Jay W. Forrester
Ingenieur und Managementtheoretiker · 1918–2016 · Cambridge (Massachusetts)
Kernidee in Kürze
Forrester behauptet, dass Schwankungen und Krisen in Organisationen oft nicht von außen kommen, sondern aus der eigenen Struktur entstehen. Er beschreibt Organisationen als Netze von Rückkopplungsschleifen mit Verzögerungen.
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Warum geraten Organisationen und Gesellschaften trotz guter Absichten in Schwankungen und Krisen, und wie kann man das vorher erkennen?
- Position
- Forrester meint, dass Schwankungen oft aus der Rückkopplungsstruktur selbst entstehen und nicht aus äußeren Störungen. Mit Simulation am Computer lässt sich zeigen, welche Eingriffe wirken und welche nicht.
- Einwand
- Kritiker fragen, ob sich Städte, Gesellschaften und die Welt mit solchen Modellen verlässlich abbilden lassen, und nennen die Methode „hartes“ Systemdenken. Seine Weltmodelle wurden heftig bestritten.
- Verbindung
- Forrester knüpft an die Regelungstechnik an, die auch Wieners Kybernetik prägte. Senge und die Meadows machten seine Ideen bekannt.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Forrester war
Amerikanischer Ingenieur und Managementforscher, der mit der Systemdynamik zeigte, wie Rückkopplungsschleifen das Verhalten von Unternehmen, Städten und der Welt bestimmen.
Forrester kam von den Regelungsmaschinen und vom Computerbau zur Managementforschung. Seine Schüler Peter Senge und Donella und Dennis Meadows trugen seine Ideen in die Lernende Organisation und in die Nachhaltigkeitsdebatte.
Kernidee genauer
Weil Menschen die Folgen solcher Schleifen über die Zeit kaum im Kopf berechnen können, lässt er sie am Computer simulieren. So wollte er zeigen, warum gut gemeinte Eingriffe oft das Gegenteil bewirken.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Forrester sah als Ingenieur für Regelungstechnik im Gespräch mit den Managern eines Elektrogerätewerks in Kentucky viele Rückkopplungsschleifen aus Lagerstand, Information und Entscheidung. Mit Rechnungen in einem Notizbuch zeigte er, dass die Lagerregeln der Manager die Schwankungen verstärkten.[2]
Fundstelle: Abschnitt zur Entstehung der Systemdynamik
Bekannt für
Man kennt Forrester als Begründer der Systemdynamik und als Konstrukteur des Magnetkernspeichers, einer frühen Form des Arbeitsspeichers. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Deine Abteilung erst zu viele Leute einstellt und kurz darauf wieder Stellen streicht, kann das aus der eigenen Planung entstehen und nicht aus dem Markt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Rückkopplungsschleifen in Unternehmen
In „Industrial Dynamics“ (1961) beschreibt Forrester Unternehmen als Netz von Entscheidungen, Beständen und Informationen, die in Schleifen zurückwirken. In einem Elektrogerätewerk zeigte er mit Rechnungen in einem Notizbuch, dass die Regeln der Manager, Lagerbestände auf festen Werten zu halten, vorhandene Schwankungen verstärkten. Wenn Du bei steigender Nachfrage sofort stark nachbestellst, kann so ein Überschuss entstehen, den Du später wieder abbauen musst.
Simulation und mentale Modelle
Man kann die Systemdynamik als Verbindung von drei Dingen beschreiben: Rückkopplungsschleifen, Computersimulation und der Arbeit mit den mentalen Modellen der Manager, also ihren Annahmen über Ursache und Wirkung. Forrester ging davon aus, dass Menschen zwar Ursachen und Wirkungen benennen, die Folgen über die Zeit aber nicht im Kopf berechnen können. Ein Beispiel ist ein Team, das gemeinsam am Modell ausprobiert, was passiert, wenn es eine Regel ändert.
Von der Stadt zur Welt
In „Urban Dynamics“ (1969) wendet Forrester seine Methode auf Städte an und argumentiert, dass beliebte Maßnahmen wie mehr Sozialwohnungen die Lage verschlechtern könnten. In „World Dynamics“ (1971) modelliert er das Zusammenspiel von Bevölkerung, Ressourcen und Wirtschaft für die Welt. Das ist seine Position und sie blieb umstritten. Sie bildete aber die Grundlage für das Weltmodell der Studie „The Limits to Growth“.
Begriffe
- Systemdynamik
- Rückkopplungsschleife
- Industrial Dynamics
- mentale Modelle
- unbeabsichtigte Folgen
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 2 Deutung, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Forrester übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Norbert WienerPrüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Wieners Regelungstheorie von 1948 wird in einer Darstellung von Forresters Werk als einer der Vorläufer seiner Ideen genannt. Ob Forrester selbst auf Wiener aufbaute, ist nicht belegt.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Forrester weiter, meist über Texte.
Donella MeadowsPrüfstand: belegt
Das Weltmodell der Studie „The Limits to Growth“ von Donella und Dennis Meadows ging von Forresters Weltmodell in „World Dynamics“ aus.
Peter SengePrüfstand: belegt
Peter Senge, ein ehemaliger Schüler Forresters, schrieb mit „The Fifth Discipline“ ein Buch über die lernende Organisation, das auf Forresters Arbeit zur Systemdynamik beruht.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Ludwig von BertalanffyPrüfstand: Deutung
Vergleich: Bertalanffy und Forrester werden beide als Wegbereiter des Systemdenkens genannt. Dass sie sich kannten oder beeinflussten, ist damit nicht gesagt.
