Landkarte der Philosophie · Wozu brauchen wir andere Menschen?
Zwei Blickrichtungen auf deine ersten Monate in der neuen Stadt
Der gemeinsame Fall
Einige Monate nach dem Umzug isst du mittags mit Kolleginnen, tauschst mit der Nachbarin Gefallen und hast einen Freund, für den du in den Zug steigst. Trotzdem fragst du dich, ob dir eher jemand fehlt, dem du wirklich begegnest, oder ob es gar nicht nur darum geht, was andere dir geben.
Zwei Fragen, eine neue Stadt: Buber fragt, wem du als ganzem Menschen begegnest und nicht nur als jemandem, der dir nützt. Levinas fragt, wer dich anspricht und was du ihm schuldest, bevor du überlegst. Keine der beiden ersetzt die Fragen der ersten Stationen, ob das Leben mit anderen zur Natur des Menschen gehört und was dir das Zusammenleben bringt. Oft führen beide zur selben Handlung, nämlich auf andere zuzugehen. Auseinander gehen sie bei der Gegenseitigkeit. Die Gegenüberstellung für deine Lage ist redaktionell, und keine der beiden Positionen ist die richtige Antwort auf deine Einsamkeit.
Redaktionelle Kreuzung: keine historische Abstammungslinie. Keine Richtung ist ein Ausgang, auf den du dich festlegst.
Welcher Einwand trifft dich am ehesten?
Wähle eine Frage. Du siehst darunter eine kurze Antwort, und die dazu passenden Richtungen stehen zuerst offen. Alle anderen bleiben erreichbar, und alle Wege führen zum selben Punkt am Ende.
- Mir fehlt einfach jemand, der mich versteht.
- Es geht nicht nur darum, was ich von anderen bekomme.
- Eine Beziehung muss doch auf Gegenseitigkeit beruhen.
- Ich will wissen, was ich am Wochenende anders mache.
Auswahl aufheben und alle Richtungen offen lassen
Mir fehlt einfach jemand, der mich versteht.
Mit Buber lässt sich das genauer fassen: Vielleicht fehlt dir nicht Gesellschaft, sondern jemand, dem du als ganzer Mensch begegnest. Im Ich-Du begegnest du dem anderen als ganzem, einzigartigem Gegenüber, und zu einer ganzen Person wirst du nach ihm nur dort. Herstellen lässt sich eine solche Begegnung aber nicht, du kannst dich nur für sie offenhalten. Levinas bleibt eine weitere Blickrichtung: Mit ihm fragst du nicht nur, wer dich versteht, sondern auch, wem du antwortest.
Was diese Antwort kostet
Wenn es dir um Begegnung geht: Was machst du mit den vielen Kontakten, in denen sie nicht gelingt, und zählen die Menschen darin dann weniger?
Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.
Dazu passen diese Richtungen: Martin Buber.
Zugeklappt, aber erreichbar: Emmanuel Levinas. Diese Blickrichtung beantwortet deine Frage nicht direkt; du kannst sie trotzdem aufklappen.
Mehr dazu: Station 4, Werde ich erst in der Begegnung mit einem anderen Menschen ganz ich selbst?
Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen
Es geht nicht nur darum, was ich von anderen bekomme.
Das ist der Ausgangspunkt von Levinas. Für ihn beginnt Ethik damit, dass dich ein anderer Mensch anspricht, noch bevor du überlegst, ob du helfen willst. Das Verhältnis ist ungleich: Du schuldest dem anderen alles, und er dir nichts. Gegenseitigkeit ist also nicht der Grund deiner Verantwortung. Was du im einzelnen Fall tun musst, sagt er allerdings nicht. Buber bleibt eine weitere Blickrichtung: Bei ihm hat weder das Ich noch das Du von vornherein Vorrang.
Was diese Antwort kostet
Wenn du anderen etwas schuldest, ohne etwas zurückzuerwarten: Wo ziehst du die Grenze, damit für dich und für andere, die dich auch brauchen, noch etwas bleibt?
Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.
Dazu passen diese Richtungen: Emmanuel Levinas.
Zugeklappt, aber erreichbar: Martin Buber. Diese Blickrichtung beantwortet deine Frage nicht direkt; du kannst sie trotzdem aufklappen.
Mehr dazu: Station 5, Wofür bin ich anderen verantwortlich?
Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen
Eine Beziehung muss doch auf Gegenseitigkeit beruhen.
