Protagoras von Abdera
um 490–420 v. Chr. · Abdera (Thrakien), wirkte auch in Athen
- Strömung
- Athen: Sokrates, Platon, Aristoteles
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der berühmteste Sophist: ein reisender Lehrer der Redekunst, der mit dem Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ zum Inbegriff des Relativismus wurde.
Er ist der Gegenspieler von Sokrates und Platon: Sokrates sucht nach Wahrheit durch Prüfung, Protagoras bietet praktische Überzeugungskunst gegen Geld. Platon macht ihn zur Titelfigur eines Dialogs (eines in Gesprächsform geschriebenen Werkes), und die Sokratiker grenzen sich vom sophistischen Geschäft mit der Rede ab.
Kernidee
Protagoras lehrte, dass es zu jeder Sache zwei gegenläufige Reden gibt und dass sich die schwächere zur stärkeren machen lässt. Sein berühmter Satz sagt, der Mensch sei das Maß von allem. Platon liest ihn so, dass wahr für jeden das ist, was ihm erscheint: Ein Wind kann dem einen kalt und dem anderen warm vorkommen. Zu den Göttern meinte er, man könne nicht wissen, ob es sie gibt.
Bekannt für
Bekannt ist er für den Mensch-Maß-Satz, der oft als „alles ist relativ“ verstanden wird. Er gilt außerdem als einer der ersten, die gegen Bezahlung Redekunst und Staatskunst lehrten.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der Mensch ist das Maß
Im Theaitetos deutet Platon den Satz so: Wahr ist für jeden das, was ihm erscheint. Der Satz steht am Anfang von Protagoras' Werk „Wahrheit“, und selbst bei ihm ist die relativistische Deutung unsicher. Im Betrieb kennst du das: Zwei Mitarbeiter empfinden dieselbe Besprechung als effizient bzw. als Zeitverschwendung, und beide Eindrücke sind für sie real.
Die schwächere Rede stark machen
Protagoras soll behauptet haben, er könne die schwächere Rede zur stärkeren machen. Gemeint ist die Kunst, zu jeder Sache zwei gegenläufige Reden zu entwickeln und die bessere Seite überzeugend darzustellen. Wenn dein Team einen Vorschlag zum Beispiel erst ablehnen soll und dann verteidigen muss, trainiert es genau diese Fähigkeit.
Politische Kunst ist lehrbar
In Platons Dialog erzählt Protagoras einen Mythos, der die athenische Praxis verteidigt, dass jeder Bürger sich öffentlich äußern darf, und seinen Anspruch begründet, die „politische Kunst“ zu lehren. Er macht Gemeinsinn also zu etwas, das man lernen kann. Das lässt sich auf Führungsentwicklung übertragen: Urteilskraft im Umgang mit anderen kannst du üben, nicht nur erben.
Begriffe
- Mensch-Maß-Satz
- : Protagoras' bekanntester Satz, nach dem der Mensch das Maß aller Dinge ist; Platon liest ihn so, dass wahr ist, was einem erscheint
- Sophist
- : ein bezahlter Lehrer, der in griechischen Städten vor allem Redekunst und Staatskunst vermittelt, wofür Protagoras als Vorbild galt
- Relativismus
- : die Lehre, dass Wahrheit vom Wahrnehmenden abhängt, wie ein Wind, der dem einen kalt und dem anderen warm erscheint
- Gegenrede
- : zu jeder Sache gibt es zwei entgegengesetzte Standpunkte, und man soll auch die schwächere so zuspitzen, dass sie überzeugt
- Agnostizismus (Unerkennbarkeit der Götter)
- : in seiner verlorenen Schrift Über die Götter schreibt er, man könne weder wissen, ob es Götter gibt, noch wie sie aussehen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Demokrit: spätere Legenden nennen ihn als Lehrer, das gilt als sehr unwahrscheinlich
Schüler
- Antimoeros von Mende: nach Platons Protagoras sein geachtetster Schüler
Freunde
- Perikles: Protagoras verkehrte in Athen mit ihm; er lud ihn ein, die Verfassung für die Kolonie Thurii zu schreiben
Gegner
- Demokrit: kritisierte den Mensch-Maß-Satz als selbstwidersprüchlich
- Sokrates in Platons Protagoras: streitet mit ihm darüber, ob sich Tugend lehren lässt
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von Prodikos von Keosüberliefert
Die Suda nennt ihn Schüler des Protagoras, bei Platon ist er dessen jüngerer Zeitgenosse.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Hippias von ElisDeutung
Als jüngerer Zeitgenosse tritt er im Dialog Protagoras auf, wo Protagoras seine Unterrichtsfächer kritisiert.
wird kritisiert von Platonungeprüft
Platon behandelt seine Lehre im Theaitetos und macht aus dem Mensch-Maß-Satz einen Relativismus, den er bekämpft.
kritisiert Sokratesungeprüft
Platon lässt beide im Dialog Protagoras darüber streiten, ob sich Tugend lehren lässt.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Gorgias von Leontinoiungeprüft
Beide zählen zu den älteren Sophisten, reisenden Lehrern der Redekunst.
