Landkarte der Philosophie

Thales von Milet

um 624 bis 547 v. Chr. · Milet, Westküste Kleinasiens)

Strömung
Vorsokratiker
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Nach Aristoteles der Erste, der nach dem Urgrund der Dinge fragte, und damit Ausgangspunkt der Naturphilosophie in Milet.

Er steht am Anfang der Milesier: Anaximandros gilt als sein Schüler oder Nachfolger, und Aristoteles macht ihn zum Erfinder der Frage nach dem Urstoff, auf die alle späteren Vorsokratiker antworten.

Kernidee

Thales sagte nach Aristoteles, das Wasser sei der Ursprung von allem, und die Erde ruhe auf dem Wasser. Er suchte die Erklärung in der Natur selbst und nicht in einer Göttergeschichte. Was genau er gesagt hat, wissen wir nur aus späteren Berichten.

Bekannt für

Man kennt Thales als den ersten Philosophen und als einen der Sieben Weisen Griechenlands. Berühmt ist die Überlieferung, er habe eine Sonnenfinsternis vorhergesagt; Herodot setzt sie in die Zeit des Krieges zwischen Lydern und Medern, und meist wird sie mit dem 28. Mai 585 v. Chr. gleichgesetzt.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Wasser als Arché

Arché heißt Anfang und zugleich Grundprinzip: das, woraus alles wird und was in allem bleibt. Nach Aristoteles (Metaphysik 983b) hielt Thales das Wasser dafür, vielleicht weil Nahrung, Wachstum und Entstehen feucht sind. Im Alltag der Führung ist das die Frage: Was ist die eine Grundlage, aus der in deinem Team alles andere entsteht, etwa Vertrauen?

Die Erde ruht auf dem Wasser

Aristoteles berichtet, Thales habe gesagt, die Erde schwimme auf dem Wasser. Das ist ein Bild aus der Natur, kein Mythos von einem Gott, der sie trägt. Wer ein Problem im Betrieb erklärt, ohne auf Schuldige oder Schicksal zu zeigen, sondern auf eine nachprüfbare Ursache, denkt in derselben Richtung.

Alles ist voll von Göttern, der Magnet hat eine Seele

Aristoteles (De anima 405a, 411a) berichtet, Thales habe dem Magnetstein eine Seele zugeschrieben, weil er Eisen bewegt, und gesagt, alles sei voll von Göttern. Gemeint ist wohl, dass Bewegung und Leben in der Natur selbst stecken. Du erkennst das daran, dass ein gutes Team sich von innen bewegt, ohne dass du jeden Schritt anschieben musst.

Begriffe

Arché (Anfang und Grundprinzip)
Wasser
Seele als Bewegungsursache
Sieben Weise
Arche
: das griechische Wort für den Urgrund, aus dem alles entsteht
Milesische Schule
: die Gruppe um Thales, Anaximander und Anaximenes, die die Welt natürlich erklären wollte
Arché
: der Urstoff oder das Ursprungsprinzip, aus dem alles entsteht

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Schüler

  • Anaximandros: nach der Suda war Thales sein Lehrer und Verwandter (en.wikipedia), Britannica nennt ihn Schüler oder Weggefährten; die Reihe Thales, Anaximandros, Anaximenes ist eine antike Nachfolge-Konstruktion, die nach der SEP nicht stimmen muss

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Anaximandros von MiletDeutung

    Nach de.wikipedia und Britannica gilt Anaximandros als Schüler und Nachfolger des Thales; nach en.wikipedia ist das Lehrverhältnis umstritten, sicher ist nur der Einfluss der Wasser-Lehre.

  • Grundlage für AristotelesDeutung

    Aristoteles berichtet Thales als ersten, der nach dem Urgrund fragte

  • Grundlage für Heraklit von Ephesosungeprüft

    Ionische Suche nach einem Grundstoff, hier das Feuer

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Parmenides von Eleaungeprüft

    Stellt naive Kosmologien der Vorgänger infrage (SEP), die ionischen Urstofflehren sind darin mitgemeint

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Heraklit von Ephesosungeprüft

    Beide gehören zur ionischen Naturphilosophie in Kleinasien, Heraklit setzt statt Wasser das Feuer

  • im Vergleich mit Sokratesungeprüft

    Interessierte sich anfangs für Naturforschung (über Anaxagoras) und wandte sich dann den Fragen des Lebens zu

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie Deutung

    Thales soll Reisen nach Ägypten gemacht und von dort die Geometrie mitgebracht haben. Das wäre eine Prägung durch fremdes Wissen, die sich aber nur auf späte Berichte stützt.[4]

  • Geld Deutung

    Aristoteles erzählt, Thales habe mit einer Spekulation auf Ölpressen Geld verdient, um Spott über seine Armut zu widerlegen. Wenn das stimmt, zeigt es ein praktisches Interesse an Vorhersage, kann aber auch eine Wandergeschichte über Philosophen sein.[1]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Milet war eine reiche Handelsstadt im Kontakt mit Lydern, Ägyptern und Babyloniern. Dass sein astronomisches Wissen aus dem Vorderen Orient stammt, ist verbreitete Annahme, nicht belegt.[1]

Kritik

Die moderne Forschung zweifelt an der Sonnenfinsternis: Mit dem damaligen Wissen ließen sich Ort und Art einer Finsternis nicht berechnen (Britannica), und die SEP hält die Vorhersage für fast sicher nicht historisch. Aristoteles liest in Thales eigene Begriffe wie Arché hinein; die SEP nennt das anachronistisch, und ob Thales so abstrakt dachte, ist umstritten.