Hier gehen die beiden Richtungen auseinander. Für Buber hat in der Begegnung weder das Ich noch das Du von vornherein Vorrang, auch wenn er ungleiche Beziehungen wie beim Erziehen oder Heilen kennt. Levinas wendet sich gerade gegen ein Verhältnis auf gleicher Ebene, denn die Pflicht liegt nach ihm ganz bei dir. Buber hielt ihm vor, ihn missverstanden zu haben: Ein Anderer, der unendlich über dem Ich steht, werfe das Ich in die Einsamkeit zurück. Was eine Freundschaft ausmacht, fragt die Station davor mit Epikur, Montaigne und Aristoteles.
Was diese Antwort kostet
Wenn Gegenseitigkeit für dich Bedingung ist: Was schuldest du dann jemandem, der dir nichts zurückgeben kann?
Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.
Dazu passen diese Richtungen: Martin Buber, Emmanuel Levinas.
Mehr dazu: Station 4, Werde ich erst in der Begegnung mit einem anderen Menschen ganz ich selbst?
Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen
Ich will wissen, was ich am Wochenende anders mache.
Keine der beiden Blickrichtungen schreibt dir einen Plan vor. Sie liefern Fragen: Wem begegnest du als ganzem Menschen, und wer spricht dich an, dem du antworten könntest? Buber erinnert daran, dass sich Begegnung nicht herstellen lässt, und Levinas sagt nicht, was du im einzelnen Fall tun musst. Aus den ersten Stationen kommt die Frage dazu, was dir das Zusammenleben bringt und was dir darüber hinaus fehlt. Ein möglicher Satz für das Gespräch steht im Abschluss des Weges.
Was diese Antwort kostet
Würdest du dir vornehmen, jede Woche einer Bitte nachzukommen, auch wenn sie dir ungelegen kommt? Und wer entscheidet, welche Bitte Vorrang hat?
Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.
Dazu passen diese Richtungen: Martin Buber, Emmanuel Levinas.
Zum möglichen Satz für das Gespräch im Abschluss
Mehr dazu: Station 5, Wofür bin ich anderen verantwortlich?
Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen
Richtung 1 von 2Wem begegnest du als ganzem Menschen und nicht nur als jemandem, der dir nützt?
Du gewinnst eine Unterscheidung zwischen Kontakt und Begegnung, mit der du verstehst, warum man unter vielen Menschen einsam sein kann.
Redaktionell: WiderspruchLevinas, für den Buber ein wichtiger Einfluss war, wendet sich gegen ein Verhältnis von Ich und Du auf gleicher Ebene, und in einem Austausch der beiden hielt Buber ihm vor, ihn missverstanden zu haben.
Das Kernargument
Für Buber kommt das Ich nie für sich allein vor. Im Ich-Es ordnest und benutzt du den anderen als etwas, im Ich-Du begegnest du ihm als ganzem, einzigartigem Gegenüber, und zu einer ganzen, in sich gesammelten Person wirst du nach ihm nur im Ich-Du. Das Ich-Es will er nicht abschaffen, denn alles Planen und alle Wissenschaft beruhen darauf. Eine Begegnung lässt sich nach ihm nicht herstellen, du kannst dich nur für sie offenhalten.
Am Fall
Buber nennt selbst andere Beispiele, etwa einen Baum oder eine Katze, die neue Stadt ist eine Übertragung. Auf sie bezogen könnte es heißen, dass dir nicht Gesellschaft fehlt, sondern jemand, dem du als ganzer Mensch begegnest. Mehr Verabredungen helfen dann nur, wenn du in ihnen offen für eine solche Begegnung bleibst.
Ein ernsthafter Einwand
Levinas hält Bubers Begegnung für zu ästhetisch, also eher für ein Erlebnis als für eine ethische Forderung: Nach ihm trifft dich der andere zuerst als Anspruch, und die Pflicht liegt ganz bei dir. Walter Kaufmann hielt das Buch Ich und Du für schwärmerisch, und andere Kritiker fragen, welchen Status das Ich-Du überhaupt hat, wenn es sich weder messen noch sachlich beschreiben lässt.
Quellen dieser Richtung
- Martin Buber (Stanford Encyclopedia of Philosophy), 3. Philosophy of Dialogue: I and Thou; 8. Criticism (Levinas) ( Nachschlagewerk)
- Martin Buber (Internet Encyclopedia of Philosophy), 2. Philosophical Anthropology, b. “I-Thou” and “I-It” (Kritikpunkte, Antwort Bubers); d. Confirmation and Inclusion; f. Hindrances to Dialogue ( Nachschlagewerk)
- Martin Buber (Wikipedia, englisch), Ich-Du (Offenheit statt Streben); Ich-Es ( Nachschlagewerk)
- Emmanuel Levinas, Wikipedia (de), Erste Philosophie ( Nachschlagewerk)
- Martin Buber (Internet Encyclopedia of Philosophy), 2. Philosophical Anthropology, f. Hindrances to Dialogue (Austausch mit Levinas, Bubers Antwort) ( Nachschlagewerk)
Vertiefen in Station 4: Werde ich erst in der Begegnung mit einem anderen Menschen ganz ich selbst?
