Landkarte der Philosophie

Anaxagoras von Klazomenai

um 500 – 428 v. Chr. · Klazomenai (Kleinasien), Athen, Lampsakos

Strömung
Vorsokratiker
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Naturphilosoph aus Ionien (einer Landschaft an der Westküste Kleinasiens, aus der auch Thales und Heraklit kamen), der die Philosophie nach Athen brachte, den Geist (Nous) als ordnende Kraft einführte und wegen Gottlosigkeit angeklagt wurde.

Er übernimmt von Parmenides, dass nichts aus dem Nichts entsteht, lässt aber Bewegung zu und nimmt unendlich viele Grundstoffe statt Empedokles' vier. Zenon und Melissos kritisieren seine Theorie, Diogenes von Apollonia (der wie Anaximenes die Luft für den alleinigen Grundstoff der Welt hielt) greift seinen Geistbegriff auf.

Kernidee

Anaxagoras sagt: Nichts entsteht und nichts vergeht, es mischt sich nur und trennt sich wieder. Am Anfang war alles gemischt, und in allem steckt ein Teil von allem. Ein unvermischter Geist, der Nous, bringt die Wirbelbewegung in Gang, die Ordnung schafft.

Bekannt für

Man kennt ihn dafür, dass er die Sonne für einen glühenden Stein hielt und dafür in Athen angeklagt wurde. Er erklärte als Erster unter den Griechen Sonnen- und Mondfinsternisse durch das Verdecken eines Körpers durch einen anderen.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Nichts entsteht, alles mischt sich

Anaxagoras übernimmt von Parmenides, dass es kein Entstehen und Vergehen gibt, und ersetzt beides durch Mischen und Trennen von Bestandteilen (B 17, also das wörtlich überlieferte Fragment 17 in der Standardausgabe der Vorsokratiker von Diels und Kranz). Was wir Geburt oder Tod nennen, ist nur eine neue Anordnung unvergänglicher Grundstoffe. Wenn du ein Team umbaust, entsteht darum nichts völlig Neues: Es werden Fähigkeiten, Beziehungen und Erfahrungen neu geordnet, die schon da waren.

In allem ist ein Teil von allem

Jedes Stück Stoff enthält Anteile aller Stoffarten, und es erscheint als das, wovon am meisten darin steckt (B 11, Britannica). So erklärt er das Wachsen: Im Brot steckt schon Fleisch und Knochen, und der Körper sammelt nur an. Ähnlich steckt in jedem Mitarbeiter ein Anteil jeder Fähigkeit, und was überwiegt, gibt das sichtbare Profil, aber nicht das ganze Potenzial.

Der Geist ordnet die Welt

Neben dem Stoff gibt es den Nous, den Geist, der mit nichts vermischt ist, die feinste und reinste aller Sachen und von großer Kraft (B 12). Weil er unvermischt ist, kann er alles lenken, und er setzt die Wirbelbewegung in Gang, aus der die Weltordnung entsteht. In einem Team gilt Ähnliches: Wer selbst in jede Rivalität verstrickt ist, kann den Überblick schwer halten, den Orientierung und Steuerung brauchen.

Begriffe

Nous (Geist)
: unvermischter, unpersönlicher Weltgeist, der die Urmischung trennt und die geordnete Welt planvoll hervorbringt
Mischung und Trennung
: am Anfang war alles vermischt, und jedes Ding enthält Anteile von allem, bis der Geist die Mischung trennt
unendlich viele Grundstoffe
: statt weniger Urstoffe gibt es unendlich viele kleine Bestandteile, und es gibt keinen kleinsten Teil
Antiphraxis (Verdeckung
: griechisch für Verdeckung: Finsternisse entstehen, weil ein Himmelskörper einen anderen verdeckt
Erklärung der Finsternisse)
: als Erster erklärte er Sonnen- und Mondfinsternisse richtig: Ein Himmelskörper schiebt sich vor einen anderen

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Eine Lehrerlinie ist nicht belegt: Die SEP schreibt, wir wüssten nicht, wie er seine philosophische Bildung erwarb; sie nennt als Einflüsse die Milesier, Xenophanes, Heraklit und Parmenides.

