Abu Hamid Muhammad al-Ghazali
1055/56–1111 · Tus, Nischapur, Bagdad
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der große Kritiker der Falsafa (der arabischen Aristoteles-Philosophie), der zugleich ihre Logik in die islamische Theologie holt und der Mystik des Sufismus Heimat gibt.
Er greift Al-Farabi und besonders Ibn Sina an und benutzt dabei doch deren Werkzeuge. Ibn Ruschd antwortet ihm mit einer Gegenschrift, und seine Kritik an der Kausalität wird später in Europa mit dem Nominalismus (Ockham und Co.) verglichen.
Kernidee
Al-Ghazali sagt den Philosophen: Ihr behauptet, ihr hättet Beweise, aber bei zwanzig zentralen Lehren haltet ihr euren eigenen Beweismaßstab nicht ein. Gleichzeitig übernimmt er viel aus der aristotelischen Logik und Avicennas Lehre und zeigt, dass Vernunft und Offenbarung sich nicht widersprechen können. Das letzte Heil liegt für ihn weniger im Wissen als im tugendhaften Handeln und im Weg der Sufis.
Bekannt für
Man kennt ihn als Autor der Inkohärenz der Philosophen und als den Gelehrten, der 1095 auf dem Höhepunkt seiner Karriere Bagdad verließ, um ein Leben als Sufi zu führen. Sein Hauptwerk, die Wiederbelebung der Wissenschaften von der Religion, gilt vielen muslimischen Gelehrten als sein wichtigstes Buch.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Inkohärenz der Philosophen
Die Philosophen behaupten, ihre Lehren seien durch strengen Beweis gesichert. Al-Ghazali prüft zwanzig ihrer Lehren und zeigt, dass die Beweise auf Annahmen beruhen, die nur unter Philosophen gelten. Bei einigen Lehren hält er den Inhalt sogar für wahr, will aber zeigen, dass er nicht bewiesen ist. Das ist wie bei einem Projektplan, dessen Zahlen stimmen mögen, dessen Annahmen aber nie geprüft wurden.
Kausalität und Gottes Wirken
In der 17. Erörterung bestreitet er, dass zwischen einer Ursache und ihrer Wirkung eine notwendige Verbindung bestehe. Für ihn ist die Verbindung Gottes vorherige Entscheidung, der beide Ereignisse nebeneinander schafft. So will er sichern, dass Wunder der Propheten möglich bleiben. Wer im Beruf gewohnt ist, aus Erfahrung zu schließen, dass auf Maßnahme A immer Ergebnis B folgt, sollte sich an diese Grenze der Gewissheit erinnern.
Grenzen des Unglaubens
Im Entscheidenden Kriterium legt er fest, dass nur drei Grundlehren nicht verletzt werden dürfen: Einheit Gottes, die Prophetenschaft Muhammads und die koranischen Aussagen über das Jenseits. Alles andere, auch Irrtümer, soll toleriert werden, und was nach Beweis dem Wortlaut der Offenbarung widerspricht, soll allegorisch gedeutet werden. In Teams hilft dieselbe Haltung: Wenige Grundregeln sind unverhandelbar, alles andere darf Streit und Irrtum aushalten.
Begriffe
- Inkohärenz der Philosophen
- Demonstration (Beweis)
- Kausalität
- Okkasionalismus
- Sufismus
- Grenzen des Unglaubens
- Allegorische Deutung
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Al-Juwaini: Ascharitischer Theologe in Nischapur, bei dem er studierte
- Avicenna: nur durch Schriften; seine Lehren sind die Vorlage, die Al-Ghazali darstellt und dann angreift (SEP)
Schüler
- Ahmad al-Ghazali: sein Bruder, Prediger und Sufi-Gelehrter, wuchs mit ihm auf (kein Schüler im engen Sinn)
Freunde
- Sanjar: Seldschuken-Statthalter, der ihn von Anschuldigungen freisprach und sein Lehren unterstützte
Gegner
- Al-Farabi und Ibn Sina: widerlegt ihre Beweise in der Inkohärenz
- Ismailiten (Batiniten): wehrt sich gegen ihre Kritik an Vernunft
- Ibn Ruschd: verteidigt die Philosophen in der Gegenschrift
- Ibn Taimiyya: kritisiert Ghazalis Regel, im Konfliktfall der Vernunft Vorrang zu geben
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf AristotelesDeutung
Er übernimmt den aristotelischen Begriff des Beweises (Demonstration) als Maßstab für Vernunft (SEP).
Grundlage für Jehuda HaleviDeutung
Halevi stützt sich bei seinen Zweifeln an der Lehre von den getrennten Intellekten auf Al-Ghazali (Stanford Encyclopedia of Philosophy; Wikipedia vergleicht beider Philosophiekritik).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Abu Nasr Muhammad al-FarabiDeutung
Die erste und längste Erörterung der Inkohärenz richtet sich gegen Al-Farabis und Avicennas Lehre von der ewigen Welt (SEP).
wird kritisiert von Ibn Ruschd (Averroes)Deutung
Ibn Ruschd schrieb die Gegenschrift Inkohärenz der Inkohärenz (SEP).