Richtung 2 von 2Wer spricht dich an, und was schuldest du ihm, bevor du überlegst?
Du verstehst, warum dich eine Bitte treffen kann, obwohl du nichts versprochen hast.
Redaktionell: WiderspruchLevinas setzt gegen Buber, dass der andere dich zuerst in die Pflicht nimmt und das Verhältnis ungleich ist, und Buber hat darauf geantwortet. Die Zuspitzung auf die neue Stadt ist redaktionell.
Das Kernargument
Für Levinas beginnt Ethik damit, dass dich ein anderer Mensch anspricht, und erst danach mit Regeln oder Nutzenrechnungen. Sein Ausdruck, in dem sich auch seine Verletzlichkeit zeigt, stellt einen Anspruch an dich, noch bevor du überlegst, ob du helfen willst. Das Verhältnis ist ungleich verteilt: Du schuldest dem anderen alles, und er schuldet dir nichts. Was du im einzelnen Fall tun musst, sagt er nicht, und sobald weitere Menschen dazukommen, fragt er nach Gerechtigkeit, die der Verantwortung für den einen Grenzen setzt.
Am Fall
Levinas sieht den Anspruch auch in ganz alltäglichen Begegnungen und spricht nicht von Einsamkeit nach einem Umzug, die Übertragung ist redaktionell. Mit ihm verschiebt sich die Frage: Es geht dann nicht nur darum, was dir in der neuen Stadt fehlt, sondern auch darum, wer dort etwas von dir braucht, etwa die Nachbarin, die du bisher nur grüßt.
Ein ernsthafter Einwand
Michel Haar fragte, ob sich eine Ethik entfalten kann, die keinen festen Ort in der Welt hat, auf positive Gegenseitigkeit verzichtet und den anderen nie als etwas Bestimmtes erfasst. Man kann außerdem einwenden, dass bei Levinas weitgehend formal, also nur in groben Umrissen bestimmt, bleibt, wie aus der Verantwortung für den einen etwas wird, das für alle gilt. Buber hielt ihm vor, ein Anderer, der unendlich über dem Ich steht, werfe das Ich in die Einsamkeit zurück.
Quellen dieser Richtung
- Emmanuel Levinas (Stanford Encyclopedia of Philosophy), 2.3 The “Treatise on Hospitality”: Totality and Infinity (1961) or Responsibility, Transcendence, and Justice; 2.3.2 Time, Transcendence, and Sociality; 2.4.4 Hermeneutics and Jewish Philosophy (Haar; „remains largely formal“); 2.4.5 The Third Party, Illeity, and Politics ( Nachschlagewerk)
- Martin Buber (Stanford Encyclopedia of Philosophy), 8. Criticism (Levinas) ( Nachschlagewerk)
- Emmanuel Levinas, Wikipedia (de), Erste Philosophie ( Nachschlagewerk)
- Martin Buber (Internet Encyclopedia of Philosophy), 2. Philosophical Anthropology, f. Hindrances to Dialogue (Austausch mit Levinas, Bubers Antwort) ( Nachschlagewerk)
- Emmanuel Levinas, Wikipedia (en), Philosophy ( Nachschlagewerk)
Vertiefen in Station 5: Wofür bin ich anderen verantwortlich?
Hier kommen die Positionen zusammen
Auf andere zugehen, aber aus welchem Grund?
In der neuen Stadt können beide Richtungen zur selben Handlung führen: Du gehst auf andere zu, statt zu warten, bis jemand anruft. Mit Buber tust du das, weil du offen für Begegnungen bleiben willst, in denen du nicht nur Kontakte sammelst. Mit Levinas tust du es, weil dich andere schon ansprechen und du ihnen antworten sollst, ganz gleich, was du davon hast. Auseinander gehen die Richtungen bei der Gegenseitigkeit: Für Buber begegnen sich Ich und Du, für Levinas liegt die Pflicht ganz bei dir, und Buber hielt das für einen Rückfall in die Einsamkeit, die er überwinden wollte.
Selbst weiterdenken
Was verändert das an deiner ersten Einschätzung?
Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.
Weiter auf dem Weg: Werde ich erst in der Begegnung mit einem anderen Menschen ganz ich selbst?