Landkarte der Philosophie

Erasmus von Rotterdam

1469–1536 · Rotterdam, Basel

Strömung
Renaissance und Macht
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der führende Humanist des Nordens: Er las Bibel und antike Texte in den Originalsprachen neu und verband Gelehrsamkeit mit der Forderung nach Frieden und Mäßigung.

Er ist die Brücke zwischen den italienischen Humanisten und den Reformationsdebatten im Norden. Sein enger Freund war Thomas Morus, sein Streit mit Luther prägte die Frage nach dem freien Willen.

Kernidee

Erasmus wollte das Christentum erneuern, indem man die Quellen genau liest: das Neue Testament auf Griechisch und die antiken Autoren auf Latein und Griechisch. Wo die Schrift mehrdeutig ist, hielt er sich lieber an Konsens und Tradition der Kirche als an harte Behauptungen. Gewalt und Streit lehnte er ab, auch wenn er Missstände scharf kritisierte.

Bekannt für

Bekannt ist Erasmus für das „Lob der Torheit“, eine Satire auf Gelehrte, Mönche und Mächtige, und für die erste gedruckte griechische Ausgabe des Neuen Testaments. Für Zeitgenossen war er so einflussreich, dass es hieß, er habe das Ei gelegt, das Luther ausbrütete.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Zurück zu den Quellen

Erasmus hielt genaues Lesen der Originaltexte für den Weg zu besserem Glauben und besserem Handeln. Deshalb gab er das Neue Testament zweisprachig heraus und sammelte antike Sprichwörter in den Adagia. Im Betrieb entspricht das dem Grundsatz, erst die Ausgangsdaten selbst anzusehen, bevor man über Zusammenfassungen streitet.

Skepsis und Konsens

Im Streit mit Luther erklärte Erasmus, bei mehrdeutigen Schriftstellen verzichte er gern auf feste Behauptungen und halte sich an den Konsens der Kirche. Luther hielt die Schrift dagegen für klar und lehnte diese Skepsis ab. Im Führungsalltag zeigt sich das, wenn ein Team vor einer unklaren Lage steht: Du kannst Entscheidungen offenhalten und Gemeinsames suchen, oder du setzt eine klare Linie.

Der Fürst als Diener des Gemeinwohls

In der „Institutio principis christiani“ entwirft er ein Herrscherideal, das der Philosophenkönigs-Idee aus Platons Politeia ähnelt. Der Herrscher soll durch Bildung und Tugend regieren, nicht durch Macht allein. Für Führungskräfte heißt das: Autorität wächst aus Urteilskraft und Vorbild, nicht aus der Position.

Begriffe

Humanismus
Philologie
Philosophia Christi
Skepsis
freier Wille
Frieden

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Freunde

  • Thomas Morus: enger Freund seit der ersten Englandreise 1499, gemeinsame Lukian-Übersetzungen
  • William Warham: Erzbischof von Canterbury und Gönner
  • John Colet: lenkte ihn zum Bibelstudium
  • William Grocyn und Thomas Linacre: lebenslange Freunde, regten sein Griechischstudium an

Gegner

  • Martin Luther: über den freien Willen
  • Noël Beda: nannte ihn einen „theologisierenden Humanisten“

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Heinrich Cornelius Agrippa von NettesheimDeutung

    Das Lob der Torheit gilt laut SEP als Vorbild für De vanitate, Agrippa geht radikaler vor.

  • baut auf Lorenzo VallaDeutung

    Erasmus lobte ihn als besten Führer in lateinischer Grammatik und gab 1505 seine Anmerkungen zum Neuen Testament heraus.

  • baut auf Marcus Tullius CiceroDeutung

    Ciceros Stil war Vorbild, doch der Ciceronianus (1528) kritisiert die sklavische Nachahmung.

  • baut auf PlatonDeutung

    Die SEP sagt, er greife mit seinem Ideal des weisen, philosophischen Herrschers in der Institutio principis christiani Platon auf.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Juan Luis VivesDeutung

    Erasmus beauftragte den Augustinus-Kommentar (1522) und lobte Vives als Kämpfer gegen die Dialektiker.

