Landkarte der Philosophie

Johann Gottfried Herder

1744–1803 · Weimar

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Schüler Kants und spätere Kritiker, der Sprache, Geschichte und Kulturen als gewachsene Ganzheiten verstand.

Herder hörte als junger Mann in Königsberg Kants Vorlesungen und wurde später dessen Kritiker. Hamann (ein Philosoph aus Königsberg, der die Aufklärung kritisierte und Denken an Sprache und Geschichte gebunden sah) war sein wichtigster Einfluss außerhalb der Universität und Freund, Jacobi und Goethe standen ihm nah.

Kernidee

Herder sieht den Menschen als ein Wesen der Sprache und der Geschichte: Denken ist ohne Sprache nicht möglich, und jede Kultur hat ihren eigenen Maßstab. Gegen Kants reine Vernunft (eine Vernunft, die vor aller Erfahrung gegeben sein soll) setzt er die Frage, wie sich Vernunft in Sprache und Geschichte erst bildet.

Bekannt für

Man kennt Herder als Denker der Sprache, der Kulturen und der Volkslieder. Sein Gedanke, jede Kultur nach ihren eigenen Maßstäben zu verstehen, prägt die Geisteswissenschaften bis heute.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Denken braucht Sprache

In der Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772, von der Berliner Akademie preisgekrönt) zeigt Herder, dass der Mensch ein sprachliches Wesen ist. Ohne Sprache gibt es kein Denken. Wer im Team eine gemeinsame Sprache für Ziele und Werte schafft, schafft zugleich gemeinsames Denken.

Jede Kultur hat ihren Maßstab

Herder wendet sich gegen die Aufklärung, die ihre eigene Zeit zum Maßstab aller Epochen machte. Jede Nation habe ihren eigenen Mittelpunkt der Glückseligkeit. Wer eine übernommene Firma führt, sollte ihre gewachsene Kultur erst verstehen, bevor er sie umbaut.

Metakritik an Kant

In seiner Metakritik wirft Herder Kant vor, die Sprache als Quelle der Erkenntnis zu übergehen. Vernunft sei kein reines Vermögen, sondern erwachse aus dem Gebrauch von Sprache. Eine Strategie ohne Bezug zur Praxis des Alltags bleibt darum leer.

Begriffe

Sprachursprung
: die Frage, wie Sprache entstand; seine Schrift von 1772 antwortet, sie sei aus rein menschlichen, natürlichen Ursachen entstanden und nicht göttlich gegeben
Volk und Kultur
: jede Nation hat ihren eigenen Wert und ihren eigenen Charakter; Kulturen wachsen organisch und dürfen nicht an fremden Maßstäben gemessen werden
Geschichtlichkeit
: Einsicht, dass vieles, was zeitlos schien, etwa Schönheit, Moral oder Kunstformen, geschichtlich gewachsen ist und nur aus seiner Epoche heraus zu verstehen
Metakritik
: seine Streitschrift von 1799 gegen Kants Kritik der reinen Vernunft: Vernunft bestehe nicht vor aller Erfahrung, sondern müsse erst erworben werden
Humanität
: sein Bildungs- und Lebensideal, nach dem Philosophie dem Wohl der Menschheit dienen soll; Thema der Briefe zur Beförderung der Humanität (1793 bis 1797)

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Immanuel Kant: Herder hörte 1762 bis 1764 seine Vorlesungen, laut SEP den vorkritischen Kant
  • Johann Georg Hamann: wichtigster Einfluss außerhalb der Universität, Freundschaft seit Königsberg

Schüler

  • Goethe: Begegnung 1770 in Straßburg, von Herder stark beeinflusst

Freunde

  • Goethe: vermittelte 1776 die Stelle in Weimar
  • Hamann: Freund seit Königsberg
  • Jacobi: Freundschaft seit 1783

Gegner

  • Kant: Streit über Geschichte und Vernunft, 1785 Rezensionen der Ideen
  • Mendelssohn: Briefwechsel 1769 über die Bestimmung des Menschen, Herder lehnte dessen jenseitsbezogene Sicht scharf ab

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Schüler von Immanuel Kantungeprüft

    Früher Hörer Kants, später Kritiker seiner Vernunftlehre in der Metakritik von 1799.

