Bonaventura
um 1221–1274 · Bagnoregio, Paris, Lyon
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Franziskaner, Pariser Magister und Generalminister seines Ordens, der Augustinus' Lehre vom göttlichen Licht des Geistes mit aristotelischer Erkenntnislehre verbindet und die Gefahren des Aristotelismus benennt.
Er steht für die augustinische Richtung der Hochscholastik neben dem Aristoteliker Thomas von Aquin und kritisiert Positionen, die an Averroes anknüpfen. Seine Lehrer an der Pariser Franziskanerschule und sein Orden prägen, wie er Aristoteles aufnimmt.
Kernidee
Bonaventura meint, dass wir beim Erkennen in uns selbst auf Gott stoßen, der als Licht des Geistes unsere Urteile sicher macht. Diese alte Lehre von der göttlichen Erleuchtung verbindet er mit dem aristotelischen Gedanken, dass wir Begriffe aus Sinneserfahrung gewinnen. Gefährliche Irrtümer sieht er dort, wo Philosophen die Welt für ewig halten, das Schicksal für notwendig oder einen einzigen Verstand für alle Menschen.
Bekannt für
Bonaventura ist vor allem als Verfasser der Reise des Geistes zu Gott bekannt, die als philosophisch-theologisch-geistlicher Klassiker gilt, und als der Mann, der die Franziskaner als Generalminister 17 Jahre lang durch ihre inneren Streitigkeiten führte. In Paris galt er als einer der führenden Theologen seiner Zeit.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Göttliche Erleuchtung und Abstraktion
Laut SEP schlägt Bonaventura vor, die alte augustinische Lehre vom göttlichen Licht des Geistes mit der aristotelischen Abstraktion zu verbinden, bei der man Begriffe aus der Erfahrung gewinnt. Der aktive und der aufnehmende Verstand sind dabei eigene menschliche Fähigkeiten und keine von außen kommenden Wesen wie bei Averroes. In einem Meeting zeigt sich das so: Du brauchst Zahlen und Erfahrung aus dem Alltag, aber ob eine Entscheidung stimmig ist, spürst du an einem inneren Maßstab, den du nicht aus Tabellen allein gewinnst.
Der Weg des Geistes zu Gott
Im Itinerarium, das er 1259 am Berg La Verna plante, beschreibt er einen gedanklichen und geistlichen Aufstieg, dessen Grundzüge auch der einfachste Bruder verstehen sollte. Der Weg beginnt bei den Dingen in der Welt und führt über das eigene Innere zu Gott. Das lässt sich auf Führung übertragen: Gute Entwicklung beginnt beim Konkreten im Alltag und führt Stufe für Stufe zu den Werten, die ein Team trägt.
Philosophische Irrtümer als Gefahr für den Glauben
In seinen letzten Vorträgen greift Bonaventura drei Irrtümer an: die Ewigkeit der Welt, die Notwendigkeit des Schicksals und den einen Intellekt für alle Menschen. Er hält sie für gefährlich, weil sie nach seiner Sicht den christlichen Glauben bis hin zur Erlösung untergraben. Für den Berufsalltag heißt das: Wer Grundannahmen unreflektiert übernimmt, muss sich nicht wundern, wenn am Ende die ganze Strategie nicht mehr trägt.
Begriffe
- Göttliche Erleuchtung (Illumination)
- Spiegelbild Gottes in der Welt
- Weg des Geistes zu Gott
- Ewigkeit der Welt
- Einheit des Intellekts
- Franziskanische Armut
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Alexander von Hales: gilt laut SEP als einer der Pariser Franziskanermeister, bei denen er studierte (Hales-Schüler laut de.wikipedia)
- Wilhelm von Middleton: Franziskanermagister in Paris (SEP)
Gegner
- Averroisten und radikale Aristoteliker in der Pariser Artistenfakultät: Ewigkeit der Welt, Schicksal und einheitlicher Intellekt
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf AristotelesDeutung
Er verbindet die Erleuchtungslehre mit der aristotelischen Abstraktionstheorie (SEP).
baut auf Augustinus von HippoDeutung
Die Lehre von der göttlichen Erleuchtung war laut SEP schon bei Augustinus Teil der philosophischen Lehre, Bonaventura baut sie aus.
Grundlage für Johannes Duns ScotusDeutung
Wikipedia en ordnet ihn der Alten Franziskanerschule zu, zu der auch Bonaventura gehörte; laut Britannica lernte er als Novize vor allem Bonaventuras Deutung des franziskanischen Ideals kennen.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Ibn Ruschd (Averroes)Deutung
Er lehnt den einen Intellekt für alle Menschen ab und nennt den Intellekt eine menschliche Fähigkeit, nicht abgetrennte Substanz wie bei Averroes (SEP).
kritisiert Roger BaconDeutung
Bacon geriet in Konflikt mit der Weisung des Bonaventura, Schriften nur mit Zustimmung der Oberen zu veröffentlichen (Wikipedia de).
