Gorgias von Leontinoi
um 483–375 v. Chr. · Leontinoi (Sizilien), wirkte in Athen und anderswo
- Strömung
- Athen: Sokrates, Platon, Aristoteles
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Berühmter Sophist und Redelehrer, dem Platon einen eigenen Dialog gewidmet hat und der die Macht der Sprache zum Thema machte.
Er steht für die Sophisten, gegen die Platon sein Bild des Philosophen entwirft. Isokrates gilt als sein Schüler. Mit Thrasymachos teilt er die Rolle des gefeierten Redelehrers in Athen.
Kernidee
Gorgias lehrte, dass Sprache überzeugen und sogar lenken kann. In seiner Schrift „Über das Nichtseiende“ stellt er drei Thesen auf: Nichts existiert, wenn doch etwas existiert, ist es nicht erkennbar, und wenn es erkennbar wäre, könnte man es nicht mitteilen. Ob das ernst oder als Redekunststück gemeint war, ist umstritten.
Bekannt für
Man kennt ihn für seine Prunkreden und für die Behauptung, nichts existiere. Er trat bei den großen griechischen Festen auf.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Macht des Logos
In der „Helena“ argumentiert er, dass Helena nicht zu tadeln sei, weil sie von Gewalt, Liebe oder überzeugender Rede getrieben wurde. Er beschreibt die Rede als mächtige Kraft, die Menschen gegen ihr eigenes Interesse bewegen kann. Eine Präsentation, die dich überzeugt, ohne dass du alle Zahlen geprüft hast, zeigt genau das.
Nichts existiert
Gorgias behauptet, dass nichts existiert, dass man es nicht erkennen und nicht mitteilen könnte. Er argumentiert, dass Gedanken und Wirklichkeit grundverschieden sind: Man kann sich Wagen vorstellen, die auf dem Meer fahren, ohne dass es sie gibt. Wer in einem Meeting fragt, ob ein Wort wie „Strategie“ wirklich das Gleiche für alle bedeutet, nutzt einen kleinen Teil dieses Gedankens.
Schwächeres zum Stärkeren machen
Nach IEP versucht er, die schwächere Position stark zu machen, etwa Helena zu entlasten. Der Redner zeigt damit, dass Überzeugung eine Technik ist. Wenn du in einer Verhandlung die Gegenseite stark machst, bevor du widersprichst, tust du etwas Ähnliches.
Begriffe
- Rhetorik
- Logos
- Überredung
- Nichtsein
- Sophistik
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Empedokles: nach mehreren antiken Berichten sein Lehrer
Schüler
- Isokrates: nach Quintilian und anderen sein Schüler
- Menon: nach Platon unter seinen Schülern
Gegner
- Platon: nennt Rhetorik im Dialog „Gorgias“ eine Form der Schmeichelei
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von Antisthenesungeprüft
Er lernte zunächst Rhetorik bei Gorgias, bevor er zu Sokrates wechselte.
Schüler von Empedokles von Akragasüberliefert
Antike Quellen nennen Gorgias seinen Schüler, de.wikipedia hält das für ungewiss.
Lehrer von Isokratesungeprüft
Nach Quintilian und anderen unterrichtete er Isokrates.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Platonungeprüft
Im Dialog „Gorgias“ nennt Platon die Redekunst eine Form der Schmeichelei.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Protagoras von Abderaungeprüft
Beide zählen zu den älteren Sophisten, reisenden Lehrern der Redekunst.
im Vergleich mit Thrasymachos von Chalkedonungeprüft
Beide zählen zu den älteren Sophisten, die in Athen berühmt wurden.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
427 v. Chr. kam er als Gesandter seiner Heimatstadt nach Athen, um Schutz gegen Syrakus zu erbitten. Seine Reden machten ihn dort berühmt.[1]
Geld belegt
Er unterrichtete gegen Honorar und zog von Stadt zu Stadt. Das gehört zum Geschäftsmodell der Sophisten und prägt ihr schlechtes Bild bei Platon.[2]
Deutung Deutung
Platons Abneigung gegen die Sophistik hat auch einen politischen Grund: Er bevorzugte eine Oligarchie, viele Sophisten dagegen die Demokratie.[1]
Kritik
Platon wirft ihm vor, nur das Angenehme zu suchen und nicht das Beste. Aristoteles tadelt seinen Stil als „frostig“ (Rhetorik 1405b34). Ob er mit „Nichts existiert“ ernst meinte, was er sagte, ist offen.
Wirkung heute
Gorgias erinnert daran, wie stark Sprache Wirklichkeit formt, was in Marketing, Politik und Führung täglich sichtbar ist. Auch seine Frage, ob sich Gedanken wirklich mitteilen lassen, beschäftigt die Kommunikationstheorie.
Brücke zu Führung und Coaching
Gorgias fragt: Wer überzeugt hier gerade wen, und womit? Prüfe in deinem nächsten wichtigen Meeting, ob dich ein starker Vortrag oder die Sache überzeugt hat. Und achte darauf, wie deine eigene Wortwahl andere lenkt.
Lebensstationen
- 483 v. Chr.Geburt in Leontinoi (ungefähr)
- 427 v. Chr.Gesandtschaft nach Athen gegen Syrakus
- 427 v. Chr.Danach Wanderjahre, Reden bei Festen in Olympia, Aufenthalte in Athen und Larisa
- 375 v. Chr.Tod (ungefähr)
Werke
Lobrede auf Helena, Verteidigung des Palamedes, Über das Nichtseiende, Epitaphios (Totenrede) und ein Redelehrbuch (Technai). Nur die Helena und der Palamedes sind vollständig erhalten, anderes steht in Berichten.
Anekdote überliefert
Bei seinen Auftritten ließ er sich aus dem Publikum beliebige Fragen stellen und antwortete aus dem Stegreif. Das beschreibt Guthrie als Besonderheit seiner Vorführungen.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Platon, Gorgias, Griechisch/Deutsch, Reclam (Jahr nicht geprüft): der berühmte Angriff auf die Rhetorik, wenn auch aus Platons Sicht.
- Vertiefung
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Eintrag „Gorgias“ (online).
Noch nicht sicher belegt
- Lebensdaten ungefähr. Die Schülerschaft bei Empedokles und die Lehrerrolle für Isokrates sind nur berichtet. Ob die Nichtseins-These ernst gemeint war, ist umstritten. Ein Zitat mit Stellenangabe habe ich nicht aufgenommen, weil ich nur Paraphrasen hatte.
Wege durchs Netz
Gorgias: Sprache kann überzeugen und sogar lenken.
Herkunft der Daten: Klassisches Athen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Gorgias
- [1]Internet Encyclopedia of Philosophy, Gorgias · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia, Gorgias (nach Guthrie) · Wikipedia
- [3]Britannica: 336904 · Britannica