Landkarte der Philosophie

Empedokles von Akragas

um 495 – um 435 v. Chr. · Akragas (Sizilien)

Strömung
Vorsokratiker
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Dichter, Naturforscher, Redner und Politiker aus Sizilien, der die Vier-Elemente-Lehre begründet und Wandel durch Liebe und Streit erklärt.

Er antwortet auf Parmenides, indem er mehrere unvergängliche Stoffe annimmt, und wird mit Pythagoreern und Anaxagoras in Verbindung gebracht. Mit Anaxagoras und den Atomisten gehört er zu den Pluralisten, also zu denen, die statt eines einzigen Urstoffs mehrere unveränderliche Bausteine annehmen.

Kernidee

Empedokles sagt: Alles besteht aus vier ewigen Wurzeln, nämlich Feuer, Luft, Wasser und Erde. Zwei Kräfte, Liebe und Streit, mischen sie und trennen sie wieder, und dadurch entstehen und vergehen die Dinge. Damit erklärt er die Welt des Wandels, ohne Parmenides' Satz zu verletzen, dass nichts aus dem Nichts entsteht.

Bekannt für

Man kennt ihn für die Lehre von den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Erde, die die Naturwissenschaft der Antike geprägt hat, und für die Legende, er sei in den Ätna gesprungen, um als Gott zu gelten. Aristoteles nannte ihn laut den Quellen den Erfinder der Rhetorik.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die vier Wurzeln

Empedokles lehrt, dass alles aus vier Wurzeln besteht, die ewig sind, nichts wird ihnen hinzugefügt und nichts geht verloren. Weil sie bei ihm Götternamen tragen, sind sie keine tote Masse, sondern etwas Tätiges. Alles Entstehen ist dann eine Mischung dieser Wurzeln, und alles Vergehen ihre Trennung. So lässt sich ein Team als eine Mischung weniger Grundkräfte wie Tempo, Sorgfalt, Beziehung und Struktur beschreiben, aus der durch das Verhältnis der Anteile sehr verschiedene Persönlichkeiten entstehen.

Liebe und Streit im Kreislauf

Die Liebe bringt Verschiedenes zusammen, der Streit trennt es wieder, und keiner der beiden siegt für immer. Nach der gängigen Deutung läuft das in einem Kreislauf ab, der vom völligen Eins-Sein, dem Sphairos (der Kugel, in der alles vollkommen gemischt ist), über die Trennung bis zur erneuten Vereinigung führt; dabei entstehen jedes Mal Welt und Lebewesen. Auch in Organisationen wechseln Zusammenrücken und Abgrenzung einander ab, und die gute Frage lautet, welche der beiden Kräfte dein Team gerade braucht.

Reinigungen und Seelenwanderung

Im zweiten Gedicht schildert Empedokles, dass gefallene Dämonen, also göttliche Wesen, nach Schuld und Meineid dreißigtausend Jahreszeiten durch viele sterbliche Gestalten wandern müssen. Zur Reinigung gehören strenge Regeln, etwa kein Fleisch zu essen; er sieht sich selbst als Teil dieses Kreislaufs. Das Bild erinnert an den Gedanken, dass Folgen dich über lange Zeit begleiten: Eine Führungskraft, die Vertrauen verspielt, merkt es oft erst Jahre später in neuen Rollen.

Begriffe

vier Wurzeln
: Feuer, Wasser, Erde und Luft als unveränderliche Grundstoffe, die weder entstehen noch vergehen und sich nicht ineinander verwandeln
Liebe und Streit
: zwei Kräfte, die die Wurzeln bewegen: die Liebe vereint sie, der Streit trennt sie, und ihr Wechselspiel treibt allen Wandel an
Kreislauf
: der Wechsel der Weltphasen, in dem erst die Liebe alles mischt, dann der Streit trennt und danach die Liebe wiederkehrt
Sphairos
: die Kugel der vollständigen Mischung, die die Liebe hervorbringt, der vollkommene Zustand des Kosmos
Seelenwanderung
: ein gefallenes göttliches Wesen muss nach schwerem Unrecht viele Leben in Pflanzen, Tieren und Menschen durchlaufen
Reinigungen
: sein religiöses Gedicht über Schuld, Strafe und Erlösung; ob es ein eigenes Werk neben dem Naturgedicht ist, ist umstritten

