Landkarte der Philosophie

Gotthold Ephraim Lessing

1729–1781 · Wolfenbüttel

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Dichter, Kritiker und Bibliothekar, der die Aufklärung in Deutschland mit Dramen und Streitschriften für Toleranz und freie Wahrheitssuche vertrat.

Lessing ist der deutsche Gesprächspartner dieses Moduls: Er ist eng mit Moses Mendelssohn befreundet, schätzt Diderots Theater und streitet mit Voltaire. Sein „Nathan“ übersetzt die Toleranzidee der englischen und französischen Aufklärung in ein Bühnenstück.

Kernidee

Wahrheit ist für Lessing kein Besitz, sondern ein Weg: Wert hat der Mensch durch die ehrliche Mühe, der Wahrheit nachzugehen. Daraus folgt Toleranz zwischen Religionen, weil keine von ihnen die ganze Wahrheit in der Tasche hat. Die Vernunft entwickelt sich nach seiner Überzeugung durch Kritik und Widerspruch, auch ohne göttliche Offenbarung.

Bekannt für

Man kennt Lessing vor allem für „Nathan der Weise“ mit der Ringparabel, in der drei Religionen gleichrangig nebeneinanderstehen. Er gilt nach de.wikipedia als erster deutscher Dramatiker, dessen Werk bis heute ohne Unterbrechung auf deutschen Bühnen gespielt wird.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Wahrheit als Suche, nicht als Besitz

Lessing schreibt, nicht die Wahrheit, die ein Mensch zu besitzen meint, sondern seine ehrliche Mühe, ihr näherzukommen, mache den Wert des Menschen aus. Der Besitz, so sagt er, mache ruhig, träge und stolz. Wenn dein Team nach einer erfolgreichen Methode nur noch verteidigt statt prüft, sind genau diese drei Wirkungen am Werk.

Toleranz und die Ringparabel

In „Nathan der Weise“ (1779) erzählt Nathan von einem Vater mit drei Ringen für drei Söhne: Welcher Ring echt ist, lässt sich nicht mehr feststellen, und die Söhne sollen durch ihr Handeln zeigen, wessen Ring wirkt. Britannica liest das Stück so: Die drei Religionen stehen in ihrer ethischen Grundlage gleich, und die wahre Religion zeigt sich in Liebe und Handeln ohne Vorurteil. Wenn zwei Abteilungen jeweils behaupten, die richtige Arbeitsweise zu haben, lohnt es sich, nicht die Behauptung zu vergleichen, sondern die Ergebnisse und den Umgang miteinander.

Mitleid und das bürgerliche Trauerspiel

Mit „Miss Sara Sampson“ (1755) brachte Lessing Menschen aus dem Bürgertum als tragische Hauptfiguren auf die Bühne, die bis dahin Adligen vorbehalten waren. In der „Hamburgischen Dramaturgie“ erklärt er das Mitleid zum entscheidenden tragischen Gefühl und will, dass es sich in tugendhaftes Handeln verwandelt. Wer ein Team führt, kann das als Frage an sich selbst lesen: Weckt die schwierige Geschichte eines Mitarbeiters nur Anteilnahme oder auch konkretes Handeln?

Begriffe

Toleranz
Wahrheitssuche
Ringparabel
bürgerliches Trauerspiel
Mitleid
Erziehung des Menschengeschlechts

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Christlob Mylius: Privatlehrer und späterer Freund, der ihn früh zu Poesie und Theater brachte
  • Denis Diderot: literarisches und theatertheoretisches Vorbild, dessen Stücke Lessing übersetzte

Freunde

  • Moses Mendelssohn: enger Freund seit Berlin, gemeinsame Arbeit an den Literaturbriefen
  • Friedrich Nicolai: Verleger und Mitherausgeber der Literaturbriefe
  • Simson Alexander David: Vertrauter, in dessen Armen er starb

Gegner

  • Johann Melchior Goeze: Hamburger Hauptpastor, Hauptgegner im Fragmentenstreit über Bibel und Offenbarung
  • Johann Christoph Gottsched: Literaturtheoretiker, dessen Vorliebe für französische Vorbilder Lessing angriff
  • Voltaire: persönlicher Streit, der nach Britannica Lessings Bewerbung als Bibliothekar des Königs mit beeinflusste

