Humberto Maturana
Biologe · 1928–2021 · Santiago de Chile
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Richtung
- Kybernetikbelegt[1]Radikaler Konstruktivismusbelegt[2]Systemtheoriebelegt[7]
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Wie kommt es, dass zwei Menschen in derselben Situation zwei verschiedene Welten erleben?
- Position
- Maturana antwortet, dass Lebewesen sich selbst herstellende Systeme sind und ihre Welt im Lebensvollzug hervorbringen. Erkennen ist für ihn kein Abbilden einer beobachterunabhängigen Welt, sondern eine Leistung, die zum Leben gehört. Kommunikation ist Abstimmung des Verhaltens und keine Übertragung von Information.
- Einwand
- Danilo Zolo und andere Kritiker nennen die Autopoiese selbstbezüglich und ohne äußeren Bezug, und ein Rezensent der Review of Metaphysics sah einen Zirkel in der Erklärung. Donna Haraway hält die Idee, ein System mache sich selbst, für falsch.
- Verbindung
- Maturana ist die Brücke von der Kybernetik von Foersters zur soziologischen Systemtheorie Luhmanns und zu Varelas Enaktivismus.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Chilenischer Biologe und Philosoph, der gemeinsam mit Francisco Varela den Begriff der Autopoiese prägte und Erkennen als Leistung lebender Systeme beschrieb.
Maturana steht in diesem Kapitel zwischen Kybernetik (von Foerster) und Soziologie: Sein Begriff der Autopoiese wurde von Niklas Luhmann in die Theorie sozialer Systeme übernommen, obwohl Maturana selbst die Ausdehnung auf Soziologie nicht teilte.
Kernidee
Maturana beschreibt Lebewesen als Systeme, die sich selbst herstellen und erhalten, indem sie die Bestandteile erzeugen, aus denen sie bestehen. Dieses Selbsterzeugen nennt er Autopoiese. Erkennen setzt er mit dem Prozess des Lebens gleich, und Kommunikation versteht er als Abstimmung von Verhalten zwischen Lebewesen.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die Quellen belegen, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat.
Als Medizinstudent erkrankte Maturana schwer an Tuberkulose und verbrachte Zeit in einem Sanatorium mit sehr wenig Lesestoff. Er dachte dabei über seine Krankheit und das Wesen des Lebens nach. Nach der Quelle erkannte er dort, dass lebende Systeme eigenständige Einheiten sind, deren Prozesse sich auf sie selbst beziehen.[1]
Fundstelle: Abschnitt Work
Bekannt für
Maturana ist bekannt als Mitbegründer des Begriffs Autopoiese und als Mitautor von Der Baum der Erkenntnis. Seine Biologie der Kognition beeinflusste Kybernetik, Konstruktivismus und Systemtheorie.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Autopoiese
Ein autopoietisches System ist nach Maturana und Varela ein Netzwerk von Herstellungsprozessen, das durch seine Wechselwirkungen die Bestandteile erzeugt, die das Netzwerk selbst erst bilden. Das System erhält sich damit selbst und grenzt sich als Einheit von der Umgebung ab. Eine Zelle ist ein Beispiel: Sie baut die Teile, aus denen sie besteht, immer wieder selbst nach.
Erkennen als Leben
Maturana und Varela schreiben, lebende Systeme seien erkennende Systeme und Leben sei ein Prozess des Erkennens, und das gelte für alle Organismen, mit oder ohne Nervensystem. Die deutsche Wikipedia fasst die Folge so zusammen, dass es nicht um eine beobachterunabhängige Welt von Objekten gehe, sondern um ein ständiges Hervorbringen einer Welt im Lebensvollzug. Übertragen auf heute: Wenn zwei Kolleginnen dieselbe Sitzung ganz verschieden erleben, lässt sich das mit diesem Gedanken so lesen, dass jede ihre eigene Welt hervorbringt.