Stafford BeerPrüfstand: Deutung
Vergleich aus der Forschung: Die Geschichte des Rückkopplungsdenkens unterscheidet einen kybernetischen Faden, für den Beers Arbeit steht, und einen Faden der Regelungstechnik, in dem Forresters Systemdynamik einen Entwicklungssprung brachte. Ein Einfluss zwischen beiden wird damit nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Forrester wuchs auf einer Rinderfarm in Nebraska auf und studierte Elektrotechnik. Er kam 1939 ans Massachusetts Institute of Technology, baute dort im Zweiten Weltkrieg Regelungen für Radar und Geschütze und leitete später das Computerprojekt Whirlwind, bei dem er den Magnetkernspeicher entwickelte.[1]
Zeitgeschehen belegt
Forrester wechselte 1956 an die Managementschule des Massachusetts Institute of Technology, weil er die Pionierzeit der digitalen Computer für vorbei hielt. Einen Anstoß bekam er durch ein Elektrogerätewerk in Kentucky, dessen Manager sich über regelmäßige Schwankungen bei Lager und Belegschaft wunderten.[2]
Abhängigkeit belegt
Die Studie „World Dynamics“ entstand, nachdem der Club of Rome Forrester 1970 gefragt hatte, ob die Systemdynamik helfen könne, die Lage der Menschheit besser zu verstehen. Der Club ist eine Gruppe von Wirtschaftsleuten, Beamten und Wissenschaftlern, die sich um die Folgen unbegrenzten Wachstums sorgte. Forrester bejahte die Frage, und seine Weltmodelle gingen von dieser Fragestellung der Auftraggeber aus.[7]
Kritik
„Urban Dynamics“ und noch mehr „World Dynamics“ waren umstritten, und viele in Unternehmen, Regierungen und Wissenschaft lehnten Forresters Kritik am Wachstum ab. Die Systemdynamik wird außerdem gelegentlich als bloße Anwendung „harten“ Systemdenkens kritisiert, also als Versuch, Regelungstechnik auf gesellschaftliche Probleme zu übertragen. Forrester selbst sah das Systemdenken, das Senge bekannt machte, mit gemischten Gefühlen, weil es nach seiner Aussage dazu verleite, ein System falsch einzuschätzen, wenn man es nur als Diagramm betrachtet.
Wirkung heute
Die Systemdynamik wird bis heute an Hochschulen gelehrt und von Fachgesellschaften und Zeitschriften getragen. Der nach Forrester benannte Effekt, dass sich Schwankungen entlang von Lieferketten durch die eigenen Entscheidungen der Beteiligten aufschaukeln, wird in der Lieferkettenforschung beschrieben.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Dein Team trotz aller Bemühungen immer wieder in dieselben Schwankungen gerät, zum Beispiel erst Überlastung und dann Leerlauf, kannst Du mit Forrester fragen, welche Schleife aus Entscheidungen, Informationen und Verzögerungen das erzeugt. Ein Gespräch im Team könnte so beginnen: Was tun wir als Reaktion, und was löst diese Reaktion später bei uns aus? Das ist eine Übertragung seiner Methode und keine Aussage, die er so über Führung getroffen hat.
Lebensstationen
- 1918Geboren in Nebraska
- 1939Beginn des Studiums am Massachusetts Institute of Technology nach dem Bachelor in Elektrotechnik
- 1949Erfindung des Magnetkernspeichers im Projekt Whirlwind
- 1956Wechsel an die Managementschule des Massachusetts Institute of Technology
- 1961Erscheinen von „Industrial Dynamics“
- 1971Erscheinen von „World Dynamics“
- 2016Tod im Alter von 98 Jahren
Werke
Industrial Dynamics (1961); Urban Dynamics (1969); World Dynamics (1971)
Noch nicht sicher belegt
- Die meisten Quellen nennen als Geburtsort eine Rinderfarm nahe Anselmo in Nebraska, einzelne Darstellungen den Ort Climax. Auch das Unternehmen, an dem die Studie für „Industrial Dynamics“ entstand, wird unterschiedlich angegeben: ein Elektrogerätewerk von General Electric in Kentucky oder Sprague Electric in Massachusetts. Eine Darstellung seines Werks nennt Wieners Regelungstheorie als Vorläufer von Forresters Ideen; ob Forrester selbst Wiener als Quelle nannte, geht aus den Quellen nicht hervor. Ob die Systemdynamik außerhalb von Forresters Umfeld empirisch bestätigt ist, ließ sich nicht belegen.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 3: Organisation, System, Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Forrester
- [1]MIT News, Nachruf · Webseite
- [2]David Lane, The Power of the Bond Between Cause and Effect · Webseite
- [3]strategy-business.com/article/05308 · Webseite
- [4]Jay Wright Forrester · Wikipedia
- [5]informs.org/Explore/History-of-O.R.-Excellence/Biographical-Profiles/Forrester-Jay-W · Webseite
- [6]systemdynamics.org/news/memorial/jay-w-forrester · Webseite
- [7]David Lane, The Power of the Bond Between Cause and Effect Abschnitt World Dynamics; The History of The Limits to Growth · Webseite
- [8]Jay Wright Forrester · Britannica