Landkarte der Philosophie · Wozu brauchen wir andere Menschen?
Station 4 von 5
Werde ich erst durch das Du zum Ich?
Einige Wochen nach der Zugfahrt sitzt du mit einer Kollegin im Café, die du inzwischen gut kennst. Eine Weile hörst du ihr zu und wartest vor allem darauf, was du als Nächstes sagen kannst. Dann erzählt sie etwas, womit du nicht gerechnet hast, du siehst sie an und bist auf einmal ganz bei ihr. In diesem Moment fühlt sich der Abend anders an, und du dir selbst auch.
Selbst nachdenken
Kennst du solche Augenblicke? Was ist dann anders: die andere Person, du selbst oder etwas zwischen euch?
Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.
Am Ende der vorigen Station stand die Vermutung, dass ein Ich nicht schon fertig ist, bevor es einem anderen begegnet. Martin Buber geht diesem Gedanken nach: Nach ihm kommt das Ich nie für sich allein vor, und ob du ein zerstreutes oder ein ganzes Selbst wirst, hängt davon ab, wie du anderen begegnest. Schwierig ist das, weil du dich in jedem Gespräch schon als jemand erlebst, der vorher da war, und weil sich eine Begegnung kaum beschreiben lässt, ohne sie wieder zu etwas zu machen, das man betrachtet und einordnet.
Wer an dieser Station antwortet und wie die Antworten zusammenhängen. Hervorgehoben sind die Personen dieser Station.
Als Text
- Station 4 von 5: Werde ich erst durch das Du zum Ich?
- Personen an dieser Station: Martin Buber, Emmanuel Levinas und George Herbert Mead.
- Emmanuel Levinas kritisiert Martin Buber. Warum diese Verbindung?
- Martin Buber wird verglichen mit George Herbert Mead. Warum diese Verbindung?
Eine Antwort von Martin Buber · Historische Information
Das Ich wird in der Begegnung mit einem Du ganz
Einfach gesagt
Martin Buber meint, dass das Ich nie für sich allein vorkommt. Wenn du dich der Welt zuwendest, nimmst du nach ihm eine von zwei Haltungen ein: das Ich-Du, in dem du einem anderen als ganzem, einzigartigem Gegenüber begegnest, oder das Ich-Es, in dem du ihn als etwas einordnest, das du benutzt oder betrachtest. Zu einer ganzen, in sich gesammelten Person wirst du nach Buber nur im Ich-Du.[1][2][3][8][9]
Wie das begründet wird
Buber geht nicht von einem einzelnen Bewusstsein aus, das danach andere trifft, sondern von der Beziehung. Seine beiden Leitbegriffe, Ich-Du und Ich-Es, sind Wortpaare, und das Ich in ihnen ist jeweils ein anderes. Im Ich-Es erlebst du den anderen als Teil deiner eigenen Erfahrung, eingeordnet und berechenbar, und bleibst bei dir. Als Individuum wirst du zwar geboren, doch ob du ein zerstreutes oder ein ganzes Selbst wirst, hängt nach Buber davon ab, wie du anderen begegnest.[1][2][3]
Ein Beispiel
Übertragen auf das Café: Solange du nur darauf wartest, was du als Nächstes sagen kannst, oder deine Kollegin schon als „die Nette aus der Buchhaltung“ einsortiert hast, behandelst du sie als Es. Erzählt sie etwas, das in keine deiner Schubladen passt, und lasst ihr euch beide darauf ein, könnte das nach Buber der Übergang ins Ich-Du sein, und der Mensch, der ihr dann zuhört, ist ein anderer als der, der vorher wartete.[1]
Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.
