Landkarte der Philosophie

Robert Brandom

geb. 1950 · Pittsburgh

Strömung
Utilitarismus und Pragmatismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Sprachphilosoph in Pittsburgh und Schüler Rortys, der den Pragmatismus als Lehre vom Geben und Verlangen von Gründen in sozialen Praktiken neu aufbaut.

Brandom ist Rortys Schüler und führt den Neopragmatismus von der Kritik am Abbilden der Welt (der Vorstellung, dass Sprache vor allem dazu dient, die Wirklichkeit abzubilden) zu einer eigenen Theorie des Sprachhandelns. Er greift dazu auf Sellars, Kant und Hegel zurück und bleibt gegenüber den klassischen Pragmatisten kritisch (SEP).

Kernidee

Brandom fragt, wie Bedeutung aus Gebrauch entsteht. Eine Behauptung ist für ihn der kleinste Sprachzug, für den man in einem gemeinsamen Spiel des Gebens und Verlangens nach Gründen Verantwortung übernehmen kann. Was ein Satz bedeutet, ergibt sich daraus, was er erlaubt oder verbietet, daraus zu folgern.

Bekannt für

Brandom ist bekannt für Making It Explicit, ein Buch von rund 800 Seiten, das Bedeutung über Schlussfolgern und soziale Normen erklärt. Außerdem schrieb er einen großen Kommentar zu Hegels Phänomenologie des Geistes (A Spirit of Trust, 2019).

Theorien mit Alltagsbeispiel

Inferentialismus

Nach Brandom ist die Bedeutung eines Ausdrucks dadurch bestimmt, wie er in Schlüssen verwendet wird. Wer einen Satz behauptet, legt sich auf bestimmte Folgerungen fest und erhält zugleich die Berechtigung zu weiteren Zügen. Sagst du im Meeting 'Das Projekt liegt im Plan', hast du dich darauf festgelegt, Fragen nach Terminen zu beantworten, und andere dürfen darauf aufbauen.

Das Spiel des Gebens und Verlangens nach Gründen

Eine Behauptung ist laut SEP der kleinste Sprachzug, für den man in diesem Spiel Verantwortung übernehmen kann. Logische Beziehungen sind dann Berechtigungen zu weiteren Zügen, die aus den bisherigen Festlegungen folgen. Ein Team, das so spielt, fragt bei jeder Zusage: Wofür steht sie, und womit können wir ab jetzt rechnen?

Analytischer Pragmatismus

In Between Saying and Doing untersucht Brandom, wie sich verschiedene Vokabulare zueinander verhalten und wie man das Sagen auf das Tun zurückführen kann. Damit will er analytische und pragmatistische Philosophie zusammenführen (SEP). Für die Praxis heißt das: Eine Regel im Handbuch ist erst verstanden, wenn du weißt, was Mitarbeiter damit tun dürfen und müssen.

Begriffe

Inferentialismus
: die Bedeutung eines Ausdrucks ergibt sich daraus, zu welchen Schlussfolgerungen er Sprecher berechtigt oder verpflichtet
normative Pragmatik
: Bedeutung wird über soziale Regeln des Sprachgebrauchs erklärt, nicht über Beobachtung oder Natur
Spiel des Gebens und Verlangens nach Gründen
: gemeinsame Sprachpraxis, in der Sprecher Aussagen machen, begründen und von anderen Begründungen verlangen und dafür Verantwortung tragen
Verpflichtung und Berechtigung
: wer etwas behauptet, geht Verpflichtungen ein und erhält zugleich die Berechtigung zu bestimmten Schlussfolgerungen
analytischer Pragmatismus
: Brandoms Verbindung von analytischer Philosophie und Pragmatismus, ausgearbeitet in Between Saying and Doing (2008)

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Richard Rorty: Doktorvater in Princeton (1977)
  • David Lewis: zweiter Betreuer
  • Wilfrid Sellars: stark von ihm beeinflusst, auch durch die Pittsburgher Kollegen (Wikipedia)

Schüler

  • John MacFarlane: Doktorand (Wikipedia)
  • Matthew Boyle: bekannter Student (Wikipedia)

Freunde

  • John McDowell: Pittsburgher Kollege, dessen Arbeit ihn stark beeinflusst hat (Wikipedia)

Gegner

  • Klassische Pragmatisten: Brandom ist laut SEP ihnen gegenüber 'recht kritisch' (Brandom 2011)
  • Empiristische und naturalistische Bedeutungstheorien: er entwickelte den Pragmatismus in erklärter Frontstellung dazu (de.wikipedia)

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen, davon 1 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Schüler von David Kellogg LewisDeutung

    Wikipedia nennt Brandom unter Lewis' Doktoranden.

  • Schüler von Richard RortyDeutung

    Brandom promovierte 1977 unter Rorty, nennt ihn laut SEP seinen Lehrer und gab Rorty and His Critics (2000) heraus.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Georg Wilhelm Friedrich HegelDeutung

    Brandom stützt sich auf Kant und Hegel und schrieb 2019 A Spirit of Trust zu Hegels Phänomenologie (Wikipedia, SEP).

