Audre Lorde
Dichterin und Essayistin · 1934–1992 · New York (Harlem), Staten Island, Berlin, St. Croix (Amerikanische Jungferninseln)
Kernidee in Kürze
Lorde widerspricht der Vorstellung, alle Frauen würden auf die gleiche Weise unterdrückt, nur weil sie Frauen sind. Wer über Frauen spricht, aber Schwarze, arme und lesbische Frauen ausblendet, arbeitet für sie mit den Denkformen derselben Ordnung, die er kritisieren will.
- Kapitel
- Gegenwart (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Kann man ungerechte Verhältnisse mit den Denkformen der Ordnung ändern, die sie hervorgebracht hat?
- Position
- Lorde hält das für kaum möglich. Wer Veränderung will, soll die Unterschiede zwischen Menschen als Quelle von Kraft verstehen und alle Betroffenen einbeziehen, statt Teilgruppen auszublenden.
- Einwand
- Ob die Werkzeuge der bestehenden Ordnung wirklich nie genügen, ist offen, und Lorde beschreibt ihre Haltung eher in Essays und Reden als in einer ausgearbeiteten Theorie. Sie verstand sich selbst zuerst als Dichterin.
- Verbindung
- Lorde sprach auf einer Tagung zu Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ und kritisierte dort, wer auf der Tagung zu Wort kam. Patricia Hill Collins und bell hooks beziehen sich auf ihr Denken.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Lorde war
Amerikanische Dichterin und Essayistin, die in Texten und Reden zeigte, dass Rassismus, Sexismus, Klassenunterschiede und Homophobie zusammenhängen, und die Unterschiede zwischen Frauen als Kraftquelle statt als Trennlinie beschrieb.
Lorde war Dichterin und lehrte Englisch an Hochschulen in New York. Ihre Gedanken stehen vor allem in Essays und Reden, die 1984 im Band „Sister Outsider“ erschienen. Sie schrieb in einer Zeit, in der Schwarze, lesbische und arme Frauen in der feministischen Bewegung der Vereinigten Staaten ihre Anliegen oft kaum vertreten sahen. Sie gilt als frühe Stimme dessen, was später Intersektionalität genannt wurde, also der Einsicht, dass mehrere Formen der Benachteiligung sich überschneiden.
Kernidee genauer
Dafür steht ihr bekanntes Bild von den Werkzeugen des Herrn, die sein Haus nicht abreißen können. Sie fordert, Unterschiede nicht zu übergehen, sondern als Stärke zu nutzen, und sie beschreibt Wut, Schweigen und Sprache als Teile politischen Handelns.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Im Herbst 1979 sprach Lorde in New York auf einer Tagung zum dreißigsten Jahrestag von Beauvoirs „Das andere Geschlecht“. Sie sagte, sie stehe als Schwarze lesbische Feministin auf dem einzigen Podium, in dem Schwarze Feministinnen und Lesben überhaupt vertreten seien. Das verband sie mit der Kritik, dass die Tagung Unterschiede der Rasse, der Sexualität, der Klasse und des Alters übergehe.[5][10]
Bekannt für
Man kennt Lorde für den Satz, dass die Werkzeuge des Herrn sein Haus nie abreißen werden, und für „Sister Outsider“, eine Sammlung von Essays und Reden. Ein Alltagsbeispiel: Wenn in einer Runde immer dieselben Stimmen die Regeln des Gesprächs bestimmen, kannst Du mit Lorde fragen, wer gar nicht am Tisch sitzt und ob die Regeln selbst das Problem sind.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Werkzeuge des Herrn
Sie fragte, was es bedeutet, wenn die Werkzeuge einer rassistischen, vom Mann bestimmten Ordnung benutzt werden, um deren eigene Früchte zu untersuchen. Ihre Antwort lautet, dass dann nur sehr enge Veränderungen möglich sind. Die Werkzeuge des Herrn, so ihr Satz, erlauben es höchstens, ihn zeitweise in seinem eigenen Spiel zu schlagen, aber nicht, wirklichen Wandel zu erreichen.
Unterschiede als Kraft
Lorde verlangt, Unterschiede zwischen Frauen nicht zu dulden, sondern zu nutzen. Sie fasst das in dem Satz „Divide and conquer, in our world, must become define and empower“ zusammen, auf Deutsch ungefähr: Aus „teile und herrsche“ soll „benennen und stärken“ werden. Gemeinschaft heißt für sie nicht, Unterschiede abzulegen, sondern mit ihnen gemeinsam zu handeln. Wer Unterschiede übergeht, übergeht auch die Vorurteile, die mit ihnen verbunden sind.
