Charles Sanders Peirce
1839–1914 · Cambridge, Massachusetts
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Begründer des amerikanischen Pragmatismus: Er verknüpfte die Bedeutung eines Begriffs mit dessen denkbaren praktischen Wirkungen.
Peirce steht am Anfang der Linie, die über James und Dewey bis zu den Neopragmatisten führt. James machte seine Idee bekannt, Dewey war sein Schüler in Baltimore.
Kernidee
Peirce fragt, was ein Begriff im Handeln und in der Erfahrung bewirken kann. Wer das nicht angeben kann, hat nach ihm keinen klaren Begriff. Zweifel entsteht, wenn eine Überzeugung nicht mehr trägt, und Forschung ist der Weg, wieder zu einer tragfähigen Überzeugung zu kommen.
Bekannt für
Man kennt Peirce als Erfinder des Pragmatismus und als Logiker und Zeichentheoretiker. Seine Frage, welche praktischen Folgen ein Begriff hat, wird heute oft als Test für unklare Wörter im Alltag benutzt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Pragmatische Maxime
Die Bedeutung eines Begriffs hängt von seinen praktischen Wirkungen ab. Ein Begriff ohne erfahrbare oder handlungsrelevante Wirkung gilt Peirce als bedeutungslos. Wenn im Team jemand fordert, wir müssten „agiler“ werden, fragst du: Woran würden wir am Montag merken, dass es so ist?
Festigung der Überzeugung
Zweifel ist für Peirce ein Reiz, der uns zwingt, wieder zu einer festen Überzeugung zu kommen. Unter den Wegen dazu hält er die wissenschaftliche Methode für überlegen, weil sie sich an der Wirklichkeit prüfen lässt. Wer eine Strategie nur glaubt, weil der Chef sie vertritt, hat eine Überzeugung ohne Prüfung. Wer sie als Hypothese mit Messpunkten führt, kann sich korrigieren.
Abduktion und wissenschaftliche Methode
Die Forschung beginnt nach Peirce mit einer Abduktion: Ein überraschendes Phänomen führt zu einer Vermutung, was dahintersteckt. Danach folgen Deduktion (die Folgen der Vermutung ableiten) und Induktion (sie an Beobachtungen testen). Wenn plötzlich die Kündigungen in einem Team steigen, ist deine erste Erklärung eine Abduktion, die du erst durch Gespräche und Zahlen prüfst.
Begriffe
- Pragmatische Maxime
- Festigung der Überzeugung
- Abduktion
- Fallibilismus
- wissenschaftliche Methode
- Zeichentheorie (Semiotik)
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Benjamin Peirce: Vater und Mathematikprofessor in Harvard, setzte dem Sohn Aufgaben und prüfte seine Lösungen
Schüler
- John Dewey: Student bei Peirce in Baltimore
- Oscar Howard Mitchell: Student und Mitautor der Studies in Logic
- Christine Ladd: Studentin in Baltimore
Freunde
- William James: enger Freund, Mitglied im Metaphysical Club in Cambridge
Gegner
- William James: Peirce hielt ihn für zu nominalistisch (Begriffe als bloße Namen) und zu misstrauisch gegenüber Logik, James fand Peirce zu dicht und unklar
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von John DeweyDeutung
Dewey besuchte 1882/83 Peirces Logikkurs an der Johns Hopkins University, fand ihn damals zu mathematisch und erkannte nach der SEP erst später die Bedeutung von Peirces Pragmatismus für seine eigene Forschungslogik an.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Cheryl MisakDeutung
Ihr Buch Truth and the End of Inquiry bietet eine 'Peircean account of truth' (Wikipedia), und sie war 2011 Präsidentin der Charles S. Peirce Society.
Grundlage für William JamesDeutung
James führte den Pragmatismus auf Peirces frühe Aufsätze The Fixation of Belief und How to Make Our Ideas Clear zurück.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit William JamesDeutung
Enge Freunde und Mitglieder des Metaphysical Club, die sich gegenseitig beeinflussten und ihre Spielarten des Pragmatismus doch abgrenzten.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit Deutung
Peirce hatte nur eine feste Universitätsstelle, in Johns Hopkins, und verlor sie plötzlich. Danach lebte er von Arbeit für die Küstenvermessung, Lexikonartikeln und Buchbesprechungen, was seine Schreibweise und die Verstreutheit seiner Texte mitgeprägt haben kann.[1]
Biografie belegt
Die Quelle verbindet die Entlassung in Johns Hopkins offenbar mit seiner zweiten Ehe: Seine Frau Juliette war Romani, und das Paar hatte vor der Heirat offen zusammengelebt. Die Zusammenhänge sind dort als „apparently“ vorsichtig formuliert.[1]
Geld belegt
Ab den 1890er Jahren lebte Peirce nach der IEP in Armut, und ein Versuch, 1902 Geld der Carnegie Institution für eine Gesamtdarstellung zu bekommen, scheiterte. Vorträge und Lexikonarbeit waren seine Haupteinnahme.[2]
Kritik
Peirce grenzte sich ab etwa 1905 mit dem Wort „Pragmatizismus“ von James und Dewey ab, weil er deren Pragmatismus für verfälscht hielt. James hielt Peirce wiederum für zu dicht und unklar in seinen Formulierungen.
