Landkarte der Philosophie

Hippias von Elis

um 460 v. Chr. bis nach 399 v. Chr. · Elis (Peloponnes)

Strömung
Vorsokratiker
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Der Allwissens-Sophist und Vielwisser, der mit einer Art Sammelwerk die Lehren der Älteren zusammentrug und das Gesetz gegen die Natur stellte.

Er gehört zur zweiten Generation der Sophisten neben Protagoras, Gorgias und Prodikos und tritt bei Platon und Xenophon als Gesprächspartner des Sokrates auf. Seine Sammlung könnte die Quelle gewesen sein, aus der Platon und Aristoteles ihr Wissen über die frühen Naturphilosophen bezogen, das ist aber umstritten.

Kernidee

Hippias behauptet, zu allen Wissensgebieten etwas sagen und lehren zu können, von Astronomie über Geometrie bis Dichtung. Er sammelte und ordnete die Lehren älterer griechischer und fremder Autoren. Politisch stellt er die Natur über das menschliche Gesetz, das er einen Tyrannen der Menschen nennt.

Bekannt für

Man kennt ihn als den eitlen Alleswisser aus Platons Hippias minor und Hippias maior, der bei den Olympischen Spielen nur selbst Gefertigtes trug, vom Ring bis zu den Schuhen. In der Mathematik ist er mit der nach ihm benannten Quadratrix verbunden, einer Kurve, die aus der Bewegung zweier Punkte in einem Quadrat entsteht und dazu dient, einen Winkel in drei gleich große Teile zu teilen (Winkeldreiteilung).

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die Sammlung als frühe Enzyklopädie

Hippias wollte Auszüge aus griechischen und fremdsprachigen Werken zusammenstellen und nach Wichtigkeit und Verwandtschaft ordnen. Möglicherweise ist das die erste Enzyklopädie des Abendlandes, doch erhalten ist nur ein Satz der Einleitung. Wer in einer Firma ein Wissensarchiv aufbaut, steht vor derselben Frage: Nach welcher Ordnung sortiert man, damit andere darin etwas finden?

Natur gegen Gesetz

In Platons Protagoras sagt Hippias, Ähnliche seien von Natur aus Verwandte, Freunde und Mitbürger, das Gesetz aber sei ein Tyrann der Menschen und erzwinge Unnatürliches. Er stellt damit physis (Natur) gegen nomos (Gesetz, Brauch), ein Streit, der die ganze Sophistik prägt. Wenn eine Vorschrift deine Leute nur beschäftigt und nichts nützt, ist die Frage berechtigt, ob sie Natur der Sache oder bloße Gewohnheit ist.

Quadratrix und Mathematik

Nach Proklos (einem spätantiken Kommentator des Mathematikers Euklid) versuchte Hippias die klassischen Probleme der antiken Mathematik zu lösen, und die nach ihm benannte Kurve, die Quadratrix, diente der Winkeldreiteilung und womöglich der Kreisquadratur (der Aufgabe, zu einem Kreis ein Quadrat mit gleicher Fläche zu konstruieren). Britannica sagt, er habe sie wohl zur Dreiteilung des Winkels benutzt. Ein Teilproblem durch ein neues Werkzeug zu lösen, wie hier durch die Kurve, gelingt auch im Projektalltag oft besser als der direkte Angriff auf das große Ziel.

Begriffe

Polyhistor (Vielwisser)
: ein Universalgelehrter, der in vielen Gebieten Wissen sammelt, aber nach Ansicht der meisten Forscher keine eigene philosophische Position vertritt
Sammlung (Synagoge)
: Hippias' verlorenes Werk, das Auszüge älterer Schriften nach Wichtigkeit und Verwandtschaft ordnete, vielleicht eine frühe Enzyklopädie
Natur (physis) gegen Gesetz (nomos)
: Hippias' Gegenüberstellung: Von Natur aus gehören Ähnliche zusammen, das menschliche Gesetz dagegen zwingt Menschen zu Unnatürlichem
Gedächtniskunst
: die Fähigkeit, sich viel zu merken, die Platon Hippias zuschreibt: Er soll fünfzig Namen nach einmaligem Hören richtig wiederholt haben
Quadratrix
: eine nach Hippias benannte Kurve, mit der sich ein Winkel in drei gleiche Teile teilen und, wie Spätere zeigten, auch ein Kreis in ein flächengleiches Quadrat verwandeln lässt

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Hegesidamus: laut en.wikipedia sein Lehrer, sonst kaum bekannt.

Gegner

  • Platon: zeichnet ihn als eitel und oberflächlich.
  • Protagoras: wirft ihm im Dialog vor, seine Schüler mit Rechnen, Geometrie und Astronomie zu plagen.

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von PlatonDeutung

    Platon zeichnet ihn in Hippias minor und maior als eitel und oberflächlich, mit karikierenden Zügen.

