Landkarte der Philosophie · Wozu brauchen wir andere Menschen?

Station 2 von 5

Oder brauchen wir andere nur zu unserem Vorteil?

In den Wochen danach lernst du dein Haus kennen. Die Nachbarin nimmt deine Pakete an, und du gießt dafür ihre Pflanzen, wenn sie verreist ist. Alle halten sich an die Hausordnung, und wer es nicht tut, bekommt Ärger mit der Verwaltung. Eines Abends fällt dir auf, dass dieses Zusammenleben gut läuft, obwohl dich hier eigentlich niemand kennt.

Selbst nachdenken

Wärst du zu deinen Nachbarn auch freundlich, wenn du sie nie um einen Gefallen bitten müsstest?

Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.

Auf der vorigen Station stand die Vermutung im Raum, dass das Leben mit anderen zum Menschsein gehört und dir deshalb fehlt. Es gibt eine nüchternere Erklärung: Vielleicht brauchen wir andere vor allem, weil uns das Zusammenleben Schutz und Verlässlichkeit bringt. Schwierig ist, dass beides im Alltag gleich aussieht, denn wer zu seinen Nachbarn freundlich ist, kann das aus Zuneigung tun oder weil er sie braucht, und von außen lässt sich das kaum unterscheiden.

Wo du gerade bist

Wer an dieser Station antwortet und wie die Antworten zusammenhängen. Hervorgehoben sind die Personen dieser Station.

Station 2 von 5. Thomas Hobbes, Aristoteles antworten hier auf die Frage: Oder brauchen wir andere nur zu unserem Vorteil?12345HobbesAristoteles

Als Text

  • Station 2 von 5: Oder brauchen wir andere nur zu unserem Vorteil?
  • Personen an dieser Station: Thomas Hobbes und Aristoteles.

Eine Antwort von Thomas Hobbes · Deutung aus der Forschung

Wir brauchen andere, weil wir ohne gemeinsame Ordnung nicht sicher leben können

Einfach gesagt

Für Hobbes ergibt sich das geordnete Zusammenleben nicht von selbst aus der Natur des Menschen, sondern entsteht, weil es nützt. Ohne eine gemeinsame Macht, die alle in Schach hält, würden Menschen einander fürchten und bekämpfen, und das Leben wäre ständig bedroht. Deshalb verpflichten sie sich gegenseitig, einer gemeinsamen Autorität zu gehorchen, die ihnen Frieden und Schutz sichert.[1][4][3][5]

Wie das begründet wird

Hobbes geht von Menschen aus, die ungefähr gleich stark sind, denn selbst der Schwächste kann den Stärksten töten, etwa mit Hilfe anderer. Wollen zwei dasselbe, das nur einer haben kann, werden sie Feinde, und weil keiner dem anderen traut, erscheint ihnen der Angriff als bester Schutz; dazu kommt das Streben nach Ansehen. Wo keine Macht alle in Schach hält, herrscht darum ein Krieg aller gegen alle, in dem sich keine Arbeit lohnt, weil niemand sicher ist, ihren Ertrag zu behalten. Die Vernunft rät zum Frieden, doch Abmachungen tragen nur, wenn eine Macht sie durchsetzt, und deshalb übertragen die Menschen durch gegenseitige Zusage ihre Macht auf einen gemeinsamen Herrscher.[1][4][3][5]

Ein Beispiel

Stell dir das Treppenhaus in deinem neuen Haus vor. Die Nachbarin nimmt deine Pakete an, du gießt dafür ihre Pflanzen, und beide verlassen sich darauf, dass der andere mitmacht. Mit Hobbes kannst du fragen, wie verlässlich solche Abmachungen wären, wenn niemand ihre Einhaltung notfalls durchsetzen könnte. Er verweist selbst auf eine Alltagsbeobachtung: Wer verreist, bewaffnet sich, und wer schlafen geht, schließt die Tür ab, obwohl er weiß, dass es Gesetze und bewaffnete Beamte gibt, die Unrecht ahnden sollen.[4]

Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.

