Mou Zongsan
Philosoph · 1909–1995 · Qixia (heute Shandong), Peking, Taiwan, Hongkong
Kernidee in Kürze
Mou Zongsan übersetzte alle drei Kritiken Kants ins Chinesische und kritisierte Kant an einem Punkt: Kant hielt die intellektuelle Anschauung, also eine unmittelbare, nicht sinnliche Erkenntnis der Wirklichkeit, allein für Gott möglich. Mou meinte dagegen, die chinesischen Traditionen lehrten einhellig, dass auch Menschen sie besitzen, und dass sie im Konfuzianismus als angeborenes Wissen vom Guten (liangzhi) auftritt.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Können Menschen das Gute unmittelbar erkennen, oder bleibt uns nur Erfahrung und Verstand?
- Position
- Damit will er Freiheit und Moral als wirklich erweisen.
- Einwand
- Kritiker werfen ihm vor, Thesen eher zu behaupten als zu begründen und nicht zu erklären, wie sich echte intellektuelle Anschauung von bloßem Gefühl unterscheiden lässt. Sein Argument gilt außerdem nur, wenn man Kants Forderung nach Autonomie teilt.
- Verbindung
- Mou übersetzt Kant, widerspricht ihm in einem zentralen Punkt, kritisiert Zhu Xi und erklärt Wang Yangming zum Teil der wahren Tradition.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Mou Zongsan war
Chinesischer Philosoph des 20. Jahrhunderts, der die konfuzianische Tradition mit der Philosophie Kants ins Gespräch brachte und lehrte, dass Menschen ein unmittelbares, nicht sinnliches Wissen vom Guten besitzen.
Im Netz der Landkarte steht Mou Zongsan als wichtigster Denker des Neuen Konfuzianismus im 20. Jahrhundert. Er verbindet Wang Yangming, den Kritiker Zhu Xis, mit Kant und schlägt eine eigene Einteilung des Neokonfuzianismus vor.
Kernidee genauer
Damit wollte er die Wirklichkeit von Freiheit und Moral begründen.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Mou lernte im dritten Studienjahr an der Universität Peking Xiong Shili kennen, der ihn über Jahre betreute. Mit seinem Sinn für die klassische Bildung war Mou an der modernistischen Universität ein Außenseiter, und ohne Xiong wäre er dort wohl allein geblieben.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1 Biography
Bekannt für
Bekannt ist Mou für seine Thesen, dass Menschen intellektuelle Anschauung besitzen und dass der Neokonfuzianismus drei Linien hat, von denen die dritte für ihn die eigentliche Mitte bildet. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du bei einer Entscheidung spontan spürst, dass etwas nicht geht, bevor Du Gründe nennen kannst, nennt Mou so etwas ein unmittelbares moralisches Wissen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Intellektuelle Anschauung beim Menschen
Nach Kant besitzt nur Gott intellektuelle Anschauung (zhi de zhijue), also eine Erkenntnis ohne Sinne und ohne die Formen von Raum, Zeit und Ursache. Mou hielt das für Kants größten Fehler. Er meinte, die konfuzianischen, buddhistischen und daoistischen Denker lehrten einhellig, dass auch Menschen eine solche Erkenntnis haben.
Zwei Ebenen des Seins
Mou lehrte, der Mensch sei zugleich endlich und unendlich. Kants System beschreibe gut, wie wir als zeitlich und räumlich begrenzte Wesen die Welt erleben. So entsteht ein Modell mit zwei Ebenen: einer unteren, auf der der Geist Dinge als getrennte Gegenstände erfasst, und einer oberen, auf der er sie ohne Anhaften erkennt.
Freiheit und Moral sind wirklich
Mous Argument lässt sich so zusammenfassen: Autonomie, also Selbstgesetzgebung des Willens, ist nötig, damit Moral möglich ist. Moral ist eine Wirklichkeit, weil wir sie fühlen. Also ist auch Autonomie wirklich. Damit wendet er sich gegen Kants Gedanken, dass wir Freiheit nur annehmen, aber nicht wissen können. Mou räumt ein, dass man Freiheit nicht theoretisch erkennen kann; er meint aber, dass man sie im moralischen Handeln praktisch erkennt. Das Argument überzeugt nur, wenn man Kants Auffassung teilt, dass Moral Autonomie verlangt.