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Parmenides von Elea: antike Überlieferung (Alkidamas) nennt ihn als Lehrer, was aus Zeitgründen kaum möglich ist; sein Einfluss gilt als sicher
  • Pythagoras und frühe Pythagoreer: galten in der Antike als Lehrer, ein direktes Schülerverhältnis zu Pythagoras ist aus chronologischen Gründen ausgeschlossen

Schüler

  • Pausanias aus Gela: Adressat des Lehrgedichts Über die Natur, nach Diogenes Laertios auch sein Geliebter
  • Gorgias: nach antiken Quellen und der Suda sein Schüler, ob das zutrifft, ist ungewiss

Gegner

  • Die Gegner in Akragas: verhinderten laut Überlieferung seine Rückkehr aus dem Exil
  • Hippokratische Schrift Über die alte Medizin: kritisiert sein Zusammenspiel von Naturforschung und Medizin

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Gorgias von Leontinoiüberliefert

    Antike Quellen nennen Gorgias seinen Schüler, de.wikipedia hält das für ungewiss.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Parmenides von EleaDeutung

    Empedokles übernimmt Parmenides' Satz, dass nichts entsteht oder vergeht, und erklärt den Wandel durch Mischung ewiger Wurzeln (SEP).

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Anaxagoras von KlazomenaiDeutung

    Zeitgenossen, Empedokles war nach de.wikipedia etwas jünger; Britannica stellt Empedokles' vier Stoffe gegen Anaxagoras' unendlich viele.

  • im Vergleich mit Pythagoras von SamosDeutung

    Die Antike hielt Empedokles für einen Schüler von Pythagoras oder frühen Pythagoreern, dem steht die Chronologie entgegen; die Seelenwanderung verbindet beide (de.wikipedia, SEP).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Er stammte aus einer vornehmen und reichen Familie, sein Großvater war Olympiasieger im Pferderennen. Dieser Hintergrund passt zu dem Selbstbewusstsein seiner Verse, in denen er sich als Weisheitslehrer mit übermenschlichen Fähigkeiten darstellt.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Akragas (das heutige Agrigent) wandelte sich zu seinen Lebzeiten von der Tyrannis (einer Alleinherrschaft, die die Verfassung der Stadt nicht vorsah) über die Oligarchie zur Demokratie, und Empedokles trat laut Überlieferung für das Volk ein, eine Angabe, deren Wert umstritten ist. Wegen eines politischen Konflikts ging er ins Exil, aus dem er nicht zurückkehrte.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Sein Leben kennen wir vor allem aus dem späten Bericht des Diogenes Laertios (eines antiken Verfassers von Lebensbeschreibungen der Philosophen), den die SEP großenteils als romantische Ausschmückung bezeichnet, die oft von seinen eigenen Versen abgeleitet ist. Auch das Bild des Wundertäters und Gottes entstand wohl so; für die Lehre selbst sind Aristoteles, Plutarch und Simplikios wichtige Zeugen.[2]

Kritik

Aristoteles hielt ihn nach der Poetik eher für einen Naturforscher als für einen wirklichen Dichter wie Homer (Poetik 1447b13–20). Schon in der Antike warf man ihm Arroganz und Scharlatanerie vor, weil er sich in seinen Versen als Gott darstellt. Die hippokratische Schrift Über die alte Medizin kritisiert, dass er Naturforschung und Medizin verbindet.

Wirkung heute

Seine Vier-Elemente-Lehre bestimmte das Weltbild der Antike und beeinflusste nach de.wikipedia bis ins 19. Jahrhundert die Medizin. Tragfähig bleibt der Grundgedanke, Wandel durch das Zusammenspiel weniger beständiger Bausteine und Kräfte zu erklären.

Brücke zu Führung und Coaching

Empedokles hilft, Spannungen im Team nicht als Störung, sondern als zweite Kraft neben dem Zusammenhalt zu sehen. Frage in einem Konflikt: Wo trägt der Streit gerade zu Klarheit bei, und wo zerstört er, was die Liebe, also die Verbindung im Team, aufgebaut hat? Und vor einer Fusion zweier Abteilungen kannst du fragen, welche Eigenarten bewusst getrennt bleiben sollen.

