Landkarte der Philosophie · Wozu brauchen wir andere Menschen?
Zurückblicken: Wozu brauchen wir andere Menschen?
Was du jetzt unterscheiden kannst
- Ob das Leben mit anderen zur Natur des Menschen gehört oder etwas ist, das du im Umgang mit anderen erst lernst. Aristoteles sagt, der Mensch sei von Natur aus ein politisches Lebewesen, also ein Wesen, das für das Leben in der Gemeinschaft angelegt ist, denn nur er kann mit Sprache klären, was gerecht ist. In den Gesprächen des Konfuzius zeigt sich Menschlichkeit im Umgang mit anderen, sie beginnt in der Familie und wird durch Übung erworben. Zur Natur des Menschen sagen die Gespräche kaum etwas, eine Stelle betont nur, dass Menschen von Geburt an einander ähnlich sind und erst durch Gewöhnung verschieden werden.
- Ob du andere brauchst, weil sie zu deinem Menschsein gehören, oder weil dir das Zusammenleben Schutz und Verlässlichkeit bringt. Für Hobbes entsteht geordnetes Zusammenleben nicht von selbst: Ohne eine gemeinsame Macht, die alle in Schach hält, würden Menschen einander fürchten und bekämpfen, und deshalb verpflichten sie sich gegenseitig, einer gemeinsamen Autorität zu gehorchen. Dabei hält er die Menschen nicht durchweg für selbstsüchtig, denn er rechnet auch mit Mitleid, Ehrgefühl und Mut.
- Ob ein Freund vor allem nützt oder um seiner selbst willen zählt. Epikur sieht in Freunden das, was einem ruhigen Leben die meiste Sicherheit gibt, und ein überlieferter Spruch sagt, Freundschaft habe im Nutzen begonnen, sei aber um ihrer selbst willen zu wählen. Montaigne gilt vollkommene Freundschaft nur dort, wo keine Nebenabsicht beigemischt ist, und auf die Frage, warum er seinen Freund liebte, weiß er nur zu antworten: „Weil er es war, weil ich es war.“ Aristoteles nennt drei Gründe, einander zu mögen, nämlich weil der andere nützlich ist, Freude macht oder ein guter Mensch ist, und hält die Freundschaft zwischen zwei guten Menschen für die vollkommene.
- Ob dein Ich schon fertig ist, bevor du einem anderen begegnest, oder erst im Umgang mit ihm Gestalt annimmt. Buber unterscheidet zwei Haltungen: Im Ich-Es ordnest und benutzt du den anderen als etwas, im Ich-Du begegnest du ihm als ganzem, einzigartigem Gegenüber, und zu einer ganzen Person wirst du nach ihm nur im Ich-Du. Mead beschreibt einen verwandten Gedanken auf anderem Weg: Das Selbst entwickelt sich im Umgang mit anderen, indem du ihre Sichtweisen übernimmst und lernst, dich mit ihren Augen zu sehen.
- Ob dich der andere schon in Anspruch nimmt, bevor du dich entscheidest, oder ob sich Verantwortung erst zeigt, wenn du unter anderen handelst und selbst urteilst. Levinas sieht Ethik darin, dass dich ein Mensch anspricht, und dieser Anspruch ist ungleich verteilt: Du schuldest dem anderen alles, und er schuldet dir nichts. Arendt hält Verantwortung für persönlich. Du lebst unter Verschiedenen, deine Taten haben Folgen, die du nicht zurücknehmen kannst, und du sollst selbst urteilen, statt dich von einer Rolle oder der Mehrheit tragen zu lassen. Verzeihen und Versprechen helfen dir dabei, mit diesen Folgen umzugehen.
Was offen bleibt
Offen bleibt, was dir eigentlich fehlt, wenn dir andere fehlen, und woher deine Verantwortung für sie kommt. Aristoteles beruft sich auf einen Plan der Natur, den die meisten heute nicht mehr annehmen, und die Gespräche des Konfuzius sagen zur Natur des Menschen kaum etwas. Wer das Zusammenleben wie Hobbes aus dem Nutzen erklärt, kann nach Kritikern der späteren Vertragstheorie nur schwer sagen, warum wir Menschen etwas schulden, die nichts zurückgeben können. Bei Epikur lassen die Quellen offen, ob Freundschaft mehr ist als ein Mittel zur eigenen Ruhe, und Montaigne hält seine Art der Freundschaft für so selten, dass die meisten Beziehungen, die wir Freundschaft nennen, an seinem Maß scheitern. Zwischen Buber und Levinas bleibt strittig, ob du dem anderen auf gleicher Ebene begegnest oder ob er dich zuerst in die Pflicht nimmt, und wie aus dieser Pflicht etwas wird, das für alle gilt, bleibt bei Levinas nach einer verbreiteten Lesart weitgehend formal. Arendt sucht die Antwort im eigenen Urteil unter Verschiedenen, doch ihr Bild vom gemeinsamen Handeln ist an der griechischen Polis gebildet. Keine dieser Antworten hat die Frage für alle entschieden, und die Reihenfolge der Stationen ist keine Rangfolge.
