Landkarte der Philosophie · Wozu brauchen wir andere Menschen?

Station 5 von 5

Wofür bin ich anderen verantwortlich?

Einige Wochen nach dem Abend im Café kommst du spät nach Hause. Im Treppenhaus steht eine ältere Frau aus dem obersten Stock, die du bisher nur gegrüßt hast, mit einer schweren Tasche vor ihrer Tür. Sie sagt leise, dass ihr Knie seit Tagen so schmerzt, dass sie kaum noch hinausgeht, und fragt, ob du beim nächsten Einkauf etwas für sie mitbringen könntest. Du hast ihr nichts versprochen, niemand würde es merken, wenn du ausweichst, und doch lässt dich die Frage nicht los.

Selbst nachdenken

Woher kommt das Gefühl, dass du hier etwas schuldig sein könntest, obwohl du nichts versprochen hast? Und wie weit sollte es reichen?

Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.

Bei Buber ging es um die Begegnung mit einem Du, in der du ganz beim anderen bist und keiner von euch Vorrang hat. Die Frau im Treppenhaus passt nicht ganz in dieses Bild, denn ihr kennt euch kaum, und doch spürst du eine Pflicht, sobald sie dich bittet. Damit stellt sich die Frage, wofür du anderen verantwortlich bist und ob diese Verantwortung schon besteht, bevor du dich entscheidest, oder sich erst zeigt, wenn du unter anderen handelst und selbst urteilen musst. Schwierig ist das, weil eine Pflicht, die vor jeder Wahl besteht, kaum Grenzen kennt, während eine Pflicht, die erst aus deinem Tun entsteht, dich leicht zu früh entlässt.

Wo du gerade bist

Wer an dieser Station antwortet und wie die Antworten zusammenhängen. Hervorgehoben sind die Personen dieser Station.

Station 5 von 5. Emmanuel Levinas, Hannah Arendt antworten hier auf die Frage: Wofür bin ich anderen verantwortlich? Emmanuel Levinas kritisiert Martin Buber.12345BuberLevinasArendtkritisiertWarum?

Als Text

Eine Antwort von Emmanuel Levinas · Deutung aus der Forschung

Der andere nimmt dich in Anspruch, bevor du dich entscheidest

Einfach gesagt

Für Levinas beginnt Ethik damit, dass dich ein anderer Mensch anspricht, und erst danach mit Regeln oder Nutzenrechnungen. Sein Ausdruck, in dem sich auch seine Verletzlichkeit zeigt, stellt einen Anspruch an dich, noch bevor du überlegst, ob du helfen willst. Deine Verantwortung für den anderen ist deshalb nichts, was du erst übernimmst, sondern etwas, das dich schon getroffen hat.[2][5]

Wie das begründet wird

Levinas beschreibt die Begegnung mit dem anderen als Unterbrechung: Du gehst deinen Wünschen und Plänen nach, und das Auftreten des anderen stellt dein Tun in Frage und ruft dich zur Rechenschaft. Dabei erlebst du eine Art Scham, denn deine Freiheit, die sich selbstverständlich nimmt, was sie will, erscheint dir plötzlich nicht mehr gerechtfertigt. Diese Erfahrung geht nach ihm Nützlichkeit, Tugend und Pflicht voraus und ist deren gemeinsamer Ursprung. Darum nennt er die Ethik die erste Philosophie, hinter der das Erkennen erst an zweiter Stelle kommt.[2][5][6]

Ein Beispiel

Auf die Frau im Treppenhaus übertragen (das ist unsere Anwendung, kein Beispiel von Levinas): Noch bevor du abwägst, ob dich der Einkauf zu viel Zeit kostet, haben dich ihr Anblick und ihre Bitte schon getroffen. Dass du die Frage nicht einfach abschütteln kannst, passt zu seiner Beschreibung. Der Anspruch ist da, bevor du dich zu ihm verhältst, und wie du antwortest, bleibt danach offen: Du kannst ihr helfen oder versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen.[2]

Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.

