Hubert Dreyfus
Philosoph · 1929–2017 · Berkeley, Kalifornien
- Kapitel
- Geist und Technik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- Phänomenologiebelegt[1]
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Kannst du erklären, woran du in einem Gespräch spürst, was gerade wichtig ist?
- Position
- Dreyfus antwortet, dass dieses Gespür auf einem Hintergrund beruht, der aus Körper, Zielen und Kultur stammt und sich nicht vollständig in Regeln fassen lässt. Deshalb reicht es für ihn nicht, Symbole nach Regeln zu bearbeiten, um menschliches Verstehen zu erreichen.
- Einwand
- Die Stanford Encyclopedia of Philosophy stellt fest, dass Dreyfus' Angriff weniger beachtet wird, seit statistisches Maschinenlernen große Erfolge hat. Ob Systeme ohne Körper Verstehen erreichen können, ist weiter offen.
- Verbindung
- Dreyfus ergänzt Searles Einwand, dass Zeichenverarbeitung kein Verstehen ist, um den Gedanken der Körper- und Situationsgebundenheit nach Heidegger und Merleau-Ponty.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Kommt in diesen Denkwegen vor
Amerikanischer Philosoph, der mit Gedanken von Heidegger und Merleau-Ponty die Annahme angriff, menschliches Denken lasse sich als Regelverarbeitung durch Computer nachbauen.
Dreyfus ist der phänomenologische Gegenspieler zur frühen Forschung zu künstlicher Intelligenz von Newell und Simon. Er verbindet die Kapitel zu Geist und Maschine mit Heidegger und Merleau-Ponty und liefert die Gegenposition zum Denken als Rechnen.
Kernidee
Dreyfus behauptet, dass menschliches Können nicht auf ausdrücklichen Regeln und Symbolen beruht, sondern auf einem Gespür für die Lage, das aus Zielen, Körper und Kultur stammt. Dieses unbewusste Hintergrundwissen lasse sich nicht vollständig in Regeln fassen. Daher könne eine Maschine, die nur Symbole nach Regeln verarbeitet, menschliche Intelligenz nicht erreichen.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
1964 beauftragte die RAND Corporation Dreyfus, die Arbeit von Newell und Simon zur künstlichen Intelligenz zu begutachten. Daraus entstand 1965 sein streitbares Papier „Alchemy and Artificial Intelligence“. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt als Ausgangspunkt seines Angriffs die Überzeugung, dass sich die Kritik von Heidegger und Merleau-Ponty an der Philosophie des Symbolischen auch gegen die rationalistische künstliche Intelligenz richten lasse.[1][4]
Fundstelle: Abschnitt Life and career Abschnitt 8
Bekannt für
Man kennt Dreyfus für sein Buch „What Computers Can't Do“ von 1972 und für die Kritik an den Versprechen der frühen künstlichen Intelligenz. Ein Alltagsbeispiel ist Autofahren: Du fährst, ohne jede Regel einzeln im Kopf durchzugehen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Wissen wie und Wissen dass
Dreyfus unterscheidet bewusstes, schrittweises Lösen von Problemen (Wissen dass) von dem Können, das wir im Alltag zeigen, ohne zu überlegen (Wissen wie). Dieses Können beschreibt er mit Heideggers Unterscheidung von Vorhandenem und Zuhandenem. Wer ein Gesicht erkennt oder weiß, was jetzt zu sagen ist, handelt so.
Der Hintergrund und die Situation
Nach Dreyfus nutzen wir selbst dann, wenn wir ausdrückliche Symbole verwenden, einen unbewussten, formlosen Hintergrund aus Alltagswissen. Ohne diesen Hintergrund verlieren die Symbole ihre Bedeutung. Der Sinn für die Lage beruht für ihn auf unseren Zielen, unserem Körper und unserer Kultur. Im Gespräch merkst du, dass ein Scherz ernst gemeint war, ohne dass dir jemand eine Regel dafür nennen könnte.
Kritik an den Versprechen der Forschung
Dreyfus kritisierte schon 1965, dass Forscher wie Simon baldige Erfolge versprachen, etwa einen Computer als Schachweltmeister bis 1967. Er hielt solche Vorhersagen für unbegründet. Übertragen auf heute: Du kannst bei jeder großen Ankündigung zu neuer Technik nachfragen, welche Annahme über Menschen darin steckt.
Begriffe
- Wissen wie
- Wissen dass
- Hintergrund
- Körper und Situation
- Expertise
- Kritik an symbolischer künstlicher Intelligenz
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
8 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 7 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- In der angegebenen Quelle dokumentiert und anhand dieser Quelle geprüft. Die philosophische These ist dadurch nicht bewiesen.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung, anhand der angegebenen Quellen geprüft. Andere Lesarten sind möglich.
- überliefert
- In den angegebenen Quellen überliefert, historisch aber nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
John SearlePrüfstand: belegt
Dreyfus war Searles Kollege in Berkeley; die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt seine Kritik an der frühen künstlichen Intelligenz einen Vorläufer von Searles Argument des Chinesischen Zimmers.
Maurice Merleau-PontyPrüfstand: belegt
Hubert Dreyfus übersetzte 1964 gemeinsam mit seiner ersten Frau Patricia Merleau-Pontys „Sens et non-sens“ als „Sense and Non-Sense“ (Northwestern University Press). Ein inhaltlicher Einfluss wird damit nicht belegt.
Kritisiert
Dreyfus kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Herbert A. SimonPrüfstand: belegt
Dreyfus kritisiert Simons Vorhersagen und das Modell des Denkens als Informationsverarbeitung nach Regeln, das Newell und Simon vertraten.
