Landkarte der Philosophie · Warum ändert sich nichts, obwohl alle es wollen?
Warum schützen wir uns vor dem Lernen?
Situation
Am Nachmittag fragt dich ein Kollege, ob es im Team wirklich offener geworden ist. Du sagst „Klar, wir sagen uns jetzt alles“, obwohl du im Meeting einen Einwand zum Zeitplan hinuntergeschluckt hast.
Was sich am Fall ändert: Neu ist, dass du nicht mehr auf die anderen schaust, sondern auf den Unterschied zwischen dem, was du sagst, und dem, was du tust.
Eine Antwort
Chris Argyris, ein Organisationsforscher, und Donald Schön, ein Philosoph, der Stadtplanung lehrte, unterscheiden die Theorie, die du vertrittst („wir sagen uns alles“), von der Theorie, nach der du tatsächlich handelst. Die zweite folgt nach Argyris meist Werten wie die Kontrolle behalten, nicht verlieren und unangenehme Gefühle unterdrücken, und sie soll vor Peinlichkeit schützen. Argyris beschreibt dazu eingeübte Abwehrmuster, die er defensive Routinen nennt und die die Lücke aus dem Blick halten. Lernen heißt dann nicht, nur eine andere Handlung zu suchen (Einschleifenlernen), sondern die Werte dahinter zu prüfen (Doppelschleifenlernen).
Der stärkste Einwand
Eine Lehrdarstellung der Theorie aus dem Jahr 1994 merkt an, dass ihr keine Studien bekannt seien, in denen andere als Argyris selbst seine Vorhersagen geprüft hätten. Außerdem bleibt die Lücke nach der Theorie meist unbewusst, sodass du sie allein schwer bemerkst und Hinweise anderer leicht Abwehr auslösen.
Zwischenfazit
Sichtbar wird der Unterschied zwischen einem Lernen, das nur die Handlung ändert, und einem Lernen, das die Werte hinter der Handlung prüft.
Die nächste Frage
Es lohnt sich zu fragen, ob sich ein Team eher ändert, wenn Menschen ihre Gewohnheiten prüfen, oder wenn sich die Strukturen der Organisation ändern.
Nächste Frage: Ändern sich Organisationen über Entscheidungsprämissen oder über Menschen und Sicherheit?Quellen dieser kurzen Fassung
- Liane Anderson, Argyris and Schön's theory on congruence and learning (Action Research and Evaluation Online, areol), Introduction; Models of theories in use; Single-loop and Double-loop learning; Models I and II
- Chris Argyris – Wikipedia (en), Abschnitt Biography, Action science; Work
- Double-loop learning (Wikipedia), Concept
- Chris Argyris (Wikipedia), Leben (Defensive Routinen, Eingeübte Inkompetenz)
- Donald Schön – Wikipedia (en), Abschnitt Education and career, Einleitung; Education and career
Ausführlich: Begründungen, Einwände, QuellenDie ganze Station mit allen Positionen, Beispielen, Einwänden und Belegen. Für den Weg brauchst du sie nicht.
Am Nachmittag fragt dich ein Kollege, ob es im Team wirklich offener geworden ist. Du sagst „Klar, wir sagen uns jetzt alles“. Dabei hast du im Meeting einen Einwand zum Zeitplan hinuntergeschluckt, weil du nicht als Bremser dastehen wolltest. Dem Kollegen erzählst du davon nichts, und du merkst, dass du es dir selbst auch nicht gern eingestehst.
Selbst nachdenken
Woran würdest du merken, dass dein Reden und dein Handeln auseinanderfallen, und was hält dich davon ab, genau hinzusehen?
Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.
Auf der vorigen Station blieb offen, warum ein Team über seine ungeschriebenen Regeln so selten spricht. Chris Argyris, ein Organisationsforscher, und Donald Schön, ein Philosoph, der Stadtplanung lehrte, haben beschrieben, dass Menschen zwei Theorien über ihr Handeln haben: die, die sie vertreten, und die, nach der sie tatsächlich handeln. Schwierig ist das, weil die Lücke dazwischen meist unbemerkt bleibt und weil schon ein Blick darauf unangenehm sein kann.
Hervorgehoben sind die Personen dieser Station. Die Linien zeigen ihre Beziehungen; „Warum?“ führt zur Begründung.
Als Text
- Personen an dieser Station: Chris Argyris und Donald Schön.
- Chris Argyris und Donald Schön kannten sich persönlich. Warum diese Verbindung?
