Landkarte der Philosophie

Georgios Gemistos Plethon

ca. 1360–1452 · Konstantinopel, Mystras

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Der späte byzantinische Platoniker, der Aristoteles zurückweist, Platons Gesetze in eine Staatslehre überträgt und in Florenz den Anstoß zur Platon-Begeisterung der Renaissance gibt.

Er steht am Ende der Byzantiner und am Anfang der Renaissance: Seine Schrift zum Unterschied zwischen Platon und Aristoteles löst in Italien den Streit um beide Philosophen aus. Gegen Ibn Ruschd wendet er sich, weil dieser nach seiner Ansicht Aristoteles überhöht habe.

Kernidee

Plethon hält Platon für den größeren Philosophen und wirft Aristoteles vor, wichtige Lehren falsch zu verstehen. Er entwirft einen Staat nach platonischen Prinzipien, in dem Philosophen den Herrscher beraten und Land als gemeinsames Eigentum genutzt werden muss. Seine umstrittenste Idee ist, das Christentum durch eine philosophisch gereinigte antike Götterreligion mit Zeus an der Spitze zu ersetzen.

Bekannt für

Man kennt ihn als den Philosophen, der 1438/39 in Italien Cosimo de' Medici und die Humanisten so beeindruckte, dass Marsilio Ficino ihn einen zweiten Platon nannte. Der Streit, den seine Schrift gegen Aristoteles auslöste, prägte die Renaissance-Philosophie.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Platon gegen Aristoteles

In seiner Schrift von 1439 zeigt er, in welchen Punkten Aristoteles Platon widerspricht, und hält Aristoteles in Physik, Ethik und Metaphysik für unterlegen. Er lehnt zum Beispiel die Mittelmaß-Lehre ab, nach der Tugend ein Mittleres zwischen Extremen ist, weil sie Tugend nur mengenmäßig statt nach ihrem Wesen bestimmt. In Teams geschieht Ähnliches, wenn man Qualität nur an einer Zahl misst statt an dem, was gut ist.

Ein platonischer Staat

In seinen Nomoi entwirft er einen Staat mit einem Monarchen, der auf Philosophen hört, die weder zu reich noch zu arm sein sollen. Land bleibt Gemeineigentum und muss genutzt werden, die Steuer ist fest, die Armee besteht aus Berufssoldaten. Wer eine Organisation baut, kann daraus mitnehmen, dass Berater unabhängig, aber nicht abgehoben sein sollten.

Schicksal und Freiheit

Im erhaltenen Kapitel De fato begründet er, dass alles durch Ursachen bestimmt ist und die Götter alles vorherwissen. Frei sei ein Mensch nicht, weil ihn nichts beherrscht, sondern weil er von seinem eigenen Verstand geleitet wird, was dem Beschluss des Zeus folge. Wer im Alltag Vorgaben als Fesseln erlebt, kann sich fragen, ob er sie als eigene Einsicht tragen kann.

Begriffe

Platonismus
Aristoteleskritik
Nomoi (Gesetze)
antiker Polytheismus
Determinismus
Urreligion
Verfassungstheorie

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Elisaios: angeblich ein averroistischer jüdischer Gelehrter in Adrianopel, sein Lehrer (Wikipedia nennt es unsicher)
  • Platon: sein Leitbild

Schüler

  • Bessarion: später Kardinal und Humanist, Mitglied der Delegation 1438/39
  • Markos Eugenikos: Metropolit von Ephesos, Gegner der Kirchenunion
  • Laonikos Chalkokondyles: Geschichtsschreiber

Freunde

  • Cosimo de' Medici: Eindruck der Persönlichkeit, aber Verständigungsprobleme
  • Marsilio Ficino: nannte ihn gleichsam einen zweiten Platon
  • Paolo Toscanelli: Gesprächspartner über Geographie

Gegner

  • Gennadios Scholarios: verteidigte Aristoteles und ließ die Nomoi verbrennen
  • Der hohe Klerus in Konstantinopel: drängte den Kaiser, ihn aus der Hauptstadt zu entfernen
  • Ibn Ruschd: Verfälschung der aristotelischen Lehre

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Basilius BessarionDeutung

    Er vertiefte Philosophie und Mathematik bei Plethon in Mistra und teilte anfangs dessen Ansicht, Platon und Aristoteles seien unvereinbar.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf PlatonDeutung

    Er knüpft mit den Nomoi an Platons Gesetze an und verteidigt Platon gegen Aristoteles (Wikipedia de, SEP).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert AristotelesDeutung

    Seine Schrift von 1439 soll zeigen, wie unterlegen Aristoteles ist (SEP, Wikipedia de).