Drei Linien des Neokonfuzianismus
Üblicherweise teilt man die Neokonfuzianer in eine Schule des Ordnungsprinzips um Zhu Xi und eine Schule des Herz-Geistes um Lu Xiangshan und Wang Yangming. Mou erkennt eine dritte Linie, zu der Hu Hong und Liu Zongzhou gehören, und hält sie für die eigentlichen Vertreter der konfuzianischen Rechtgläubigkeit. Zhu Xi nennt er einen Usurpator, der trotz guter Absichten das Himmelsprinzip (tianli) zu sehr als etwas Jenseitiges darstellte.
Begriffe
- zhi de zhijue (intellektuelle Anschauung
- unmittelbares nicht sinnliches Wissen)
- wuzishen (Ding an sich)
- liangceng cunyoulun (zweistufige Lehre vom Sein)
- liangzhi (angeborenes Wissen vom Guten)
- neizai chaoyue (immanente Transzendenz: Himmelsprinzip und menschliche Natur sind nicht wirklich getrennt)
- san xi (drei Linien des Neokonfuzianismus)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Mou Zongsan kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Immanuel KantPrüfstand: belegt
Mou widerspricht Kants Annahme, intellektuelle Anschauung gebühre allein Gott. Er hält das für Kants größten Fehler und behauptet, die chinesischen Traditionen kennten sie auch beim Menschen. Außerdem meint er, Kant habe Freiheit nur als Postulat und nicht als erkennbare Wirklichkeit behandelt.
Martin HeideggerPrüfstand: belegt
Mou hält Heideggers Grundontologie für unzureichend, weil sie kein überweltliches Wirkliches anerkenne und moralisch neutral bleibe. Er stimmt Heideggers Kant-Auslegung aber zum Teil zu und übernahm daraus eine ontologische Lesart von Kants erster Kritik.
Zhu XiPrüfstand: belegt
Mou kritisiert Zhu Xi als jemanden, der das Himmelsprinzip zu jenseitig darstellte und damit der ursprünglichen konfuzianischen Botschaft fremd sei. Er nennt ihn einen Usurpator, der trotz guter Absichten die Mitte der Tradition verschob.
Übernimmt Gedanken von
Mou Zongsan übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Mengzi (Menzius, Meng Ke)Prüfstand: belegt
Mou Zongsan knüpft an Mengzi an: Er hielt Mengzi und Wang Yangming für Denker, die zutreffend entfalten, was bei Konfuzius schon angelegt ist, und zog Kant heran, um das Besondere von Mengzis Moral zu verstehen. Viele heutige Neukonfuzianer sind von seinen Ansichten beeinflusst.
Wang Yangming (Wang Shouren)Prüfstand: belegt
Mou und die anderen Neuen Konfuzianer stehen auf der Seite von Wang Yangming: Das Gute muss man im eigenen Inneren finden, nicht in den Erscheinungen. Mou ordnet Wangs Schule allerdings nicht an die höchste Stelle, sondern sieht in einer dritten Linie um Hu Hong und Liu Zongzhou die eigentliche Mitte der Tradition.