Zitate

„Höre zuerst die vier Wurzeln von allem: der strahlende Zeus, die lebensspendende Hera, Aidoneus und Nestis, die mit ihren Tränen die sterbliche Quelle benetzt.“

Empedokles, DK 31 B 6 (Über die Natur); deutsche Wiedergabe nach der englischen Fassung im Eintrag Empedocles der Stanford Encyclopedia of Philosophy; die Götternamen stehen nach allgemeiner Auffassung für Feuer, Luft, Erde und Wasser, welche Gottheit welches Element meint, ist umstritten (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 496 v. Chr.Sein Großvater, ebenfalls Empedokles, siegt bei den Olympischen Spielen im Pferderennen (nach de.wikipedia)
  2. 495 v. Chr.Geboren in Akragas auf Sizilien (ungefähr)
  3. 472 v. Chr.Nach dem Tod des Tyrannen Theron beginnen in Akragas unruhige Zeiten; sein Vater Meton spielt dabei eine führende Rolle (ungefähr)
  4. 445 v. Chr.Besuch in Thurii nach dessen Gründung, wie es heißt (überliefert)
  5. 435 v. Chr.Gestorben, wohl auf der Peloponnes, im Exil (ungefähr; die Umstände sind unbekannt)

Werke

Lehrgedicht Über die Natur (Peri physeos) und Reinigungen (Katharmoi)

beide in Hexametern (dem klassischen Versmaß der epischen Dichtung, das auch Homer nutzte) und nur in Bruchstücken erhalten; nach Britannica etwa 400 Verse aus dem ersten und weniger als 100 aus dem zweiten Gedicht. Fragmente bei Diels-Kranz Nr. 31.

Anekdote überliefert

Nach der Legende sprang Empedokles in den Ätna, um als Gott zu gelten, und der Vulkan habe eine seiner metallenen Sandalen ausgespien und so den Betrug verraten. Die SEP hält fest, dass er mit Sicherheit nicht so gestorben ist, und nennt die Berichte über seinen Tod verworren.[2]

Lesetipps

Einstieg
Jaap Mansfeld und Oliver Primavesi (Hrsg.), Die Vorsokratiker, griechisch und deutsch, Reclam, Stuttgart 2011: Auswahl der Fragmente mit Übersetzung und Erläuterung, darin ein Abschnitt zu Empedokles.
Vertiefung
Geoffrey S. Kirk, John E. Raven und Malcolm Schofield, Die vorsokratischen Philosophen. Einführung, Texte und Kommentare, Metzler, Stuttgart 2001 (Studienausgabe)

Noch nicht sicher belegt

  • Lebensdaten: de.wikipedia um 495 bis um 435 v. Chr., Britannica c. 490 bis 430, die SEP nur 'frühes 5. Jahrhundert' und Tod mit sechzig Jahren nach Aristoteles; das Todesjahr leitet de.wikipedia aus dieser Angabe ab. Datierungen der Stationen 472 und 445 sind nur ungefähr bzw. überliefert (Thurii nach der SEP 445/4). Die Zuordnung der Götternamen in B 6 zu den vier Elementen ist umstritten (SEP). Die Deutung des Kreislaufs mit doppelter Kosmogonie ist die traditionelle Lesart, es gibt eine Gegenlesart mit nur einer Kosmogonie (SEP). Ob Über die Natur und Reinigungen zwei Werke oder eines sind, ist offen (Straßburger Papyrus). Gorgias als Schüler (antike Quellen, Suda) und die Pythagoras-Schülerschaft sind antike Überlieferung; die Lehrerangabe Parmenides stammt vom Sophisten Alkidamas und ist laut SEP chronologisch kaum möglich. Die Anekdote vom Ätna ist Legende, die SEP schließt diesen Tod aus. Das Urteil der Poetik (1447b13–20) ist nach de.wikipedia wiedergegeben. Die Seitenangaben der Lesetipps konnten nicht geprüft werden und wurden entfernt; Existenz, Verlag und Jahr beider Bücher sind per Suche bestätigt. Kante zu Hesiod, den die SEP als Bezugspunkt nennt, wurde aus Platzgründen nicht gesetzt.

Herkunft der Daten: Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Empedokles

  1. [1]Empedocles, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Empedokles, Wikipedia · Wikipedia
  3. [3]Britannica: Empedocles · Britannica
  4. [4]Wikipedia (de): Tyrannis · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  5. [5]Wikipedia (de): Hexameter · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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