Landkarte der Philosophie · Strömung
Athen: Sokrates, Platon, Aristoteles
470 v. Chr. bis 322 v. Chr. · antikebelegt
Was ist ein gutes Leben, und wie finden wir die Wahrheit darüber?
In Athen wandte sich die Philosophie dem Menschen, der Gerechtigkeit und dem richtigen Handeln zu. Sokrates fragte, Platon baute daraus eine Lehre von den Ideen, Aristoteles ordnete das Wissen seiner Zeit in Fächer. Fast alle späteren Debatten stehen auf diesem Fundament.
Zeit und Umfeld
Nach den Perserkriegen wurde Athen zur Demokratie und kulturellen Hauptstadt Griechenlands, litt dann aber unter dem Peloponnesischen Krieg und verurteilte Sokrates 399 v. Chr. zum Tod.
Warum das heute zählt
Gute Fragen stellen, Begriffe klären und Tugenden wie Mut oder Maß ernst nehmen: Das bleibt das Handwerk jeder Führung und jedes Coachings.
Kants Fragen (Deutung): Was soll ich tun? · Was kann ich wissen?
Personen (16)
- Protagoras von Abderaum 490–420 v. Chr.Der berühmteste Sophist: ein reisender Lehrer der Redekunst, der mit dem Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ zum Inbegriff des Relativismus wurde.
- Gorgias von Leontinoium 483–375 v. Chr.Berühmter Sophist und Redelehrer, dem Platon einen eigenen Dialog gewidmet hat und der die Macht der Sprache zum Thema machte.
- Sokrates469–399 v. Chr.Der Mann, der nichts schrieb und dennoch durch seine Gespräche und seinen Tod zum Gründungsbild der Philosophie wurde; für Platon und die Sokratiker ist er Lehrer, Vorbild und Streitpunkt zugleich.
- Thrasymachos von Chalkedonum 459–400 v. Chr.Sophist und Redelehrer, fast nur bekannt als Figur in Platons Politeia, Buch I. Hinweis: Fast alles hier stammt aus Platons Politeia und ist Platons Darstellung.
- Antisthenesum 445–365 v. Chr.Sokrates-Schüler, der die Ethik des Meisters in ein genügsames Leben der Tugend übersetzt und deshalb als Vorläufer der Kyniker gilt.
- Isokrates436–338 v. Chr.Redelehrer und Gegenspieler der Akademie, der unter „Philosophie“ etwas ganz anderes verstand als Platon.
- Aristippos von Kyreneum 435–355 v. Chr.Sokrates-Schüler und Gründer der Kyrenaiker, der als Begründer des Hedonismus (Lust als höchstes Gut) gilt.
- Euklid von Megaraum 435–365 v. Chr.Sokrates-Schüler und Gründer der Megarischen Schule, die das Gute als Eines versteht und die Kunst des Streitgesprächs pflegt.
- Xenophon von Athenum 430–354 v. Chr.Soldat, Schriftsteller und Sokrates-Schüler, der Sokrates als praktischen Ratgeber zeigt und über Führung schreibt.
- Platonum 428–348 v. Chr.Schüler des Sokrates und Gründer der Akademie, der Schule, aus der in diesem Modul Speusipp, Xenokrates, Arkesilaos und Aristoteles hervorgehen.
- Speusippos von Athenum 408–339 v. Chr.Platons Neffe und erster Leiter der Akademie nach Platon, der wichtige Lehren seines Onkels verwarf.
- Diogenes von Sinopeum 404–323 v. Chr. (Angaben schwanken)Der berühmteste Kyniker: ein Philosoph, der durch sein Leben auf der Straße die Gewohnheiten der Gesellschaft entlarvt.
- Xenokrates von Chalkedonum 396–314 v. Chr.Dritter Leiter der Akademie, der Platons Lehre genauer fassen und mit Zahlen und Dämonen ausbauen wollte.
- Aristoteles384–322 v. Chr.Platons berühmtester Schüler, der in Athen das Lykeion gründete und die Tugendethik prägte.
- Theophrast von Eresosum 371–287 v. Chr.Aristoteles' Kollege und Nachfolger an der Spitze des Lykeion, Naturforscher und Charakterbeobachter.
- Krates von Thebenum 365–285 v. Chr.Der Kyniker, der sein Vermögen weggab und Zenon, den Gründer der Stoa, unterrichtete: die Brücke zwischen Kynismus und Stoa.
Begriffe
- Dialektik
- : das Gespräch in Frage und Antwort, das Behauptungen prüft
- Ideenlehre
- : die Annahme, dass hinter den Dingen unveränderliche Urbilder stehen
- Tugend
- : die gute Haltung, die jemanden zu einem guten Menschen macht
- Mitte
- : Aristoteles' Lehre, dass richtiges Handeln zwischen Übertreibung und Mangel liegt
- Eudaimonia
- : das gelingende Leben als Ziel menschlichen Handelns
- Polis
- : der Stadtstaat als Rahmen für gemeinsames Leben und Politik
Verbindungen innerhalb der Strömung
36 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Antisthenes baut auf Sokrates aufungeprüft
Antisthenes führte Sokrates' strenge Ethik weiter und gilt als Vorläufer der Kyniker.
