Meeting hitzig wird, kann der Hinweis auf den Atem helfen: Gönnt euch eine Minute Pause, bevor ihr entscheidet.
Zitate
„Meine Ansicht ist, kurz gesagt, dass alles Seiende aus demselben Stoff verwandelt ist und dasselbe ist.“
Lebensstationen
- 499 v. Chr.Geboren in Apollonia am Schwarzen Meer, dem heutigen Sosopol in Bulgarien (Angabe bei de.wikipedia, unsicher)
- 460 v. Chr.Beginn seiner Blütezeit, die die IEP auf etwa 460 bis 430 ansetzt
- 430 v. Chr.Ende der Blütezeit; in der Zwischenzeit hielt er sich zeitweise in Athen auf
- 428 v. Chr.Gestorben (nach de.wikipedia ungefähr, unsicher)
Werke
Eine Schrift Über die Natur, nach Simplikios sein einziges ihm vorliegendes Werk; die Zuschreibung weiterer Titel (Gegen die Sophisten, Über die Natur des Menschen, Meteorologie) ist umstritten. Fragmente bei Diels-Kranz Nr. 64.
Anekdote überliefert
In Aristophanes' Komödie Die Wolken werden Naturtheorien verspottet, die dort Sokrates in den Mund gelegt sind und wohl auf Diogenes von Apollonia zurückgehen. Das gilt als Hinweis darauf, dass Diogenes in Athen bekannt war.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Laura Gemelli Marciano (Hrsg.), Die Vorsokratiker, Band 3, Artemis & Winkler, Mannheim 2010, S. 222–299: griechische Quellentexte mit deutscher Übersetzung, Erläuterungen und Einführung zu Leben und Werk (nach de.wikipedia).
- Vertiefung
- Christof Rapp, Vorsokratiker, C.H. Beck, München 1997 (2., überarbeitete Auflage 2007)
Noch nicht sicher belegt
- Kein SEP-Eintrag: plato.stanford.edu/entries/diogenes-apollonia/ liefert 404, und das SEP-Inhaltsverzeichnis (plato.stanford.edu/contents.html, abgerufen 20.10.2026) führt keinen Eintrag zu Diogenes von Apollonia; der SEP-Überblick 'Presocratic Philosophy' behandelt ihn nur in einem Abschnitt. Lebensdaten: de.wikipedia ca. 499 bis ca. 428 v. Chr., IEP nur Blütezeit um 460 bis 430 ('exact chronology unknown'), en.wikipedia und Britannica nur 'fl. 5th century'; geb/tod -499/-428 folgen de.wikipedia und sind unsicher. Herkunft: IEP und de.wikipedia nennen Apollonia am Schwarzen Meer (Sosopol), Britannica hält Kreta oder Phrygien für möglich; Britannica sagt zudem, er habe die meiste Zeit in Athen gelebt, de.wikipedia den Großteil seines Lebens in Apollonia. Die Fragmentnummern 2, 3 und 7 folgen der Zählung der IEP; die Zitate sind eigene Wiedergaben der englischen IEP-Fassung. Dass Diogenes Arzt war, ist laut IEP wahrscheinlich, de.wikipedia nennt ihn Arzt, gesichert ist es nicht. Ob die Wolken-Parodie auf ihn zielt (de.wikipedia 'wohl', IEP und en.wikipedia 'allgemein angenommen'), ist Deutung. Die Schülerschaft bei Anaximenes (Diogenes Laertios 9,57 nach Antisthenes) hält die IEP für eine Verwechslung. Aus der Quellenlage ergibt sich keine eindeutig belegte Kritik von Zeitgenossen.
Herkunft der Daten: Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Diogenes v. A.
- [1]Dockstader, Diogenes of Apollonia, Internet Encyclopedia of Philosophy · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de): Diogenes von Apollonia · Wikipedia
- [3]Wikipedia (en): Diogenes of Apollonia · Wikipedia
- [4]Britannica: Diogenes of Apollonia · Britannica
- [5]Wikipedia (de): Die Wolken · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [6]Anaxagoras, Wikipedia · Wikipedia
- [7]Wikipedia (de): Simplikios · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20