Wirkung heute

Tragend ist der Gedanke, die Welt aus natürlichen Ursachen zu erklären und diese Erklärung zu prüfen. Das Wasser als Urstoff gilt nicht mehr, die Frage nach dem einen Grundprinzip bleibt in Physik und Systemdenken lebendig.

Brücke zu Führung und Coaching

Thales fragt nach dem Grund, auf dem alles ruht. Du kannst in einem Teamworkshop fragen: Was ist bei uns das Wasser, also die eine Grundlage, ohne die nichts wächst? Und er erinnert dich an die Ölpressen-Geschichte: Wer Muster beobachtet, kann Entscheidungen vorbereiten, ohne eine Glaskugel zu brauchen.

Lebensstationen

  1. 625 v. Chr.Geburt in Milet (ungefähr; Apollodor nennt 640/39 v. Chr., Diels korrigierte auf 624/23, en.wikipedia 626/623, Britannica 624 bis 620)
  2. 585 v. Chr.Überlieferte Vorhersage einer Sonnenfinsternis (Herodot I.74)
  3. 547 v. Chr.Tod, nach Apollodor in der 58. Olympiade (548 bis 545 v. Chr.)

Werke

Keine Schrift erhalten. Wissen aus Herodot (I.74)

Aristoteles (Metaphysik, De anima, Politik)

Platon (Theaitetos) und Diogenes Laertios.

Anekdote überliefert

Plato erzählt im Theaitetos, Thales sei beim Sterneschauen in einen Brunnen gefallen, und eine thrakische Magd habe ihn verspottet, er wolle den Himmel kennen und sehe nicht, was vor seinen Füßen liegt. Die Szene ist literarisch gedacht, nicht als Zeugenbericht.[3]

Lesetipps

Einstieg
Wilhelm Capelle (Hg.), Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte, Kröner, 9. Auflage 2008: deutsche Sammlung der Berichte zu Thales im Kapitel Milesier.
Vertiefung
Christof Rapp, Vorsokratiker, C.H. Beck (1997, 2. Auflage 2007): kompakte Einführung in alle frühen Denker.

Noch nicht sicher belegt

  • SEP hat keinen Thales-Artikel (404). Lebensdaten schwanken (Britannica 624, 620 bis 548, 545), Wert gerundet. Verbindungen zu heraklit und aristoteles sind Fachliteratur-Üblichkeit, nicht einzeln belegt.
  • Lebensdaten nur ungefähr: Apollodor (nach de.wikipedia) setzt die Geburt 640/39 v. Chr. und ein Alter von 78 Jahren, Diels korrigierte die Geburt auf 624/23 und den Tod auf 546/45, weil er die Blüte mit der Finsternis 585 gleichsetzte; en.wikipedia nennt 626/623 bis 548/545, Britannica 624 bis 620 und 548 bis 545, de.wikipedia 624/23 bis zwischen 548 und 544. geb -624 und tod -547 sind Näherungen in dieser Spanne. Die Vorhersage der Finsternis ist laut SEP fast sicher nicht historisch; Herodot (I 74) nennt nur das Jahr. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis zu Anaximandros ist antike Überlieferung (Suda, Diogenes Laertios), kein zeitgenössisches Zeugnis. Die Brunnen-Anekdote (Platon, Theaitetos 174a) ist nach de.wikipedia und en.wikipedia zitiert, der Platon-Text selbst wurde nicht abgerufen. Dass Thales keine Schrift verfasste, sagen die Doxographen (SEP) und hält de.wikipedia für wahrscheinlich; die IEP hält Schriften für möglich. Ägyptenreise und Geometrie beruhen auf späten Berichten (SEP DK 11 A 11, IEP). Keine Fragmente mit DK-Nummer als Zitat verwendet, daher zitat null. Nur drei Lebensstationen, weil mehr nicht datierbar ist. Lesetipps bestätigt: Capelle, Kröner, 9. Auflage 2008 (dokumen.pub); Rapp, Vorsokratiker, C.H. Beck 1997, 2. überarbeitete Auflage 2007 (Publikationsliste LMU, Google Books).

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Thales

  1. [1]IEP Thales · Internet Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Britannica: Thales of Miletus · Britannica
  3. [3]Platon, Theaitetos 174a, zitiert nach de.wikipedia Thales · Wikipedia
  4. [4]SEP Presocratic Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]Wikipedia (en): Thales of Miletus · Wikipedia
  6. [6]dokumen.pub/die-vorsokratiker-fragmente-und-quellenberichte-3520119099-9783520119094-9783520119919.html · Webseite

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