Denis Diderot
1713–1784 · Paris
- Strömung
- Empirismus und Aufklärung
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Herausgeber der Encyclopédie und radikalster Denker der französischen Aufklärung, der Lockes Empirismus in eine Philosophie der Sinne und der lebenden Materie weiterführt.
Er baut auf Locke auf, kennt Condillac und Rousseau persönlich und arbeitet mit Voltaire, Montesquieu und d'Alembert für die Encyclopédie. Die gemeinsame Sache dieser Gruppe ist es, Vernunft gegen Kirche und Zensur zu wenden.
Kernidee
Diderot geht davon aus, dass alles Wissen aus den Sinnen kommt, und folgert daraus, dass jeder Sinn eine eigene Weltsicht mit sich bringt. Er beschreibt die Natur als lebendige, sich wandelnde Materie, die keine göttliche Lenkung braucht. Mit der Encyclopédie wollte er Wissen sammeln und zugleich verändern.
Bekannt für
Diderot ist der Mann hinter der Encyclopédie, dem größten Wissensprojekt des 18. Jahrhunderts, das er 20 Jahre lang leitete und gegen Zensur verteidigte. Berühmt ist auch sein Dialog Rameaus Neffe, den Goethe 1805 ins Deutsche übersetzte.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Encyclopédie als Werkzeug des Wandels
Die Encyclopédie begann als Übersetzung eines englischen Lexikons und wurde unter Diderot und d'Alembert ein eigenes Werk, das Wissen nicht nur sammeln, sondern verändern sollte. Kirche und Behörden verboten sie mehrfach, sie erschien trotzdem bis 1765 im Text und bis 1772 mit Bildtafeln. Wer in einer Firma Wissen dokumentiert, kennt den Effekt: Das Aufschreiben deckt Lücken und Widersprüche auf und ändert dadurch die Arbeit.
Radikalisierter Empirismus: Jeder Sinn hat seine Welt
In den Briefen über Blinde und über Taubstumme macht Diderot aus Lockes Frage nach dem Ursprung des Wissens eine Frage nach den Sinnen selbst: Ein Blinder lebt in einer anderen Welt als ein Tauber, und der Tastsinn gilt ihm als besonders philosophisch. Das trägt den Verdacht, dass unsere Vorstellung von Gott und Ordnung vom Blickwinkel unserer Sinne abhängt. Im Alltag heißt das: Zwei Menschen sehen dieselbe Besprechung oft sehr verschieden, und beide haben aus ihrer Wahrnehmung heraus recht.
Lebende Materie und Wandel
Diderot entwirft einen Materialismus, in dem Materie selbst empfindungsfähig ist und sich durch Organisation und Wärme zu Leben entwickeln kann; so beschreibt es die Stanford Encyclopedia mit Bezug auf Le Rêve de d'Alembert. Das ersetzt die Vorstellung eines Schöpfers, der alles planvoll lenkt, durch ein offenes, sich wandelndes Geschehen. Für Teams bedeutet das: Eine Organisation ist kein Uhrwerk, sondern ein lebendiger Zusammenhang, der sich verändert, wenn man ihn berührt.
Begriffe
- Encyclopédie
- Sensualismus
- Materialismus
- lebende Materie
- Primat des Tastsinns
- Aufklärung des Volkes
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- John Locke: Diderot ist laut Stanford Encyclopedia stark von ihm beeinflusst und radikalisiert seinen Empirismus
- Shaftesbury: Diderot übersetzte 1745 dessen Untersuchung über die Tugend und schrieb eigene Gedanken dazu
Schüler
- Hegel: Rameaus Neffe in Goethes Übersetzung prägte laut Stanford Encyclopedia seine Dialektik
- Goethe: übersetzte Rameaus Neffe 1805
Freunde
- Jean-Jacques Rousseau: enge Freundschaft ab 1742, setzte sich 1749 für seine Freilassung aus Vincennes ein, Bruch Mitte der 1750er
- Étienne Bonnot de Condillac: gehörte zum gemeinsamen Pariser Kreis
- d'Alembert: Mitherausgeber der Encyclopédie
- Baron d'Holbach und Melchior Grimm: enge Weggefährten
Gegner
- Katholische Kirche und Jesuiten: Zensur und Angriffe gegen die Encyclopédie
- Französische Behörden: Haft in Vincennes 1749
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Gotthold Ephraim LessingDeutung
Lessing stand nach de.wikipedia bei seiner Suche nach einem bürgerlichen Theater stark unter Diderots Einfluss und übersetzte dessen „Le Fils naturel“ und sein Theater.