Noch einmal die Situation vom Anfang
Du ziehst in eine neue Stadt. Die Wohnung ist schön, der Job gut, aber nach drei Wochen merkst du, dass dich niemand anruft und niemand vermisst. Du könntest gut allein zurechtkommen. Warum fühlt es sich trotzdem nicht gut an?
Denk noch einmal an die ersten Wochen in der neuen Stadt, in denen dich niemand angerufen und niemand vermisst hat. Mit Aristoteles kannst du fragen, ob dir ein Teil dessen fehlt, was zu einem Menschenleben gehört, nämlich das gemeinsame Klären mit anderen, was richtig und gerecht ist, wobei er an das Gemeinwesen denkt und nicht an einen Freundeskreis. Mit Konfuzius fragst du, wie du den Nachbarn und Kollegen begegnest, denn Menschlichkeit wächst nach den Gesprächen im Umgang miteinander. Hobbes lenkt den Blick darauf, ob du andere vor allem brauchst, weil sie dir Verlässlichkeit und Schutz geben. Epikur und Montaigne lassen dich fragen, ob dir ein Freund fehlt, auf den du dich verlassen kannst, oder einer, für den du keinen anderen Grund nennen könntest, als dass er es ist. Mit Buber fragst du, ob dir nicht Gesellschaft fehlt, sondern jemand, dem du als ganzer Mensch begegnest, und Mead erinnert dich daran, dass du dich selbst auch mit den Augen anderer kennenlernst. Mit Levinas und Arendt kannst du schließlich fragen, ob du jemandem schon etwas schuldest, bevor du dich entschieden hast, und wie du als einer unter anderen urteilst und handelst. Welche dieser Fragen trifft am ehesten, warum es sich nach drei Wochen nicht gut anfühlte, und was würdest du heute darauf antworten?
Wie es weitergehen kann
- Wer bin ich eigentlich?
Buber meint, dass du zu einer ganzen Person nur in der Begegnung mit einem Du wirst, und Mead beschreibt, wie sich das Selbst im Umgang mit anderen entwickelt. Der Weg „Wer bin ich eigentlich?“ fragt weiter, was dich überhaupt zu der Person macht, die du bist, ob das Denken, das Erinnern oder die Beziehungen zu anderen. Mead begegnet dir dort ausführlicher wieder, neben Hegels Gedanken der gegenseitigen Anerkennung.
- Was macht ein gutes Leben aus?
Aristoteles sieht das Ziel des Menschen in einem glücklichen Leben, das auf Tugend beruht, und Epikur nennt Freundschaft eines der besten Mittel zu Freude und Ruhe. Der Weg „Was macht ein gutes Leben aus?“ fragt genauer, woran sich ein gutes Leben erkennen lässt, und dort begegnen dir beide wieder. Mit ihm kannst du prüfen, wie viel davon dir in der neuen Stadt fehlt.
- Was ist gerecht?
Aristoteles verbindet Gemeinschaft damit, dass Menschen gemeinsam klären, was gerecht ist, Hobbes sieht den Streit darüber, was recht ist, erst durch eine verbindliche Entscheidung beendet, und bei Levinas entsteht mit jedem weiteren Menschen die Frage nach der Gerechtigkeit. Der Weg „Was ist gerecht?“ fragt an einer Aufteilung unter mehreren, was jedem zusteht, und endet bei der Frage, ob eine gerechte Verteilung genügt, wenn Menschen sich dabei nicht gesehen fühlen.
Zum Vertiefen
- Aristoteles: Profil zur Tugendethik und zum Ziel eines gelingenden Lebens (Eudaimonia).
- Konfuzius: Profil zu den Gesprächen (Lunyu) und zu den Begriffen Ren und Li.
- Thomas Hobbes: Profil zum Naturzustand und zum gemeinsamen Souverän.
- Epikur von Samos: Profil zum „Garten“ in Athen und zu einem ruhigen Leben mit Freunden.
- Michel de Montaigne: Profil zu den Essais, in denen er sein eigenes Denken prüft.
- Martin Buber: Profil zu Ich-Es, Ich-Du und dem Zwischen.
- George Herbert Mead: Profil zum Selbst, das im Zusammenspiel mit anderen entsteht.
- Emmanuel Levinas: Profil zum Antlitz und zur Ethik als erster Philosophie.
- Hannah Arendt: Profil zu Handeln, Vielheit der Menschen und Vita activa.