Strukturelle Kopplung und Kommunikation
Kommunikation ist für Maturana nach der deutschen Wikipedia keine Übermittlung von Information, sondern eine Verhaltenskoordination zwischen Lebewesen durch wechselseitige strukturelle Kopplung. Das Bewusstsein lasse sich nur durch Sprache und den sozialen Zusammenhang verstehen, in den sie eingebettet ist. Übertragen auf heute: Im Team heißt das, dass du nicht Wissen weitergibst, sondern gemeinsame Abstimmung schaffst.
Begriffe
- Autopoiese
- strukturelle Kopplung
- Biologie der Kognition
- operationale Geschlossenheit
- Beobachter
- Verhaltenskoordination
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Schüler
Persönliches Lehrverhältnis: wurde von Maturana unterrichtet.
Francisco VarelaPrüfstand: belegt
Varela war Maturanas Student bzw. Schüler und entwickelte mit ihm den Begriff Autopoiese; beide arbeiteten 1970 bis 1973 in Santiago eng zusammen.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Heinz von FoersterPrüfstand: belegt
Maturana reiste 1968 auf Einladung Heinz von Foersters nach Urbana und war 1969 bis 1970 Gastprofessor an der University of Illinois.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Maturana weiter, meist über Texte.
Niklas LuhmannPrüfstand: belegt
Luhmann übernimmt den Begriff der Autopoiese von Maturana und Varela für soziale Systeme; Maturana hielt die Übertragung für begrifflich unhaltbar.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Ludwig von BertalanffyPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Nach der deutschen Wikipedia beschreibt Maturana grob dasselbe wie Bertalanffy, argumentiert aber kybernetisch mit operationell geschlossenen lebenden Maschinen.
Paul WatzlawickPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Watzlawick und Maturana werden beide mit dem Konstruktivismus verbunden, Watzlawick über seine Kommunikationstheorie und Bücher zum Konstruktivismus, Maturana über die Biologie des Erkennens.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Der Militärputsch in Chile 1973 veranlasste Maturana und Varela, ihre Forschung an weit entfernten Orten und jeder auf seine Weise fortzusetzen. Erst 1980 nahmen sie die Zusammenarbeit in Santiago de Chile wieder auf.[2]
Biografie belegt
Maturanas Anregung zu seinem Nachdenken über lebende Systeme kam nach der englischen Wikipedia, als er als Medizinstudent schwer an Tuberkulose erkrankte und im Sanatorium wenig zu lesen hatte. Er erkannte dabei, dass lebende Systeme in all ihren Prozessen auf sich selbst bezogen sind.[1]
Kritik
Kritiker halten dem Konzept vor, es erkläre lebende Systeme nicht, und werfen ihm eine extreme Sprache der Selbstbezüglichkeit ohne äußeren Bezug vor; Danilo Zolo nannte es eine trostlose Theologie. Ein Rezensent in der Review of Metaphysics (1981) sah in Autopoiesis and Cognition einen Zirkel. Donna Haraway hält dagegen, dass nichts sich selbst macht, und schlägt Sympoiese vor.
Wirkung heute
Die Autopoiese wird in Systemtheorie, Kognitionswissenschaft und Organisationsforschung diskutiert, in der Biologie hat sie als Kriterium für Leben nur begrenzten Einfluss. Maturana selbst bestand 2002 darauf, dass Autopoiese nur im molekularen Bereich bestehe, und teilte die Ausdehnung in die Soziologie nicht.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn du ein Team als lebendig denkst, fragst du, was es selbst herstellt und erhält, zum Beispiel seine Routinen, sein Vertrauen und seine Sprache. Du kannst dann besser sehen, warum von außen verordnete Änderungen oft nur so weit wirken, wie das Team sie in seine eigene Arbeitsweise einbauen kann. Das ist eine Analogie aus der Biologie, die Maturana selbst nicht auf Organisationen ausgeweitet hat.
Lebensstationen
- 1928Geburt in Santiago de Chile
- 1958Promotion in Biologie an der Harvard University
- 1960Ruf an die Universidad de Chile
- 1970Bericht Biology of Cognition und Beginn der Arbeit mit Varela an der Autopoiese
- 1972De máquinas y seres vivos erscheint
- 1984El árbol del conocimiento erscheint
- 2021Tod in Santiago
Werke
- De máquinas y seres vivos (1972)
Ersterscheinung: Santiago de Chile: Editorial Universitaria, 1972, mit Francisco Varela.