Übernimmt Gedanken von
Dreyfus übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Martin HeideggerPrüfstand: belegt
Dreyfus überträgt Heideggers Kritik an der rationalistischen Philosophie auf die künstliche Intelligenz und nutzt dessen Unterscheidung von Vorhandenem und Zuhandenem für das Wissen wie.
Maurice Merleau-PontyPrüfstand: belegt
Die Kritik von Merleau-Ponty an der symbolbasierten Philosophie bildet nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy mit Heideggers Gedanken die Grundlage von Dreyfus' Angriff auf die symbolische künstliche Intelligenz; Dreyfus übersetzte 1964 mit seiner ersten Frau „Sense and Non-Sense“.
Michael PolanyiPrüfstand: belegt
Polanyis Ablehnung, dass sich Geist auf Regeln zurückführen lässt, beeinflusste Hubert Dreyfus' Kritik an früher künstlicher Intelligenz.
Untersucht
Dreyfus untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Edmund HusserlPrüfstand: belegt
Dreyfus promovierte 1964 mit einer Arbeit über Husserls Phänomenologie der Wahrnehmung.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Lucy SuchmanPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Beide kritisieren das Bild, menschliches Handeln folge Regeln und Plänen, Dreyfus philosophisch, Suchman mit Beobachtungen der Arbeitspraxis; ein Einfluss wird nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Die RAND Corporation beauftragte Dreyfus 1964 als Berater, die Arbeit von Newell und Simon zu begutachten. Daraus entstand 1965 „Alchemy and Artificial Intelligence“, das sich als streitbar erwies.[1]
Biografie belegt
Dreyfus studierte 1953 und 1954 in Freiburg und hatte dort ein Gespräch mit Heidegger, das er enttäuschend fand. Später wurde er für seine Auslegung Heideggers bekannt.[1]
Kritik
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy vermerkt, dass die Aufmerksamkeit für Dreyfus' Angriff mit dem Aufstieg des statistischen Maschinenlernens abgenommen hat. Fjelland argumentiert 2020 dagegen, dass eine körperlose künstliche Intelligenz kausale Fragen nicht bewältigen könne. Ob neuere Systeme Dreyfus' Einwand überholt haben, bleibt umstritten.
Wirkung heute
Die Frage, ob Verstehen einen Körper und eine Situation braucht, wird in der Forschung zu verkörperter künstlicher Intelligenz und Robotik weiter gestellt. Dreyfus selbst prüfte 2007 neuere Ansätze und fand sie noch zu wenig heideggerisch.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Du kannst bei einem erfahrenen Kollegen fragen, woran er in einer schwierigen Lage erkennt, was zu tun ist, und akzeptieren, dass er es nicht vollständig in Regeln fassen kann. Das ist eine Übertragung von Dreyfus' Gedanken zu Expertise auf Führung; er schrieb dazu zusammen mit seinem Bruder über Expertise.
Lebensstationen
- 1929Geburt am 15. Oktober in Terre Haute, Indiana
- 1953Studium in Freiburg, Gespräch mit Heidegger
- 1964Promotion in Harvard; Beratertätigkeit für die RAND Corporation
- 1965„Alchemy and Artificial Intelligence“ als Papier der RAND Corporation
- 1972„What Computers Can't Do“ erscheint
- 2017Tod am 22. April
Werke
- What Computers Can't Do: The Limits of Artificial Intelligence (1972)
Ersterscheinung: 1972 (Verlag in den Quellen uneinheitlich: die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt MIT Press, die englische Wikipedia eine Ausgabe mit Harper-Kennung); zweite Auflage 1979; dritte Auflage 1992 bei MIT Press unter dem Titel „What Computers Still Can't Do: A Critique of Artificial Reason“. Deutsche Ausgabe: „Was Computer nicht können. Die Grenzen künstlicher Intelligenz“ (1985).
- Alchemy and Artificial Intelligence (1965)
Ersterscheinung: RAND Paper, RAND Corporation, 1965.
Lesetipps
- Einstieg
- Hubert Dreyfus, What Computers Can't Do (1972); die erste große philosophische Kritik an der frühen künstlichen Intelligenz.
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Artificial Intelligence“, Abschnitt 8, zum Dreyfus-Argument
Noch nicht sicher belegt
- Das Erscheinungsjahr von „Mind Over Machine“ nennen die englische und die deutsche Wikipedia mit 1986, das Literaturverzeichnis der Stanford Encyclopedia of Philosophy mit 1987.
- Der Verlag der Erstausgabe von „What Computers Can't Do“ (1972) wird uneinheitlich angegeben.
- Die Neufassung „What Computers Still Can't Do“ datiert die deutsche Wikipedia auf 1979, die englische Wikipedia und die Stanford Encyclopedia of Philosophy datieren sie auf 1992.
- Dass Heideggers Vortrag „Die Frage nach der Technik“ (1953) Dreyfus beeinflusst hat, ist in den genutzten Quellen nicht belegt.
- Zu Husserl ist nur die Dissertation belegt.
- Die deutsche Wikipedia nennt Dagfinn Føllesdal als Betreuer.
- Nach der englischen Wikipedia sagte Føllesdal, Dreyfus sei „nicht wirklich“ sein Schüler gewesen.
Wege durchs Netz
Dreyfus griff mit Heidegger und Merleau-Ponty die Annahme an, Denken lasse sich als Regelverarbeitung nachbauen.
Herkunft der Daten: Kapitel Geist, Maschine und Technik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Dreyfus
- [1]Hubert Dreyfus – Wikipedia (en), Abschnitt Life and career
- [2]Hubert Dreyfus · Wikipedia
- [3]Hubert Dreyfus's views on artificial intelligence · Wikipedia
- [4]Artificial Intelligence, Abschnitt 8 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]The Chinese Room Argument, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy