Wilhelm von Ockham
um 1288–1347 · Ockham (Surrey, England), später Avignon und München, Oxford, London
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Englischer Franziskaner und Hauptvertreter des Nominalismus, der Allgemeinbegriffe nur als Gedanken im Kopf gelten lässt und im Streit mit dem Papst die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht verteidigt.
Ockham greift die Wirklichkeitslehren von Thomas von Aquin und Duns Scotus an und macht damit den Weg frei für die Frage, wie weit Vernunft ohne Metaphysik trägt. Im politischen Exil bei Kaiser Ludwig steht er neben Marsilius von Padua, der die päpstliche Allmacht noch radikaler bestreitet.
Kernidee
Für Ockham existieren nur einzelne Dinge. Allgemeinbegriffe wie „Katze“ sind Zeichen im Denken, die auf viele Einzeldinge zutreffen, aber keine eigene Wirklichkeit außerhalb des Geistes haben. Wer etwas erklärt, soll nicht mehr Annahmen einführen, als er braucht, es sei denn, Vernunft, Erfahrung oder die Heilige Schrift verlangen es.
Bekannt für
Man kennt ihn durch „Ockhams Rasiermesser“, die Regel, Erklärungen nicht unnötig aufzublähen. Beispiel: Fällt ein Projekt aus, suchst du zuerst die einfachste Ursache, bevor du eine Verschwörung im Team annimmst.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Nominalismus: nur Einzelnes ist wirklich
Ockham hält Ansichten für unhaltbar, nach denen es neben den einzelnen Katzen eine eigene „Katzenheit“ gibt. Universal ist nur der Begriff „Katze“, der von jeder einzelnen Katze wahr ausgesagt werden kann. Ein Wort wie „Kultur“ in einem Unternehmen steht deshalb für viele einzelne Verhaltensweisen von Menschen und nicht für ein Ding, das über ihnen schwebt.
Sparsamkeitsprinzip
Eine Mehrheit von Annahmen soll nicht ohne Notwendigkeit gesetzt werden. Die genaue Formel „Entitäten sollen nicht über das Nötige hinaus vermehrt werden“ steht laut Stanford Encyclopedia nirgends in seinen Texten, der Gedanke aber ist seiner. Er gilt zudem nur für das Denken des Philosophen, nicht für Gott, der vieles aufwendiger tut, als er müsste. Wenn du eine Kennzahl, ein Gremium oder eine Regel einführen willst, frag zuerst, welche Erfahrung oder welches Argument sie wirklich verlangt.
Kontingenz und Gottes Macht
Ockham hält die Welt und alles in ihr für nicht notwendig, denn Gott hätte auch eine andere Welt schaffen können. Gott bleibt dabei an den Satz vom Widerspruch gebunden und kann nichts Widersprüchliches wirken. Wer Strukturen im Betrieb für alternativlos erklärt, sollte sich daran erinnern, dass fast jede Ordnung auch anders hätte eingerichtet werden können.
Begriffe
- Nominalismus
- Sparsamkeitsprinzip (Ockhams Rasiermesser)
- Kontingenz
- absolute und geordnete Macht Gottes
- intuitive Erkenntnis
- Armutsstreit
- Ockhams Rasiermesser
- : von mehreren Erklärungen ist die mit den wenigsten Annahmen vorzuziehen
- Mentalsprache
- : ein gedachtes Begriffssystem, dem gesprochene und geschriebene Sprache untergeordnet sind
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Schüler
- Adam Wodeham: laut Wikipedia de ein Schüler, laut SEP zugleich scharfer Kritiker
Freunde
- Michael von Cesena: Ordensgeneral der Franziskaner, floh 1328 mit Ockham aus Avignon
- Kaiser Ludwig IV. der Bayer: gab den Flüchtigen Schutz in München
Gegner
- Papst Johannes XXII.: Ockham hielt ihn im Armutsstreit für einen Häretiker
- John Lutterell: Kanzler von Oxford und Thomist, erhob die Anklage wegen Ketzerei
- Walter Chatton und Adam Wodeham: Mitbrüder in London, scharfe Kritiker seiner Lehren
Verbindungen im Netz
7 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf AristotelesDeutung
schrieb Kommentare zu Aristoteles' Logik und nutzte dessen Begriffe
Grundlage für Chasdai CrescasDeutung
Seine Naturlehre ist von der neuen christlichen Physik des 14. Jahrhunderts beeinflusst, genannt werden Ockham, Buridan und Oresme (Stanford Encyclopedia of Philosophy).
Grundlage für Johannes BuridanDeutung
Laut SEP hatte Buridan Zugang zu Ockhams Summa logicae, seine Summulae sind von Ockhams via moderna inspiriert, doch nennt er Ockham nie beim Namen; Wikipedia de zählt ihn zu Ockhams unmittelbaren Schülern, ein persönliches Lehrverhältnis ist in den Quellen nicht belegt.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Johannes Duns ScotusDeutung
Wikipedia en nennt Ockham seinen Erzrivalen; die Franziskanertheologen des Spätmittelalters teilten sich in Scotisten und Ockhamisten. Ein persönlicher Austausch ist nicht belegt, es ist ein Gegensatz der Lehren.
wird kritisiert von Marsilius von PaduaDeutung
Beide waren Exilanten bei Ludwig dem Bayern gegen Johannes XXII., doch das Verhältnis war nach Wikipedia de distanziert, und der Defensor minor antwortet laut SEP auf Ockhams Bestreitung der Konzilsunfehlbarkeit.