Wirkung heute
Die Frage nach den praktischen Wirkungen eines Begriffs und die Idee, Überzeugungen wie Hypothesen zu prüfen, tragen bis heute in Wissenschaftstheorie und Organisationspraxis. Auch Abduktion als Name für das Aufstellen erster Erklärungen wird weiter benutzt.
Brücke zu Führung und Coaching
Peirce hilft dir, vage Führungsvokabeln zu klären. Frag in der nächsten Teamrunde bei einem Begriff wie „Verantwortung“ oder „Kultur“: Welche Wirkungen im Arbeitsalltag würden wir erwarten, wenn das wirklich gilt? Aus der Antwort entstehen prüfbare Vereinbarungen statt Schlagworte.
Lebensstationen
- 1839Geboren am 10. September in Cambridge, Massachusetts
- 1859Abschluss in Harvard und Beginn der Arbeit für die U.S. Coast and Geodetic Survey
- 1872Beginn des Metaphysical Club in Cambridge, unter anderem mit William James
- 1877Beginn der Serie Illustrations of the Logic of Science in Popular Science Monthly (bis 1878), darin „The Fixation of Belief“ und „How to Make Our Ideas Clear“
- 1891Ende der Anstellung bei der Küstenvermessung am letzten Tag des Jahres
- 1914Gestorben am 19. April in Milford, Pennsylvania
Werke
The Fixation of Belief (1877)
How to Make Our Ideas Clear (1878)
Studies in Logic by Members of the Johns Hopkins University (1883, von Peirce herausgegeben, mit Beiträgen seiner Studenten)
Anekdote überliefert
Peirces Vater Benjamin unterrichtete ihn vor allem so, dass er ihm interessante Probleme stellte und die Lösungen des Sohnes prüfte. Dabei entwickelte Charles die lebenslange Gewohnheit, philosophische und wissenschaftliche Probleme ganz allein zu durchdenken.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Charles S. Peirce, Die Festigung der Überzeugung und andere Schriften, hrsg. von Elisabeth Walther, AGIS, Baden-Baden 1986 (enthält den Klassiker über Zweifel und Überzeugung); alternativ Über die Klarheit der Gedanken, hrsg. von Klaus Oehler, Klostermann, 3. Auflage 1985.
- Vertiefung
- Cheryl Misak, The American Pragmatists (2013), eine Geschichte des Pragmatismus von Peirce bis heute
Noch nicht sicher belegt
- Zitat weggelassen: Die deutsche Fassung der Pragmatischen Maxime steht bei de.wikipedia ohne Übersetzer und Stellenangabe. Jahr der Entlassung in Hopkins und die vier Methoden der Festigung (Beharrung, Autorität, a priori) nicht aus abgerufenem Text belegt, daher nicht genannt. Ort der Metaphysical-Club-Gründung nur als Cambridge belegt (SEP), das Jahr 1872 nach IEP und de.wikipedia. Die Lehrzeit in Johns Hopkins nennt die SEP mit 1879 bis 1884 (Department of Mathematics), die IEP ordnet die Stelle dem Philosophie-Department zu. Die Anekdote über den Unterricht durch den Vater steht in der SEP als Tatsache, ohne Angabe der Überlieferung. Walther- und Oehler-Ausgaben aus de.wikipedia-Literaturliste (AGIS 1986, Klostermann 3. Aufl. 1985), Misak per philpapers (Oxford University Press 2013) bestätigt. Prüfung: SEP, IEP, de.wikipedia und philpapers abgerufen, alle Tatsachenangaben gegengelesen.
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Peirce
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Charles Sanders Peirce · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Internet Encyclopedia of Philosophy, Peirce · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wikipedia (de): Charles Sanders Peirce · Wikipedia
- [4]philpapers.org/rec/MISTAP · Aufsatz