kritisiert Ibn Sina (Avicenna)Deutung
Die Inkohärenz widerlegt Beweise Avicennas, und drei seiner Lehren erklärt Al-Ghazali zum Unglauben (SEP).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Er wurde von Großwesir Nizam al-Mulk nach Bagdad berufen und stand Sultan und Kalifenhof nahe. 1095 verließ er Bagdad, weil ihm ein tugendhaftes Leben mit dem Dienst bei Sultanen, Wesiren und Kalifen unvereinbar schien.[1]
Zeitgeschehen belegt
Seine Schriften reagieren auf zwei Gegner des sunnitischen Islams: die Falsafa und die ismailitischen Schiiten, die vom Gegenkalifat in Kairo und später einer abgespaltenen Propaganda im Irak und Iran aus die Autorität des Kalifen in Bagdad herausforderten. Seine Angriffe haben deshalb auch eine politische Seite.[1]
Abhängigkeit belegt
Am Ende der Inkohärenz erklärt er die öffentliche Lehre von drei Thesen zu Unglauben und Abfall vom Islam, der mit dem Tod bestraft werden kann. 1106 musste er sich in Nischapur gegen Vorwürfe verteidigen, seine Lehre zeige philosophischen Einfluss, und wurde vom Statthalter Sanjar freigesprochen.[1]
Kritik
Ibn Ruschd antwortet mit der Gegenschrift Inkohärenz der Inkohärenz und bestreitet, dass die Tahafut eine philosophische Schrift sei, was westliche Leser lange übernahmen. Ibn Taimiyya wendet ein, Ghazalis Beweise seien selbst nicht bündig und Vernunft dürfe der Offenbarung nicht vorgehen. Wikipedia de nennt außerdem die Meinung, er habe zum Untergang der Philosophie im islamischen Osten beigetragen.
Wirkung heute
Seine Unterscheidung zwischen Behaupten und Beweisen bleibt ein Maßstab für jede Argumentation, die sich auf Fachautorität beruft. Seine Kausalitätskritik wurde mit der nominalistischen Kritik der Aristotelischen Wissenschaft im Europa des 14. Jahrhunderts verglichen.
Brücke zu Führung und Coaching
Al-Ghazali lehrt, den eigenen Beweisstandard auch von den Experten zu verlangen. Wenn ein Berater sagt „Das ist bewiesen“, frag: Welche Annahmen stecken in diesem Beweis, und wer außer uns teilt sie? Und welche wenigen Grundwerte sind in diesem Team unverhandelbar, so dass alles andere offen diskutiert werden darf?
Zitate
„Ich wusste mit Gewissheit, dass die Ṣūfī diejenigen sind, die auf dem Wege des erhabenen Gottes voranschreiten, besonders weil ihre Lebensweise die beste aller Lebensweisen, ihr Weg der richtigste aller Wege und ihre Gesinnung die reinste aller Gesinnungen ist.“
Lebensstationen
- 1056Um dieses Jahr in Tus geboren (spätere Historiker nennen 1058/59)
- 1091Berufung an die Nizamiyya-Madrasa in Bagdad durch Nizam al-Mulk
- 1095Gibt seine Ämter auf und verlässt Bagdad; um diese Zeit entsteht die Inkohärenz der Philosophen
- 1096Pilgerfahrt (Hadsch), danach Rückkehr nach Tus und Gründung einer privaten Schule und eines Sufi-Klosters
- 1106Lehrt wieder an der Nizamiyya in Nischapur; schreibt bis 1109 den Erretter aus dem Irrtum
- 1111Stirbt in Tus am 19. Dezember (laut Wikipedia de)
Werke
Die Absichten der Philosophen (um 1094); Die Inkohärenz der Philosophen (Tahafut al-falasifa, um 1095); Die Wiederbelebung der Wissenschaften von der Religion (Ihya, ab 1096); Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung von Islam und heimlichem Unglauben; Der Erretter aus dem Irrtum (1106 bis 1109); Die Nische der Lichter
Anekdote überliefert
Als er 1095 Bagdad verließ, schwor er am Grab Abrahams in Hebron, nie wieder einer politischen Obrigkeit zu dienen oder an staatlich geförderten Schulen zu lehren. 1106 brach er den Schwur und lehrte wieder in Nischapur, was er mit der Verwirrung in der Bevölkerung und dem Druck des Seldschukenhofs begründete.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Al-Ghazali: Der Erretter aus dem Irrtum (al-Munqidh min ad-dalal), übers. von Abd-Elsamad Abd-Elhamid Elschazli, Hamburg: Meiner 1988 (Philosophische Bibliothek 389), weil er darin seinen Weg selbst erzählt.
- Vertiefung
- Frank Griffel, Al-Ghazali's Philosophical Theology, Oxford: Oxford University Press (2009)
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsjahr 1055 oder 1056 (spätere Historiker 1058/59); hier 1056 nach SEP. Todesdatum 19. Dezember 1111 nur in Wikipedia de, SEP nennt Dezember 1111. Das Zitat stammt aus der deutschen Übersetzung von Elschazli (Meiner 1988, Philosophische Bibliothek 389), die Wikipedia de mit Seitenangabe S. 46 zitiert; die Stelle wurde nicht am Buch geprüft. Die Schüler-Angabe (Bruder Ahmad) ist keine Lehrer-Schüler-Beziehung, die Quelle sagt nur, dass sie zusammen erzogen wurden und Ahmad Sufi-Gelehrter wurde. Die Anekdote ist durch Ghazalis eigene Selbstauskünfte überliefert. Der Vergleich der Kausalitätskritik mit dem Nominalismus ist die Einschätzung des SEP. Die Kante zu Aristoteles ist indirekt über den aristotelischen Begriff der Demonstration (SEP, Abschnitt 4). Prüfer: Nizam al-Mulk war Gönner und Förderer, kein Lehrer, und wurde aus der Lehrerliste entfernt; er bleibt im Kontext. Lesetipp Griffel 2009 ist mit ISBN in Wikipedia de belegt. Die Datierung der Wiederbelebung der Wissenschaften von der Religion auf ab 1096 folgt Wikipedia de (1096–97).
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Al-Ghazali
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, al-Ghazali · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de): Al-Ghazālī · Wikipedia