Verbindungen im Netz

3 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Denis DiderotDeutung

    Lessing stand nach de.wikipedia bei seiner Suche nach einem bürgerlichen Theater stark unter Diderots Einfluss und übersetzte dessen „Le Fils naturel“ und sein Theater.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Voltaire (François-Marie Arouet)Deutung

    Nach Britannica hatte Lessing sich mit Voltaire überworfen, der am Hof Friedrichs des Großen lebte, und sein Gesuch um die Bibliothekarsstelle in Berlin wurde abgelehnt; zudem wandte er sich gegen Tragödien nach dem Vorbild Corneilles und Voltaires.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Moses MendelssohnDeutung

    Lessing schloss in Berlin Freundschaft mit Mendelssohn und gab mit ihm und Nicolai die „Briefe, die neueste Literatur betreffend“ heraus.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Lessing lebte ab 1770 als Bibliothekar des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, mit 600 Reichstalern Jahresgehalt. 1778 verbot ihm der Herzog, auswärts ohne Zensur zu drucken, worauf Lessing im Streit mit der Orthodoxie auf die Bühne auswich und „Nathan“ schrieb.[3]

  • Geld belegt

    Sein Ideal des freien Schriftstellers ließ sich nach de.wikipedia schwer gegen wirtschaftliche Zwänge durchsetzen; das Hamburger Theaterprojekt scheiterte 1769, weil sein Hauptförderer sein ganzes Vermögen aufgebraucht hatte. Dass ein Dichter, der für Unabhängigkeit eintrat, zugleich vom Hof bezahlt wurde, ist ein Spannungsfeld, das man bei der Lektüre mitdenken kann.[1]

  • Biografie Deutung

    Er stammte aus einem lutherischen Pfarrhaus und sollte nach dem Wunsch des Vaters Theologie studieren, wandte sich aber dem Theater zu. Seine spätere Kritik am Festhalten am Buchstaben der Bibel steht damit in einer erkennbaren Spannung zu seiner Herkunft; ob sie sein Urteil prägte, ist eine Deutung.[3]

Kritik

Die Orthodoxie um Goeze hielt die von Lessing herausgegebenen „Fragmente“ für Lästerung. Lessing wurde für Inhalte verantwortlich gemacht, die er nach Wikipedia nur teilweise teilte und mit eigenen „Gegensätzen“ begleitete. Ob seine Ringparabel die Religionen tatsächlich gleichstellt oder ein vernunftreligiöses Ideal über sie legt, ist in der Forschung eine offene Frage, die ich in den abgerufenen Quellen nicht im Einzelnen belegen konnte.

Wirkung heute

Der Gedanke, dass Wahrheitssuche wichtiger ist als der Besitz einer Wahrheit, und die Ringparabel als Bild für gegenseitige Anerkennung der Religionen werden bis heute in Schule, Theater und öffentlicher Debatte zitiert. „Nathan der Weise“ und „Emilia Galotti“ stehen weiter auf dem Spielplan.

Brücke zu Führung und Coaching

Wenn dein Team ein Verfahren verteidigt, weil es sich bewährt hat, frag: Verteidigen wir gerade den Besitz oder suchen wir noch? Lass zwei konkurrierende Teams nicht über ihre Überzeugung streiten, sondern nach der Ringparabel vereinbaren, woran man in einem Jahr erkennt, wessen Ansatz getragen hat. Und prüf in Konflikten, ob du dem anderen Spuren von Wahrheit zugestehst, denn Lessing suchte sie nach de.wikipedia ausdrücklich auch in den Argumenten des Gegenübers.