Aristippos von Kyrene baut auf Sokrates aufungeprüft
Aristipp gründete die Kyrenaiker, eine kleinere sokratische Schule.
Diogenes von Sinope baut auf Sokrates aufungeprüft
Die kynische Askese beruft sich auf Sokrates' Selbstgenügsamkeit.
Xenophon von Athen baut auf Sokrates aufungeprüft
Xenophon hält ihn in Memorabilien und Apologie als praktischen Ratgeber fest.
Antisthenes und Xenophon von Athen kannten sich persönlichungeprüft
Antisthenes erscheint in Xenophons Schriften als wichtiger Gesprächspartner von Sokrates.
Aristippos von Kyrene und Platon kannten sich persönlichungeprüft
Nach Plutarch trafen beide in Syrakus zusammen, als Platon zum dritten Mal dort war.
Aristoteles und Speusippos von Athen kannten sich persönlichungeprüft
Aristoteles verließ die Akademie der Überlieferung nach, nachdem Speusipp die Leitung übernommen hatte.
Aristoteles und Theophrast von Eresos kannten sich persönlichungeprüft
Theophrast wurde sein Nachfolger im Lykeion.
Aristoteles und Xenokrates von Chalkedon kannten sich persönlichungeprüft
Beide verließen Athen nach Platons Tod und reisten zu Hermias.
Platon und Speusippos von Athen kannten sich persönlichungeprüft
Der Neffe übernahm nach Platons Tod die Leitung der Schule.
Speusippos von Athen und Xenokrates von Chalkedon kannten sich persönlichungeprüft
Xenokrates folgte ihm als Leiter der Akademie.
Antisthenes war Lehrer von Diogenes von Sinopeüberliefert
Nach Diogenes Laertios war Diogenes sein Schüler, was moderne Forscher bezweifeln.
Diogenes von Sinope war Lehrer von Krates von Thebenungeprüft
Krates war sein Hauptschüler und gab die Lehre an Zenon weiter.
Gorgias von Leontinoi war Lehrer von Antisthenesungeprüft
Er lernte zunächst Rhetorik bei Gorgias, bevor er zu Sokrates wechselte.
Gorgias von Leontinoi war Lehrer von Isokratesungeprüft
Nach Quintilian und anderen unterrichtete er Isokrates.
Platon war Lehrer von Aristotelesungeprüft
Aristoteles studierte in Platons Akademie bis zu dessen Tod 347 v. Chr.
Platon war Lehrer von Xenokrates von Chalkedonungeprüft
Er begleitete Platon nach Sizilien und blieb in der Akademie.
Sokrates war Lehrer von Euklid von Megaraungeprüft
Sokrates-Schüler, bei dessen Tod anwesend, Gründer der Megarischen Schule.
Sokrates war Lehrer von Platonungeprüft
Platon macht ihn zur Hauptfigur seiner Dialoge und gründet auf diesem Bild die Akademie.
Aristoteles kritisiert Platonungeprüft
Aristotelismus entstand aus der kritischen Auseinandersetzung mit dem Platonismus
Isokrates kritisiert Aristotelesungeprüft
Antike Berichte überliefern Kritik zwischen Aristoteles und dem Isokrates-Kreis.
Isokrates kritisiert Platonungeprüft
Rivalen um den Begriff der Philosophie: Bildung für die Praxis gegen Dialektik und Wahrheitssuche.
Platon kritisiert Gorgias von Leontinoiungeprüft
Im Dialog „Gorgias“ nennt Platon die Redekunst eine Form der Schmeichelei.
Platon kritisiert Protagoras von Abderaungeprüft
Platon behandelt seine Lehre im Theaitetos und macht aus dem Mensch-Maß-Satz einen Relativismus, den er bekämpft.
Platon kritisiert Thrasymachos von Chalkedonungeprüft
Platon lässt ihn in der Politeia als Gegner auftreten.
Protagoras von Abdera kritisiert Sokratesungeprüft
Platon lässt beide im Dialog Protagoras darüber streiten, ob sich Tugend lehren lässt.
Sokrates kritisiert Thrasymachos von Chalkedonungeprüft
In Politeia Buch I wird er von Sokrates widerlegt.
Antisthenes wird verglichen mit Aristippos von Kyreneungeprüft
Deutung: Genügsamkeit gegen Lust sind zwei gegensätzliche Wege, die aus Sokrates' Ethik hervorgingen.
Antisthenes wird verglichen mit Krates von Thebenungeprüft
Beide gehören zur Linie der Kyniker, die später zu Zenon führt.
Aristippos von Kyrene wird verglichen mit Xenophon von Athenungeprüft
Xenophon zeigt in den Memorabilien (2,1) ein Gespräch zwischen Sokrates und Aristipp.
Euklid von Megara wird verglichen mit Platonungeprüft
Im Phaidon wird er als Zuhörer genannt; im Rahmen des Theaitetos soll er das Gespräch aufgeschrieben haben.
