Risieri Frondizi
Philosoph · 1910–1983 · Posadas (Misiones, Argentinien), Tucumán und Buenos Aires (Argentinien), Caracas (Venezuela), Yale und Princeton (Vereinigte Staaten), Puerto Rico, Waco (Texas, Vereinigte Staaten)
Kernidee in Kürze
Frondizi geht von der gelebten Erfahrung aus. Alles, worüber Philosophie spricht, kommt für ihn in der Erfahrung vor, und sie ist darum der Ausgangspunkt allen Philosophierens.
- Kapitel
- Lateinamerika (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wovon soll Philosophie ausgehen, und kann es eine Philosophie geben, die für alle Menschen gilt?
- Position
- Zur Frage nach einer lateinamerikanischen Philosophie vertritt er die universalistische Sicht, nach der Philosophie eine allen Menschen gemeinsame Disziplin ist.
- Einwand
- Salazar Bondy hält dagegen, dass echte Philosophie von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängt, und Zea hält es für unerheblich, ob Philosophie original oder wissenschaftlich ist, solange sie aus der eigenen Perspektive entsteht.
- Verbindung
- Frondizi studierte bei Alfred North Whitehead und Francisco Romero. Ein Forscher sieht ihn nahe bei John Dewey und dem Pragmatismus.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Frondizi war
Argentinischer Philosoph und Hochschullehrer, der das Ich und die Werte als Strukturen beschrieb, die aus gelebter Erfahrung hervorgehen, und der die Universität von Buenos Aires als Rektor leitete.
Frondizi gehört zu der ersten Generation lateinamerikanischer Philosophen, die eine eigene Hochschulausbildung in Philosophie erhielten. Mit ihr wurde das Fach zwischen 1940 und 1960 zu einem geregelten akademischen Beruf, was Francisco Romero „Normalisierung“ nannte. Frondizi lehrte in Argentinien, Venezuela und den Vereinigten Staaten, musste Argentinien aus politischen Gründen mehrmals verlassen und wurde 1957 Rektor der Universität von Buenos Aires.
Kernidee genauer
Das Ich versteht er nicht als feste Substanz, sondern als dynamische Struktur (Gestalt), eine Ganzheit mit Eigenschaften, die ihre Teile nicht haben. Ähnlich beschreibt er Werte als Qualitäten einer Struktur innerhalb einer konkreten Situation. In der Debatte darüber, ob es eine lateinamerikanische Philosophie gibt, gilt er als Vertreter einer universalistischen Sicht: Philosophie ist für ihn wie eine Wissenschaft für alle Menschen gleich, und die meisten Vertreter dieser Sicht, darunter Frondizi, halten die Philosophie Lateinamerikas in dieser Hinsicht für überwiegend gescheitert.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Frondizi studierte mit einem Stipendium in Harvard bei Whitehead, Köhler und anderen. Von Whitehead übernahm er den Gedanken, dass Wirklichkeit ein Prozess ist, von Köhler das Interesse am Begriff der Gestalt, den er später auf seine Lehre vom Ich und von den Werten anwandte. Die Quelle nennt diese Zeit entscheidend für seine Bildung.[3]
Bekannt für
Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du merkst, dass ein Wert wie „Verlässlichkeit“ im Notfall etwas anderes verlangt als im Alltag, siehst Du Werte so, wie Frondizi sie beschrieb, nämlich als Teil einer konkreten Situation.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Erfahrung als Ausgangspunkt
In „El punto de partida del filosofar“ (1945) verlangt Frondizi, dass Philosophie von der Erfahrung als ungeteilter Ganzheit ausgeht. Statt eines Empirismus, der die Erfahrung in einzelne Sinneseindrücke zerlegt, fordert er einen „totalen“ oder „integralen“ Empirismus, der keinen Bereich der Wirklichkeit ausschließt und über den englischen und nordamerikanischen Empirismus hinausgehen soll.
Das Ich als Struktur
Frondizi sucht einen Ausweg aus dem Gegensatz zwischen einem festen, substanziellen Ich bei Descartes und der Leugnung des Ich bei Hume. Das Ich ist nur in seiner Beziehung zur Welt und zu den Gegenständen der Erfahrung verständlich.