Zitate

„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“

Eine Duplik (1778), Vorrede, erster Teil (Werke und Briefe, Bd. 9, S. 510); Wortlaut nach Projekt Gutenberg-DE (Textsammlung „Über die Wahrheit“)

Lebensstationen

  1. 1729Geboren in Kamenz in der Oberlausitz als Sohn eines Pfarrers
  2. 1755Miss Sara Sampson, erstes bedeutendes bürgerliches Trauerspiel in Deutschland
  3. 1770Beginn als Bibliothekar in Wolfenbüttel
  4. 1778Fragmentenstreit mit Goeze, Tod seiner Frau Eva König
  5. 1779Nathan der Weise erscheint
  6. 1781Gestorben in Braunschweig

Werke

Miss Sara Sampson (1755)

Briefe, die neueste Literatur betreffend (ab 1759)

Laokoon (1766)

Minna von Barnhelm (1767)

Hamburgische Dramaturgie (1767–1769)

Emilia Galotti (1772)

Fragmente eines Ungenannten (1774–1778)

Eine Duplik (1778)

Nathan der Weise (1779)

Die Erziehung des Menschengeschlechts (1780)

Anekdote belegt

Als Lessing am 15. Februar 1781 in Braunschweig starb, war der junge jüdische Kaufmann Simson Alexander David bei ihm, für dessen Freilassung aus dem Gefängnis er sich eingesetzt hatte. David schrieb als Augenzeuge: „Er ist gestorben, wie er gelebt hat: Als ein Weiser, entschlossen, ruhig, voll Besinnung bis zum letzten Augenblick.“[1]

Lesetipps

Einstieg
Lessing: Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen (1779), Reclams Universal-Bibliothek Nr. 3, weil hier die Ringparabel steht.
Vertiefung
Hugh Barr Nisbet, Lessing: Eine Biographie (C.H. Beck, 2008), die umfassende Lebensbeschreibung auf dem Forschungsstand von 2008.

Noch nicht sicher belegt

  • SEP hat keinen Lessing-Eintrag (vom Prüfer bestätigt); IEP hat keinen eigenen Lessing-Artikel, nur Erwähnungen in anderen Artikeln (Suche vom Prüfer). Als zweite Fachquelle hat der Prüfer den NDB-Artikel der Deutschen Biographie abgerufen und ergänzt; er bestätigt Lebensdaten, den Entzug der Zensurfreiheit 1778 und Nathan als Ausweg auf die „alte Kanzel“ des Theaters sowie die Literaturbriefe seit August 1759. Zitat: Der Wortlaut ist bei Projekt Gutenberg bestätigt, die Stelle (Vorrede, erster Teil der Duplik) über den Wikipedia-Artikel „Eine Duplik“; die ursprüngliche Angabe „Abschnitt I“ nach gutzitiert.de wurde ersetzt. Die frühere Britannica-Formulierung zur Ringparabel stammte aus den KI-Antworten auf der Britannica-Seite, nicht aus dem Artikeltext, und wurde durch den Artikeltext ersetzt. Die Reclam-Nummer 3 ergibt sich aus der ISBN 978-3-15-000003-8 auf reclam.de. „Streng“ lutherisch war in den Quellen nicht belegt und wurde gestrichen. Kante Voltaire: Britannica nennt den Streit als Grund der Ablehnung, die genaue Ursache des Zerwürfnisses blieb offen. Kritik der Forschung an der Ringparabel wurde nicht belegt, daher vorsichtig formuliert.

Herkunft der Daten: Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Lessing

  1. [1]Wikipedia (de) – Gotthold Ephraim Lessing · Wikipedia
  2. [2]Britannica: Gotthold Ephraim Lessing · Britannica
  3. [3]Wikipedia (de) – Gotthold Ephraim Lessing – https://de.wikipedia.org/wiki/Gotthold_Ephraim_Lessing (600 Reichstaler); Fragmentenstreit, Wikipedia-Tabelle im Wikisource-Spiegel – https://de.wikisource.org/wiki/w:Fragmentenstreit (Verbot vom 17. August 1778); NDB – Lessing, Gotthold Ephraim · Webseite
  4. [4]projekt-gutenberg.org/authors/gotthold-ephraim-lessing/books/ueber-die-wahrheit · Webseite
  5. [5]Wikipedia (de): Eine Duplik · Wikipedia
  6. [6]de.wikisource.org/wiki/ADB:Lessing,_Gotthold_Ephraim · Webseite
  7. [7]de.wikisource.org/wiki/w:Fragmentenstreit · Webseite
  8. [8]chbeck.de/nisbet-barr-lessing/product/24209 · Buch
  9. [9]reclam.de/produktdetail/nathan-der-weise-ein-dramatisches-gedicht-in-fuenf-aufzuegen-9783150000038 · Webseite

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