Tosaka Jun
Philosoph und Gesellschaftskritiker · 1900–1945 · Tokio, Kyoto, Nagano
Kernidee in Kürze
Tosaka war Student Nishida Kitarōs und Tanabe Hajimes und wendet sich gegen sie. Er wirft ihrer Philosophie vor, ein bürgerlicher Idealismus zu sein, der materielle geschichtliche Bedingungen und gesellschaftliches Handeln übersieht.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Welche materiellen und gesellschaftlichen Bedingungen blendet Philosophie aus, wenn sie nur von Geist und Kultur spricht?
- Position
- Tosaka sagt, dass idealistische Philosophie und der Japanismus des Staates die Wirklichkeit von Klasse, Wirtschaft und Alltag verdecken und so dem Faschismus den Weg bereiten.
- Einwand
- Tanabe hielt Tosaka für einen bloßen Wissenschaftstheoretiker. Neuere Forschung hält diese Sicht für zu kurz und sieht in ihm einen umfassenden Kritiker.
- Verbindung
- Tosaka kommt aus der Schule von Nishida und Tanabe und kritisiert sie scharf. Er war von Miki Kiyoshi beeinflusst und knüpft an Marx an.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Tosaka war
Japanischer Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und Gesellschaftskritiker, der von einem materialistischen und marxistischen Standpunkt aus die Philosophie der Kyoto-Schule und den japanischen Faschismus kritisierte.
Tosaka war Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und Journalist. Er studierte in Kyoto, lehrte dann in Tokio und schrieb für ein breites Publikum. In den 1930er Jahren, als Japan sich Nationalismus und Krieg zuwandte, kritisierte er das öffentlich. Ab 1938 war er immer wieder in Haft und starb 1945 im Gefängnis.
Kernidee genauer
In seinem Buch Nihon ideorogīron (Die japanische Ideologie, 1935) zeigt er, welche Rolle philosophischer Idealismus dabei spielte, die Bevölkerung auf den Faschismus und den Krieg vorzubereiten.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Tosaka begann mit Arbeiten zur Theorie des Raums und wurde, beeinflusst von Miki Kiyoshi, Marxist und Materialist; 1936 nannte er sich selbst den vermutlich Ersten, der unter Mikis Einfluss nach links gerückt sei. 1932 gründete er mit anderen die Gesellschaft zur Erforschung des Materialismus.[3][12]
Bekannt für
Man kennt Tosaka für Die japanische Ideologie und dafür, dass er der Kyoto-Schule 1932 ihren heutigen Namen gab. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du eine schöne Unternehmenskultur lobst und Dich fragst, wer sie bezahlt und wer sie nicht sieht, fragst Du in Tosakas Richtung.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Kritik an der Kyoto-Schule
1932 schrieb Tosaka einen Aufsatz über die Philosophie der Kyoto-Schule und gebrauchte dafür den Ausdruck, der bis heute üblich ist. Er rechnete Nishida, Tanabe und Miki dazu und nannte die Schule den Höhepunkt der bürgerlichen Philosophie in Japan.
Die japanische Ideologie
1935 erschien Nihon ideorogīron. Der Titel erinnert bewusst an Die deutsche Ideologie von Marx und Engels. Das Buch ist eine marxistische Kritik an Liberalismus und Faschismus.
Materialismus und Alltäglichkeit
Nach einer Deutung gründet Tosaka seinen Materialismus auf eine Theorie von Raum und Zeit, in deren Mittelpunkt der Alltag steht. Er dehnt die marxistische Kritik auf Wissenschaft, Journalismus, Film und Technik aus und kritisiert eine mechanistische Sicht der Technik im Marxismus. Die Sitten eines Volkes sind für ihn keine natürliche Grundlage einer nationalen Gemeinschaft, sondern ein Erzeugnis der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Wissenschaftstheorie
Schon in seinem ersten Buch Kagaku hōhōron (1928) beschäftigte sich Tosaka mit der Wissenschaftstheorie, zum Teil als Antwort auf Heideggers Sein und Zeit. 1931 schrieb er über den Raum und verfolgte damit seine früheren Studien zur Geschichte und Philosophie der Wissenschaft weiter.
