Landkarte der Philosophie · Wozu brauchen wir andere Menschen?
Wozu brauchen wir andere Menschen? Der Weg im Überblick
Lesedauer ungefähr 3 Minuten · Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere.
Du ziehst in eine neue Stadt, die Wohnung ist schön und der Job gut, aber nach drei Wochen ruft dich niemand an und niemand vermisst dich. Dieser Überblick zeigt in fünf Schritten, wie verschiedene Antworten erklären, warum Menschen einander brauchen. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang und nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere.
Gemeinschaftswesen: Du kochst etwas Gutes und hast niemanden, dem du es zeigen kannst. Aristoteles nennt den Menschen von Natur aus ein politisches Lebewesen, weil nur er mit Sprache klären kann, was gerecht ist, und ein gutes Leben gelingt nach ihm erst in der Gemeinschaft; er denkt dabei an den Stadtstaat und nicht an einen Freundeskreis. In den Gesprächen des Konfuzius zeigt sich Menschlichkeit im Umgang mit anderen, sie beginnt in der Familie und wird durch Übung erworben; zur Natur des Menschen sagen die Gespräche kaum etwas. Den Plan der Natur, auf den sich Aristoteles stützt, nehmen heute die meisten nicht mehr an.
Vorteil und Sicherheit: Im Haus läuft das Zusammenleben gut, obwohl dich niemand kennt, weil man einander Gefallen tut und die Hausordnung gilt. Für Thomas Hobbes entsteht geordnetes Zusammenleben nicht von selbst, sondern weil Menschen sich gegenseitig verpflichten, einer gemeinsamen Autorität zu gehorchen, die Frieden und Schutz sichert. Für durchweg selbstsüchtig hält er die Menschen dabei nicht, und sein Thema ist der Schutz vor Gewalt, nicht das Gefühl, vermisst zu werden. Kritiker der späteren Vertragstheorie wenden ein, dass sich aus gegenseitigem Vorteil allein schwer sagen lässt, was wir Menschen schulden, die nichts zurückgeben können.
Echte Freundschaft: Ein alter Freund ruft an, dem es schlecht geht, und du fährst zu ihm, ohne zu fragen, was du davon hast. Epikur sieht in Freunden die größte Sicherheit für ein ruhiges Leben, und ein überlieferter Spruch sagt, Freundschaft sei um ihrer selbst willen zu wählen. Michel de Montaigne gilt als vollkommen nur eine Freundschaft ohne Nebenabsicht, und warum er seinen Freund liebte, weiß er nur so zu sagen: „Weil er es war, weil ich es war.“ Aristoteles hält die Freundschaft zwischen zwei guten Menschen für die vollkommene. Gegen eine Nähe ohne Naht wird eingewandt, dass sie die Selbständigkeit der Einzelnen untergräbt.
Ich und Du: Im Café hörst du einer Kollegin erst nur halb zu und bist dann auf einmal ganz bei ihr. Martin Buber unterscheidet das Ich-Es, in dem du den anderen ordnest und benutzt, vom Ich-Du, in dem du ihm als ganzem Gegenüber begegnest, und zu einer ganzen Person wirst du nach ihm nur im Ich-Du. George Herbert Mead beschreibt auf anderem Weg, wie sich das Selbst im Umgang mit anderen entwickelt. Emmanuel Levinas hält Buber entgegen, dass der andere dich zuerst als Anspruch trifft und nicht auf gleicher Ebene.
Verantwortung: Eine ältere Nachbarin, die du kaum kennst, bittet dich, für sie einzukaufen. Für Levinas stellt der andere einen Anspruch an dich, bevor du dich entscheidest, und du schuldest ihm alles, ohne dass er dir Gleiches schuldet; was du im einzelnen Fall tun musst, sagt er nicht. Hannah Arendt hält Verantwortung für persönlich: Du handelst unter Verschiedenen, kannst die Folgen nicht zurücknehmen und sollst selbst urteilen, statt dich von einer Rolle oder der Mehrheit tragen zu lassen. Sie schreibt dabei über das Mitmachen unter einer Diktatur, das Treppenhaus zeigt nur die Denkfigur.
Offen bleibt, was dir eigentlich fehlt, wenn dir andere fehlen, und woher deine Verantwortung für sie kommt. Jede Antwort sieht etwas, das den anderen leicht entgeht, und du kannst dich fragen, welche am ehesten trifft, warum es sich nach drei Wochen nicht gut anfühlte.
Der Überblick verdichtet die geprüften Stationen. Begründungen, Einwände und Quellen stehen in den Stationen selbst.
Den ganzen Weg gehen: Ist der Mensch von Natur aus ein Gemeinschaftswesen?