Was diese Antwort gut erklärt
Die Position erklärt, warum zwei Menschen lange nebeneinander leben können und sich dennoch fremd bleiben: Es fehlt dann nicht an Kontakt, sondern an Begegnung. Sie erklärt auch, warum sich Beziehungen so verschieden anfühlen, obwohl sie von außen gleich aussehen. Auf deine neue Stadt übertragen könnte sie heißen, dass dir nicht Gesellschaft fehlt, sondern jemand, dem du als ganzer Mensch begegnest.[1][2][3]
Genauer betrachtet: Ich-Du, Ich-Es und das Zwischen
Das Ich-Es ist die Haltung, in der du ordnest, vergleichst und planst. Sie ist nicht schlecht, denn alle Wissenschaft und das ganze Zurechtfinden im Alltag beruhen auf ihr. Im Ich-Du liegt die Mitte dagegen weder in dir noch im anderen, sondern im Zwischen, also in dem, was zwischen euch geschieht. Dieses Du muss kein Mensch sein: Buber nennt auch die Begegnung mit der Natur, etwa mit einem Baum oder einer Katze, und mit dem Geistigen. Jedes Du wird aber irgendwann wieder zum Es, weil du es festhältst und darstellst, sobald du darauf antwortest, und das Leben pendelt nach Buber zwischen beiden Haltungen.[1][2][3][9]
Häufiges Missverständnis
Buber will das Ich-Es nicht abschaffen, denn ohne diese Haltung gäbe es kein Planen und keine Wissenschaft. Begegnung heißt auch nicht, im anderen aufzugehen: Buber spricht von Umfassung, bei der du ein gemeinsames Geschehen von der Seite des anderen her erlebst und trotzdem bei deiner eigenen Sicht bleibst. Das Café-Beispiel kommt an seine Grenze, weil es nach einer Technik klingt, die man anwenden kann, während sich Dialog nach Buber nicht planen lässt und man sich nur dafür offenhalten kann.[1][2][3]
Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt
Einwand von Emmanuel Levinas
Emmanuel Levinas hält Bubers Begegnung für zu ästhetisch und wendet sich gegen ein Verhältnis von Ich und Du, das sich auf gleicher Ebene abspielt. Nach ihm trifft dich der andere zuerst als Anspruch, der dich von oben in die Pflicht nimmt, und diese Pflicht ist ungleich verteilt: Sie liegt ganz bei dir, ohne dass er dir Gleiches schuldet. Ein Du, dem du auf einer Ebene begegnest, verfehlt für ihn diese ethische Seite.[1][2][6][7]
Eine mögliche Antwort darauf: Buber hielt Levinas vor, ihn missverstanden zu haben. Ein Anderer, der unendlich über dem Ich steht und nie ganz erreichbar ist, werfe das Ich in die Einsamkeit zurück, die Buber überwinden wollte. Bei ihm hat weder das Ich noch das Du von vornherein Vorrang, ungleiche Beziehungen wie beim Erziehen oder Heilen kennt er aber durchaus.
Einwand von Franz Rosenzweig
Franz Rosenzweig schrieb Buber nach Erscheinen des Buches, mit dem Ich-Es stelle er dem Ich-Du einen verkümmerten Gegner gegenüber, und die Schöpfung werde bei ihm zu einem Chaos, das gerade noch als Baumaterial für das Neue tauge. Auch spätere Kritiker bemängeln, dass Buber die grundlegenden Beziehungen auf nur zwei Arten verkürze.[2][1]
Eine mögliche Antwort darauf: Nach der Darstellung der Internet Encyclopedia bleibt das Ich-Es für Buber nützlich und für das Leben unverzichtbar. Es gibt Abstufungen, in denen es sich dem Ich-Du annähert, doch auch die höchste Stufe enthält noch etwas Vergegenständlichung.
Einwand von Walter Kaufmann
Walter Kaufmann, der eine zweite englische Übersetzung von Ich und Du angefertigt hat, hielt das Buch für schwärmerisch: Buber habe tiefe Gefühlsregungen mit Offenbarung verwechselt. Dahinter steht eine Schwierigkeit, die auch andere Kritiker sehen: Wenn sich das Ich-Du weder messen noch sachlich beschreiben lässt, bleibt offen, woran du erkennst, ob du jemandem wirklich als Du begegnet bist.[2][1][3]
Eine mögliche Antwort darauf: Buber räumte ein, das Buch in einem Zustand der Eingebung geschrieben zu haben, und die Internet Encyclopedia empfiehlt deshalb, auch seine klarer argumentierenden späteren Aufsätze zu lesen. Auf den Einwand, das Ich-Du entziehe sich jeder sachlichen Kritik, antwortete er, er wolle Widersprüche vermeiden und begrüße Kritik, habe aber kein objektives System aufstellen, sondern eine Erfahrung mitteilen wollen.