Begriffe
- Materialismus (die Wirklichkeit bestimmt das Denken)
- Ideologiekritik
- Alltäglichkeit (nichijōsei)
- Japanismus (nationalistische Betonung des Japanischen)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Tosaka kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Miki KiyoshiPrüfstand: belegt
Tosaka zählte 1932 in seinem Aufsatz über die Philosophie der Kyoto-Schule neben Nishida und Tanabe auch Miki zu dieser Schule und warf ihr vor, bürgerliche Philosophie zu sein: ein bürgerlicher Idealismus, der die materiellen geschichtlichen Bedingungen und die gesellschaftliche Praxis übersehe. Außerdem kritisierte Tosaka Mikis Liberalismus.
Nishida KitarōPrüfstand: belegt
Tosaka wirft Nishida und der von ihm geprägten Schule einen bürgerlichen Idealismus vor, der materielle geschichtliche Bedingungen und gesellschaftliches Handeln übersieht.
Tanabe HajimePrüfstand: belegt
Tosaka hält Tanabe als Philosophen für formalistisch, hermeneutisch und idealistisch, sieht in ihm als Aufklärer aber einen Freund des Materialismus; Tanabe sagte nach Tosakas Tod, dieser habe ihn oft scharf kritisiert.
Watsuji TetsurōPrüfstand: belegt
Tosakas Ideologiekritik richtet sich auch gegen die hermeneutischen und metaphysischen Philosophien von Tanabe, Miki, Watsuji und besonders Nishida. Von Watsujis Lehre vom Klima deutete er an, sie solle als Theorie der Kulturgeschichte gegen den historischen Materialismus reaktionärer Gesellschaftspolitik dienen.
Übernimmt Gedanken von
Tosaka übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Karl MarxPrüfstand: belegt
Tosakas Denken hat eine ausdrücklich materialistische und marxistische Ausrichtung; sein Buch Die japanische Ideologie erinnert bewusst an Die deutsche Ideologie von Marx und Engels.
Miki KiyoshiPrüfstand: belegt
Tosaka kam von der Raumtheorie her, beeinflusst von Miki, zum Marxismus und Materialismus. In einem Aufsatz von 1936 nannte er sich selbst den vermutlich Ersten, der unter Mikis Einfluss nach links gerückt sei.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Tosaka wurde am 27. September 1900 in Tokio geboren. Er schloss 1924 das Studium der Philosophie an der Kaiserlichen Universität Kyoto ab. Ausgehend von einer Theorie des Raums und von Miki Kiyoshi beeinflusst wurde er Marxist und Materialist.[4]
Einordnung belegt
Tosaka war Student von Nishida und Tanabe und prägte den Namen Kyōto-gakuha für ihre Schule. Er zählte Nishida, Tanabe und Miki dazu. Heute rechnen manche ihn und Miki selbst zum linken Flügel der Schule. Seine Kritik beeinflusste die weitere Entwicklung der Kyoto-Schule erheblich.[1]
Zeitgeschehen belegt
1932 gründete Tosaka mit anderen die Gesellschaft zur Erforschung des Materialismus und gab die Zeitschrift Yuibutsuron kenkyū heraus. Die Gruppe kritisierte den Faschismus. 1937 wurde sie zum Schweigen gebracht, ein Jahr später aufgelöst, und Tosaka wurde nach dem Gesetz zur Wahrung des Friedens verhaftet. Zwischen 1938 und 1944 war er immer wieder im Gefängnis.[5]
Einordnung belegt
Tanabe Hajime tat Tosaka nach einer Darstellung als bloßen Theoretiker der Wissenschaft ab. Nach Tosakas Tod sagte Tanabe, sie hätten sich geistig gegenüber gestanden, und er achtete Tosakas Offenheit. Beide verband eine Streitfreundschaft.[8]
Zeitgeschehen belegt
Tosaka starb am 9. August 1945 im Gefängnis von Nagano, an dem Tag, an dem die japanische Führung über die Kapitulation beriet. Miki Kiyoshi starb am 26. September 1945 in Haft. Nach Kriegsende wurden beide unterschiedlich erinnert: Miki erhielt sofort einen Ehrenplatz im öffentlichen Gedächtnis, Tosaka geriet rasch in Vergessenheit.[1]
Kritik
Nach Tosakas Tod sagte Tanabe allerdings, dessen Angriffe seien trotz aller Schärfe offener und gerader gewesen als alle anderen.