im Vergleich mit Thrasymachos von Chalkedonungeprüft
Beide gehören zu den Sophisten, die in Platons Dialogen auftreten.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld belegt
Er verdiente sein Geld vor allem als reisender Lehrer, vielleicht auch als Berater. Mögliche Verzerrung: Wer von Honoraren lebt, richtet sein Angebot an dem aus, was Kunden brauchen, nämlich überzeugendes Reden.[3]
Zeitgeschehen belegt
Abdera war eine Stadt im Machtbereich des Athenischen Reiches, und in Athen verkehrte er mit Perikles (dem führenden Politiker Athens) und anderen einflussreichen Athenern. Verzerrung: Seine Lehre passte zu einer Demokratie, in der Überzeugen im Rat und vor Gericht über Erfolg entschied.[2]
Abhängigkeit belegt
Seine Schriften sind fast vollständig verloren, und die wichtigste Quelle zu seinen Gedanken ist der Theaitetos Platons. Die Geschichten über Prozess und Verbrennung seiner Bücher sind möglicherweise spätere Legenden. Verzerrung: Sein Bild wurde vor allem von seinen Gegnern geprägt.[1]
Kritik
Demokrit (ein jüngerer Philosoph aus Abdera, der Heimatstadt des Protagoras) hielt den Mensch-Maß-Satz nach den Berichten von Plutarch und Sextus Empiricus für selbstwidersprüchlich. Platon macht im Theaitetos aus ihm eine Lehre vom Relativismus und bekämpft sie, und die Sophisten insgesamt galten ihm als Verkäufer des bloßen Scheins. Die Internet Encyclopedia of Philosophy betont, dass Protagoras der einzige Sophist ist, dem antike Quellen relativistische Ansichten zuschreiben, und selbst bei ihm ist die Lage nicht eindeutig.
Wirkung heute
Die Frage, ob Wahrheit vom Standpunkt abhängt, ist in Erkenntnistheorie und Ethik weiter aktuell. Auch die Idee, Debatten durch zwei gleichberechtigte Seiten zu führen, ist in Schule, Recht und Politik lebendig.
Brücke zu Führung und Coaching
Protagoras erinnert daran, dass in Teams jeder aus seinem Blickwinkel urteilt. Wenn du in einer Entscheidung die Gegenrede ausdrücklich einforderst, hilfst du deinem Team, seine Annahmen zu prüfen, statt nur die eigene Sicht zu verteidigen. Frag aber ehrlich: Wo ist ein Standpunkt bloße Ansicht, und wo gibt es etwas, das sich prüfen lässt?
Zitate
„Von allen Dingen ist der Mensch das Maß, von den seienden, dass sie sind, von den nichtseienden, dass sie nicht sind.“
Lebensstationen
- 490 v. Chr.Geboren in Abdera (ungefähr)
- 444 v. Chr.Perikles lädt ihn ein, die Verfassung der neuen Kolonie Thurii zu schreiben
- 420 v. Chr.Tod (ungefähr, nach Platon wurde er rund 70 Jahre alt)
- 411 v. Chr.Nach anderer Datierung (Wikipedia de) wäre er um dieses Jahr gestorben
Werke
Sein Hauptwerk hieß „Wahrheit“ (oder „Widerlegungen“)
dazu kommt „Über die Götter“. Beide sind verloren, nur kurze Zitate in späteren Werken sind erhalten.
Anekdote überliefert
Nach einer Überlieferung bei Diogenes Laertios (IX,54) wurde Protagoras in Athen wegen Gottlosigkeit (in Athen ein Straftatbestand, die Asebie) angeklagt, floh und ertrank auf der Überfahrt, seine Bücher soll man verbrannt haben. Die Stanford Encyclopedia hält das für unsicher, weil Platon ihn als hoch geachteten alten Mann beschreibt und der Prozess auch erfunden sein könnte.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Platon: Protagoras, griechisch und deutsch (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 1708): Gespräch zwischen Sokrates und dem berühmten Sophisten über die Lehrbarkeit der Tugend.
- Vertiefung
- W. K. C. Guthrie: The Sophists (Cambridge University Press, 1971, englisch)
Noch nicht sicher belegt
- Lebensdaten nur ungefähr (Wikipedia de nennt Tod um 411, SEP und IEP um 420). Prozess und Bücherverbrennung sind überliefert, aber wohl spätere Legende. Das Zitat ist eine deutsche Übertragung von DK 80 B 1. Deutung des Mensch-Maß-Satzes als reiner Relativismus ist umstritten.
Wege durchs Netz
Protagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, und zu jeder Sache gibt es zwei Reden.
Herkunft der Daten: Klassisches Athen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Protagoras
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Protagoras · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: The Sophists · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: Protagoras · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [4]Wikipedia (de): Protagoras · Wikipedia
- [5]Demokrit – Wikipedia (de) · Wikipedia
- [6]Wikipedia (de): Perikles · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (de): Asebie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20