Sokrates
469–399 v. Chr. · Athen
- Strömung
- Athen: Sokrates, Platon, Aristoteles
- Kants Fragen
- Was soll ich tun? · Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der Mann, der nichts schrieb und dennoch durch seine Gespräche und seinen Tod zum Gründungsbild der Philosophie wurde; für Platon und die Sokratiker ist er Lehrer, Vorbild und Streitpunkt zugleich.
Er ist die Mitte des Moduls: Platon macht ihn zur Hauptfigur seiner Dialoge, Xenophon schreibt Erinnerungen an ihn, und Antisthenes, Aristipp und Euklid von Megara gründen auf seine Gespräche eigene Richtungen. Weil jeder seiner Schüler ihn anders darstellt, sagt jedes Bild auch etwas über den Schüler.
Kernidee
Sokrates prüft im Gespräch, was Menschen über Mut, Frömmigkeit oder Gerechtigkeit zu wissen glauben, und zeigt dabei, dass sie es oft nicht wissen. Er selbst behauptet, nichts zu wissen, und nimmt kein Geld fürs Lehren. Welche Lehren wirklich von ihm stammen, ist umstritten, weil alles, was wir wissen, von seinen Schülern kommt.
Bekannt für
Bekannt ist er dafür, dass er von sich sagte, nichts zu wissen, und für seinen Prozess und Tod 399 v. Chr. Sein Prozess und Tod gelten als Gründungsgeschichte der Philosophie als Fach.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Prüfen statt Belehren
Sokrates führte in Athens Marktplätzen und öffentlichen Orten Gespräche mit Menschen jeder Herkunft und befragte sie nach dem, was am wichtigsten ist, etwa Mut, Liebe und den Zustand ihrer Seele. Er bestand darauf, kein Lehrer zu sein, und nahm nie Geld. In deinem Alltag entspricht das dem Coach, der keine Antworten gibt, sondern so fragt, dass dein Gegenüber seine eigenen Annahmen prüft.
Das sokratische Problem: Wer war er wirklich?
Weil Sokrates nichts schrieb, stammt unser Bild aus Platon, Xenophon und Aristoteles, und die zeichnen ihn verschieden. Xenophon betont seine gewöhnliche Frömmigkeit und Tugend, Platon zeigt ihn als Muster des philosophischen Lebens. Wie bei einem Meeting, bei dem du nur drei verschiedene Protokolle kennst, musst du also selbst abwägen, was am ehesten stimmt.
Ein Anfang, viele Fortsetzungen
Aus dem Kreis um Sokrates gingen mehrere Richtungen hervor: Platon gründete die Akademie, Antisthenes gilt als Vorläufer der Kyniker, Aristipp gründete die Kyrenaiker, Euklid von Megara die Megarische Schule. Jede dieser Gruppen hat ein anderes Stück von ihm weitergeführt, etwa Tugend, Lust oder Streitgespräch. Das kennst du aus Teams: Eine prägende Führungsperson hinterlässt keine einheitliche Schule, sondern Schüler, die verschiedene Seiten von ihr betonen.
Begriffe
- Elenchos (prüfendes Fragen)
- Nichtwissen
- sokratisches Problem
- Sokratiker
- sokratische Dialoge (logoi sokratikoi)
- Elenchos
- : die sokratische Methode, durch Nachfragen Widersprüche in Meinungen aufzudecken
- Aporie
- : der Zustand, in dem man merkt, dass man etwas nicht weiß
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Kein Lehrer im Schulsinn: Er bestritt selbst, einer zu sein (Platon, Apologie 33a–b)
- Heraklit: Laut Diogenes Laertios hat er dessen Buch gelesen (überliefert)
Schüler
- Platon: macht ihn zur Hauptfigur seiner Dialoge und gründet die Akademie
- Xenophon: schreibt Erinnerungen und eine eigene Verteidigungsrede
- Antisthenes: nach Xenophon einer seiner wichtigsten Anhänger, Vorläufer der Kyniker
- Aristipp: Gründer der Kyrenaiker
- Euklid von Megara: Gründer der Megarischen Schule
Freunde
- Kriton: Freund seit Kindertagen, der ihm zur Flucht riet
Gegner
- Meletos: junger Dichter, der die Anklage wegen Gottlosigkeit (asebeia) verfasste
- Das Gericht der Athener Demokratie, das ihn verurteilte
Verbindungen im Netz
23 Verbindungen, davon 18 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Archelaos von Athenüberliefert
Diogenes Laertios nennt ihn als Lehrer des Sokrates, die Forschung ist uneins.