Keine Rangordnung der Unterdrückungen
Lorde lehnte es ab, Unterdrückungen in eine Rangfolge zu bringen. Für sie gibt es keine „hierarchy of oppressions“, also keine Rangordnung der Unterdrückungen. Sie nannte Rasse, Klasse, Alter, Geschlecht, Sexualität und später auch Krankheit und Behinderung als Teile ihrer Erfahrung als Frau. Der Begriff Intersektionalität stammt von der Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw und meint, dass sich solche Benachteiligungen überschneiden. Lorde beschrieb diesen Sachverhalt, bevor Crenshaw das Wort 1989 prägte.
Sprache, Schweigen und das Erotische
In „The Transformation of Silence into Language and Action“ ruft Lorde dazu auf, auch aus Angst zu sprechen, denn, so ihr Satz, Dein Schweigen schützt Dich nicht. In „Uses of the Erotic“ beschreibt sie das Erotische als Kraftquelle für Frauen, die mehr meint als Sexualität, nämlich die Freude an jeder Tätigkeit, die erfüllt.
Begriffe
- Differenz
- Anspruch auf Unterschiede statt Gleichmacherei
- Wut als Kraft
- das Erotische als Kraft
- Sprache und Schweigen
- Kritik am weißen Feminismus
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Lorde weiter, meist über Texte.
María LugonesPrüfstand: belegt
Lugones' Arbeit ist unter anderem von Audre Lorde beeinflusst worden.
Patricia Hill CollinsPrüfstand: belegt
Collins’ Zugang in „Black Feminist Thought“ gilt als von Audre Lorde beeinflusst. Im Buch stützt sie sich ausdrücklich auf Lordes Gedanken, dass revolutionärer Wandel auch das Stück des Unterdrückers betrifft, das in jedem Menschen steckt.
Untersucht von
Untersucht, kommentiert oder deutet das Werk von Lorde, ohne es als eigene Position weiterzuführen.
untersucht von bell hooksPrüfstand: belegt
hooks schrieb für den Band „I Am Your Sister“ (2009) mit Lordes gesammelten Schriften den Beitrag „Lorde: The Imagination of Justice“. Darin beschreibt sie Lordes Forderung, Schweigen zu brechen, als Theorie, die verstehen lässt, was Menschen einengt, und zugleich zeigt, wie sie sich und ihre Worte befreien können.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Simone de BeauvoirPrüfstand: Deutung
Vergleich aus der Forschung: Eine Untersuchung sieht Gemeinsamkeiten zwischen Beauvoirs und Lordes Denken, etwa dass beide die Lage der Frauen nicht aus der Biologie, sondern aus den Lebensbedingungen erklären. Lorde sprach 1979 auf einer Tagung, die Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ gewidmet war, und zitierte dort einen Satz Beauvoirs.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Lorde wurde 1934 in New York geboren und wuchs in Harlem auf. Ihre Eltern stammten aus der Karibik, der Vater aus Barbados, die Mutter von der zu Grenada gehörenden Insel Carriacou. Sie studierte am Hunter College und schloss 1961 an der Columbia University ein Studium der Bibliothekswissenschaft ab, danach arbeitete sie als Bibliothekarin.[4]
Biografie belegt
Lorde beschrieb sich selbst als „Black, lesbian, mother, warrior, poet“, also Schwarze, Lesbe, Mutter, Kämpferin und Dichterin. Sie sah ihre Arbeit als Auseinandersetzung mit Rassismus, Sexismus, Klassenunterschieden und Homophobie. Dass sie sich als Dichterin und nicht als Theoretikerin verstand, geben die Quellen als ihre eigene Haltung an.[14]
Zeitgeschehen belegt
1968 war Lorde Dichterin in Residenz am Tougaloo College in Mississippi, wo sie mit jungen Schwarzen Studierenden arbeitete, die über die Bürgerrechtsbewegung sprechen wollten. Von 1970 bis 1981 lehrte sie am John Jay College in New York und setzte sich dort für eine Abteilung für Schwarzenstudien ein.[4]
Streit belegt
Im Mai 1979 schrieb Lorde der radikalen lesbischen Feministin Mary Daly einen offenen Brief. Sie warf Daly vor, in ihrem Buch „Gyn/Ecology“ nichteuropäische Frauen nur als Opfer darzustellen und die Geschichte Schwarzer Frauen zu übergehen. Lorde veröffentlichte den Brief nach vier Monaten, weil sie nach eigener Angabe keine Antwort bekommen hatte. Später fand sich in Lordes Unterlagen ein Antwortbrief Dalys vom September 1979.[7]
Zeitgeschehen belegt
1984 lehrte Lorde als Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin. Dort wirkte sie mit einer Gruppe Schwarzer Aktivistinnen am Entstehen der afrodeutschen Bewegung mit und prägte mit ihnen den Begriff „afrodeutsch“.[4]
Kritik
Lordes offener Brief an Mary Daly und ihre Kritik an Tagungen und Büchern weißer Feministinnen führten selbst zu heftigem Streit. Die Geschichte vom Brief ohne Antwort wurde später korrigiert, weil sich Dalys Antwortbrief in Lordes Unterlagen fand. Ihr Satz von den Werkzeugen des Herrn wird oft, gerade von weißen Feministinnen, ohne seinen Zusammenhang zitiert; in der Rede bezog Lorde ihre Kritik ausdrücklich auch auf weiße Frauen. Lorde verstand sich zudem selbst als Dichterin und nicht als Theoretikerin, was bei der Einordnung ihrer Essays als Philosophie zu bedenken ist.