Was diese Antwort gut erklärt

Die Antwort erklärt, warum Zusammenleben auch zwischen Menschen gelingen kann, die einander misstrauen: Nötig ist eine Ordnung, die Abmachungen verlässlich macht. Sie nimmt zudem ernst, dass Menschen darüber uneins sind, was recht ist, und dass dieser Streit auch bei gutem Willen bleibt, solange niemand verbindlich entscheidet.[1][4]

Genauer betrachtet: Naturzustand und Gesellschaftsvertrag

Der Naturzustand ist bei Hobbes ein gedachter Zustand ohne Regierung, in dem jeder selbst darüber urteilt, was er zu seiner Selbsterhaltung braucht. Eine Regierung gibt es für ihn nicht von Natur aus, sie ist ein Werk der Menschen. Im Gesellschaftsvertrag sagen sich alle gegenseitig zu, ihr Recht, über sich selbst zu bestimmen, auf einen Menschen oder eine Versammlung zu übertragen, sofern die anderen es ebenso tun. Dieser Souverän, also die oberste Herrschaftsgewalt, soll Frieden und Verteidigung sichern. Als Antrieb für diesen Schritt nennt die Stanford Encyclopedia die Furcht, sei es vor den Mitmenschen oder vor einem Eroberer.[3][4][1][5]

Häufiges Missverständnis

Hobbes behauptet nicht, dass alle Menschen nur an sich denken. Viele Ausleger lesen ihn zwar so, aber nach der Internet Encyclopedia of Philosophy rechnet er auch mit Mitleid, Ehrgefühl und Mut, und nach der Stanford Encyclopedia hängen Menschen bei ihm an ihren Nächsten, nur ist ihr Wohlwollen begrenzt. Das Treppenhaus ist eine heutige Übertragung, denn Hobbes' Naturzustand meint das Leben ohne Regierung bis hin zum Bürgerkrieg, und sein Thema ist der Schutz vor Gewalt, nicht das Gefühl, vermisst zu werden.[1][4][3]

Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt

  • Einwand von Feministische Kritik

    Hobbes denkt sich die Menschen im Naturzustand als auf sich gestellte Einzelne. Nach seiner eigenen Theorie schulden aber schon Kinder ihren Eltern Gehorsam dafür, dass sie versorgt werden, sodass es dort auch Familien mit festen Pflichten gibt. Bindungen wie Zuneigung, Freundschaft oder die Zugehörigkeit zu einem Clan oder einer Glaubensgemeinschaft machen das Bild von Einzelnen, die erst durch einen Vertrag zueinander finden, zusätzlich ungenau.[4][3]

    Eine mögliche Antwort darauf: Nach der Stanford Encyclopedia muss das seine Analyse des Konflikts nicht entkräften, denn Wettbewerb, Misstrauen und Ruhmsucht können unter kleinen Gruppen ebenso verheerend wirken wie unter Einzelnen. Hobbes selbst hält fest, dass auch der Zusammenschluss weniger Menschen oder Familien keine Sicherheit gibt.

  • Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird

    Die meisten Menschen haben ein Gespür für Recht und Unrecht und halten Abmachungen auch ohne Zwang ein. Warum sollte es ohne Regierung gleich zum Krieg kommen?[1]

    Eine mögliche Antwort darauf: Hobbes setzt gerade hier an: Auch wer moralische Vorstellungen hat, urteilt im Einzelfall oft anders als die anderen, und ohne eine anerkannte Instanz kann keiner entscheiden, wer recht hat. Solange einige zu Gewalt und Täuschung bereit sind, müssen sich außerdem auch Gutwillige mit denselben Mitteln schützen.

