Landkarte der Philosophie

Moses Mendelssohn

1729–1786 · Berlin

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was kann ich wissen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Berliner Philosoph der jüdischen Aufklärung, der die Metaphysik von Leibniz und Wolff verteidigte, mit Kant im Gespräch stand und Kants Kritik der Gottesbeweise als „alles zermalmend“ bezeichnete.

Mendelssohn gewinnt 1763 den Preis der Berliner Akademie vor Kant und ist bis in die frühen 1780er Jahre der bekanntere Philosoph. Kants Kritik der reinen Vernunft fordert seine Gottesbeweise heraus, er antwortet 1785 mit den Morgenstunden, und im Pantheismusstreit steht er gegen Jacobi.

Kernidee

Mendelssohn verbindet die Metaphysik von Leibniz und Wolff mit dem Geist der Aufklärung: Vernunft kann Gott und die Unsterblichkeit der Seele begründen. In seinem Buch Jerusalem von 1783 verlangt er, dass Staat und Religion getrennt werden und niemand zu Glaubensfragen gezwungen wird. Das Judentum beschreibt er dort als eine Religion, die auf Vernunft gegründet ist und nicht auf aufgezwungenem Dogma.

Bekannt für

Mendelssohn gilt als wichtigster Wegbereiter der Haskala, der jüdischen Aufklärung. Er diente Lessing als Vorbild für Nathan den Weisen, den Helden des Stücks über religiöse Toleranz, und wurde mit dem Phädon, einer Verteidigung der Unsterblichkeit der Seele in Dialogform, europaweit bekannt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Glaubensfreiheit und die Grenzen der Macht

In Jerusalem argumentiert Mendelssohn, dass Staat und Kirche keinen Zwang in Glaubensfragen ausüben dürfen, weil Überzeugung nicht befohlen werden kann. Das Judentum versteht er dabei als Religion der Vernunft, die ohne Glaubenszwang auskommt. Auch im Betrieb gilt: Eine Haltung, die man nur unter Druck zeigt, ist keine Überzeugung.

Gottesbeweis nach Kants Kritik

Kant hatte die klassischen Gottesbeweise bestritten, und Mendelssohn nennt ihn in den Morgenstunden den „Alleszermalmer“, der hoffentlich mit gleichem Geist wieder aufbaut. Er selbst entwickelt neue Beweise für das Dasein Gottes. Ein Kollege, der Deine Strategie zermalmt, hat noch keine bessere vorgelegt, und Du kannst ihn fragen, was er an ihre Stelle setzen würde.

Begriffe

Haskala
Toleranz
Trennung von Staat und Religion
Unsterblichkeit der Seele
Gottesbeweis
Pantheismusstreit

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • David Fränkel: Rabbiner, unterrichtete ihn in Tora und Talmud und führte ihn an Maimonides heran, folgte 1743 nach Berlin

Schüler

  • Salomon Maimon: fand ab 1780 Unterstützung in Berlin, bis Mendelssohn ihn 1783 bat zu gehen

Freunde

  • Gotthold Ephraim Lessing: lebenslange Freundschaft seit 1754
  • Friedrich Nicolai: Mitherausgeber, unterstützte ihn im Pantheismusstreit

Gegner

  • Friedrich Heinrich Jacobi: Pantheismusstreit um Lessings angeblichen Spinozismus
  • Johann Kaspar Lavater: forderte 1769 Widerlegung der Argumente für das Christentum oder Übertritt
  • Johann Georg Hamann: Gegenschrift gegen Jerusalem im Jahr 1784

Verbindungen im Netz

10 Verbindungen, davon 8 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Christian Wolffungeprüft

    Mendelssohn arbeitet mit einer Metaphysik, die aus Leibniz, Wolff und Baumgarten stammt.

  • baut auf Gottfried Wilhelm Leibnizungeprüft

    Mendelssohn fühlt sich in einer Metaphysik zu Hause, die auf Leibniz und Wolff zurückgeht.

  • baut auf Jean-Jacques Rousseauungeprüft

    Mendelssohn übersetzt und bespricht 1756 Rousseaus zweiten Diskurs.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Cesare BeccariaDeutung

    Mendelssohn äußerte sich laut de.wikipedia 1766 kritisch über Beccaria.

  • kritisiert Friedrich Heinrich Jacobiungeprüft

    Im Pantheismusstreit um Lessings Spinozismus stehen sich beide gegenüber.

  • wird kritisiert von Johann Georg Hamannungeprüft

    Hamann schreibt 1784 gegen Mendelssohns Jerusalem.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Friedrich Schlegelungeprüft

    Schlegel heiratete 1804 Dorothea Veit, die Tochter Moses Mendelssohns.

  • persönlich verbunden mit Gotthold Ephraim LessingDeutung

    Lessing schloss in Berlin Freundschaft mit Mendelssohn und gab mit ihm und Nicolai die „Briefe, die neueste Literatur betreffend“ heraus.