  • persönlich verbunden mit Thomas MorusDeutung

    Enge Freundschaft seit 1499, gemeinsame Lukian-Übersetzung, das Lob der Torheit ist Morus gewidmet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Erasmus lebte von Pfründen und Pensionen, die er sich unter anderem über einen päpstlichen Dispens wegen seiner unehelichen Geburt sicherte. Das kann seine Vorsicht gegenüber Kirche und Fürsten mitgeprägt haben.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Die Pariser Theologische Fakultät verurteilte 1531 Passagen seiner Werke, und nach dem Konzil von Trient kamen seine Schriften auf den Index der verbotenen Bücher.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Als Basel 1529 protestantisch wurde, zog Erasmus nach Freiburg. Die Reformation zwang ihn, zwischen den Lagern Position zu beziehen, was seine Schriften zum freien Willen und zur Skepsis prägt.[1]

Kritik

Kritiker warfen ihm vor, mit seiner Ausgabe den heiligen Text verändert zu haben, und manche zweifelten an seiner Rechtgläubigkeit. Luther lehnte seine Skepsis als Methode ab, hielt die Schrift für klar und stellte ihn als Anhänger Lukians oder Epikurs hin.

Wirkung heute

Sein Programm, Quellen selbst zu lesen und Konflikte ohne Gewalt auszutragen, wirkt in Bildung und Diplomatie fort. Das Erasmus-Austauschprogramm der EU trägt seinen Namen.

Brücke zu Führung und Coaching

Erasmus zeigt, dass Mäßigung kein Zeichen von Schwäche sein muss. Frage dich im Konflikt: Wo muss ich eine klare Position beziehen, und wo hilft es dem Team mehr, die Frage offen zu lassen? Prüfe vor einer Entscheidung die Originaldaten selbst, statt dich auf Zusammenfassungen zu verlassen.

Lebensstationen

  1. 1469Geburt in Rotterdam (Jahr in den Quellen schwankend zwischen 1466 und 1469)
  2. 1492Priesterweihe
  3. 1499Erste Reise nach England, Freundschaft mit Morus
  4. 1516Griechisches Neues Testament und Institutio principis christiani
  5. 1524De libero arbitrio gegen Luther
  6. 1529Umzug von Basel nach Freiburg
  7. 1536Tod in Basel

Werke

Adagia (ab 1500, bis 1535 erweitert)

Enchiridion militis Christiani (1503)

Lob der Torheit (Erstdruck 1511)

Novum Instrumentum (1516)

Institutio principis christiani (1516)

De libero arbitrio (1524)

Dialogus Ciceronianus (1528)

Anekdote belegt

Erasmus erwarb in Turin den Doktortitel ohne die üblichen Prüfungen. Als Basel 1529 protestantisch wurde, zog er nach Freiburg.[1]

Lesetipps

Einstieg
Das Lob der Torheit, Reclam (Übersetzung Anton J. Gail, 2012): kurze Satire, gut lesbar.
Vertiefung
Cornelis Augustijn, Erasmus: His Life, Works, and Influence (1991, englisch)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr schwankt (1466/1467/1469; de.wikipedia: wohl zwischen 1464 und 1469), SEP nennt 28. Oktober 1469. Lob der Torheit: SEP Druck 1511, de.wikipedia datiert die Abfassung auf 1509. Platon-Bezug laut SEP ein Anklang („echoing Plato“), keine nachgewiesene direkte Abhängigkeit. Colet, Grocyn und Linacre waren laut SEP Freunde und Anreger, keine Lehrer im engen Sinn (Prüfer R2). Beziehung zu Vives in den Quellen nicht erwähnt, keine Kante. Kein Zitat, da Stelle nicht verifiziert. Lesetipp Reclam-Ausgabe (Übers. Anton J. Gail, Universal-Bibliothek 19036, 2012, ISBN 9783150190364) per Katalog bestätigt; Augustijn 1991 in der SEP-Bibliographie (University of Toronto Press).

Herkunft der Daten: Renaissance und Macht. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Erasmus

  1. [1]SEP, Erasmus · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Erasmus von Rotterdam · Wikipedia

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