Werte als Strukturqualitäten
In „¿Qué son los valores?“ (1958) stellt Frondizi die wichtigsten Wertlehren dar. In der später erweiterten Fassung kommt er zu dem Schluss, dass ein Wert eine strukturelle Qualität innerhalb einer Situation ist; diese Deutung als Gestaltqualität entwickelte er 1966 bis 1968 in Los Angeles und nahm sie in die vierte Auflage auf. Die Rangordnung der Werte ist für ihn zugleich ein dauernder Anstoß zu schöpferischem Handeln und sittlicher Erhebung.
Gibt es eine lateinamerikanische Philosophie?
Die Frage, was lateinamerikanische Philosophie ist, wurde schon im 19. Jahrhundert gestellt, aber erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts ernsthaft untersucht, besonders von Frondizi und Leopoldo Zea. Frondizi vertritt die universalistische Position: Philosophie ist eine allgemeine Disziplin ähnlich einer Wissenschaft. Nach diesem Maßstab beurteilt er, dass die Philosophie Lateinamerikas überwiegend nicht erreicht hat, was man von einer solchen Disziplin erwartet.
Universität und Reform
Er gründete die Schule für öffentliche Gesundheit und baute das Stipendiensystem für Studierende und Absolventen aus.
Begriffe
- Erfahrung (experiencia)
- integraler Empirismus
- Struktur bzw. Gestalt (Ganzheit
- die mehr ist als ihre Teile)
- Wert als Strukturqualität
- Normalisierung der Philosophie
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer
Persönliches Lehrverhältnis: hat Frondizi unterrichtet.
Alfred North WhiteheadPrüfstand: belegt
Frondizi studierte in Harvard bei Alfred North Whitehead und übernahm dessen Gedanken, dass Wirklichkeit ein Prozess ist, der ständig in Bewegung ist und eine organische Einheit bildet.
Kritisiert
Frondizi kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
David HumePrüfstand: belegt
Frondizi will mit seiner Lehre vom Ich als Struktur den Gegensatz zwischen einem substanziellen Ich und der Leugnung des Ich überwinden, den Descartes und Hume nach seiner Darstellung vorgegeben haben.
René DescartesPrüfstand: belegt
Frondizi will mit seiner Lehre vom Ich als Struktur den Gegensatz zwischen einem substanziellen Ich bei Descartes und der Leugnung des Ich bei Hume überwinden.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Augusto Salazar BondyPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Ein Überblicksartikel stellt Frondizi als Vertreter der universalistischen und Augusto Salazar Bondy als Vertreter der kritischen Sicht auf die Frage dar, ob es eine eigene lateinamerikanische Philosophie gibt. Ein persönlicher Streit zwischen beiden ist darin nicht belegt.
John DeweyPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Der Forscher Gregory Pappas sieht in Frondizis Kritik am Ausgangspunkt der neuzeitlichen Philosophie und in seiner Verteidigung der Erfahrung große Nähe zu den amerikanischen Pragmatisten, besonders zu John Dewey. Eine historische Verbindung oder ein Einfluss ist nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Risieri Frondizi wurde 1910 in Posadas (Argentinien) geboren, als Bruder des späteren argentinischen Präsidenten Arturo Frondizi. 1935 schloss er in Buenos Aires als Philosophielehrer ab. Mit einem Stipendium studierte er in Harvard bei Whitehead, Köhler und anderen, 1943 erwarb er in Michigan einen Magistergrad, 1950 promovierte er in Mexiko.[8]
Biografie belegt
Von 1937 an gehörte Frondizi zum Gründerkreis der Fakultät für Philosophie und Literatur an der Universität Tucumán. 1946 wurde er entlassen und wegen seines Protests dagegen inhaftiert. Danach lehrte er zwei Jahre in Caracas, dann in Pennsylvania und ab 1949 in Yale.[3]
Zeitgeschehen belegt
1957, nach dem Sturz von Juan Perón, wurde Frondizi Rektor der Universität von Buenos Aires. Sein Amt dauerte bis 1962. Als später das Militär die Universitätsautonomie einschränkte, trat er aus Protest von seinen Ämtern zurück und lehrte in Kalifornien.[3]
Zeitgeschehen belegt
In der Geschichte der lateinamerikanischen Philosophie steht Frondizi für die Phase der „Normalisierung“ zwischen 1940 und 1960. Damals wurde Philosophie dort zum akademischen Beruf, und Philosophen hatten zum ersten Mal eine eigene Hochschulausbildung. Zu seiner Generation zählen unter anderem Leopoldo Zea und Augusto Salazar Bondy.[2]
Kritik
Die Überblicksartikel schildern Frondizis universalistische Sicht als eine von vier Antworten auf die Frage nach einer lateinamerikanischen Philosophie. Die kritische Sicht, etwa die von Augusto Salazar Bondy, verlangt dagegen, die Bedingungen der Philosophie in der Region in den Blick zu nehmen, und die kulturalistische Sicht, etwa die von Leopoldo Zea, hält es für unerheblich, ob die Philosophie dort original ist. Ein Forscher meint außerdem, Frondizis reifes Denken ergänze das der amerikanischen Pragmatisten, ohne es zu wiederholen.
