Landkarte der Philosophie

Marsilius von Padua

um 1275–1343 · Padua, Paris, München

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Staatstheoretiker und Arzt aus Padua, der im Defensor pacis die päpstliche Allmacht bestreitet und die Gesetzgebung beim Volk verortet, und der als Berater Kaiser Ludwigs des Bayern mit Ockham im Münchner Exil zusammentrifft.

Marsilius baut seine Staatslehre auf die Politik des Aristoteles und auf Ibn Ruschds Denken auf und wendet sie gegen päpstliche Machtansprüche. Mit Ockham verbindet ihn das Münchner Exil und der Kampf gegen Johannes XXII., trennt ihn aber die Frage, ob das Konzil unfehlbar ist.

Kernidee

Frieden in einem Gemeinwesen ist gefährdet, wenn ein Papst beansprucht, über allen weltlichen Herrschern zu stehen. Marsilius sieht die Gesetzgebung beim Volk oder seinem gewichtigeren Teil, das die Regierung einsetzt und notfalls absetzt. Die Kirche versteht er als Gemeinschaft aller Gläubigen und nicht als Hierarchie mit dem Papst an der Spitze.

Bekannt für

Er ist bekannt als Verfasser des Defensor pacis („Verteidiger des Friedens“), einer Schrift gegen den Machtanspruch der Päpste. Der Gedanke, dass Gesetze letztlich vom Volk ausgehen, brachte ihn später in die Nähe von Volkssouveränität und Demokratie, wovor Historiker aber warnen.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die päpstliche Machtfülle als Ursache des Streits

Marsilius schreibt den Defensor, weil eine verkehrte Meinung mancher Päpste den Frieden bedroht. Nach dieser Meinung hänge die Rechtmäßigkeit jeder weltlichen Herrschaft vom Papst ab. Er nennt diese Meinung eine einzigartige Ursache von Streit und Spaltung in jedem Gemeinwesen. Wenn in einer Firma eine Stelle ihre Zuständigkeit beliebig ausdehnt, geraten alle anderen in Dauerstreit um Kompetenzen.

Das Volk als Gesetzgeber

Gesetzgeber ist laut Marsilius das Volk oder sein gewichtigerer Teil, wenn es sich in einer Versammlung auf eine Regel einigt. Dieser Gesetzgeber setzt die Regierung ein und kann sie absetzen, wenn sie gegen das Gemeinwohl handelt. Eine Führungskraft, die ihre Autorität aus dem Auftrag der Mitarbeitenden und dem gemeinsamen Zweck ableitet, steht damit auf einem tragfähigeren Fundament als jemand, der sich nur auf sein Amt beruft.

Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen

Marsilius versteht die Kirche als Gesamtheit der Gläubigen, die den Namen Christi anrufen, und nicht als Hierarchie mit dem Papst an der Spitze. Strittige Glaubensfragen soll ein allgemeines Konzil klären, und die Kirche soll dem weltlichen Gericht unterstehen. Wenn wichtige Fragen in einem Unternehmen geklärt werden sollen, kann eine breite Runde mit Betroffenen oft tragfähiger entscheiden als ein einzelner Entscheider.

Begriffe

Defensor pacis
plenitudo potestatis (päpstliche Fülle der Macht)
Volk als Gesetzgeber
Konzil
Frieden
Aristotelismus

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Pietro d’Abano: Arzt und Philosoph, laut SEP wahrscheinlich einer seiner Lehrer

Freunde

  • Johannes von Jandun: Weggefährte, gemeinsam mit Marsilius 1327 exkommuniziert
  • Albertino Mussato: Frühhumanist aus Padua, schätzte ihn als Freund

Gegner

  • Papst Johannes XXII.: Marsilius' Hauptgegner im Streit um die Macht des Papsttums
  • Clemens VI.: nannte 1343 mehr als 240 Thesen aus dem Defensor pacis häretisch

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf AristotelesDeutung

    Aristoteles ist laut SEP der am häufigsten zitierte weltliche Autor im Defensor, mit rund hundert Verweisen auf die Politik.

  • baut auf Ibn Ruschd (Averroes)Deutung

    Marsilius verbindet laut SEP Aristoteles mit Cicero, Augustinus und Ibn Ruschd zu einer eigenen Synthese.

  • Grundlage für Nikolaus von KuesDeutung

    In De concordantia catholica zitiert er den Defensor pacis laut Wikipedia de ausgiebig, meist ohne Nennung der Quelle.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Wilhelm von OckhamDeutung

    Beide waren Exilanten bei Ludwig dem Bayern gegen Johannes XXII., doch das Verhältnis war nach Wikipedia de distanziert, und der Defensor minor antwortet laut SEP auf Ockhams Bestreitung der Konzilsunfehlbarkeit.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Wilhelm von OckhamDeutung

    Beide waren Exilanten bei Ludwig dem Bayern gegen Johannes XXII., doch das Verhältnis war nach Wikipedia de distanziert, und der Defensor minor antwortet laut SEP auf Ockhams Bestreitung der Konzilsunfehlbarkeit.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Thomas von AquinDeutung

