Prodikos von Keos
um 465 bis nach 399 v. Chr. · Iulis auf Keos, später oft in Athen
- Strömung
- Vorsokratiker
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Der Sophist der genauen Wörter, der Begriffe sauber voneinander abgrenzte, die Entstehung der Religion nüchtern erklärte und die Fabel von Herakles am Scheideweg erzählte.
Er gehört mit Hippias zu den jüngeren Sophisten: Bei Platon sagt Protagoras, er sei alt genug, um der Vater der beiden zu sein, und die SEP nennt Prodikos einen fast gleichaltrigen Zeitgenossen des Sokrates. Sein Sprachdenken wird als Vorstufe der sokratischen Begriffsarbeit gesehen, und Platon behandelt ihn respektvoller als die anderen Sophisten.
Kernidee
Prodikos lehrte, ähnlich klingende Wörter genau zu unterscheiden, damit jedes Wort eine Sache bezeichnet, zum Beispiel streiten Freunde, aber Feinde zanken sich. Nach ihm verehrten die Menschen zuerst, was ihnen nützte, etwa Brot als Demeter, und erhoben später auch besondere Menschen zu Göttern. In der Fabel von Herakles muss der junge Held zwischen dem bequemen Laster und der mühevollen Tugend wählen.
Bekannt für
Man kennt ihn für die Fabel von Herakles am Scheideweg, die Xenophon überliefert, und als den Sprachpuristen, über den Platon im Protagoras schmunzelt. Er galt in der Antike auch als Atheist, weil er Götter als vergöttlichte Naturgaben erklärte.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Kunst der Wortunterscheidung
Prodikos zeigte vor allem an praktischen Beispielen, wie sich ähnliche Wörter in ihrer Bedeutung unterscheiden, etwa streiten und zanken. Er nannte das Ziel die Richtigkeit der Namen, Platon nennt es orthotes onomaton. Wer im Team von Fehler, Versäumnis und Verantwortung spricht, als wäre das dasselbe, löst mit unscharfen Wörtern Streit aus, der sich mit genauen Wörtern vermeiden ließe.
Religion als Vergöttlichung des Nützlichen
Nach Prodikos erkannten die Menschen irgendwann, wie sehr sie von Dingen wie Brot, Wasser und Sonne lebten, und verehrten sie als Götter. Später wurden auch verdiente Menschen zu Göttern erhoben. Was wir heute mit Marken und Idolen tun, ist eine ähnliche Bewegung: Wir verklären, wovon wir abhängen.
Herakles am Scheideweg
An der Schwelle zum Erwachsensein erscheinen dem Herakles zwei Frauen, Laster und Tugend, und werben um ihn. Das Laster verspricht Genuss ohne Mühe, die Tugend ein anstrengendes, aber ruhmvolles Leben, und Herakles wählt die Tugend. Vor derselben Wahl steht ein junger Mitarbeiter, wenn er sich zwischen schneller Anerkennung und mühsamem Aufbau von Können entscheiden muss.
Begriffe
- Synonymik (Unterscheidung ähnlicher Wörter)
- Richtigkeit der Namen (orthotes onomaton)
- Herakles am Scheideweg
- Tugend und Laster
- Religion als Vergöttlichung des Nützlichen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Protagoras: nach der Suda sein Lehrer, bei Platon ein älterer Zeitgenosse.
Schüler
- Isokrates: laut Überlieferung Schüler, von Thukydides und Euripides wird das ebenfalls berichtet.
- Theramenes: nach en.wikipedia unter seinen Schülern.
Freunde
- Sokrates: tritt bei Platon und Xenophon als Freund und Gesprächspartner des Prodikos auf.
Gegner
- Aristophanes: verspottete ihn in den Garköchen und den Vögeln, in den Wolken eher freundlich.
- Aristoteles: kritisierte in der Topik seine Synonymik.
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Protagoras von Abderaüberliefert
Die Suda nennt ihn Schüler des Protagoras, bei Platon ist er dessen jüngerer Zeitgenosse.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von AristotelesDeutung
Aristoteles kritisiert in der Topik Prodikos' Synonymik.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit SokratesDeutung
Prodikos stand wahrscheinlich in persönlichem Kontakt zu Sokrates, der sich bei Platon ironisch als sein Schüler bezeichnet.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Hippias von ElisDeutung
Deutung: Platon lässt beide im Protagoras im Haus des Kallias gemeinsam auftreten (317c) und nennt sie in der Apologie zusammen mit Gorgias als bezahlte Lehrer; eine persönliche Beziehung über diese literarischen Szenen hinaus ist nicht belegt.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld Deutung
Prodikos lehrte gegen Honorar. Seine Preise reichten laut Platon von einer halben bis zu 50 Drachmen, je nachdem ob man einen Vortrag hörte oder den ganzen Kurs buchte. Wer von seinen Hörern lebt, richtet seine Themen leicht an dem aus, was sie bezahlen.[4]
Biografie belegt
Alle seine Schriften sind verloren, wir kennen ihn nur über Platon, Xenophon, Aristophanes und spätere Berichte. Die Behauptung, die Athener hätten ihn wie Sokrates zum Tod verurteilt, steht nur in der Suda und gilt als wahrscheinlich unwahr.[1]
Abhängigkeit Deutung
Er trat häufig als Gesandter seiner Heimatinsel Keos in Athen auf. Ein Amt dieser Art verlangt Vorsicht in politischen Aussagen, was seine Nähe zu konventioneller Moral erklären könnte.[2]
Kritik
Aristoteles kritisiert in der Topik Prodikos' Synonymik, und Platon stellt sie im Protagoras als willkürlich wirkende Wortklauberei dar. Bei seiner Religionslehre warf man ihm Atheismus vor, und Aristophanes verspottete ihn als Verderber der Jugend.
