Landkarte der Philosophie

Peter Singer

geb. 1946 · Melbourne, später Princeton

Strömung
Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik
Kants Fragen
Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Der australische Moralphilosoph, der den Utilitarismus auf Armut, Tiere und Medizin anwendet und damit eine weltweite Spendenbewegung mitprägt.

Singer ist Schüler von R. M. Hare und führt den Handlungsutilitarismus von Smart sowie die Sidgwick-Linie fort. In seinem späteren Werk stützt er sich auf Derek Parfits Gründe.

Kernidee

Singer meint: Entscheidend ist, wessen Interessen betroffen sind, nicht wer es ist oder wie weit er entfernt lebt. Jedes Wesen, das leiden oder sich freuen kann, verdient, dass seine Interessen mitzählen. Wer helfen kann, ohne selbst Wichtiges zu opfern, soll es tun.

Bekannt für

Singer ist bekannt für Animal Liberation (1975), das die moderne Tierrechtsbewegung stark beeinflusste, und für die Frage, ob reiche Menschen die Hungernden in der Ferne so behandeln müssten wie ein Kind im Teich vor der eigenen Tür. Er gründete die Organisation The Life You Can Save.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Gleiche Berücksichtigung der Interessen

Nach Practical Ethics braucht Ethik eine unparteiische, „universale“ Sicht: Die eigenen Interessen zählen nicht mehr als die anderer. Gleiche Berücksichtigung heißt nicht gleiche Behandlung, denn verschiedene Interessen verlangen Verschiedenes: Wer hungert, hat ein stärkeres Interesse an Essen als jemand, der nur leicht hungrig ist. Wer in einem Unternehmen Mittel verteilt, fragt also nicht „Wer schreit am lautesten?“, sondern „Wessen Interesse wiegt hier am schwersten?“.

Das ertrinkende Kind und die Hilfspflicht

In „Famine, Affluence, and Morality“ (1972) bestreitet Singer, dass räumliche Nähe die Pflicht zu helfen verändert. Das Bild vom Kind im Teich zeigt: Fast jeder würde es retten, auch wenn teure Kleidung dabei ruiniert wird. Daraus folgt, dass wir auch mit Spenden Leben retten sollten, soweit wir nichts Vergleichbar Wichtiges opfern. Wer als Führungskraft ein Budget verantwortet, kann sich fragen, welcher Euro anderswo mehr bewirken würde als hier.

Speziesismus

Singer greift den Begriff des Speziesismus auf, den er nach Britannica nicht selbst erfunden hat, und meint damit die Bevorzugung von Menschen nur wegen der Artzugehörigkeit. Für ihn sind alle Wesen mit der Fähigkeit zu leiden oder sich zu freuen zu berücksichtigen, und die Art der Berücksichtigung hängt von ihren Interessen ab, nicht von der Art. Britannica vergleicht diese Haltung mit Vorurteilen wie Rassismus und Sexismus. Auf Arbeit entspricht dem die Frage, ob wir jemandes Anliegen nur deshalb weniger zählen, weil er „nicht zu uns gehört“.

Begriffe

Gleiche Berücksichtigung von Interessen
Speziesismus
Präferenzutilitarismus
Ertrinkendes Kind
Effektiver Altruismus
Gleiche Berücksichtigung der Interessen
: gleiche Interessen zählen gleich viel, ohne dass daraus immer gleiche Behandlung folgt

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • R. M. Hare: betreute seine BPhil-Arbeit in Oxford (Wikipedia)
  • J. L. H. Thomas: lehrte ihn, Hegel zu lesen

Freunde

  • Katarzyna de Lazari-Radek: Mitautorin von The Point of View of the Universe (2014)

Gegner

  • Behindertenrechtsgruppen und Demonstrierende in Deutschland, Österreich und der Schweiz 1989 bis 1991: wehrten sich gegen seine Position zur Euthanasie bei schwerst behinderten Neugeborenen

Verbindungen im Netz

9 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Schüler von R. M. HareDeutung

    Wikipedia: Hare betreute Singers BPhil-Arbeit in Oxford.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Derek ParfitDeutung

    In The Point of View of the Universe (2014) übernimmt Singer Parfits Sicht, dass es durch den Gegenstand gegebene Gründe für Handlungen gibt (Wikipedia).

  • baut auf Henry SidgwickDeutung

    In The Point of View of the Universe (2014) verteidigt Singer Sidgwicks Ansicht, dass sich objektive Moral aus Axiomen der Vernunft ableiten lässt (Wikipedia).

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Er führt den Schritt zum Universalisieren in der Ethik von Kant über Hare auf Kant zurück

  • baut auf J. J. C. SmartDeutung

    Wikipedia zu Smart: Seine Verteidigung des Handlungsutilitarismus beeinflusste Philosophen wie Peter Singer.

  • baut auf R. M. HareDeutung

    Singer studierte Hares Werk schon in Melbourne, lernte ihn in Oxford kennen und vertrat früher Hares Präskriptivismus (Wikipedia, Hare; SEP, Sidgwick).

