Landkarte der Philosophie

J. J. C. Smart

1920–2012 · Adelaide

Strömung
Utilitarismus und Pragmatismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Der britisch-australische Philosoph, der den Handlungsutilitarismus gegen die Regelvariante verteidigt und damit die Debatte des 20. Jahrhunderts prägt.

Smart steht im Netz zwischen den Klassikern (Bentham, Mill) und den Kritikern: Mit Bernard Williams schrieb er ein Buch, in dem Williams die schärfsten Einwände formuliert. Seine Verteidigung des Handlungsutilitarismus beeinflusste in Australien ausgebildete oder tätige Philosophen wie Peter Singer.

Kernidee

Smart meint: Eine Handlung ist richtig, wenn sie in der konkreten Lage mehr Gutes bewirkt als jede Alternative. Wer sich trotzdem an eine Regel hält, obwohl ein Bruch der Regel besser wäre, betreibt für ihn „abergläubische Regelverehrung“ (englisch „superstitious rule worship“). Regeln sind für Handlungsutilitaristen wie ihn Faustregeln, die sagen, was im Allgemeinen richtig ist, aber keinen eigenen Wert haben.

Bekannt für

Smart ist bekannt als Verfechter des „extremen“ Utilitarismus, der jede Handlung einzeln nach ihren Folgen beurteilt. Außerdem war er in den 1950er Jahren einer der Begründer der Identitätstheorie des Geistes, nach der geistige Zustände mit Gehirnzuständen identisch sind.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Handlungsutilitarismus gegen Regelutilitarismus

Smart unterscheidet den „extremen“ Utilitarismus (jede Handlung zählt einzeln) vom „eingeschränkten“, der die Folgen von Regeln prüft. Sein erstes Argument: Der Regelutilitarismus fällt in den Handlungsutilitarismus zurück, weil es kein gutes Kriterium dafür gibt, was als „Regel“ gilt. Sein zweites: Wer eine Regel auch dann befolgt, wenn ein Bruch besser wäre, verehrt die Regel nur noch. Im Betrieb wäre das die Führungskraft, die an einer Genehmigungsregel festhält, obwohl alle wissen, dass sie im Einzelfall nur Schaden anrichtet.

Wirkliche gegen vorhersehbare Folgen

Das Internet Encyclopedia of Philosophy beschreibt Smarts Gedankenexperiment: Jemand rettet 1938 einen Ertrinkenden, der sich als Adolf Hitler herausstellt. Die Frage ist, ob die Rettung nach den tatsächlichen oder nach den vorhersehbaren Folgen zu beurteilen ist. Wer nach tatsächlichen Folgen urteilt, trennt das Urteil über die Handlung vom Urteil über die handelnde Person: Die Rettung war dann falsch, der Retter trotzdem ohne Schuld. Im Alltag heißt das: Eine gut begründete Entscheidung kann schlecht ausgehen, ohne dass man der Person daraus einen Vorwurf machen muss.

Wohl als Erfüllung von Präferenzen

Smart vertritt eine Präferenztheorie des Wohls, anders als die Klassiker, die Lust und Schmerz zählten (Hedonismus). Gut ist demnach, was Menschen tatsächlich wollen. Verbunden mit dem Konsequentialismus wird das „Präferenzutilitarismus“ genannt. In einem Team hieße das, nicht zu erraten, was Mitarbeitenden guttut, sondern zu klären, was sie wollen.

Begriffe

Handlungsutilitarismus
Regelutilitarismus
Regelverehrung
Präferenztheorie des Wohls
Identitätstheorie

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Gilbert Ryle: Wikipedia nennt ihn als akademischen Betreuer

Schüler

  • Mark Colyvan: Doktorand
  • Phillip H. Wiebe: Doktorand
  • Jeff Malpas: Student
  • Henry Krips: Student

Gegner

  • Bernard Williams: stellte im gemeinsamen Buch von 1973 die kritische Gegenposition zum Utilitarismus

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Peter SingerDeutung

    Wikipedia zu Smart: Seine Verteidigung des Handlungsutilitarismus beeinflusste Philosophen wie Peter Singer.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Bernard WilliamsDeutung

    Smart und Williams schrieben 1973 gemeinsam „Utilitarianism: For and Against“, Smart verteidigt, Williams kritisiert (IEP).

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Bernard WilliamsDeutung

    Smart und Williams schrieben 1973 gemeinsam „Utilitarianism: For and Against“, Smart verteidigt, Williams kritisiert (IEP).