Lehrer von Euklid von Megaraungeprüft
Sokrates-Schüler, bei dessen Tod anwesend, Gründer der Megarischen Schule.
Lehrer von Platonungeprüft
Platon macht ihn zur Hauptfigur seiner Dialoge und gründet auf diesem Bild die Akademie.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Antisthenesungeprüft
Antisthenes führte Sokrates' strenge Ethik weiter und gilt als Vorläufer der Kyniker.
Grundlage für Aristippos von Kyreneungeprüft
Aristipp gründete die Kyrenaiker, eine kleinere sokratische Schule.
baut auf Diogenes von ApolloniaDeutung
In Aristophanes' Wolken vertritt Sokrates Ansichten, die auf Diogenes von Apollonia zurückgehen (IEP, de.wikipedia).
Grundlage für Diogenes von Sinopeungeprüft
Die kynische Askese beruft sich auf Sokrates' Selbstgenügsamkeit.
Grundlage für Epiktetungeprüft
Sokrates ist für Epiktet das große Vorbild; A. A. Long nennt sein Buch über ihn „Epictetus: A Stoic and Socratic Guide to Life“ (Oxford University Press)
baut auf Heraklit von Ephesosungeprüft
Laut Diogenes Laertios hat Sokrates ein Buch Heraklits gelesen.
Grundlage für Michel de Montaigneungeprüft
sieht in ihm ein Vorbild im Umgang mit Nichtwissen
Grundlage für Søren Kierkegaardungeprüft
Sein Vorbild: Sokrates als Denker, der Menschen zum Selbstdenken bringt
Grundlage für Xenophon von Athenungeprüft
Xenophon hält ihn in Memorabilien und Apologie als praktischen Ratgeber fest.
Grundlage für Zenon von Kitionungeprüft
Zenon wurde nach der Überlieferung beim Lesen sokratischer Gespräche zur Philosophie geführt (SEP, Stoicism).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Friedrich Nietzscheungeprüft
Kritisiert den Rationalismus seit Sokrates
wird kritisiert von Protagoras von Abderaungeprüft
Platon lässt beide im Dialog Protagoras darüber streiten, ob sich Tugend lehren lässt.
kritisiert Thrasymachos von Chalkedonungeprüft
In Politeia Buch I wird er von Sokrates widerlegt.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Hippias von ElisDeutung
Hippias tritt bei Platon und Xenophon als Gesprächspartner des Sokrates auf, etwa zur Frage der Gerechtigkeit.
persönlich verbunden mit Prodikos von KeosDeutung
Prodikos stand wahrscheinlich in persönlichem Kontakt zu Sokrates, der sich bei Platon ironisch als sein Schüler bezeichnet.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Heraklit von Ephesosungeprüft
Heraklit gehört zu den Vorsokratikern, deren Fragen Sokrates auf die Ethik umlenkte.
im Vergleich mit Isokratesungeprüft
Die Forschung vermutet aus dem Phaidros eine Nähe zum Sokrates-Kreis, sicher belegt ist das nicht.
im Vergleich mit Parmenides von Eleaungeprüft
Platon lässt den jungen Sokrates dem alten Parmenides im gleichnamigen Dialog begegnen (literarisch)
im Vergleich mit Thales von Miletungeprüft
Interessierte sich anfangs für Naturforschung (über Anaxagoras) und wandte sich dann den Fragen des Lebens zu
im Vergleich mit Zenon von EleaDeutung
In Platons Dialog Parmenides bespricht der junge Sokrates Zenons Buch mit ihm; die Szene ist Platons literarische Gestaltung, einen Besuch Zenons in Athen hält die SEP für möglich, nicht für gesichert.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Im Frühjahr 399 v. Chr. wurde er angeklagt, die Götter Athens nicht ausreichend zu ehren und die Jugend zu verderben. Verzerrung: Wir kennen den Prozess nur aus den Berichten seiner Anhänger, die ihn als Unrecht darstellen.[2]
Geld belegt
Er arbeitete nicht für seinen Lebensunterhalt, lebte arm und nahm für seine Gespräche nie Geld. Mögliche Verzerrung: Seine Unabhängigkeit vom Geld macht sein Urteil über Reichtum glaubwürdig, aber er blieb auf Freunde und Gönner angewiesen.[1]
Abhängigkeit belegt
Alle Informationen sind aus zweiter Hand, und beide Hauptzeugen, Platon und Xenophon, lassen ihn im Sinne ihrer eigenen Ziele reden. Platons Darstellung gilt überwiegend als die authentischere. Verzerrung: Jedes Sokrates-Bild ist auch ein Selbstporträt seines Autors.[3]
Kritik
Die Athener Richter sahen in ihm eine Gefahr für die Stadt und verurteilten ihn. In der Forschung wird kritisiert, dass sein Nichtwissen ein Spiel sein könnte, weil er seine Gesprächspartner selten zu eigenen Antworten führt. Ein weiterer Einwand ist, dass sich der historische Sokrates vom platonischen kaum trennen lässt.