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Jeremy Benthamungeprüft

    Teil der utilitaristischen Tradition, Bezug zu Bentham in den Quellen nicht ausdrücklich genannt

  • im Vergleich mit John Stuart Millungeprüft

    Teil der utilitaristischen Tradition, Bezug zu Mill in den Quellen nicht ausdrücklich genannt

  • im Vergleich mit Susanna NewcomeDeutung

    Connolly sieht Verwandtschaft zu Singer, weil auch Newcome strenge Hilfspflichten und Rücksicht auf leidende Tiere vertritt (SEP; utilitarianism.net).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Singers Eltern flohen 1938 nach dem Anschluss aus Wien nach Australien, drei seiner Großeltern wurden im Holocaust ermordet. Ob diese Familiengeschichte seine Haltung prägte, sagt die Quelle nicht (Deutung).[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    In Deutschland wurden 1989 und 1990 Lehrveranstaltungen und Vorträge zu Singers Praktischer Ethik gestört oder abgesagt, etwa ein Kurs in Duisburg, Vorträge in Saarbrücken, Marburg und Zürich; 1991 wurde seine Einladung zum Wittgenstein-Symposium in Kirchberg zurückgezogen. Singer sagt selbst, die Proteste hätten seine Reichweite vergrößert, aber das Klima für angewandte Ethik in Deutschland verschlechtert (seine eigene Darstellung).[1]

  • Geld Deutung

    Singer widmete einen beträchtlichen Teil seines Einkommens sozialen und politischen Anliegen und ist Mitglied bei Giving What We Can, die zu mindestens 10 Prozent Spenden verpflichtet. Ob das seine Argumente für Spenden eher glaubwürdig macht oder färbt, ist Deutung.[2]

Kritik

Seine These, Neugeborene seien noch keine „Personen“, löste Proteste von Behindertenrechtsgruppen aus, auch gegen seine Berufung nach Princeton 1999. Britannica hält fest, dass sich damit auch frühere Unterstützer seiner Tierrechtsarbeit gegen ihn stellten. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy führt seine Forderung, viel mehr zu geben, unter den „harten“ utilitaristischen Antworten auf den Überforderungseinwand an, den Gegner unplausibel finden.

Wirkung heute

Singers Ideen tragen den Effektiven Altruismus, der fragt, wo eine gespendete Summe am meisten bewirkt, und die Spendenorganisation The Life You Can Save. Seine Tierethik hat eine große Debatte über Massentierhaltung ausgelöst.

Brücke zu Führung und Coaching

Singer eignet sich, wenn in deinem Team um Prioritäten gestritten wird: Frage, wessen Interessen von der Entscheidung betroffen sind, und gewichte sie nach Stärke, nicht nach Lautstärke. In Budgetrunden kannst du fragen, wo derselbe Betrag am meisten bewirkt und ob du das ehrlich vergleichen kannst. Gleichzeitig solltest du prüfen, wessen Interessen am Tisch fehlen, zum Beispiel die von Kunden oder von Kollegen in anderen Standorten.

Lebensstationen

  1. 1946geboren in Melbourne
  2. 1971BPhil in Oxford bei R. M. Hare
  3. 1972Aufsatz „Famine, Affluence, and Morality“
  4. 1975Animal Liberation erscheint
  5. 1999Professur für Bioethik in Princeton
  6. 2009The Life You Can Save erscheint; Gründung der gleichnamigen Organisation

Werke

  • Animal Liberation (1975)
  • Praktische Ethik (1979)

Famine, Affluence, and Morality (1972); Animal Liberation (1975); Practical Ethics (1979, deutsch Praktische Ethik); The Life You Can Save (2009); The Point of View of the Universe (2014, mit Katarzyna de Lazari-Radek)

Anekdote überliefert

Als Doktorand in Oxford aß Singer mit einem Kommilitonen, Richard Keshen, zu Mittag. Keshen wählte Salat, nachdem man ihm sagte, die Spaghettisauce enthalte Fleisch, und erklärte auf Nachfrage seine ethischen Gründe. Singer nennt das später wohl das entscheidende prägende Erlebnis seines Lebens und wurde Vegetarier.[1]

Lesetipps

Einstieg
Peter Singer, The Life You Can Save: Acting Now to End World Poverty (Random House, New York 2009), weil das Buch das Argument vom ertrinkenden Kind für Laien ausführt und die Organisation gleichen Namens begründete.
Vertiefung
Brian Duignan (Hrsg.), Peter Singer (Encyclopædia Britannica, Online-Artikel)

Noch nicht sicher belegt

  • SEP-Abruf fehlgeschlagen, Britannica lieferte nur Geburtsdatum und Rolle. Wikipedia nennt ihn 79 Jahre alt und lebend. Bentham/Mill-Edges nur als Traditionslinie, Wikipedia nennt beide ausdrücklich nicht. Deutsche Titel nicht geprüft. Zitat bewusst leer.
  • Kein Zitat verwendet: Das Britannica-Zitat aus Famine, Affluence, and Morality (1972) hat keine Seitenangabe. Lesetipp: Die Reclam-Ausgabe von Praktische Ethik (Übersetzer, Jahr) konnte nicht erneut geprüft werden, darum durch die in Wikipedia mit Verlag und Jahr belegte Ausgabe von The Life You Can Save ersetzt. Entfernt: H. J. McCloskey als Mentor und die Formulierung „wichtigster Mentor“ für Hare (in Wikipedia und Britannica nicht enthalten) sowie ein Spiegel-Artikel mit NS-Vergleich und Singers Deutung der Proteste als Holocaust-Angst (nicht in den Quellen). Dass Richard Ryder den Begriff Speziesismus prägte, steht nicht in den abgerufenen Quellen. Schüler: keine genannt. Kante zu Parfit als „baut auf“ gefasst, weil Wikipedia nur sagt, Singer billige Parfits Sicht auf objektgegebene Gründe. Für kritik: Die SEP-Stelle (P. Singer 1993) bezieht sich auf Practical Ethics, 2. Auflage.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Singer

  1. [1]Peter Singer – Wikipedia, Abschnitt Protests · Wikipedia
  2. [2]Peter Singer – Britannica · Britannica
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: consequentialism · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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