Schüler

  • Perikles: nach Plutarch von ihm unterrichtet und beraten
  • Euripides: ließ sich laut de.wikipedia von ihm in das philosophische Denken einführen

Freunde

  • Perikles: Freund und Schützling nach der SEP

Gegner

  • Zenon von Elea (vielleicht) und Melissos (sicher): kritisieren seine Theorie nach der SEP
  • Aristoteles: widersprach seiner naturalistischen Erklärung der Hand und der Intelligenz
  • Die Ankläger in Athen: warfen ihm Gottlosigkeit vor

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Archelaos von AthenDeutung

    Archelaos war Schüler des Anaxagoras und übernahm den Geist als Weltprinzip in abgewandelter Form.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Diogenes von ApolloniaDeutung

    Diogenes von Apollonia greift Elemente seiner Philosophie auf und lässt die Luft als Geist alles lenken (SEP).

  • baut auf Parmenides von EleaDeutung

    Sein Satz, dass nichts entsteht oder vergeht, ist eine Wiederholung von Parmenides' Verbot; Bewegung lässt er anders als Parmenides zu (SEP).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Demokrit von AbderaDeutung

    Demokrit lehnt den ordnenden Geist (nous) des Anaxagoras ab und erklärt Werden aus Atomen.

  • wird kritisiert von Melissos von SamosDeutung

    Melissos kritisiert nach der SEP sicher seine Theorie, Zenon vielleicht.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Empedokles von AkragasDeutung

    Zeitgenossen, Empedokles war nach de.wikipedia etwas jünger; Britannica stellt Empedokles' vier Stoffe gegen Anaxagoras' unendlich viele.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    In Athen war er Freund und Berater des Staatsmanns Perikles. Als der Prozess kam, rettete Perikles ihn nach de.wikipedia vor der Todesstrafe, und Britannica sieht in der Anklage einen indirekten Schlag gegen Perikles.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Die Anklage wegen Gottlosigkeit hängt an seiner Lehre, die Sonne sei ein glühender Stein. Die SEP hält 430 v. Chr. für das wahrscheinliche Jahr des Prozesses, nach dem Ausbruch der Pest, aber auch andere Jahre werden vorgeschlagen.[1]

  • Biografie belegt

    Von seinem Buch haben wir nur Zitate bei späteren Autoren, und sein Denken ist nach de.wikipedia hauptsächlich von Aristoteles überliefert. Der Begriff Homoiomerien (die unendlich vielen kleinen Bestandteile, aus denen die Urmischung besteht) stammt womöglich erst aus Aristoteles' Deutung und nicht von Anaxagoras selbst (Rapp).[2]

Kritik

Platon und Aristoteles bemängelten laut Britannica, dass sein Geist nicht im Sinne des Besten für die Welt handelt, also keine ethische Ordnung bringt. Aristoteles setzte der Erklärung, der Mensch sei klug, weil er Hände hat, seine zweckbezogene Sicht entgegen (der Mensch hat Hände, weil er klug ist) (nach de.wikipedia). Zenon von Elea vielleicht und Melissos sicher kritisierten seine Theorie der Mischung nach der SEP.

Wirkung heute

Seine Erklärung der Finsternisse als Verdeckung gilt Aristoteles als Vorbild einer wissenschaftlichen Erklärung (Zweite Analytik II.8, die Schrift, in der Aristoteles seine Wissenschaftstheorie und eine Theorie der Definition entwickelt). Und sein Naturalismus, Wirkursachen (was etwas hervorbringt) statt Zwecken (wozu etwas dient) zu suchen, entspricht nach de.wikipedia der Haltung der modernen Naturwissenschaften.

Brücke zu Führung und Coaching

Anaxagoras erinnert daran, dass in jedem Teammitglied ein Anteil von jeder Fähigkeit steckt. Frage dich, ob du einen Menschen nur nach dem beurteilst, was in ihm überwiegt, und was geschieht, wenn du ihm eine Aufgabe gibst, für die bisher nur ein kleiner Anteil sichtbar war. Und bei Umstrukturierungen kannst du das Team fragen, welche Fähigkeiten und Beziehungen schon vorhanden sind und nur neu geordnet werden müssen.