  • Schüler von Johann Georg Hamannungeprüft

    Hamann unterrichtete Herder ab 1762 und prägte seine Sprachphilosophie.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Jean-Jacques Rousseauungeprüft

    Rousseaus Schriften beeindruckten Herder tief, seine Kulturkritik prägte Herders Denken.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Immanuel Kantungeprüft

    Früher Hörer Kants, später Kritiker seiner Vernunftlehre in der Metakritik von 1799.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Herder wurde 1776 durch Goethes Vermittlung und mit Herzog Karl August Generalsuperintendent (Leiter der lutherischen Geistlichkeit) in Weimar und blieb es bis zu seinem Tod. Die Stelle sicherte sein Auskommen und band ihn an die Weimarer Verhältnisse.[1]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Herder begrüßte 1789 die Französische Revolution und änderte seine Sicht nach den Septembermorden 1792 (den Massenmorden an Gefangenen in Paris). Seine Idee vom Volk wurde später nationalistisch gelesen, ob zu Recht, ist umstritten.[3]

  • Biografie belegt

    Kant besprach 1785 anonym die ersten beiden Teile von Herders Ideen in der Allgemeinen Literatur-Zeitung. Die Auseinandersetzung blieb laut Piirimäe großenteils indirekt, die beiden nannten einander selten beim Namen.[7]

Kritik

Kant rezensierte Herders Ideen (die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, sein Hauptwerk) 1785 kritisch und hielt manche Hypothesen für so ungeheuerlich, dass die Vernunft davor zurückscheue. Michael Forster nennt in der SEP die Metakritik (1799, gegen Kants Kritik der reinen Vernunft) und die Kalligone (1800, gegen Kants Ästhetik) eine eher ablenkende und wirkungslose Polemik gegen den kritischen Kant. Der Volksbegriff wurde im 19. Jahrhundert zudem nationalistisch gedeutet.

Wirkung heute

Die Idee, dass Denken an Sprache gebunden ist, ist in der Sprachphilosophie und Kulturtheorie aktuell. Auch der Respekt vor kultureller Vielfalt gilt als Erbe Herders.

Brücke zu Führung und Coaching

Herder lädt dazu ein, fremde Kulturen im Unternehmen aus ihrer Mitte zu verstehen. Wenn zwei Abteilungen sich nicht verstehen, frage jede, welche Wörter sie benutzt und was sie damit meint. Wo sprecht ihr dieselben Wörter, meint aber Verschiedenes?

Zitate

„Jede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel ihren Schwerpunkt!“

Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit (1774), S. 509 der bei Google Books gelisteten Ausgabe

Lebensstationen

  1. 1744Geboren in Mohrungen (Ostpreußen)
  2. 1762Studium in Königsberg, Vorlesungen bei Kant bis 1764, Freundschaft mit Hamann
  3. 1772Abhandlung über den Ursprung der Sprache
  4. 1776Generalsuperintendent in Weimar
  5. 1799Metakritik gegen Kants Vernunftkritik
  6. 1803Tod in Weimar

Werke

Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772)

Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit (1774)

Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784 bis 1791)

Briefe zur Beförderung der Humanität (1793 bis 1797)

Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft (1799)

Kalligone (1800)

Anekdote belegt

1770 traf Herder in Straßburg den jungen Goethe, der von ihm stark geprägt wurde. Sechs Jahre später holte Goethe ihn mit Hilfe des Herzogs als Generalsuperintendenten nach Weimar.[2]

Lesetipps

Einstieg
Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772): kurz und gut lesbar, ein guter Zugang zu Herders Gedanken über Sprache.
Vertiefung
Jens Heise, Johann Gottfried Herder zur Einführung (Junius, 2006)

Noch nicht sicher belegt

  • Zitatwortlaut durch Google-Books-Eintrag (S. 509) und marxists.org bestätigt, die genaue Ausgabe zur Seitenzahl ist nicht geklärt. Das Kant-Zitat zu ungeheuerlichen Hypothesen stammt aus einer Sekundärquelle (Open Book Publishers), Kants Text AA 8:45–55 und 58–66 nicht selbst eingesehen. Die Einschätzung der Kränkung durch Kant wurde gestrichen. Hamann als Lehrer: SEP spricht von Einfluss und Freundschaft, nicht von einem Lehrer-Verhältnis. Begriff Besonnenheit gestrichen, nicht geprüft. Der Titel Verstand und Erfahrung wurde gestrichen, nur Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft (1799) belegt. Das Heise-Buch ist von Jens (nicht Heinz) Heise, Junius 2006 (Exlibris). Lesetipp-Ausgabe zum Sprachursprung nicht benannt, da keine Ausgabe bestätigt. Beeinflussung von Romantikern und Volkskunde gestrichen.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Herder

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Johann Gottfried Herder · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Johann Gottfried Herder (Fall 2019) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Wikipedia: Johann Gottfried Herder · Wikipedia
  4. [4]books.google.com/books/about/Auch_eine_Philosophie_der_Geschichte_zur.html · Buch
  5. [5]marxists.org/archive/herder/1774/history.htm · Webseite
  6. [6]users.manchester.edu/facstaff/ssnaragon/kant/Helps/WritingsData.htm · Webseite
  7. [7]Piirimäe: Herder's Debate with Kant · Webseite
  8. [8]exlibris.ch/de/buecher-buch/deutschsprachige-buecher/jens-heise/johann-gottfried-herder-zur-einfuehrung/id/9783885066286 · Webseite
  9. [9]Wikipedia (de), Johann Georg Hamann · Wikipedia
  10. [10]Wikipedia (de): Septembermorde · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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