Wirkung heute
Seine Art, durch Fragen Annahmen sichtbar zu machen, ist Grundlage von Coaching, Beratung und Unterricht. Auch das Bild des Menschen, der sich nach einer Überprüfung seiner Überzeugungen richtet und nicht nach der Meinung der Mehrheit, ist weiter wirksam.
Brücke zu Führung und Coaching
Sokrates zeigt, was echte Fragen können: Sie stellen Annahmen infrage, ohne selbst eine Lösung zu liefern. Wenn dein Teammitglied sagt „das Kundenproblem ist eindeutig die Preisgestaltung“, frag nicht „Haben wir das geprüft?“, sondern „Woran würdest du merken, dass du dich irrst?“. Achte dabei darauf, dass deine Fragen echt offen sind und nicht verkappte Anweisungen.
Zitate
„Ein ungeprüftes Leben ist für einen Menschen nicht lebenswert.“
„Ein Leben ohne Prüfung ist für den Menschen nicht lebenswert.“
Lebensstationen
- 469 v. Chr.Geboren in Athen
- 399 v. Chr.Frühjahr: Anklage durch Meletos wegen Gottlosigkeit
- 399 v. Chr.Prozess und Todesurteil
- 399 v. Chr.Sommer: Hinrichtung etwa 30 Tage nach dem Urteil, weil während der heiligen Schiffsreise nach Delos keine Hinrichtung erlaubt war
Werke
Er hat nichts geschrieben. Die wichtigsten Quellen sind Platons frühe Dialoge (Apologie, Kriton, Phaidon)
Xenophons Memorabilien und seine Apologie sowie Aussagen des Aristoteles.
Anekdote belegt
Als Freund Kriton ihn kurz vor der Hinrichtung zur Flucht überreden wollte, lehnte Sokrates ab: Er höre nur auf das Argument, das ihm nach Prüfung am besten erscheine, und Unrecht dürfe man auch nicht mit Unrecht vergelten. So erzählt es Platon im Kriton (46b, 49d).[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Platon: Apologie des Sokrates, griechisch und deutsch, übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Reclam 1986: Die Verteidigungsrede ist kurz und zeigt Sokrates in seinem Prozess.
- Vertiefung
- Günter Figal: Sokrates (Beck'sche Reihe Denker, 2006)
Noch nicht sicher belegt
- Lebensdaten: klassisches-athen nennt -469–-399, stoa-epikur nennt -470–-399
- Alles über Sokrates stammt aus zweiter Hand, und was er wirklich selbst gelehrt hat, ist umstritten. Das Zitat ist eine deutsche Übertragung von Apologie 38a.
- Gerüst: Geburtsjahr -469 ergibt sich aus Platons Altersangabe (70 Jahre 399). Das Wort „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist laut Wikipedia eine stark verkürzende Formel, daher kein Zitat. Edge zu parmenides ist nur literarisch (Platon), nicht historisch.
- stoa-epikur: Geburtsjahr nur ungefähr (IEP nennt 469). Zitatstelle Apologie 38a nach allgemeiner Standardzählung; die abgerufenen Quellen nennen die Aussage, aber nicht die Stellenzahl. Wie viel der Platonische Sokrates von Sokrates selbst ist, bleibt umstritten.
Wege durchs Netz
Sokrates: Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert. Er fragt und behauptet, selbst nichts zu wissen.
Vom Bettelsack zur Säulenhalle
Sokrates: Ein Leben ohne Prüfung ist nicht lebenswert.
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Stoa und Epikur, Klassisches Athen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Sokrates
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Socrates · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Internet Encyclopedia of Philosophy: Socrates · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wikipedia de: Sokrates · Wikipedia
- [4]perseus.tufts.edu/hopper/text · Webseite
- [5]Socrates (Wikipedia) · Wikipedia
- [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy: socrates · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [7]Socrates (Britannica Kids) · Britannica