  • baut auf Immanuel KantDeutung

    Wikipedia und SEP nennen Kant unter den Denkern, auf die Brandom zurückgreift.

  • baut auf Wilfrid SellarsDeutung

    Brandom, Sellars' jüngerer Kollege in Pittsburgh, nannte ihn und Quine laut Wikipedia die beiden bedeutendsten Philosophen ihrer Generation.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Jürgen Habermasungeprüft

    Habermas schrieb 1999 'Von Kant zu Hegel. Zu Robert Brandoms Sprachpragmatik' (de.wikipedia).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Brandom ist seit 1981 Professor an der University of Pittsburgh, dem Zentrum der sogenannten Pittsburgh School (einer Richtung, die analytische Philosophie mit Gedanken Hegels verbindet) mit Sellars und McDowell. Seine Entwürfe sind damit stark von den Gesprächspartnern dieses Kreises geprägt.[2]

  • Biografie Deutung

    Brandom promovierte 1977 bei Richard Rorty und David Lewis in Princeton; sein späteres Buch Pragmatism and Idealism (2023) behandelt Rorty und Hegel. Wie weit Rortys Lehre sein Denken lenkt, ist schwer zu trennen von seinem Widerspruch gegen Rorty.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Brandom erhielt 2015 den Anneliese-Maier-Forschungspreis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, mit dem er bis zu fünf Jahre an der Universität Leipzig forschen konnte. Das zeigt eine enge Anbindung an die deutsche Philosophie von Kant bis Hegel.[2]

Kritik

Habermas hat Brandoms Sprachpragmatik in einem eigenen Aufsatz ('Von Kant zu Hegel', 1999) diskutiert (de.wikipedia). Die SEP hält fest, dass Brandoms Interessen sich von denen der klassischen Pragmatisten deutlich unterscheiden und fast ganz bei Semantik (der Lehre von der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke) und Sprachphilosophie liegen; wer Pragmatismus als Lehre vom Handeln in der Welt versteht, vermisst das bei ihm leicht (Deutung).

Wirkung heute

Sein Programm hat nach der SEP eine neue Generation angeregt, Sellars'sche und pragmatistische Ideen zu verbinden (Price 2013, Sachs 2015, Levine 2019, Stovall 2021). Die Frage, wie Normen und Verpflichtungen in sozialen Praktiken entstehen, ist in Sprachphilosophie und Ethik weiter aktuell.

Brücke zu Führung und Coaching

Jede Zusage im Team ist ein Zug im Spiel des Gebens und Verlangens nach Gründen: Du legst dich fest, und andere dürfen daraus Schlüsse ziehen. Frage in der Nachbesprechung: Wozu haben wir uns mit diesem Satz verpflichtet, und was durfte der andere daraus folgern? Das macht unausgesprochene Erwartungen sichtbar, bevor sie zum Konflikt werden.

Lebensstationen

  1. 1950Geboren in Camp Lejeune, North Carolina
  2. 1972Bachelor in Philosophie an der Yale University
  3. 1977Promotion in Princeton bei Richard Rorty
  4. 1981Professor an der University of Pittsburgh
  5. 1994Making It Explicit erscheint
  6. 2019A Spirit of Trust über Hegels Phänomenologie des Geistes

Werke

Making It Explicit (1994; deutsch: Expressive Vernunft, 2000)

Articulating Reasons (2000; deutsch: Begründen und Begreifen, 2001)

Tales of the Mighty Dead (2002)

Between Saying and Doing (2008)

A Spirit of Trust (2019; deutsch: Im Geiste des Vertrauens, 2021)

Lesetipps

Einstieg
Robert Brandom: Begründen und Begreifen. Eine Einführung in den Inferentialismus (Suhrkamp 2001, übersetzt von Eva Gilmer), die kürzere Darstellung seiner großen Theorie.
Vertiefung
Ronald Loeffler: Brandom (Polity Press, 2017); Jeremy Wanderer: Robert Brandom (Acumen / McGill-Queen's University Press, 2008), beide in der Wikipedia-Literaturliste geführt

Noch nicht sicher belegt

  • Kein SEP-Eintrag zu Brandom (404); Quellen sind Wikipedia (en, de) und der SEP-Eintrag Pragmatism. Britannica und IEP konnten als zweite Personenquelle nicht geprüft werden, weil das Firecrawl-Kontingent erschöpft war. Der zweite Satz in 'kritik' ist Deutung auf Grundlage der SEP-Aussage. Die Kontext-Einträge zu Pittsburgh und Rorty sind Deutung. Kein Zitat und keine Anekdote, weil keine mit Quelle abgerufen wurde.

Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Brandom

  1. [1]Wikipedia: Robert Brandom · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (de): Robert Brandom · Wikipedia
  3. [3]SEP: Pragmatism, Abschnitt 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Wikipedia (de): Semantik · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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