kritisiert Thomas von AquinDeutung
stellte dessen Realismus der Allgemeinbegriffe radikal infrage
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Marsilius von PaduaDeutung
Beide waren Exilanten bei Ludwig dem Bayern gegen Johannes XXII., doch das Verhältnis war nach Wikipedia de distanziert, und der Defensor minor antwortet laut SEP auf Ockhams Bestreitung der Konzilsunfehlbarkeit.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Ockham gehörte seit Kindheit dem Franziskanerorden an, und sein Orden stand im Armutsstreit gegen den Papst. Sein Denken über Besitz und päpstliche Macht entstand also innerhalb dieser Ordensbindung.[1]
Abhängigkeit belegt
1324 bis 1328 lief in Avignon ein Verfahren gegen ihn, in dem eine Kommission 29 von 51 Thesen als häretisch oder irrig einstufte. Zu einem Urteil kam es aus unbekannten Gründen nie. 1328 wurde er exkommuniziert, nachdem er geflohen war, und 1339 verbot die Pariser Universität die Verwendung seiner Schriften im Unterricht.[2]
Abhängigkeit Deutung
Seine politischen Schriften entstanden im Münchner Exil unter dem Schutz Kaiser Ludwigs, der selbst mit dem Papst im Streit lag. Das könnte seine Angriffe auf die päpstliche Fülle der Macht mitgeprägt haben.[2]
Kritik
Zeitgenossen wie Walter Chatton und Adam Wodeham kritisierten seine Lehren scharf. Thomisten wie John Lutterell hielten sie für häretisch. Die deutsche Wikipedia hält fest, dass Ockhams Gegner seine Lehre teils verzerrt wiedergaben, sodass ein schiefes Bild entstand.
Wirkung heute
Das Sparsamkeitsprinzip gilt als Grundregel guter Theoriebildung und wurde von Charles S. Peirce und Bertrand Russell geschätzt. Seine Trennung von geistlicher und weltlicher Macht und die Betonung der Freiheit gegen absolute Gewalt wirken im Denken über legitime Herrschaft weiter.
Brücke zu Führung und Coaching
Im Team kannst du Ockham als Prüffrage nutzen: Welche Annahme in unserer Erklärung ist nur da, weil sie gut klingt? Wenn ein Quartalsziel verfehlt wurde, sammle zuerst die einfachste Ursache, bevor ihr Konzepte und Kulturdiagnosen aufbaut. Und frag bei jedem Prozess, der „schon immer so war“, ob er wirklich notwendig ist oder nur eine von vielen möglichen Ordnungen.
Lebensstationen
- 1306Weihe zum Subdiakon in Southwark, schon als Franziskaner (erstes gesichertes Datum)
- 1317Vorlesung über die Sentenzen des Petrus Lombardus in Oxford; Magister wird er nie
- 1324Vorladung nach Avignon wegen des Ketzereivorwurfs
- 1328Flucht aus Avignon am 26. Mai, Exkommunikation
- 1330Ankunft in München am Hof Ludwigs des Bayern (SEP: um 1329)
- 1347Tod in München in der Nacht auf den 10. April (SEP) bzw. am 9. April (Wikipedia de)
Werke
- Summa logicae (um 1323)
- Dialogus (um 1334 bis 1346)
Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus (1317–18); Quodlibeta (1322–25); Summa logicae (um 1323–25); Opus nonaginta dierum (1332–34); Dialogus (um 1334–46); Octo quaestiones de potestate papae (1340–41)
Anekdote belegt
In der Nacht zum 26. Mai 1328 flohen Michael von Cesena, Ockham und einige Mitbrüder aus Avignon, wo sie vom Papst festgehalten wurden. Sie fanden Schutz bei Kaiser Ludwig dem Bayern und wurden kurz darauf exkommuniziert.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Wilhelm von Ockham: Summe der Logik. Aus Teil I: Über die Termini, übersetzt von Peter Kunze, Meiner, Hamburg 1984 (lateinisch und deutsch), zeigt sein Nachdenken über Begriffe und Dinge im Original.
- Vertiefung
- Volker Leppin: Wilhelm von Ockham. Gelehrter, Streiter, Bettelmönch (2003), und Jan P. Beckmann: Wilhelm von Ockham (1995)
Noch nicht sicher belegt
- Geburt nur 'um 1287/1288' (SEP c. 1287, Wikipedia um 1288). Jahreszahlen Summa logicae (um 1323) und Dialogus (um 1334 bis 1346) nicht aus den extrahierten Quellen geprüft. Die Kritik an Thomas ist Fachliteratur-Standard, nicht wörtlich belegt.
- Geburtsjahr: Wikipedia de „um 1288“, SEP „late 1287 or early 1288“, daher geb 1288 als Näherung. Ankunft in München Anfang 1330 (Wikipedia de) bzw. um 1329 (SEP). Todestag 9. oder 10. April 1347. Datum der Exkommunikation: SEP 6. Juni 1328, Wikipedia de 20. Juli 1328. Ob Adam Wodeham Schüler oder Kritiker war, bleibt in den Quellen zweigleisig (Wikipedia de: Schüler, SEP: scharfer Kritiker). Nikolaus von Autrecourt und Johannes von Mirecourt wurden aus der Schülerliste entfernt: Wikipedia de nennt sie als Ockhamisten, die seine Positionen radikalisierten, nicht als Schüler. Kein Zitat aufgenommen, da kein deutscher Wortlaut mit Stellenangabe abgerufen wurde. Lehrer in den Quellen nicht genannt. Beziehung Ockham-Buridan: laut SEP (Buridan) hatte Buridan Zugang zur Summa logicae, nennt Ockham aber nie beim Namen; ein persönliches Lehrverhältnis ist nicht belegt.
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Ockham
- [1]SEP, William of Ockham, Abschnitte 1.1 und 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia de, Wilhelm von Ockham · Wikipedia