Was diese Antwort gut erklärt

Die Position erklärt, warum sich eine Bitte wie die der Frau im Treppenhaus nicht wie ein Tauschgeschäft anfühlt und warum du dich ihr schwer entziehen kannst, obwohl dich niemand zwingt. Du musst den anderen nicht erst ausreichend erklären können, um dich angesprochen zu fühlen. Außerdem zeigt sie, dass Verantwortung nicht auf einem Vertrag oder auf Mitgefühl beruhen muss.[2][5]

Genauer betrachtet: Antlitz und Asymmetrie

Mit dem Antlitz meint Levinas nicht bloß ein Gesicht im Sinn von Aussehen, sondern den Ausdruck eines Menschen in Mimik oder Worten, mit dem er dich anspricht. Der andere ist dabei jemand, den du nie ganz erfassen und zum Gegenstand machen kannst. Was aus diesem Ausdruck spricht, ist nach Levinas die Forderung, ihn nicht zu töten. Das Verhältnis ist asymmetrisch, also ungleich verteilt: Du schuldest dem anderen alles, und er schuldet dir nichts. Gegenseitigkeit ist also nicht der Grund deiner Verantwortung.[2][5][6]

Häufiges Missverständnis

Levinas beschreibt keine Gefühlsregung wie Mitleid oder Einfühlung, und er sagt dir nicht, was du in einem bestimmten Fall konkret tun musst. Sobald weitere Menschen dazukommen, fragt er außerdem nach Gerechtigkeit, sodass die Verantwortung für den einen neben der für die anderen steht. Das Beispiel kommt an eine Grenze, weil die Frau sichtlich Hilfe braucht, während Levinas den Anspruch in jeder Begegnung sieht, auch in ganz alltäglichen ohne jede Notlage.[2]

Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt

  • Einwand von Michel Haar

    Michel Haar fragte, ob sich eine Ethik wirklich entfalten kann, die keinen festen Ort in der Welt hat, auf positive Gegenseitigkeit verzichtet und den anderen nie als etwas Bestimmtes erfasst.[2]

    Eine mögliche Antwort darauf: Bei Levinas selbst findet sich ein Ansatz zur Antwort: Mit dem Dritten, also jedem weiteren Menschen, entsteht nach ihm die Frage nach der Gerechtigkeit, und sie ist zugleich die Grenze der Verantwortung für den einen.

  • Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird

    In der Fachdiskussion wird gefragt, wie aus der Verantwortung für den einen Menschen, der dir gegenübersteht, etwas wird, das für alle gilt und auch Recht und Politik trägt. Nach einer verbreiteten Lesart bleibt dieser Schritt vom Einzelnen zum Allgemeinen bei Levinas weitgehend formal, also nur in groben Umrissen bestimmt.[2]

In der Forschung umstritten: Wie Levinas' Gedanke einer unendlichen, einseitigen Verantwortung zu verstehen ist und ob er sich auf Politik und Alltag übertragen lässt, wird in der Forschung unterschiedlich gesehen.

Noch nicht sicher belegt

  • Seitenangaben in den Primärtexten (Totalität und Unendlichkeit, Jenseits des Seins) wurden nicht geprüft, belegt ist nur, was die Sekundärquellen darstellen.
  • Den zweiten Einwand formuliert die Stanford Encyclopedia (2.4.4) als mögliche Lesart und schreibt ihn keiner Person zu; er steht darum ohne Urheber.
  • Die Antwort auf Haars Frage ist eine Zuordnung: Levinas' Gedanke vom Dritten stammt aus seinem eigenen Werk und ist keine Erwiderung auf Haar.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)

Eine Antwort von Hannah Arendt · Deutung aus der Forschung

Verantwortung zeigt sich, wo du unter Verschiedenen handelst und selbst urteilst

Einfach gesagt

Nach Arendt lebst du immer unter anderen, die anders sind als du, und genau das macht es erst möglich, dass du handelst. Was du sagst und tust, tritt in ein Geflecht aus dem Tun vieler ein und hat Folgen, die du weder vorhersehen noch zurücknehmen kannst. Verantwortlich bleibst du trotzdem persönlich: Du sollst selbst urteilen, statt dich von einer Rolle oder der Mehrheit tragen zu lassen, und der Maßstab dafür ist, ob du danach noch mit dir selbst in Frieden leben kannst.[3][8]