Untersucht
Mou Zongsan untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Immanuel KantPrüfstand: belegt
Mou übersetzte alle drei Kritiken Kants ins Chinesische und setzte sich in mehreren Büchern mit Kants Philosophie auseinander.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Mou wurde 1909 am Ende der Kaiserzeit als Sohn eines Gastwirts auf dem Land geboren, dessen Familie die klassische chinesische Bildung schätzte. Er studierte Philosophie an der Universität Peking und war dort mit seinen klassischen Interessen ein Außenseiter. Die Quellen datieren den Beginn des Studiums unterschiedlich (1927 oder 1929).[1]
Biografie belegt
In seinem dritten Studienjahr lernte Mou Xiong Shili kennen, der damals als Verteidiger der traditionellen chinesischen Philosophie bekannt wurde und ihn über Jahre betreute. Ohne ihn wäre Mou an der modernistischen Universität wohl eine einsame Figur geblieben.[1]
Zeitgeschehen belegt
Als 1949 die Kommunisten China übernahmen, ging Mou nach Taiwan und schrieb dort über Geschichte und Zukunft des chinesischen politischen Denkens und der Kultur. 1960 lud ihn sein Freund Tang Junyi nach Hongkong ein. Dort begann nach Mous eigener späterer Sicht seine reife Phase.[1]
Biografie belegt
In den folgenden 35 Jahren veröffentlichte Mou sieben große Monographien, darunter eine in drei Bänden, und übersetzte alle drei Kritiken Kants. 1974 ging er an der Chinesischen Universität Hongkong offiziell in den Ruhestand, lehrte aber weiter bis zu seinem Tod 1995.[1]
Rezeption belegt
In seinen letzten Jahrzehnten galt Mou zusammen mit anderen bekannten Schülern Xiong Shilis als ein Anführer der Bewegung des Neuen Konfuzianismus, die den Konfuzianismus als lebendige geistige Tradition beleben und modernisieren will. Seine Hauptwerke machten ihn in den Augen vieler zum bedeutendsten chinesischen Philosophen des 20. Jahrhunderts.[1]
Kritik
Mou wird oft Irrationalismus vorgeworfen, weil er eine unmittelbare, übersinnliche Anschauung lehrt. Kritiker bemängeln außerdem, dass er seine Hauptthesen eher als feststehende Tatsachen vorträgt, statt sie zu begründen. Weitere Einwände gelten seinem Bild des Konfuzianismus als Philosophie im akademischen Sinn und seiner Auswahl einiger Lieblingsdenker, die er als Verkörperung der ganzen chinesischen Kultur darstellt.
Wirkung heute
Durch seine Studenten prägte Mou die Themen der heutigen chinesischen Philosophie, und für die Forschung zum Konfuzianismus auf dem chinesischen Festland ist er der wichtigste moderne Bezugspunkt. Sein Schüler Lee Ming-huei führte die Forschung zu Kant und den Nachkantianern weiter.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du bei einer Entscheidung ein starkes inneres Nein spürst, bevor Du Gründe nennen kannst, kannst Du mit Mou fragen, ob darin ein unmittelbares moralisches Wissen liegt. Mou selbst wird allerdings kritisiert, weil er nicht erklärt, wie man solches Wissen von einem bloßen Gefühl unterscheidet. Prüfe Dein Nein deshalb zusätzlich an Gründen und Gesprächen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Mous über Führung.
Lebensstationen
- 1909Geburt in Qixia in der heutigen Provinz Shandong
- 1933Abschluss des Studiums an der Universität Peking
- 1949Umzug nach Taiwan
- 1960Umzug nach Hongkong auf Einladung von Tang Junyi
- 1974Offizieller Ruhestand an der Chinesischen Universität Hongkong, Lehre bis zum Tod
- 1995Tod in Taiwan
Werke
Xinti yu xingti (Substanz des Herz-Geistes und Substanz der Natur, 1968–1969); Zhi de zhijue yu Zhongguo zhexue (Intellektuelle Anschauung und chinesische Philosophie, 1971); Xianxiang yu wuzishen (Erscheinung und Ding an sich, 1975); Yuanshan lun (Abhandlung über das vollkommene Gute, 1985)
Lesetipps
- Einstieg
- Jason Clower (Hg.), Late Works of Mou Zongsan: Selected Essays on Chinese Philosophy (Brill, 2014)
- Vertiefung
- Internet Encyclopedia of Philosophy, „Mou Zongsan“ und Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Modern Confucianism“
Noch nicht sicher belegt
- Die Quellen datieren den Beginn von Mous Studium in Peking unterschiedlich: Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt 1927, die Internet Encyclopedia of Philosophy 1929. Wikipedia erklärt das mit einem Vorbereitungskurs ab 1927 und dem eigentlichen Studium ab 1929. Die deutschen Übersetzungen von Mous Werken und die Erscheinungsjahre seiner Kant-Übersetzungen konnten nicht belegt werden.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 4: China. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Mou Zongsan
- [1]Mou Zongsan, Abschnitt 1 Biography · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Mou Zongsan · Wikipedia
- [4]Wang Yangming, Abschnitt 1 Life · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]routledge.com/Encyclopedia-of-Chinese-Philosophy/Cua/p/book/9780415514675 · Webseite
- [6]jstage.jst.go.jp/article/kyushin/27/0/27_107/_pdf/-char/ja · Webseite