In der Forschung umstritten: Umstritten ist, welchen Status das Ich-Du hat: Ob es eine beschreibbare Wirklichkeit trifft oder eher eine dichterische Einladung ist, und ob Buber die Welt der Dinge gerecht behandelt.
Noch nicht sicher belegt
- Der Primärtext Ich und Du wurde nicht gelesen; alle Aussagen stützen sich auf Lexikonartikel.
- Das Café-Beispiel ist eine heutige Übertragung; Buber nennt selbst andere Beispiele (Baum, Katze, zwei Liebende, Lernen und Erziehen).
- Rosenzweigs Brief ist nur über die englische Wiedergabe in der Stanford Encyclopedia bekannt („a cripple for an opponent“); „verkümmerter Gegner“ ist eine sinngemäße Übertragung, der deutsche Wortlaut wurde nicht gelesen.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 2. Philosophical Anthropology, b. “I-Thou” and “I-It” (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Genauer betrachtet, Missverständnis, Stärke)
- SEP, 3. Philosophy of Dialogue: I and Thou (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Genauer betrachtet, Missverständnis, Stärke)
- Wikipedia, Martin Buber, Dialogue and existence; Ich-Du; Ich-Es (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Genauer betrachtet, Stärke)
- Wikipedia, Ich und Du (stützt: Einfach gesagt)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 2. Philosophical Anthropology, d. Confirmation and Inclusion (stützt: Missverständnis)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 5. Philosophy of Education (stützt: Missverständnis)
- SEP, 3. Philosophy of Dialogue: I and Thou (Zitat „I have no doctrine“, Ungegenständlichkeit der Urworte) (stützt: Missverständnis)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 2. Philosophical Anthropology, a. Introduction (stützt: Begründung)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 2. Philosophical Anthropology, c. Distance and Relation (stützt: Beispiel, Genauer betrachtet)
- Wikipedia, I and Thou, Premise (stützt: Einfach gesagt, Genauer betrachtet)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 2. Philosophical Anthropology, f. Hindrances to Dialogue (stützt: Einwand 1)
- SEP, 8. Criticism (stützt: Einwand 1, Einwand 2, Einwand 3)
- Emmanuel Levinas, Wikipedia (de), Erste Philosophie (stützt: Einwand 1)
- Emmanuel Levinas, Wikipedia (en), Philosophy (stützt: Einwand 1)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 2. Philosophical Anthropology, b. “I-Thou” and “I-It” (Kritikpunkte, Antwort Bubers) (stützt: Einwand 2, Einwand 3)
- Wikipedia, Martin Buber, Ich-Du (stützt: Einwand 3)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber, 2. Philosophical Anthropology, d. Confirmation and Inclusion (asymmetrische helfende Beziehungen) (stützt: Einwand 1)
- Wikipedia, Martin Buber, Ich-Es (Oszillation zwischen Ich-Du und Ich-Es) (stützt: Genauer betrachtet)
- Wikipedia, Martin Buber, Ich-Du (Beispiele Beobachter und Katze, Autor und Baum; Offenheit statt Streben) (stützt: Genauer betrachtet, Missverständnis)
Was historisch zusammenhängt
Hier geht es um tatsächliche Bezüge: wer wen gelesen, gekannt oder kritisiert hat.