Antwort aus der Sicht: Chris Argyris und Donald Schön · Historische Information
Wir handeln oft nach einer anderen Theorie, als wir vertreten, und eingeübte Abwehr verdeckt diese Lücke
Einfach gesagt
Chris Argyris und Donald Schön unterscheiden zwei Theorien über dein Handeln: die, die du vertrittst, und die, nach der du tatsächlich handelst. Beide fallen oft auseinander, ohne dass du es bemerkst. Wird die Lücke peinlich, schützen dich nach Argyris eingeübte Abwehrmuster davor, sie anzusehen, und so lernst du nicht, was sie verursacht.[1][2][4]
Wie das begründet wird
Argyris und Schön gehen davon aus, dass Menschen ihr Handeln nach inneren Landkarten gestalten, die sie Handlungstheorien nennen. Die vertretene Theorie ist die, die jemand auf Nachfrage nennt, die handlungsleitende die, die sich aus seinem Verhalten ablesen lässt. Nach Argyris folgt die handlungsleitende Theorie meist denselben Werten: die Kontrolle behalten, gewinnen statt verlieren, unangenehme Gefühle unterdrücken und möglichst vernünftig wirken. Diese Werte sollen vor Peinlichkeit und Bedrohung schützen, und wer so handelt, hält seine eigenen Annahmen verborgen und prüft sie nicht.[1][2][4][7]
Ein Beispiel
Übertragen auf dein Team, als unser Beispiel: Auf die Frage des Kollegen sagst du „Wir sagen uns jetzt alles“, das ist deine vertretene Theorie. Dein Verhalten im Meeting folgt einer anderen, in der es darum geht, nicht schlecht dazustehen und Unbehagen zu vermeiden, und deshalb schluckst du den Einwand hinunter. Weil du ihn auch dem Kollegen verschweigst, bleibt die Lücke zwischen beidem unbesprochen.[1]
Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.
Was diese Antwort gut erklärt
Die Position erklärt, warum kluge und willige Menschen trotz guter Absichten bei sich selbst wenig ändern: Nach Argyris reicht es nicht, an Einstellung oder Motivation zu arbeiten, solange eingeübte Abwehr vor dem Lernen schützt. Sie gibt außerdem einen Prüfstein, nämlich zu vergleichen, wonach jemand zu handeln glaubt und wonach er tatsächlich handelt, und sie trennt zwei Arten des Lernens.[7]
Genauer betrachtet: Einschleifen- und Doppelschleifenlernen
Beim Einschleifenlernen suchst du nur eine andere Handlung, die dieselben Werte erfüllt, etwa einen Konflikt auf neue Art zu unterdrücken. Beim Doppelschleifenlernen prüfst du die Werte selbst und änderst sie vielleicht, zum Beispiel von Konflikte vermeiden zu offene Fragen stellen. Argyris vergleicht das mit einem Thermostat: Einer, der nur heizt, wenn es unter eine eingestellte Temperatur fällt, lernt in einer Schleife, einer, der fragt, warum er auf diese Temperatur eingestellt ist, in zwei. Argyris sah Doppelschleifenlernen als den besseren Weg, um zu fundierten Entscheidungen über das eigene Handeln zu kommen.[1][2][3][6]
Häufiges Missverständnis
Argyris sagt nicht, dass Menschen heucheln: Die Lücke zwischen beiden Theorien bleibt ihnen nach seiner Darstellung meist unbewusst. Es geht auch nicht bloß darum, dass Reden und Tun auseinanderfallen, sondern um zwei verschiedene Theorien, von denen eine hinter dem Reden und eine hinter dem Tun steht. Das Beispiel zeigt eine einzelne Szene, während Argyris ein Muster beschreibt, das er bei fast allen Menschen in seinen Untersuchungen fand.[1]
Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt
Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird
Eine Lehrdarstellung der Theorie aus dem Jahr 1994 merkt an, dass ihr keine Studien bekannt seien, in denen andere als Argyris selbst seine Vorhersagen zu den handlungsleitenden Theorien geprüft hätten. Dass fast alle Menschen derselben schützenden Theorie folgen, beruht also vor allem auf Argyris' eigenen Untersuchungen.[1]
Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird
Wenn die Lücke meist unbewusst bleibt, kannst du sie kaum allein bemerken, und ein Hinweis von außen löst leicht Abwehr aus. Wie soll ein Team dann überhaupt anfangen?[1][7]
Eine mögliche Antwort darauf: In einer seiner Untersuchungen verglich Argyris, was ein Berater über sein Vorgehen in einem Streit sagte, mit einer Tonaufnahme dessen, was er tatsächlich tat. Als Übung empfahl er, auf zwei Spalten aufzuschreiben, wie ein Gespräch abläuft und was man dabei sagen wollte, sich aber nicht traute, und das danach offen mit den Beteiligten zu besprechen.
In der Forschung umstritten: Ist die Lücke zwischen vertretener und handlungsleitender Theorie ein allgemeines Muster, das fast alle Menschen betrifft, oder ein Befund, der vor allem aus Argyris' eigenen Untersuchungen stammt?
Noch nicht sicher belegt
- Primärtexte wurden nicht gelesen; für die Begriffe stützt sich die Station auf eine Lehrdarstellung und einen Blog, der Argyris' Aufsatz von 1991 zitiert.
- Dass die vier Werte (Kontrolle, Gewinnen, Gefühle unterdrücken, vernünftig wirken) als universell beschrieben werden, steht im Blog als Zitat aus Argyris; die Lehrdarstellung nennt sie als Modell I.