  • wird kritisiert von Protagoras von AbderaDeutung

    Als jüngerer Zeitgenosse tritt er im Dialog Protagoras auf, wo Protagoras seine Unterrichtsfächer kritisiert.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit SokratesDeutung

    Hippias tritt bei Platon und Xenophon als Gesprächspartner des Sokrates auf, etwa zur Frage der Gerechtigkeit.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Prodikos von KeosDeutung

    Deutung: Platon lässt beide im Protagoras im Haus des Kallias gemeinsam auftreten (317c) und nennt sie in der Apologie zusammen mit Gorgias als bezahlte Lehrer; eine persönliche Beziehung über diese literarischen Szenen hinaus ist nicht belegt.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld Deutung

    Hippias lehrte gegen Honorar und lässt Platon im Hippias maior damit prahlen, auf einer einzigen Reise nach Sizilien mehr als 150 Minen verdient zu haben. Das kann ihn dazu gebracht haben, Wissen als gut verkäufliche Breite darzustellen statt als Tiefe.[4]

  • Abhängigkeit belegt

    Fast alles, was wir über ihn wissen, stammt aus Platon und Xenophon, und Platons Darstellung hat stark karikierende Züge. Eigene Schriften sind verloren, ein Urteil über seine Philosophie ist deshalb nur über seine Gegner möglich.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Hippias vertrat seine Heimatstadt Elis diplomatisch in Athen und Sparta. Als Gesandter im Auftrag eines Staates musste er die Sprache der Politik bedienen, was seine Aussagen zu Gesetz und Gemeinschaft gefärbt haben kann.[1]

Kritik

Die Mehrheit der Forscher sieht in ihm einen Polyhistor ohne eigene philosophische Position, wobei auch die dünne Überlieferung eine Rolle spielt. Platon macht seine Eitelkeit und Oberflächlichkeit zum Thema, und Plutarch kritisiert, seine Olympiadenliste habe keine sichere Grundlage.

Wirkung heute

Die Idee, Wissen in einer Sammlung nach Wichtigkeit und Verwandtschaft zu ordnen, steht am Anfang von Enzyklopädie und Wissensmanagement. Der Streit zwischen Natur und Gesetz, den er ausspricht, bleibt eine Grundfrage der Rechtsphilosophie.

Brücke zu Führung und Coaching

Hippias erinnert an die Versuchung, über alles mitreden zu können. Frage dich vor der nächsten Besprechung: Wozu habe ich wirklich Substanz, und wo spiele ich nur Allwissenheit? Wenn ein Team merkt, dass du an einer Stelle ehrlich sagst, dass du es nicht weißt, gewinnst du Vertrauen für die Stellen, an denen du es weißt.

Lebensstationen

  1. 460 v. Chr.Geboren in Elis auf dem Peloponnes (etwa 460, nach en.wikipedia Mitte des 5. Jh.).
  2. 399 v. Chr.Lebt noch mindestens bis zum Tod des Sokrates, nach en.wikipedia ein Zeitgenosse bis dahin.

Werke

Verloren bis auf Bruchstücke: Sammlung (Synagoge)

Liste der Olympiasieger (Olympionikon Anagraphe)

Reden und Dichtungen, mathematisch die Quadratrix. Erhalten ist von der Sammlung nur ein einziger Satz der Einleitung.

Anekdote überliefert

Bei den Olympischen Spielen soll Hippias nichts getragen haben, was er nicht selbst gemacht hatte, vom Siegelring über den Mantel bis zu den Schuhen. Außerdem soll er sich nach einmaligem Hören fünfzig Namen in der richtigen Reihenfolge gemerkt haben.[4]

Lesetipps

Einstieg
Thomas Schirren und Thomas Zinsmaier (Hrsg.): Die Sophisten. Griechisch/Deutsch (Reclam, Stuttgart 2003, Reclams Universal-Bibliothek 18264), mit eigenen Abschnitten zu Hippias und Prodikos.
Vertiefung
George B. Kerferd und Hellmut Flashar: Hippias aus Elis, in: Hellmut Flashar (Hrsg.), Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1 (Schwabe, Basel 1998), S. 64–68.

Noch nicht sicher belegt

  • Lebensdaten: geb etwa 460 nur aus en.wikipedia (Mitte 5. Jh.), SEP: tätig im letzten Drittel des 5. Jh., Britannica: Blütezeit 5. Jh., de.wikipedia: 5. Jh. Todesjahr unbekannt (tod null), belegt ist nur, dass er 399 noch lebte (en.wikipedia). Die Stationen -430 (Handlungsdatum des Protagoras) und -420 (Gesandtschaften) wurden vom Prüfer entfernt, weil keine Quelle Jahreszahlen nennt. Das Wissen über ihn stammt fast ausschließlich aus Platon (Hippias minor, maior, Protagoras) und Xenophon (Memorabilien); die Echtheit des Hippias maior wird bezweifelt (en.wikipedia). Die Lehrerschaft des Hegesidamus ist nur durch en.wikipedia nach der Suda belegt. Zur Quadratrix: Britannica sagt „may have used“, de.wikipedia nennt Proklos (DK 86 B 21) und den Mathematiker Nikomedes. Rekonstruktion des Inhalts der Sammlung (Snell, Patzer) ist umstritten (Enache 2025). Kein wörtliches Zitat, weil kein belegter deutscher Fragmenttext abgerufen wurde. Die Kante zu gorgias wurde entfernt, weil sie nur auf der gemeinsamen Nennung in Platons Apologie (19e) und einem Vergleich in der SEP beruhte. Lesetipps: Reclam-Ausgabe 2003 auf der Verlagsseite bestätigt (Kapitel Hippias und Prodikos), Kerferd/Flashar 1998 in de.wikipedia mit Verlag und Seiten.

Herkunft der Daten: Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Hippias

  1. [1]Hippias von Elis – Wikipedia (de) · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (en): Hippias · Wikipedia
  3. [3]Britannica: Hippias of Elis · Britannica
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: The Sophists · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]reclam.de/produktdetail/die-sophisten-griechisch-deutsch-9783150182642 · Webseite
  6. [6]Wikipedia (de): Quadratrix des Hippias · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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