baut auf John LockeDeutung
Nach der Stanford Encyclopedia ist Diderot stark von Locke beeinflusst und radikalisiert den Empirismus von der Erkenntnislehre zur Ontologie.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Charles-Louis de Secondat, Baron de MontesquieuDeutung
Diderot und d'Alembert hatten Montesquieu für Artikel der Encyclopédie vorgesehen; sein Fragment über den Geschmack erschien 1757 dort.
persönlich verbunden mit Étienne Bonnot de CondillacDeutung
Laut Stanford Encyclopedia und Wikipedia (de) eng befreundet in Paris; Diderots Brief über die Taubstummen variiert Condillacs Statue.
persönlich verbunden mit Jean-Jacques RousseauDeutung
Enge Freunde ab 1742, Rousseau beendete die Beziehung Mitte der 1750er Jahre, Diderot blieb ihm laut Wikipedia (de) freundlich gesinnt.
persönlich verbunden mit Voltaire (François-Marie Arouet)Deutung
Voltaire schrieb Diderot nach der Lettre sur les aveugles, später entstand ein distanzierteres Verhältnis, beide kämpften für die Encyclopédie.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld belegt
Diderot lebte fast 20 Jahre von den Zahlungen der Verleger und hatte keine Rechte auf Tantiemen, während die Verleger große Gewinne machten. 1765 rettete ihn der Verkauf seiner Bibliothek an Katharina II. von Russland, die ihn zudem als Bibliothekar seiner eigenen Bibliothek besoldete. Seine Nähe zur Zarin ist ein Beispiel für die Abhängigkeit aufgeklärter Autoren von Fürsten.[1]
Zeitgeschehen belegt
Nach dem Attentat Damiens' auf Ludwig XV. 1757 verknüpften die Behörden laut Stanford Encyclopedia den angeblichen Wahnsinn des Täters mit der Verbreitung subversiver Philosophie und griffen die Encyclopédie härter an. D'Alembert gab daraufhin die Mitherausgabe auf.[1]
Biografie belegt
Wegen der Haft in Vincennes 1749 musste Diderot schriftlich versprechen, keine blasphemischen Schriften mehr zu veröffentlichen, und hielt in den folgenden Jahren vieles zurück. Deshalb erschienen seine radikalsten Texte wie Le Rêve de d'Alembert erst nach seinem Tod, und sein Denken war zu Lebzeiten weniger bekannt als sein Einfluss.[2]
Kritik
Seine Theaterstücke gelten nach der Stanford Encyclopedia nicht als Meilensteine der Theatergeschichte, und seine Philosophie ist eher Skizze und Dialog als System. Gegen Materialismus und Atheismus wandten sich die kirchlichen Gegner der Encyclopédie, allen voran die Jesuiten mit ihrem Journal de Trévoux.
Wirkung heute
Seine Idee, Wissen offen und für alle zu ordnen, lebt in Enzyklopädien und Wikis weiter. Die Frage, wie Sinne und Körper unser Weltbild formen, beschäftigt Philosophie und Biologie bis heute.
Brücke zu Führung und Coaching
Diderot erinnert daran, dass Wissen in Teams nur dann trägt, wenn es aufgeschrieben, geprüft und verbessert wird. Frage dein Team: Was wissen wir eigentlich nur, weil es immer so gemacht wurde, und wer hat es schon einmal wirklich überprüft? Und hör bei Konflikten darauf, dass jeder aus seinen Sinnen und Erfahrungen heraus ein anderes Bild der Lage hat.