  • persönlich verbunden mit Immanuel Kantungeprüft

    Konkurrenten um den Akademiepreis 1763, später im Austausch über Kants Kritik der Gottesbeweise.

  • persönlich verbunden mit Salomon Maimonungeprüft

    Mendelssohn förderte Maimon, bat ihn 1783 aber wegen Spinozismus und Lebensweise zu gehen.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Mendelssohn arbeitete als Buchhalter und wurde später Teilhaber der Seidenfabrik Bernhard. Seit Oktober 1763 hatte er als Schutzjude das Recht, in Berlin zu wohnen, seine Frau und Kinder nicht; Friedrich II. verwehrte ihm außerdem die Aufnahme in die Akademie.[3]

  • Zeitgeschehen belegt

    Mendelssohn stand als Jude ständig unter Rechtfertigungsdruck, etwa 1769 durch Lavaters öffentliche Herausforderung. Sein Buch Jerusalem erschien 1783, im selben Jahr, in dem Christian Wilhelm von Dohm den zweiten Teil seiner Schrift über die bürgerliche Verbesserung der Juden veröffentlichte.[1]

Kritik

Jacobi bezeichnete Lessing als Spinozisten und damit indirekt als Atheisten, was Mendelssohn in einen langen Briefwechsel und Streit zog. Nach Kants Kritik der Gottesbeweise erschien Mendelssohns Antwort in den Morgenstunden vielen als überholt. Hamann hielt Jerusalem für verfehlt und schrieb 1784 dagegen.

Wirkung heute

Seine Forderung, dass der Staat keinen Glaubenszwang ausüben darf, ist heute Grundlage der Religionsfreiheit. Als Brückenfigur zwischen jüdischer und deutscher Kultur steht er bis heute für den Dialog.

Brücke zu Führung und Coaching

Mendelssohn zeigt, wie man in einem Streit um Überzeugungen Respekt wahrt, ohne zu zwingen. Frage in einem Teamkonflikt, in dem Werte aufeinandertreffen: Wo versuchen wir gerade, jemanden durch Druck zu überzeugen? Biete an, zuerst den stärksten Einwand der Gegenseite zu formulieren, so wie Mendelssohn Kants Kritik würdigte, bevor er antwortete.

Lebensstationen

  1. 1729Geboren in Dessau
  2. 1743Folgt Rabbiner Fränkel nach Berlin
  3. 1763Preis der Berliner Akademie vor Kant, Recht auf Wohnsitz als Schutzjude
  4. 1767Phädon erscheint
  5. 1783Jerusalem erscheint
  6. 1786Tod in Berlin am 4. Januar

Werke

Philosophische Gespräche (1755); Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele (1767); Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum (1783); Morgenstunden oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes (1785); An die Freunde Lessings (1786)

Anekdote belegt

Friedrich II. bestellte Mendelssohn 1771 nach Potsdam, um die Neugier eines sächsischen Diplomaten zu befriedigen, empfing ihn aber nie. Die Aufnahme des Philosophen in die Akademie blockierte der König ebenfalls.[3]

Lesetipps

Einstieg
Moses Mendelssohn, Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum (1783), in: Gesammelte Schriften, Jubiläumsausgabe Band 8, hrsg. von Alexander Altmann und Fritz Bamberger (Frommann-Holzboog, 1983): seine Hauptschrift zu Toleranz und Religion
Vertiefung
Christoph Schulte, Die jüdische Aufklärung. Philosophie, Religion, Geschichte (2002)

Noch nicht sicher belegt

  • Zitat bewusst weggelassen. Titel der Hamann-Gegenschrift von 1784 wurde nicht geprüft; belegt ist nur, dass 1784 ein Hamann-Buch gegen Jerusalem erschien (Jüdisches Museum Berlin). Der Eintrag zu Maimon bei den Schülern meint Förderung, kein formales Schülerverhältnis (SEP Maimon). Der Ausdruck „Alleszermalmer“ stammt aus den Morgenstunden und ist über Café Lumières (Oxford) vermittelt, nicht aus dem Originaltext geprüft. Der Satz, Mendelssohns Antwort habe vielen als überholt gegolten, ist eine verallgemeinernde Formulierung ohne eigene Quelle.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Mendelssohn

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Mendelssohn · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Moses Mendelssohn · Wikipedia
  3. [3]Mendelssohn Gesellschaft, Moses Mendelssohn · Webseite
  4. [4]cafelumieres.voltaire.ox.ac.uk/moses-mendelssohn-and-post-kantian-philosophy · Webseite
  5. [5]jmberlin.de/en/topic-moses-mendelssohn · Webseite
  6. [6]Wikipedia (en): Jerusalem (Mendelssohn book) · Wikipedia

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