- Die Übung mit den zwei Spalten ist im Blog beschrieben; die Originalquelle (Harvard Business Review 1991) war nicht vollständig abrufbar.
- Die Herkunft der Konzepte aus Argyris und Schön gemeinsam gegenüber Argyris allein wurde nicht im Einzelnen geprüft.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-22)
- Liane Anderson, Argyris and Schön's theory on congruence and learning (Action Research and Evaluation Online, areol), Introduction (vertretene und handlungsleitende Theorie, Unbewusstheit der Lücke)Stützt: Einfach gesagt, Begründung, Beispiel und Missverständnis
- Liane Anderson, Argyris and Schön's theory on congruence and learning (Action Research and Evaluation Online, areol), Models I and II (Werte von Modell I, Abwehr, Verzerrung, Unbewusstheit; Prüfung der Vorhersagen nur durch Argyris)Stützt: Einfach gesagt, Begründung, Missverständnis und Einwände 1 und 2
- Liane Anderson, Argyris and Schön's theory on congruence and learning (Action Research and Evaluation Online, areol), Single-loop and Double-loop learningStützt: Genauer betrachtet
- Chris Argyris – Wikipedia (en), Abschnitt Biography, Action science (Einschleifen- und Doppelschleifenlernen, Handlungstheorie, vertretene Theorie)Stützt: Einfach gesagt, Begründung und Genauer betrachtet
- Double-loop learning (Wikipedia), Einleitung; Concept (Thermostat-Vergleich, Doppelschleife prüft zugrunde liegende Annahmen und Ziele)Stützt: Genauer betrachtet
- Reflective practice (Wikipedia), Argyris and Schön 1978 (Einschleifen und Doppelschleife)Stützt: Genauer betrachtet
- Chris Argyris (Wikipedia), Leben (Defensive Routinen und Eingeübte Inkompetenz als seine Konzepte)Stützt: Einfach gesagt und Begründung
- Leading Sapiens, Learning to Learn: Why Professionals Struggle in this Skill (zitiert Argyris, Teaching Smart People How to Learn, Harvard Business Review 1991), Theories of actions; What we claim vs what we actually do; Defensive behavior in professionals; SolutionsStützt: Begründung, Stärke und Antwort auf Einwand 2
Was historisch zusammenhängt
Hier geht es um tatsächliche Bezüge: wer wen gelesen, gekannt oder kritisiert hat.
Argyris studierte nach dem Zweiten Weltkrieg Psychologie an der Clark University und lernte dort Kurt Lewin kennen. Er gilt wie Edgar Schein und Warren Bennis als Pionier der Organisationsentwicklung, dem Arbeitsfeld, das Teams und Unternehmen beim Lernen und Verändern begleitet. belegt
Schön promovierte in Philosophie mit einer Arbeit über John Deweys Theorie des Forschens. Er selbst führte Begriffe wie das Nachdenken im Handeln, also das Überlegen mitten in der Arbeit, auf Dewey zurück. Der Erziehungswissenschaftler Harvey Shapiro hält dagegen, Deweys Schriften böten umfassendere Vorstellungen von beruflicher Entwicklung als die Schöns. belegt
Verbindungen an dieser Station
Chris Argyris und Donald Schön kannten sich persönlich. belegt
Warum diese Verbindung?
Argyris und Schön entwickelten die Unterscheidung von vertretener und handlungsleitender Theorie gemeinsam.
Argyris und Donald Schön schrieben gemeinsam Theory in Practice (1974) und Organizational Learning (1978) und entwickelten die Unterscheidung von Einschleifen- und Doppelschleifenlernen.
Art der Verbindung: Persönlicher Kontakt. Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Fertig mit dieser Station?
Eine Station gilt erst als abgeschlossen, wenn du es hier selbst markierst. Aufrufen, Blättern oder Weiterklicken zählt nur als geöffnet.
Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge ist eine redaktionelle Erzählstruktur, keine historische Entwicklung und kein wissenschaftlicher Konsens, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere. Empirische Befunde, Theorien und die Übertragung auf dein Team sind getrennt gekennzeichnet. Prüfstand dieser Station: Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-22).
Quellen dieser Station
- [1]Liane Anderson, Argyris and Schön's theory on congruence and learning (Action Research and Evaluation Online, areol) · Webseite, abgerufen 2026-10-22
- [2]Chris Argyris – Wikipedia (en), Abschnitt Biography
- [3]Double-loop learning · Wikipedia
- [4]Chris Argyris · Wikipedia
- [5]Donald Schön – Wikipedia (en), Abschnitt Education and career
- [6]Reflective practice · Wikipedia
- [7]Leading Sapiens, Learning to Learn: Why Professionals Struggle in this Skill (zitiert Argyris, Teaching Smart People How to Learn, Harvard Business Review 1991) · Webseite, abgerufen 2026-10-22