  • Einwand von Behindertenrechtsbewegung

    Ein Zusammenleben, das allein auf gegenseitigem Vorteil beruht, hat ein Problem mit Menschen, die nichts zurückgeben und nichts androhen können, etwa Menschen mit schwerer Behinderung. Wer an Hobbes anknüpft und Gerechtigkeit nur aus gegenseitigem Nutzen herleitet, kann schwer erklären, warum wir ihnen etwas schulden.[2]

    Eine mögliche Antwort darauf: Vertreter dieser Vertragstheorie antworten nach der Stanford Encyclopedia, dass viele Menschen mit Behinderung mit Unterstützung zum gemeinsamen Nutzen beitragen und dass eine Versorgung für alle, die sie brauchen, jedem nützen kann. Ob das auch für Menschen reicht, die nie etwas zurückgeben können, bleibt umstritten.

In der Forschung umstritten: Ob Hobbes die Menschen als durchgehend eigennützig sieht, ist unter Auslegern umstritten. Ebenso offen ist, ob sein Naturzustand isolierte Einzelne, kleine Gruppen oder einen Bürgerkrieg meint.

Noch nicht sicher belegt

  • Die Vorstellung, Menschen verfolgten vor allem ihren eigenen Vorteil, stammt nach der SEP (Contractarianism) aus der späteren, an Hobbes anknüpfenden Vertragstheorie; die IEP (§ 4.c) hält sie für eine Verkürzung von Hobbes' eigener Sicht. Die These ist deshalb als Sicherheits- und Selbsterhaltungsgedanke formuliert.
  • Zum Gefühl der Einsamkeit und zur Freundschaft äußert sich Hobbes an den abgerufenen Stellen nicht; das Treppenhausbeispiel ist eine heutige Übertragung.
  • Einwand 3 richtet sich in der SEP gegen die normative Vertragstheorie insgesamt, nicht gegen Hobbes allein; er ist hier als Frage an das Vorteilsdenken gestellt.
  • Die Antwort auf Einwand 3 stammt von späteren Vertragstheoretikern (SEP Contractarianism § 6, Becker 2005; Francis und Silvers 2005), nicht von Hobbes selbst.
  • Einwand 1: Die SEP nennt „feminist critics among others“; die Zuschreibung an die feministische Kritik ist deshalb nicht ausschließlich.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)

Was historisch zusammenhängt

Hier geht es um tatsächliche Bezüge: wer wen gelesen, gekannt oder kritisiert hat.

  • Im Leviathan schreibt Hobbes, Aristoteles zähle Bienen und Ameisen zu den politischen Lebewesen, also zu den Tieren, die in einer Gemeinschaft leben. Er fragt, warum Menschen nicht ebenso von selbst friedlich zusammenleben, und führt mehrere Gründe an. Das Zusammenleben jener Tiere sei natürlich, das der Menschen entstehe dagegen nur durch Vertrag und brauche deshalb zusätzlich eine gemeinsame Macht. belegt

Weiterdenken

Der letzte Einwand zeigt, wo ein Zusammenleben aus gegenseitigem Vorteil an seine Grenze kommt: Wer nichts zurückgeben kann, fällt leicht heraus. Auch deine Lage in der neuen Stadt passt nicht ganz zu dieser Rechnung, denn dir fehlt weniger jemand, der dich schützt, als jemand, der sich für dich interessiert und für den du kein Mittel bist. Damit stellt sich die Frage, ob es Beziehungen gibt, in denen ein Mensch um seiner selbst willen zählt, und woran du sie erkennst.

Nächste Frage: Was macht einen echten Freund aus?

Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere. Prüfstand dieser Station: Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21).

Quellen dieser Station

  1. [1]Internet Encyclopedia of Philosophy, Thomas Hobbes: Moral and Political Philosophy · Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Contractarianism · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: hobbes-moral · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Thomas Hobbes, Leviathan (1651), Project Gutenberg · Buch, abgerufen 2026-10-21
  5. [5]Thomas Hobbes, Wikipedia · Wikipedia