Wirkung heute
Frondizi gilt als einer der Philosophen, die der Philosophie in Lateinamerika zu einem akademischen Rahmen verhalfen und sie mit der Philosophie in den Vereinigten Staaten ins Gespräch brachten. Ein Forscher zählt ihn zu den lateinamerikanischen Philosophen mit dem engsten persönlichen Kontakt zur Philosophie in den Vereinigten Staaten.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du in Deinem Team über einen Wert wie „Verlässlichkeit“ sprichst, kannst Du mit Frondizi darauf achten, dass ein Wert nicht allein im Raum steht. Er hängt an einer konkreten Situation: Im Notfall bedeutet Verlässlichkeit etwas anderes als im Tagesgeschäft. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Frondizi über Führung.
Lebensstationen
- 1910Geburt in Posadas (20. November)
- 1935Abschluss als Philosophielehrer in Buenos Aires
- 1937Gründungsmitglied der Fakultät für Philosophie und Literatur in Tucumán
- 1943Magistergrad an der Universität Michigan
- 1946Entlassung in Tucumán und Inhaftierung
- 1950Promotion in Mexiko
- 1957Rektor der Universität von Buenos Aires (bis 1962)
- 1983Tod in Waco (Texas)
Werke
El punto de partida del filosofar (Der Ausgangspunkt des Philosophierens, 1945); Substancia y función en el problema del yo (Substanz und Funktion im Problem des Ich, 1952); ¿Qué son los valores? (Was sind Werte?, 1958); „Is There an Ibero-American Philosophy?“ (1948/49)
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Latin American Philosophy“, Abschnitt zur philosophischen Identität Lateinamerikas
- Vertiefung
- Risieri Frondizi, ¿Qué son los valores? Introducción a la axiología (Fondo de Cultura Económica, 1958); Jorge J. E. Gracia und Elizabeth Millán-Zaibert, „Risieri Frondizi ante la condición humana“
Noch nicht sicher belegt
- Das Todesjahr ist nicht sicher: Mehrere Darstellungen nennen 1983, eine davon den 23. Februar 1983 in Waco (Texas); andere Nachschlagewerke nennen 1985. Für den Beginn seiner Lehrtätigkeit in Tucumán nennen die Quellen 1937 oder 1938. Die Nähe zu Dewey und zum Pragmatismus ist die Deutung eines Forschers und keine Aussage Frondizis über sich selbst.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 8: Lateinamerika und islamisch-jüdische Klassik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Frondizi
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy in Mexico, Abschnitt 8.5; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt über spanische Emigranten
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt 2.2; Internet Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt 4d
- [3]Gracia und Millán-Zaibert, „Risieri Frondizi ante la condición humana“ · Webseite
- [5]fondodeculturaeconomica.com/Ficha/9789681656317/F · Webseite
- [6]Risieri Frondizi · Wikipedia
- [7](es): Risieri Frondizi · Wikipedia
- [8]Gracia und Millán-Zaibert, „Risieri Frondizi ante la condición humana“; Encyclopedia.com · Webseite
- [9]americalee.cedinci.org/s/americalee/item/4057 · Webseite