Zitate

„In allem ist ein Teil von allem.“

Anaxagoras, DK 59 B 11 (in Teilen überliefert); deutsche Wiedergabe nach der englischen Fassung 'In everything there is a share of everything' im Eintrag Anaxagoras der Stanford Encyclopedia of Philosophy (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 500 v. Chr.Geboren in Klazomenai an der Westküste Kleinasiens (ungefähr, errechnet aus Diogenes Laertios)
  2. 466 v. Chr.Ein großer Stein fällt bei Aigospotamoi; Anaxagoras gilt als jemand, der solche Meteore vorhergesagt habe (nach Plinius)
  3. 462 v. Chr.Ankunft in Athen nach de.wikipedia; die Datierung ist umstritten (Britannica: um 480)
  4. 430 v. Chr.Anklage wegen Gottlosigkeit; er verlässt Athen und geht nach Lampsakos, wo er seine letzten Lebensjahre im Exil verbringt (Datierung nach der SEP wahrscheinlich)
  5. 428 v. Chr.Gestorben in Lampsakos; die Bürger ehren ihn mit einem Kinderfest

Werke

Eine Schrift, Über die Natur; 22 Fragmente mit zusammen 118 Zeilen sind erhalten (Diels-Kranz Nr. 59). Nach Platons Apologie war das Buch für eine Drachme zu kaufen.

Anekdote überliefert

Bei einer Sonnenfinsternis, die nach der SEP auf den 3. August 431 v. Chr. fällt, geriet die Mannschaft der athenischen Flotte in Panik. Der athenische Staatsmann Perikles hielt seinem Steuermann den Mantel vor die Augen und fragte, was daran Schlimmes sei, die Finsternis sei nur durch etwas Größeres als seinen Mantel verursacht (Plutarch).[1]

Lesetipps

Einstieg
Laura Gemelli Marciano (Hrsg.), Die Vorsokratiker, Band 3, Artemis & Winkler, Mannheim 2010, S. 6–179 zu Anaxagoras: griechische Quellentexte mit deutscher Übersetzung und Erläuterungen (nach de.wikipedia; die SEP nennt die dreibändige Ausgabe 2007–2010 als Textgrundlage).
Vertiefung
Carl-Friedrich Geyer, Die Vorsokratiker zur Einführung, Junius, Hamburg 1995

Noch nicht sicher belegt

  • Lebensdaten: de.wikipedia um 499 bis 428 v. Chr., Britannica c. 500 bis c. 428, SEP um 500 (aus Diogenes Laertios, der ihn bei Xerxes' Übergang 480 zwanzigjährig nennt) und Tod 428. Ankunft in Athen und Zeit seines Buches sind umstritten (SEP nennt 480, 478, 464, 460, 456; de.wikipedia um 462; Britannica um 480). Prozessjahr: SEP hält 430 für wahrscheinlich, andere Vorschläge 450, 437, 434. Die Verbannung nach Lampsakos folgt de.wikipedia und SEP; Rettung durch Perikles nach de.wikipedia und Britannica. Das Zitat B 11 ist eigene Wiedergabe der englischen SEP-Fassung. Die Rolle des Nous als Gott oder Naturgesetz ist in der Forschung offen (SEP). Euripides als Schüler nur nach de.wikipedia; die SEP sagt nur, dass sein Werk Euripides bekannt war. Perikles als Schüler nach Plutarch über de.wikipedia. Die Kante zu Melissos folgt der SEP-Angabe 'Melissus (certainly)'. Lehrer: keine belegt. Der Meteorfall von Aigospotamoi ist nach der SEP (Plinius) auf 466 datiert, Anaxagoras galt im Nachhinein als Vorhersager. Prüfung 20.10.2026: alle Quellen erneut abgerufen.

Herkunft der Daten: Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Anaxagoras

  1. [1]Anaxagoras, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Anaxagoras, Wikipedia · Wikipedia
  3. [3]Britannica: Anaxagoras · Britannica
  4. [4]Wikipedia (de): Vorsokratiker · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  5. [5]Wikipedia (en): Diels–Kranz numbering · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  6. [6]Wikipedia (de): Analytica posteriora · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  7. [7]Wikipedia (en): Anaxagoras · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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