Wirkung heute
2013 erschien Tosaka Jun: A Critical Reader (Cornell East Asia Program) und 2024 eine englische Übersetzung von Die japanische Ideologie (Columbia University Press). Tosaka gilt heute als einer der eigenständigsten und wichtigsten Kritiker von Kapitalismus, Kaisersystem, Imperialismus und Alltag im Japan der Kriegszeit.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn in einer Organisation viel von Werten und Kultur die Rede ist, kannst Du mit Tosaka fragen, welche materiellen Bedingungen dahinterstehen, zum Beispiel wer die Arbeit macht und wer sie bezahlt. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Tosaka über Führung.
Lebensstationen
- 1900Geburt in Tokio (27. September)
- 1924Abschluss des Philosophiestudiums an der Kaiserlichen Universität Kyoto
- 1928Erstes Buch Kagaku hōhōron (Methodologie der Wissenschaft)
- 1931Dozent an der Hōsei-Universität; Aufsatz über den Raum
- 1932Gründung der Gesellschaft zur Erforschung des Materialismus; Aufsatz über die Philosophie der Kyoto-Schule
- 1935Nihon ideorogīron (Die japanische Ideologie)
- 1938Verhaftung nach dem Gesetz zur Wahrung des Friedens; Ende 1940 gegen Kaution frei, ab 1944 erneut in Haft
- 1945Tod im Gefängnis von Nagano (9. August)
Werke
Kagaku hōhōron (Methodologie der Wissenschaft, 1928); Kūkanron (Über den Raum, 1931); Nihon ideorogīron (Die japanische Ideologie, 1935); Aufsatz zur Philosophie der Kyoto-Schule (1932)
Lesetipps
- Einstieg
- Tosaka Jun, The Japanese Ideology: A Marxist Critique of Liberalism and Fascism, übersetzt von Robert Stolz (Columbia University Press, 2024)
- Vertiefung
- Ken C. Kawashima, Fabian Schäfer und Robert Stolz (Herausgeber), Tosaka Jun: A Critical Reader (Cornell East Asia Program, 2013)
Noch nicht sicher belegt
- Ob Tosaka selbst zur Kyoto-Schule gehört, ist umstritten: Er prägte den Namen und kritisierte die Schule, wird aber heute von manchen zu ihrem linken Flügel gezählt. Über seinen Tod im Gefängnis von Nagano am 9. August 1945 berichten die Quellen knapp; eine Darstellung nennt eine akute Nierenentzündung, die er sich nach Mangelernährung und Krätze in der Haft zuzog.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 6: Japan, Kyoto-Schule. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Tosaka
- [1]The Kyoto School, Abschnitt 2.3 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
- [2]rep.routledge.com/articles/thematic/the-kyoto-school/v-1/sections/critical-and-creative-inheritors-tanabe-miki-tosaka-hisamatsu-and-abe · Webseite
- [3]Nationale Parlamentsbibliothek Japans, Porträt Tosaka Jun · Webseite
- [4]Nationale Parlamentsbibliothek Japans, Porträt Tosaka Jun; Wikipedia englisch, Jun Tosaka
- [5]Nationale Parlamentsbibliothek Japans, Porträt Tosaka Jun; Tosaka Jun: A Critical Reader (Cornell East Asia Program), Vorwort · Webseite
- [6]cornellpress.cornell.edu/book/9781933947686/tosaka-jun · Webseite
- [7]philpapers.org/rec/TOSTJI · Aufsatz
- [8]Tosaka Jun: A Critical Reader (Cornell East Asia Program), Vorwort; Brill-Band zu Tanabe Hajime · Webseite
- [9]eas.utoronto.ca/research-publications/faculty-publications/tosaka-jun-critical-reader · Webseite
- [10]eprints.whiterose.ac.uk/id/eprint/138455/1/Tosaka Jun book review final.pdf · Webseite
- [11]bun.kyoto-u.ac.jp/japanese-philosophy/guidance-tosaka · Webseite
- [12]Gotō, Tosaka Jun no jōshiki gainen to Miki Kiyoshi (2007) · Webseite