Wie das begründet wird

Arendt unterscheidet Arbeiten, Herstellen und Handeln. Handeln heißt, etwas Neues anzufangen und dich dabei in Wort und Tat zu zeigen, und das geht nur vor anderen, die dich von ihrer Seite aus sehen und beurteilen. Diesen Umstand, dass es Menschen im Plural gibt und nicht den einen Menschen, nennt sie Pluralität. Weil dein Handeln in ein Geflecht von Beziehungen fällt, kannst du die Folgen nicht steuern, und deshalb braucht es zwei Fähigkeiten, die selbst nur mit anderen gehen: das Verzeihen, damit Getanes dich nicht für immer festhält, und das Versprechen, damit die Zukunft nicht ganz offen bleibt.[3][7][8]

Ein Beispiel

Auf der Hausversammlung schlagen einige vor, der älteren Frau aus dem obersten Stock einen scharfen Brief zu schreiben, weil ihr Fernseher abends oft laut läuft. Die meisten nicken, du hast Bedenken und schweigst, weil ja die Mehrheit entscheidet (das ist unsere Anwendung, kein Beispiel von Arendt). Mit Arendt gefragt: Hast du selbst geurteilt oder dich von der Meinung der anderen tragen lassen, und kannst du mit deinem Schweigen leben? Was der Brief bei ihr auslöst, holt danach keiner mehr zurück, und es bleibt nur, mit ihr zu sprechen, auf ihr Verzeihen zu hoffen und für die Zukunft etwas zuzusagen.[3][8]

Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.

Was diese Antwort gut erklärt

Die Position nimmt ernst, dass wir unter anderen handeln und trotzdem nicht aus der Verantwortung fallen, wenn viele mitmachen. Sie zeigt außerdem, wie Menschen mit Folgen umgehen können, die keiner allein steuert, denn sie können einander verzeihen und sich etwas versprechen. Und sie benennt, was Gemeinschaft möglich macht, nämlich dass Verschiedene einander sehen und miteinander sprechen.[3][7][8]

Genauer betrachtet: Pluralität und Natalität

Pluralität heißt bei Arendt, dass alle Menschen einander darin gleichen, dass sie Menschen sind, und doch keiner mit einem anderen austauschbar ist, weil jeder eine eigene Lebensgeschichte und Sicht auf die Welt hat. Natalität nennt sie die Tatsache, dass jeder Mensch durch seine Geburt etwas Neues in die Welt bringt, sodass von ihm Unerwartetes kommen kann. Freiheit meint bei ihr deshalb nicht die Wahl zwischen gegebenen Möglichkeiten, sondern die Fähigkeit anzufangen. Der Raum, in dem das sichtbar wird, entsteht nur, solange Menschen zusammen reden und handeln.[3][7][8]

Häufiges Missverständnis

Arendt behauptet nicht, dass du für alles verantwortlich bist, was Menschen um dich herum tun, denn die Idee einer Kollektivschuld lehnt sie ab und hält Verantwortung für persönlich. Sie hält Handeln auch nicht für planbar: Gerade weil du die Folgen nicht kontrollierst, braucht es das Verzeihen und das Versprechen. Das Beispiel ist viel kleiner als die Fälle, über die sie schreibt, nämlich das Mitmachen unter einer Diktatur, und soll nur die Denkfigur zeigen.[3][8]

Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt

  • Einwand von Albrecht Wellmer

    Der Frankfurter Sozialphilosoph Albrecht Wellmer stellte 1972 auf einer Tagung ihre strenge Trennung zwischen dem Politischen und dem Sozialen in Frage. Kritiker folgern daraus, dass ihr etwas Wichtiges entgeht: Zur Politik gehört gerade der Streit darüber, was überhaupt als öffentliche Angelegenheit gilt.[7]

    Eine mögliche Antwort darauf: Arendt hielt dagegen, Wohnen und Obdachlosigkeit seien keine politischen Fragen. Politik betreffe das Sich-Zeigen in Wort und Tat und nicht die Verteilung von Gütern.

  • Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird

    Arendts Bild vom gemeinsamen Handeln ist an der griechischen Polis gebildet, in der Bürger einander auf dem Marktplatz begegnen. Kritiker halten es für schwer übertragbar auf große, arbeitsteilige Gesellschaften, in denen viele nicht selbst mitberaten.[7]

In der Forschung umstritten: Wie weit Arendts Begriff des Handelns auf soziale Fragen und moderne Massengesellschaften übertragbar ist, wird bis heute diskutiert.

Noch nicht sicher belegt

  • Arendts Thema Verantwortung wird in den Quellen vor allem an ihren Texten zur Diktatur („Persönliche Verantwortung in der Diktatur“) und zu Eichmann belegt; die Übertragung auf die Hausversammlung ist unsere Anwendung.
  • Die Verbindung von Pluralität und Handeln (Vita activa) mit dem persönlichen Urteilen (spätere Essays) ist eine Zusammenstellung zweier Werkteile; Arendt begründet die moralische Verantwortung mit dem Verhältnis zu sich selbst, nicht mit der Pluralität.
  • Seitenangaben in den Primärtexten (Vita activa, Persönliche Verantwortung in der Diktatur) wurden nicht geprüft.
  • Wellmers Frage und Arendts Antwort sind nur in der zusammenfassenden Darstellung der Internet Encyclopedia belegt; der Wortlaut der Tagung von 1972 wurde nicht geprüft. Die Folgerung zum Streit über das Öffentliche stammt dort vom Verfasser, nicht von Wellmer.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)

Was historisch zusammenhängt

Hier geht es um tatsächliche Bezüge: wer wen gelesen, gekannt oder kritisiert hat.

  • Den Einwand von Levinas gegen Buber kennst du von der vorigen Station. Levinas hat sich ausdrücklich gegen eine Begegnung von Ich und Du auf gleicher Ebene gewandt und ihr die Asymmetrie gegenübergestellt, in der der andere dich zuerst in Anspruch nimmt. Auf dieser Station geht es um seine eigene Antwort. belegt

Verbindungen an dieser Station

  • Emmanuel Levinas kritisiert Martin Buber. belegt

    Warum diese Verbindung?

    Die Bitte der Frau im Treppenhaus wirft die Frage auf, ob der andere ein Du ist, mit dem du auf gleicher Ebene in Beziehung trittst, oder ein Anspruch, der dir zuvorkommt. Levinas setzt sich von der Gleichrangigkeit ausdrücklich ab.

    Der konkrete Gedanke: Levinas kritisiert Bubers Begegnung von Ich und Du als zu gleichrangig und zu ästhetisch und setzt dagegen, dass der andere das Ich zuerst als ethischer Anspruch trifft. Bei Buber hat weder das Ich noch das Du von vornherein Vorrang, das Zwischen trägt die Beziehung. Bei Levinas geht der andere dem Ich voran, und die Verpflichtung ist ganz ungleich verteilt. Buber hielt Levinas entgegen, ein unendlich übergeordneter Anderer werfe das Ich in die Einsamkeit zurück.

    Levinas warf ihm eine ästhetisierende Haltung vor und setzte das Antlitz als stärkeren ethischen Anspruch dagegen.

    Art der Verbindung: Kritik. Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

Zum Abschluss: Was du jetzt unterscheiden kannst

Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere. Prüfstand dieser Station: Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21).

Quellen dieser Station

  1. [1]Internet Encyclopedia of Philosophy, Free Will · Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: levinas · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Hannah Arendt, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]SEP · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]Emmanuel Levinas, Wikipedia (en) · Wikipedia
  6. [6]Emmanuel Levinas, Wikipedia (de) · Wikipedia
  7. [7]Internet Encyclopedia of Philosophy, Hannah Arendt · Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
  8. [8]Wikipedia · Wikipedia