    Marsilius nimmt göttlichem Gesetz jede Zwangsgewalt im Diesseits und entzieht dem Naturrecht anders als Thomas jede entscheidende Rolle für menschliche Gesetze (SEP, nach Iacopo Costa).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Nach dem Defensor pacis ging Marsilius an den Hof Ludwigs des Bayern, dessen Schicksal ab dann mit dem seinen verflochten war. Dieser lag selbst mit dem Papst im Streit, was Marsilius' pro-kaiserliche Schriften wie den Defensor minor mitgeprägt haben dürfte.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Marsilius wurde 1327 von Johannes XXII. exkommuniziert, und am 23. Oktober 1327 verurteilte die Bulle Licet iuxta doctrinam fünf Thesen des Defensor pacis als häretisch. 1559 stand der Text auf dem römischen Index der verbotenen Bücher.[2]

  • Zeitgeschehen Deutung

    1319 handelte Marsilius als Gesandter für die ghibellinische, papstfeindliche Liga Norditaliens. Daraus ergibt sich eine politische Parteinahme, die seine Staatslehre gefärbt haben könnte.[1]

Kritik

Cary Nederman hält den Aristotelismus im Defensor für Fassade, mit der Zustimmung beim Publikum gewonnen werden sollte. Historiker warnen davor, Marsilius als Vorläufer moderner Demokratie und Volkssouveränität zu lesen, weil man so neuzeitliche Begriffe auf das Spätmittelalter überträgt. Ockham war anderer Meinung über die Unfehlbarkeit des Konzils.

Wirkung heute

Der Defensor pacis gilt heute als Klassiker des politischen Denkens. Die Frage, woher Autorität kommt und wie weit sie reicht, bleibt aktuell, ebenso der Gedanke, dass Frieden von klaren Zuständigkeiten abhängt.

Brücke zu Führung und Coaching

Marsilius hilft dir, über die Quelle deiner Autorität nachzudenken. Frag dein Team: Woher bekomme ich meine Entscheidungsbefugnis, und wo greife ich in Bereiche ein, die anderen zustehen? Klare Zuständigkeiten sind kein Formalismus, sondern verhindern Dauerstreit, den Marsilius für die Hauptquelle von Unfrieden hielt.

Lebensstationen

  1. 1312Rektor der Artistenfakultät in Paris von Dezember 1312 bis März 1313
  2. 1319Gesandter der ghibellinischen Liga unter Cangrande della Scala und Matteo Visconti
  3. 1324Vollendung des Defensor pacis in Paris am 24. Juni
  4. 1327Exkommunikation durch Johannes XXII. am 9. April; Bulle Licet iuxta doctrinam im Oktober
  5. 1328Begleitet Ludwig den Bayern auf dem Romzug zur Kaiserkrönung
  6. 1343Tod in München zwischen 1342 und Anfang 1343; Clemens VI. nennt ihn am 10. April einen Ketzer

Werke

Defensor pacis (vollendet 24. Juni 1324); Defensor minor (wohl 1340); De translatione imperii

Anekdote belegt

Am 10. April 1343 erwähnte Papst Clemens VI. in einer Ansprache den Tod des Staatstheoretikers, brandmarkte mehr als 240 Thesen aus dem Defensor pacis als häretisch und erklärte, er kenne keinen schlimmeren Ketzer als den Verfasser dieser Schrift.[2]

Lesetipps

Einstieg
Marsilius von Padua: Der Verteidiger des Friedens, hrsg. von Jürgen Miethke und Horst Kusch, Übersetzung von Walter Kunzmann und Horst Kusch, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2017 (Neudruck der Ausgabe von 1958), das Hauptwerk auf Deutsch.
Vertiefung
Jürgen Miethke: Marsilius von Padua, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 22 (1992); Frank Godthardt: Marsilius von Padua und der Romzug Ludwigs des Bayern (2011)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsdatum: SEP „wahrscheinlich 1275 bis 1280“ (Kopfzeile „c. 1275“), Wikipedia de schwankend 1275 bis etwa 1290, wahrscheinlich um 1285/1290. Nach der Regel „SEP bevorzugt“ steht geb 1275 als Näherung; ein Spielraum bis 1290 bleibt. Tod: 1342 oder Anfang 1343 in München (Wikipedia de), SEP „in oder vor 1343“; tod 1343. Johannes von Jandun wurde aus dem Feld Lehrer entfernt: Wikipedia de und SEP nennen ihn Freund und engen Mitstreiter, nicht Lehrer; er steht im Feld Freunde. Ob der Wechsel nach Bayern eine Flucht vor der Inquisition war, ist umstritten (Godthardt widerspricht der gängigen Version). Schüler in den abgerufenen Quellen nicht genannt. Kein Zitat, da der Wortlaut nur englisch (Brett-Übersetzung) abgerufen wurde. Die Angabe zum Aristoteles-Anteil „rund hundert Verweise“ stammt aus SEP. Marsilius' Nähe zu Ibn Ruschd steht nur als Synthese in SEP, direkte Textbeziehung nicht geprüft. Der Satz zum Kontext 1319 (ghibellinische Liga) ist als Deutung markiert.

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Marsilius

  1. [1]SEP, Marsilius of Padua, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia de, Marsilius von Padua; SEP, Marsilius of Padua, Abschnitt 8 · Wikipedia

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