Gorgias von Leontinoi wird verglichen mit Protagoras von Abderaungeprüft
Beide zählen zu den älteren Sophisten, reisenden Lehrern der Redekunst.
Gorgias von Leontinoi wird verglichen mit Thrasymachos von Chalkedonungeprüft
Beide zählen zu den älteren Sophisten, die in Athen berühmt wurden.
Isokrates wird verglichen mit Sokratesungeprüft
Die Forschung vermutet aus dem Phaidros eine Nähe zum Sokrates-Kreis, sicher belegt ist das nicht.
Platon wird verglichen mit Xenophon von Athenungeprüft
Beide schreiben Sokrates-Dialoge, betonen aber unterschiedliche Züge ihres Lehrers.
Protagoras von Abdera wird verglichen mit Thrasymachos von Chalkedonungeprüft
Beide gehören zu den Sophisten, die in Platons Dialogen auftreten.
Nachbarn unter den Strömungen
- Baut auf: VorsokratikerDie Frage nach Sein und Wandel kommt von Heraklit und Parmenides
- Verwandt mit: Hellenismus: Stoa und EpikurStoa und Epikur setzen die Frage nach dem guten Leben unter neuen politischen Bedingungen fort
- Verwandt mit: Mittelalter: christlich, islamisch, jüdischPlaton und Aristoteles prägen christliche, islamische und jüdische Denker
Wege durchs Netz
Kurze Erzählungen über mehrere Personen.
Was ist ein gutes Leben?
Fünf Antworten auf die Frage, mit der alles anfing.
- 1.SokratesSokrates: Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert. Er fragt und behauptet, selbst nichts zu wissen.
- 2.AristippAristipp: Ziel ist die Lust, und zwar im gegenwärtigen Augenblick.
- 3.AntisthenesAntisthenes: Glück hängt allein an der Tugend, wer so lebt, braucht wenig.
- 4.PlatonPlaton: Orientierung geben nur die unveränderlichen Ideen, etwa die Gerechtigkeit selbst.
- 5.AristotelesAristoteles: Tugend entsteht durch Übung, das Ziel ist ein gelingendes Leben.
Macht oder Gerechtigkeit?
Der Streit zwischen Philosophen und Sophisten, der bis in jede Vorstandssitzung reicht.
- 1.ProtagorasProtagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, und zu jeder Sache gibt es zwei Reden.
- 2.GorgiasGorgias: Sprache kann überzeugen und sogar lenken.
- 3.ThrasymachosThrasymachos: Gerechtigkeit ist der Vorteil des Stärkeren. So jedenfalls lässt Platon ihn sprechen.
- 4.PlatonPlaton: Die Politeia ist eine einzige lange Antwort auf diese These.
- 5.IsokratesIsokrates: Er setzt auf Bildung für kluges Urteilen und gutes Reden in der Stadt, statt auf sicheres Wissen.
Ideen oder Dinge?
Wo steckt das Wesentliche: hinter den Dingen oder in ihnen?
- 1.ParmenidesParmenides: Das wahrhaft Seiende ist unveränderlich und ungeworden.
- 2.PlatonPlaton: Hinter den wechselnden Dingen stehen unveränderliche Ideen.
- 3.AristotelesAristoteles: Für ein gutes Leben muss man nicht erst das Gute an sich erkennen.
- 4.Ibn RuschdIbn Ruschd: Aristoteles ist die beste Methode, und Philosophie und Religion zielen beide auf Wahrheit.
- 5.ThomasThomas von Aquin: Der Glaube braucht gute Philosophie, die Gnade vollendet die Natur.
Der Weg nach innen
Wie aus einer Seelenlehre ein Weg der Selbsterkenntnis wurde.
- 1.PythagorasPythagoras: Die Seele ist unsterblich und kann in andere Lebewesen wandern.
- 2.PlatonPlaton: Wirkliches Wissen richtet sich auf das Unveränderliche.
- 3.PlotinPlotin: Alles kommt aus dem Einen, und der Mensch soll sich im Denken wieder nach oben wenden.
- 4.HypatiaHypatia: Sie lehrt in Alexandria den Neuplatonismus Plotins.
- 5.AugustinusAugustinus: Gott ist die Wahrheit, die der Mensch im eigenen Inneren sucht.
Die Rückkehr der Tugend
Warum heute wieder über Charakter statt nur über Regeln gesprochen wird.
- 1.AristotelesAristoteles: Tugenden sind Haltungen, die man durch Übung erwirbt.
- 2.ThomasThomas von Aquin: Er übernimmt Aristoteles und verbindet ihn mit dem christlichen Glauben.
- 3.AnscombeAnscombe: Das moderne moralische Soll hat seinen Sinn verloren, also zurück zu Fragen nach Handlung und Tugend.
- 4.MurdochMurdoch: Moral entscheidet sich im täglichen Hinschauen auf andere Menschen.
- 5.MacIntyreMacIntyre: Ich weiß erst, was ich tun soll, wenn ich weiß, von welcher Geschichte ich ein Teil bin.
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: plato · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: aristotle · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Socrates · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Wikipedia (en): Ancient Greek philosophy · Wikipedia