Wirkung heute
Der Gedanke, dass klare Begriffe die Voraussetzung klaren Denkens sind, trägt bis in die moderne Sprachanalyse und das Coaching. Seine Erklärung der Religion aus Nützlichkeit ist ein früher Vorläufer religionskritischer Kulturtheorien.
Brücke zu Führung und Coaching
Prodikos fragt: Meinen wir alle dasselbe, wenn wir ein Wort wie Verantwortung oder Priorität benutzen? Lass in der nächsten Teamrunde jede Person aufschreiben, was sie unter einem zentralen Wort versteht, und vergleiche die Zettel. Meist zeigt sich, dass ein Teil der Konflikte nur aus ungleichen Bedeutungen kommt.
Lebensstationen
- 465 v. Chr.Geboren in Iulis auf der Insel Keos (vermutlich zwischen 470 und 460).
- 431 v. Chr.Erste Gesandtschaft nach Athen (das Metzler Lexikon nennt 431 oder 421).
- 423 v. Chr.Aristophanes erwähnt ihn in den Wolken als Meteorosophist.
- 399 v. Chr.Lebt noch, als Sokrates stirbt; spätere Lebensdaten unbekannt.
Werke
Alle Schriften verloren. Zugeschrieben werden die Horen (Jahreszeiten, darin Herakles am Scheideweg) sowie nach Galen und Cicero Schriften zu Medizin und Naturphilosophie. Die Fabel kennen wir nur als Nacherzählung bei Xenophon (Memorabilien II 1,21–34).
Anekdote überliefert
Bei Platon scherzt Sokrates, er habe nur den billigen Ein-Drachmen-Vortrag des Prodikos über die Richtigkeit der Namen gehört, weil er sich den Kurs für 50 Drachmen nicht leisten konnte. Aristoteles berichtet außerdem von einem Rat des Prodikos, schläfrige Zuhörer an die gezahlten 50 Drachmen zu erinnern.[5]
Lesetipps
- Einstieg
- Thomas Schirren und Thomas Zinsmaier (Hrsg.): Die Sophisten. Ausgewählte Texte, Griechisch/Deutsch (Reclam, Stuttgart 2003), zweisprachige Auswahl der wichtigsten Zeugnisse.
- Vertiefung
- Robert Mayhew: Prodicus the Sophist. Texts, Translations, and Commentary (Oxford University Press, 2011), die Zeugnisse und Fragmente mit Kommentar.
Noch nicht sicher belegt
- Lebensdaten: geb ca. 470 bis 460 (de.wikipedia), en.wikipedia c. 465; gestorben nach 399 (de.wikipedia, en.wikipedia), en.wikipedia zusätzlich c. 395; daher tod null. Erste Gesandtschaft 431 oder 421 (Metzler), das Jahr -431 ist eine der beiden Möglichkeiten. Die frühere Einordnung als „zweite Generation nach Protagoras und Gorgias“ wurde abgeschwächt, weil en.wikipedia ihn zur ersten Sophistengeneration zählt; belegt ist nur, dass Protagoras älter war (Platon, Protagoras 317c, nach SEP). Ein eigenes Werk „über die Natur des Menschen“ wurde aus werk gestrichen, weil keine Quelle diesen Titel nennt; de.wikipedia belegt nur Schriften zu Medizin und Naturphilosophie nach Galen und Cicero. Lehrer Protagoras nur über die Suda, Schüler Isokrates, Thukydides, Euripides (de.wikipedia) und Theramenes (en.wikipedia) nur nach späterer Überlieferung. Kein wörtliches Zitat, da nur Xenophons Nacherzählung der Herakles-Fabel erhalten ist. Britannica wurde abgerufen, bestätigt aber nur Grundzüge (Sophist des 5. Jh., Wortunterscheidung, Sokrates als Hörer). Der Rat an Redner, schläfrige Zuhörer an die fünfzig Drachmen zu erinnern, wurde am Text von Aristoteles' Rhetorik III 14 (MIT Classics, Übersetzung Roberts) bestätigt. Die Kante zu hippias ist Deutung aus gemeinsamen Szenen bei Platon. Lesetipps: Reclam-Ausgabe 2003 auf der Verlagsseite bestätigt, Mayhew 2011 (Oxford University Press, ISBN) in de.wikipedia bestätigt.
Herkunft der Daten: Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Prodikos
- [1]Prodikos von Keos – Wikipedia (de) · Wikipedia
- [2]Prodicus – Wikipedia (en) · Wikipedia
- [3]Britannica: Prodicus · Britannica
- [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: The Sophists · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]SEP: The Sophists (Platon, Kratylos 384b) – https://plato.stanford.edu/entries/sophists/; Aristoteles, Rhetorik III 14 (Übersetzung W. Rhys Roberts) – https://classics.mit.edu/Aristotle/rhetoric.3.iii.html; Metzler Philosophen-Lexikon · Webseite
- [6]reclam.de/produktdetail/die-sophisten-griechisch-deutsch-9783150182642 · Webseite