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Thomas von AquinDeutung
Lehrgegensatz, kein persönlicher Streit: Beide wurden 1257 gemeinsam als Magister in Paris anerkannt (SEP). In der Frage des Lichts steht Thomas laut SEP für die aristotelische Position (Licht als akzidentelle Form), Bonaventura hält Licht mit Grosseteste für eine substanzielle Form; insgesamt ging er mit Aristoteles anders um als Albert und Thomas (SEP).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Er gehörte dem Franziskanerorden an und gab 1257 mit der Wahl zum Generalminister seine akademische Laufbahn auf. Sein späteres Schreiben ist damit stark von den Aufgaben und Konflikten seines Ordens bestimmt, etwa vom Armutsstreit.[3]
Zeitgeschehen belegt
Als er 1266 nach Paris zurückkehrte, standen seine Brüder laut SEP unter Angriff von Konservativen in der Theologie und von Radikalen in der Artistenfakultät. Seine Vorträge von 1273 liegen nahe an der Verurteilung bestimmter aristotelischer Thesen durch Bischof Étienne Tempier am 10. Dezember 1270.[1]
Biografie belegt
Über sein frühes Leben ist wenig bekannt, weil er erst 1482 heiliggesprochen wurde und deshalb nicht so intensiv wie Thomas biografisch erforscht wurde. Seine Kenntnis stammt hauptsächlich aus seiner eigenen Franziskus-Biografie.[1]
Kritik
Bonaventura wird teils als Gegner der Philosophie gelesen, weil er im Spätwerk Aristoteliker scharf angreift. Die SEP betont dagegen, dass er Philosophie durchgehend nutzt, aber Irrtümer, die den Glauben bedrohen, ablehnt. Thomas von Aquin vertritt in Fragen wie dem Licht eine aristotelische Position, die Bonaventura als eine von zwei möglichen Lehren diskutiert.
Wirkung heute
Seine Idee, dass Erkennen mehr ist als Datensammeln, wird in der Erkenntnistheorie und Spiritualität weiter diskutiert. Das Itinerarium bleibt ein viel gelesener Text für alle, die Denken und innere Entwicklung verbinden wollen.
Brücke zu Führung und Coaching
Bonaventura leitete einen Orden, der zwischen Gemäßigten und Radikalen auseinanderzubrechen drohte, und vermittelte zwischen den Lagern. Frage dich: Wo zieht sich in deinem Team ein Riss zwischen Bewahrern und Veränderern, und wie kannst du beide anhören, bevor du entscheidest? Notiere nach dem nächsten Konflikt, welche Werte beide Seiten eigentlich teilen.
Lebensstationen
- 1221Geburt in Civita di Bagnoregio, Mittelitalien (SEP: ca. 1221; Britannica nennt ca. 1217)
- 1243Eintritt in den Franziskanerorden in Paris (nach anderen Quellen 1244 oder 1238); Studium der Theologie bis 1248
- 1254Magister der Theologie, Lehrstuhl der Franziskaner in Paris bis 1257
- 1257Wahl zum Generalminister der Franziskaner am 2. Februar
- 1259Besuch des Bergs La Verna, Idee zum Itinerarium mentis in Deum
- 1274Tod am 15. Juli beim zweiten Konzil von Lyon, nachdem er 1273 Kardinal und Bischof von Albano geworden war
Werke
Itinerarium mentis in Deum (Reise des Geistes zu Gott, 1259)
Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus (Vorlesung um 1250 bis 1253, als Magister überarbeitet)
Legenda maior über Franziskus (1261 nach SEP, 1263 nach de.wikipedia und Britannica)
Collationes in Hexaëmeron (1273, unvollendet)
Anekdote belegt
Obwohl Berichte über Bonaventuras Heiligkeit im 13. und 14. Jahrhundert kursierten, entstand nach seinem Tod kein offizieller Kult, und der Papst erkannte ihn erst 1482 als Heiligen an. Dante hatte ihn da längst im Paradiso unter die Heiligen gesetzt (Canto 12).[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Bonaventura: Itinerarium mentis in Deum / De reductione artium ad theologiam, lateinisch-deutsch, eingeleitet, übersetzt und erläutert von Julian Kaup, Kösel, München 1961, weil es sein bekanntestes Werk in einer zweisprachigen deutschen Ausgabe ist (Ausgabe nach dem Literaturverzeichnis der Universität Freiburg/Schweiz und de.wikipedia bestätigt, Inhalt nicht selbst geprüft).
- Vertiefung
- Christopher M. Cullen: Bonaventure (Great Medieval Thinkers), Oxford University Press 2006 (englisch, laut de.wikipedia mit ISBN); als Übersetzung mit ausführlichen Anmerkungen Regis J. Armstrong: Into God. Itinerarium Mentis in Deum of Saint Bonaventure, Catholic University of America Press 2020 (laut SEP).
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsjahr: SEP und de.wikipedia 1221, Britannica um 1217; gewählt 1221 (als 'um'). Eintritt in den Orden 1243 (de.wikipedia), nach anderen 1244 (Britannica) oder 1238. Sentenzenvorlesung: de.wikipedia 1250 bis 1252, SEP um 1252/53; die Legenda maior datiert SEP auf 1261, de.wikipedia und Britannica auf 1263. Die Kante zu Thomas ist ein Gegensatz in Lehrfragen, kein persönlicher Streit. Der frühere Lesetipp (Höver, Fink 1970) ist im Literaturverzeichnis belegt, aber eine Edition der mittelalterlichen deutschen Übersetzung; ersetzt durch die zweisprachige Kaup-Ausgabe (Kösel 1961). Zitat bewusst weggelassen. Geprüft vom Prüfer am 20.10.2026: SEP, Britannica, de.wikipedia und das Freiburger Literaturverzeichnis abgerufen.
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.