- El árbol del conocimiento (1984)
Ersterscheinung: 1984, mit Francisco Varela. Deutsche Ausgabe: „Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens“ (1987).
- Biology of Cognition (1970)
Ersterscheinung: Biological Computer Laboratory Research Report BCL 9.0, University of Illinois, Urbana, 1970; nachgedruckt in Autopoiesis and Cognition (1980).
Anekdote überliefert
Maturana schildert, dass er das Wort Autopoiese erfunden habe, als er mit einem Freund über Don Quijote sprach, der zwischen dem Weg der Waffen (Praxis) und dem der Buchstaben (Poiesis) wählt. Er verstand dabei die Kraft des Wortes Poiesis und erfand das Wort Autopoiese.[3]
Lesetipps
- Einstieg
- Humberto Maturana und Francisco Varela, Der Baum der Erkenntnis (deutsche Ausgabe 1987, übersetzt von Kurt Ludewig); die verständlichste Darstellung ihrer Biologie des Erkennens.
- Vertiefung
- Humberto Maturana – Wikipedia (de), Abschnitte Biologie und Erkenntnistheorie sowie Der Baum der Erkenntnis
Noch nicht sicher belegt
- Zu Maturana gibt es keinen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Stützen sind die englische und die deutsche Wikipedia.
- Zum Jahr der Einführung der Autopoiese sind die Quellen uneinheitlich.
- Die englische Wikipedia (Artikel Autopoiesis) schreibt, die Autoren hätten den Begriff 1972 in „Autopoiesis and Cognition“ eingeführt.
- Die Seite zu diesem Buch stellt klar, dass es zuerst 1972 auf Spanisch unter dem Titel „De Máquinas y Seres Vivos“ in Chile erschien und 1980 bei Reidel auf Englisch.
- Die deutsche Wikipedia nennt die erste Beschreibung zwei Jahre nach 1970.
- Die englische Maturana-Seite datiert „Autopoiesis and Cognition“ auf 1979, die deutsche Seite und die Buchseite datieren es auf 1980 (Reidel).
- Die deutsche Ausgabe „Der Baum der Erkenntnis“ erschien 1987 (Goldmann, München, übersetzt von Kurt Ludewig), das steht auf der Varela-Seite der deutschen Wikipedia.
- Die Maturana-Seite nennt nur eine dritte Auflage bei S. Fischer, Frankfurt am Main 2009.
- Der Erstverlag der deutschen Ausgabe ist deshalb offen, das Jahr 1987 ist nur über die Varela-Seite belegt.
- Die Rolle von Chapman und Lettvin stammt aus der englischen Wikipedia.
- Maturana lehnte laut deutscher Wikipedia die Bezeichnung Konstruktivist für sich ab, gilt aber als einer der Begründer des radikalen Konstruktivismus.
- Dass der Autopoiese-Begriff 2002 auf den molekularen Bereich beschränkt bleiben sollte, stammt aus der englischen Wikipedia, nicht aus dem Originaltext.
- Die Anekdote stammt aus einem Zitat in der englischen Wikipedia (Autopoiesis and Cognition, Einleitung, Seite xvii).
- Das Buch selbst wurde nicht eingesehen.
Wege durchs Netz
2. Beziehungen und Rückkopplungen
Maturana prägte mit Varela den Begriff der Autopoiese, der Selbsterzeugung lebender Systeme.
Herkunft der Daten: Kapitel System, Organisation und Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Maturana
- [1]Humberto Maturana – Wikipedia (en), Abschnitt Work
- [2]Humberto Maturana – Wikipedia (de), Abschnitt Leben
- [3]Autopoiesis – Wikipedia (en), Abschnitt Overview (Zitat aus Autopoiesis and Cognition, Einleitung, Seite xvii)
- [4]Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living · Wikipedia
- [5]Francisco Varela · Wikipedia
- [6]Second-order cybernetics · Wikipedia
- [7]Systemtheorie – Wikipedia (de) · abgerufen 2026-10-22