  • kritisiert Ibn Ruschd (Averroes)Deutung

    Er wirft Ibn Ruschd Verfälschung der kommentierten Lehren vor (Wikipedia de).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Er verließ Konstantinopel auf Wunsch des Kaisers Manuel II., der ihn zwar schätzte, aber vom hohen Klerus gedrängt wurde, den theologisch missliebigen Philosophen zu entfernen. In Mystras war er Berater der Despoten und Kaiser sowie hoher Richter.[2]

  • Geld belegt

    1427 erhielt er vom Despoten Theodor II. die Festung und das Gebiet von Phanarion als Pronoia und damit eine bedeutende Einkommensquelle. Der Schutz durch die Herrscher erklärt vermutlich, warum seine kirchlichen Gegner ihm trotz seiner antichristlichen Lehre nicht gefährlich werden konnten.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Er schrieb in der Endphase von Byzanz und sah den Zusammenbruch des christlichen wie des islamischen Staates als Fehlentwicklung. Die Nomoi wurden erst nach seinem Tod bekannt, und Gennadios Scholarios ließ sie nach 1454 vernichten, weshalb nur Fragmente erhalten sind.[1]

Kritik

Scholarios verteidigte Aristoteles gegen ihn und wandte sich besonders gegen Plethons Behauptung, der Gott des Aristoteles sei nicht der Schöpfer der Welt. Bessarion versuchte später, beiden Philosophen gerecht zu werden. Dass Plethon die Überlegenheit Platons mit Fehlern belegte, räumt Wikipedia de ein: Er schrieb die Schrift in Eile und zitierte aus dem Gedächtnis.

Wirkung heute

Seine Schrift lenkte die Aufmerksamkeit der Renaissance auf die Unterschiede zwischen Platon und Aristoteles, statt sie zu verwischen. Seine Verfassungstheorie wurde nach Wikipedia de anscheinend von Erasmus und Thomas Morus studiert und beeinflusste wahrscheinlich Morus' Utopia.

Brücke zu Führung und Coaching

Plethon zeigt, wie nützlich es ist, Unterschiede zwischen zwei anerkannten Autoritäten sichtbar zu machen, statt sie zu harmonisieren. Wenn zwei Methoden in deinem Unternehmen als gleichwertig gelten, frag: Wo widersprechen sie sich wirklich, und was folgt daraus für unsere Entscheidung? Prüfe auch, wer deine Berater sind: Hören sie auf Argumente oder auf das, was dem Herrscher gefällt?

Lebensstationen

  1. 1360Um 1355 bis 1360 in Konstantinopel geboren
  2. 1405Nach der Jahrhundertwende zieht er nach Mystras (Peloponnes) und bleibt dort für den Rest seines Lebens
  3. 1427Erhält von Despot Theodor II. das Gebiet von Phanarion als Pronoia
  4. 1439Nimmt am Konzil von Ferrara/Florenz teil und verfasst dort die Schrift über die Unterschiede zwischen Aristoteles und Platon
  5. 1452Stirbt am 26. Juni in Mystras
  6. 1466Seine Gebeine werden nach Rimini überführt

Werke

Nomon syngraphe / Nomoi (Darlegung der Gesetze, nur Bruchstücke); Über die Unterschiede zwischen Aristoteles und Platon (1439); Über das Schicksal (De fato, Kapitel der Nomoi); Über die Tugenden; Denkschriften an Manuel II., Johannes VIII. und Theodor II.; Erklärung der Chaldäischen Orakel

Anekdote überliefert

Nach seinem Tod holte der Condottiere Sigismondo Malatesta bei einem Kriegszug die Gebeine des Philosophen aus dem Grab in Mystras und brachte sie 1466 nach Rimini. Dort steht sein Sarkophag bis heute an einer Außenwand des Tempio Malatestiano.[2]

Lesetipps

Einstieg
Georgios Gemistos Plethon: Politik, Philosophie und Rhetorik im spätbyzantinischen Reich (1355–1452), übers. von Wilhelm Blum, Stuttgart: Hiersemann 1988 (Bibliothek der griechischen Literatur 25), mit deutschen Übersetzungen seiner Werke.
Vertiefung
Vojtěch Hladký, The Philosophy of Gemistos Plethon: Platonism in Late Byzantium, between Hellenism and Orthodoxy, Farnham: Ashgate (2014)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr: SEP nennt etwa 1360, Wikipedia de um 1355/1360. Das Jahr des Umzugs nach Mystras (hier 1405) ist nur als 'nach der Jahrhundertwende' belegt, der genaue Zeitpunkt fehlt in den abgerufenen Quellen. Lehrer Elisaios ist laut Wikipedia de nur 'soll' und 'angeblich'. Das Zitat fehlt, weil keine gesicherte Stelle mit deutscher Übersetzung abgerufen wurde. Ob Plethons Theologie den höchsten Gott als transzendent verneint, ist nach SEP strittig (Tambrun 2007 und Siniossoglou 2011 bejahen, Hladký 2014 bezweifelt es) und wird daher nicht behauptet. Die Anekdote zu den Gebeinen stammt aus Wikipedia de ohne zeitgenössischen Beleg im abgerufenen Text. Die Deutung 'Schutz der Herrscher erklärt, warum die Gegner nichts ausrichten konnten' gibt Wikipedia de mit 'offenbar' wieder. Die Angabe zu Bessarion als Schüler und zu Ficino stammt aus Wikipedia de; SEP nennt Bessarion nur als Vermittler im Streit. Lesetipps Blum 1988 (Hiersemann, ISBN 3-7772-8806-3) und Hladký 2014 (Ashgate, ISBN 978-1-4094-5294-2) sind über die Literaturliste der Wikipedia de belegt. Prüfer: Lebensdaten, Werke, Schüler, Gegner, Kontext und alle drei Kanten sind in SEP und Wikipedia de nachgewiesen; Erasmus/Morus-Einfluss als 'anscheinend/wahrscheinlich' gekennzeichnet.

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Plethon

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Byzantine Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia de, Georgios Gemistos Plethon · Wikipedia

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