Wirkung heute
„Sister Outsider“ gilt heute als kanonischer Text der Schwarzenstudien, der Frauenstudien und der Queer-Theorie. Lordes Gedanken über Differenz werden oft als frühe Fassung dessen gelesen, was heute Intersektionalität heißt.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team leitest und merkst, dass dieselben zwei Personen in Besprechungen die Regeln des Gesprächs setzen, kannst Du mit Lorde fragen, wessen Perspektive fehlt und ob Du sie nur mit denselben Werkzeugen suchst. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Lordes über Führung.
Lebensstationen
- 1934Geburt in New York (18. Februar)
- 1961Abschluss in Bibliothekswissenschaft an der Columbia University
- 1968Erster Gedichtband „The First Cities“ und Aufenthalt am Tougaloo College in Mississippi
- 1979Rede „The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House“ und offener Brief an Mary Daly
- 1984„Sister Outsider“ erscheint; Gastprofessur an der Freien Universität Berlin
- 1992Tod auf St. Croix (17. November)
Werke
The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House (Rede 1979); Zami: A New Spelling of My Name (1982); Sister Outsider (1984)
Lesetipps
- Einstieg
- Audre Lorde, Sister Outsider (Essays und Reden, Crossing Press 1984)
- Vertiefung
- Poetry Foundation, „Audre Lorde“
Noch nicht sicher belegt
- Das genaue Datum der Rede „The Master’s Tools“ ist nicht sicher: Die Tonaufnahme der Tagung ist auf den 29. September 1979 datiert, ein Abdruck von 1983 und andere Angaben nennen den 29. Oktober 1979. Ob Lorde und Barbara Smith den Verlag Kitchen Table: Women of Color Press 1980 oder 1981 gründeten, wird unterschiedlich angegeben. Eine Quelle nennt beide Eltern Grenader; genauere Angaben nennen Barbados für den Vater und die zu Grenada gehörende Insel Carriacou für die Mutter. Ob Lordes Gedanken eine eigene philosophische Theorie bilden, ist offen, weil sie sich selbst zuerst als Dichterin sah.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Lorde
- [1]Audre Lorde · Britannica
- [2]poetryfoundation.org/poets/audre-lorde · Webseite
- [3]encyclopedia.com/women/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/lorde-audre-1934-1992 · Webseite
- [4]Britannica, Audre Lorde, Einleitung; Wikipedia (en), Audre Lorde, Abschnitt Early life
- [5]Lorde, The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House, Rede auf der Second Sex Conference 1979 (Datum September oder Oktober) · Webseite
- [6]historyisaweapon.com/defcon1/lordeopenlettertomarydaly.html · Webseite
- [7]Lorde, An Open Letter to Mary Daly (1979), Sister Outsider; Feminism and Religion, Mary Daly’s Letter to Audre Lorde · Webseite
- [8]muse.jhu.edu/article/25929/summary · Webseite
- [9]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [10]Tonaufnahme im Lesbian Herstory Archives · Webseite
- [11]monoskop.org/images/2/2b/Lorde_Audre_1983_The_Masters_Tools_Will_Never_Dismantle_the_Masters_House.pdf · Webseite
- [12]tandfonline.com/doi/full/10.1080/09540253.2021.1963420 · Webseite
- [13]Zami: A New Spelling of My Name · Wikipedia
- [14]Poetry Foundation, Audre Lorde, Einleitung; Poetry Foundation, Dear Sister Outsider · Webseite