  • persönlich verbunden mit David Kellogg LewisDeutung

    Lewis besuchte in Harvard Smarts Seminar, Smart sagte, er habe von ihm gelernt.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Smart diente im Zweiten Weltkrieg bei den Fernmeldetruppen der britischen Armee, überwiegend in Indien und Burma, und wurde 1946 entlassen. Ob diese Erfahrung sein Denken über Folgen im Großen prägte, sagt die Quelle nicht (Deutung).[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Er hatte 1950 bis 1972 den Lehrstuhl für Philosophie in Adelaide, später Stellen an La Trobe und der Australian National University. Eine Verzerrung durch diese Abhängigkeiten ist in der Quelle nicht belegt; die Zuordnung zur australischen Schule ist eine Einordnung (Deutung).[1]

Kritik

Bernard Williams hielt dem Utilitarismus im gemeinsamen Buch von 1973 den Integritätseinwand entgegen: Er mache den Menschen zum bloßen Kanal, durch den die Wünsche aller in eine Gesamtrechnung fließen, und greife so seine Integrität an (SEP, Eintrag zu Williams). Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt außerdem die Standardeinwände gegen direkten Konsequentialismus, etwa das Beispiel des Arztes, der einen Gesunden opfern könnte, um fünf Patienten zu retten. Smart war bekannt dafür, unbequeme Folgerungen des Handlungsutilitarismus zu akzeptieren, was ihm den Eintrag „outsmart“ im Philosophical Lexicon einbrachte (Wikipedia).

Wirkung heute

Smarts Argumente gegen den Regelutilitarismus gelten als sehr einflussreich und ließen dessen Beliebtheit unter Ethikern im späten 20. Jahrhundert sinken. Seine Präferenztheorie des Wohls beeinflusste Philosophen mit australischer Prägung wie Frank Jackson, Philip Pettit und Peter Singer.

Brücke zu Führung und Coaching

Smart lädt Führungskräfte ein, Regeln als Faustregeln zu behandeln und nicht als Selbstzweck. Frage im nächsten Teammeeting: Welche unserer Regeln befolgen wir noch, obwohl wir im Einzelfall wissen, dass sie niemandem nützen? Gleichzeitig lohnt der Gegencheck, ob der Regelbruch wirklich mehr Gutes bewirkt, denn genau das ist bei Smart die einzige Rechtfertigung.

Lebensstationen

  1. 1920geboren in Cambridge, England
  2. 1948BPhil in Oxford
  3. 1950Lehrstuhl für Philosophie in Adelaide
  4. 1956Aufsatz „Extreme and Restricted Utilitarianism“
  5. 1976Professor an der Australian National University
  6. 2012gestorben in Melbourne

Werke

Extreme and Restricted Utilitarianism (1956); An Outline of a System of Utilitarian Ethics (1961, überarbeitet in: Utilitarianism: For and Against, 1973, zusammen mit Bernard Williams); Philosophy and Scientific Realism (1963)

Anekdote überliefert

Das Philosophical Lexicon, ein Scherzwörterbuch der Philosophen, verwendet „outsmart“ für das Annehmen der Schlussfolgerung, mit der ein Gegner die eigene Position eigentlich ad absurdum führen wollte. Gemeint ist Smarts Bereitschaft, unbequeme Folgen des Handlungsutilitarismus zu akzeptieren, heute meist „biting the bullet“ genannt.[1]

Lesetipps

Einstieg
J. J. C. Smart und Bernard Williams, Utilitarianism: For and Against (Cambridge University Press, 1973), weil hier Verteidigung und schärfste Kritik direkt nebeneinander stehen.
Vertiefung
Walter Sinnott-Armstrong, Consequentialism (Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2003, überarbeitet 2023)

Noch nicht sicher belegt

  • Britannica-Seite nicht abrufbar. Keine Zitate verwendet. Der Spitzname „outsmart“ stützt sich nur auf Wikipedia (mit Verweis auf The Philosophical Lexicon, 8. Auflage). Kante zu Singer: Wikipedia sagt nur „influenced“ (Philosophen, die in Australien gearbeitet haben oder ausgebildet wurden), kein Lehrer-Schüler-Verhältnis belegt. Dass Regeln Zeit zum Abwägen sparen, steht so nicht in den Quellen; das IEP sagt nur, Handlungsutilitaristen hielten Faustregeln für nützlich, solange ein Bruch nicht mehr Gutes bewirkt. Der Bezug des „outsmart“ auf das Transplantationsbeispiel ist eine Deutung. Prüfung: Wikipedia, IEP und SEP (Consequentialism, Williams) erneut abgerufen, alle Lebensstationen, Lehrer, Schüler und Werke bestätigt.

Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Smart

  1. [1]J. J. C. Smart – Wikipedia · Wikipedia
  2. [2]Internet Encyclopedia of Philosophy: util-a-r · Internet Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: consequentialism · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Bernard Williams – Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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