Lebensstationen
- 1713Geboren in Langres als Sohn eines Messerschmieds
- 1742Lernt Rousseau kennen; auch Condillac gehört bald zum Kreis
- 1749Lettre sur les aveugles; Haft in Vincennes von Juli bis November
- 1751Erster Band der Encyclopédie erscheint; Diderot leitet das Werk bis 1765
- 1773Reise zu Katharina II. nach St. Petersburg bis 1774
- 1784Tod in Paris am 31. Juli
Werke
Pensées philosophiques (1746)
Lettre sur les aveugles (1749)
Encyclopédie (1751 bis 1772, mit d'Alembert)
Lettre sur les sourds et muets (1751)
Pensées sur l'interprétation de la nature (1753, Neuausgabe 1754)
Le Rêve de d'Alembert (1769, zu Lebzeiten ungedruckt)
Le Neveu de Rameau (entstanden 1761 bis 1774, erstmals 1805 in Goethes deutscher Übersetzung gedruckt)
Anekdote belegt
1749 wurde Diderot auf Haftbefehl in die Festung Vincennes gebracht, unter anderem wegen des Briefs über die Blinden. Rousseau unterstützte ihn während der Haft und bat Madame de Pompadour schriftlich um seine Freilassung.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Denis Diderot: Rameaus Neffe, übersetzt von Johann Wolfgang Goethe, Nachwort Günter Metken (Reclam Universal-Bibliothek Nr. 1229, 1967, erweiterte Ausgabe 1984), weil dort Philosophie, Gesellschaftssatire und Witz in einem Gespräch zusammenkommen.
- Vertiefung
- Arthur M. Wilson: Diderot (1972)
Noch nicht sicher belegt
- Zitat bewusst null: Das Saunderson-Wort im Brief über die Blinden liegt in den abgerufenen Quellen nur auf Englisch vor (SEP, DPV IV: 48), eine gängige deutsche Übersetzung mit Stelle wurde nicht abgerufen. Zahl der selbst verfassten Encyclopédie-Artikel: SEP nennt fast 6000, Wikipedia (de) an einer Stelle etwa 6000 von 72.000, an anderer mehr als 3000; im Text nicht verwendet. Pensées sur l'interprétation de la nature: SEP-Chronologie 1753 mit Neuausgabe 1754, Wikipedia (de) nennt 1751, 1753 und 1754; übernommen wurde die SEP. Rêve 1769 und Lettre sur les sourds et muets 1751 nach Wikipedia (de). Rameaus Neffe: Goethes Übersetzung 1805 laut SEP; Entstehung 1761 bis 1774 (an anderer Stelle 1762 bis 1774) laut Wikipedia (de), Artikel Rameaus Neffe. Reclam-Ausgabe Nr. 1229: Übersetzung Goethe, Nachwort Metken, Stuttgart 1967, erweiterte Ausgabe 1984 laut Wikipedia (de), Artikel Rameaus Neffe; das zuvor genannte Jahr 1997 stammte nur aus einem Amazon-Eintrag ohne Verlags- und Jahresangabe und wurde gestrichen. Arthur M. Wilson, Diderot (1972, Oxford University Press) aus der SEP-Bibliografie. Voltaires Schreiben nach der Lettre sur les aveugles: SEP. Das Verhältnis zu Voltaire wird bei Wikipedia (de) als später distanzierter beschrieben. Regelmäßige Besuche Rousseaus in Vincennes sind in den Quellen nicht belegt, nur Unterstützung und die Eingabe an Madame de Pompadour. Das Journal de Trévoux als Organ der Jesuiten gegen die Encyclopédie ist über die SEP (Artikel Voltaire) belegt. Nähe zu Montesquieu nicht als Kante gesetzt, weil Wikipedia (de) nur beschreibt, Diderot sehe die Lösung nicht in Montesquieus Gewaltenteilung.
Herkunft der Daten: Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Diderot
- [1]Wikipedia (de): Denis Diderot – https://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Diderot; Stanford Encyclopedia of Philosophy: Denis Diderot · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de): Denis Diderot · Wikipedia
- [3]amazon.de/Universal-Bibliothek-Nr-1229-Rameaus-Neffe/dp/3150012295 · Webseite
- [4]Wikipedia (de): Rameaus Neffe · Wikipedia