Der Gedanke, dass es kein Ich ohne Du gibt, stammt nicht erst von Buber. Die Stanford Encyclopedia betont, dass Buber weder der Erste noch der Einzige war, der ihn aussprach. Mit dem Buber-Biografen Gerhard Wehr nennt sie frühere und gleichzeitige Denker des Dialogs wie Ferdinand Ebner, Hermann Cohen und Franz Rosenzweig, außerdem Vorläufer wie Ludwig Feuerbach. Bubers Schriften gehören aber zu den bekanntesten, die den Dialog zum Fundament machen. belegt
Levinas nannte Buber nach der Internet Encyclopedia einen seiner wichtigsten Einflüsse und tauschte sich mit ihm in mehreren Beiträgen aus. Er kritisierte Bubers Begegnung aber als zu ästhetisch und setzte dagegen den Anspruch, mit dem der andere ihn trifft. Buber wiederum hielt Levinas vor, sein Denken missverstanden zu haben. belegt
Verbindungen an dieser Station
Emmanuel Levinas kritisiert Martin Buber. belegt
Warum diese Verbindung?
Levinas stellt Bubers gleichrangiger Begegnung die Asymmetrie gegenüber, dass der andere dich zuerst in Anspruch nimmt. Daraus entsteht die nächste Frage.
Der konkrete Gedanke: Levinas kritisiert Bubers Begegnung von Ich und Du als zu gleichrangig und zu ästhetisch und setzt dagegen, dass der andere das Ich zuerst als ethischer Anspruch trifft. Bei Buber hat weder das Ich noch das Du von vornherein Vorrang, das Zwischen trägt die Beziehung. Bei Levinas geht der andere dem Ich voran, und die Verpflichtung ist ganz ungleich verteilt. Buber hielt Levinas entgegen, ein unendlich übergeordneter Anderer werfe das Ich in die Einsamkeit zurück.
Levinas warf ihm eine ästhetisierende Haltung vor und setzte das Antlitz als stärkeren ethischen Anspruch dagegen.
Art der Verbindung: Kritik. Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
Martin Buber wird verglichen mit George Herbert Mead. Deutung
Warum diese Verbindung?
Beide denken das Selbst aus dem Verhältnis zu anderen, aber Mead über das Übernehmen allgemeiner Haltungen und Buber über die einzelne Begegnung.
Der konkrete Gedanke: Mead: Das Selbst entwickelt sich, indem man die Haltungen anderer übernimmt und sich selbst aus ihrer Sicht sieht. Buber: Ein ganzes Ich entsteht in der Begegnung mit einem einzelnen Du. Bei Mead vermittelt am Ende die verallgemeinerte Haltung einer Gemeinschaft, bei Buber gerade das Gegenüber, das sich keiner allgemeinen Kategorie fügt.
Beide denken das Selbst aus dem Verhältnis zu anderen: Mead über das Übernehmen der Rollen und Haltungen anderer, Buber über die einzelne Begegnung mit einem Du. Die Fachliteratur hat beide verglichen (die Stanford Encyclopedia nennt Pfuetze 1961); ein historischer Einfluss wird nicht behauptet.
Art der Verbindung: Im Vergleich. Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Weiterdenken
Bei Buber hat keiner von beiden Vorrang: Ich und Du begegnen sich im Zwischen. Levinas hält dagegen, dass der andere dich zuerst als Anspruch trifft, der dich in die Pflicht nimmt, bevor du dich dafür entschieden hast. Wenn er recht hat, lautet die Frage weniger, wer du durch den anderen wirst, als was du ihm schuldest.
Nächste Frage: Wofür bin ich anderen verantwortlich?Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere. Prüfstand dieser Station: Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21).
Quellen dieser Station
- [1]Internet Encyclopedia of Philosophy, Martin Buber · Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [2]SEP · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wikipedia, Martin Buber · Wikipedia, abgerufen 2026-10-21
- [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy, George Herbert Mead · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]Wikipedia (en): George Herbert Mead · Wikipedia
- [6]Emmanuel Levinas, Wikipedia (de) · Wikipedia
- [7]Emmanuel Levinas, Wikipedia (en) · Wikipedia
- [8]Wikipedia · Wikipedia
- [9]Wikipedia, I and Thou · Wikipedia, abgerufen 2026-10-21